Mit Nietzsche wird man (niemals) fertig

 

Damals, als Der Ullrich noch zur Universität ging, berichtete er von einem Professor, der geseufzt habe: „Mit Nietzsche wird man niemals fertig!“

Der Ullrich amüsierte sich sehr über dieses Zitat, er fand es ein Unding. Die Beschäftigung mit einem Philosophen könne doch nicht ewig dauern, irgendwann müsse man doch mal fertig sein. Wohlgemerkt: gemeint ist nicht erledigen, nicht abhaken oder dergleichen. ‚Fertig-sein‘ mein: man ist sich einen guten Überblick verschafft und weiß ungefähr Bescheid. Man kann ihn weiterhin inspirierend finden, aber man muss nicht mehr nachgrübeln. Man hat ihn sozusagen kapiert, und wo man ihn nicht kapiert, kann man sagen: Nietzsche ist an der Stelle unklar oder widersprüchlich. Man kennt seinen Nietzsche.

Der Ullrich war der Meinung, es spräche nicht für, sondern gegen Nietzsche, dass der Prof mit ihm nicht fertig würde. Es spräche aber auch gegen den Prof, weil der sich offenbar nicht abgrenzen und keinen Schlussstrich ziehen könne. Wenn die Leute mit Nietzsche nicht fertig werden, dann haben sie ein Problem, meinte Der Ullrich: „Eigentlich haben sie schon längst alles gefunden, was es zu finden gibt; aber sie sind trotzdem unzufrieden, weil sie mehr erwartet haben und denken, da muss doch noch was sein – wie der Goldgräber, der seinen Claim längst ausgeschöpft hat und trotzdem weitermacht.“

Zudem schien es Dem Ullrich, sein Prof habe diesen Satz: „Hach, … mit Nietzsche wird man niemals fertig“, in einem Ton wohligen Seufzens getan, so als litte der Prof zwar unter seinem scheinbaren intellektuellen Unvermögen, freue sich insgeheim aber auch darüber, mit diesem Teil seines Ichs wissensdurstiger Schüler bleiben zu dürfen. Er hing an Nietzsche, wenn man mir dieses despektierliche Bild gestattet, wie das Baby an der Amme.

Für Den Ullrich war damit die Achtung für den Prof gefallen, er studierte danach nicht mehr bei ihm weiter. Denn hat Nietzsche nicht selbst geschrieben: „Der Mensch der Erkenntnis muß nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch seine Freunde hassen können. / Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?“ (1891, 1999, S. 65)

In diesem Essay möchte ich mit Nietzsche fertig werden.

Die mittlere Schaffensperiode

Für Viele ist „Also sprach Zarathustra“ das wichtigste Nietzsche-Buch, für manche sogar das wichtigste Buch überhaupt. Er selbst nannte es „das höchste Buch, das es gibt“ (1977, S. 37), nur wenige Sätze daraus, richtig verstanden, würden „in eine höhere Ordnung der Sterblichen“ erheben (zit. in: Salomé, S. 269) Stefan George dichtete gar: „Dann aber stehst du strahlend vor den zeiten / Wie andere führer mit der blutigen Krone.“ (George, in: Wunberg, S. 127) Und Martin Heidegger, ebenfalls nicht gerade unterschätzt, behauptet: „Kein Denkender zeigt sich, der dem Grundgedanken dieses Buches und seiner Dunkelheit gewachsen wäre“ (Heidegger, S. 32). Die beiden haben nicht alle Tassen im Schrank.

Für Marco Brusotti ist dagegen klar, dass Nietzsche „die literarische Qualität von Also sprach Zarathustra, das an stilistischer Eleganz weit hinter den aphoristischen Schriften zurückbleibt, gewaltig überschätzt“ (in: Ottmann, S. 121), und Otto Flake urteilt in seiner Nietzsche-Monographie sogar vernichtend: „Man hat inzwischen selbst Erfahrungen gewonnen und sich mit dem Tatbestand des Lebens vertraut gemacht. Man hat auch gelernt, Forderungen an Denker, Schriftsteller, Führer zu erheben. (…) Nun, schon mit vierzig liest man den Zarathustra nicht abermals.“ (Flake, S. 87.)

Der Kerngedanke des „Zarathustra“-Buchs ist in jedem Fall: der Übermensch, den Nietzsche als eine Weiterentwicklung des bisherigen Menschen sieht. So wie der Mensch sich evolutionär aus dem Tier entwickelt hat, wird sich der Übermensch aus dem Menschen entwickeln, und so wie der heutige Mensch auf das Tier herab blickt, wird der Übermensch auf den Menschen blicken. Auch das wurde sehr unterschiedlich verstanden. Während z. B. Otto Flake beim Übermenschen an „einen Cesar Borgia, einen Alexander VI., einen Dschinghiskhan, einen Tempelritter“ (Flake, S. 94) denkt, schreibt Giorgio Penzo: „Der Übermensch wird als Symbol für den freien Geist und Schöpfer verstanden“ (in: Ottmann, Hrsg., S. 344), im Vorfeld der Nazi-Diktatur „trägt der Übermensch auch Züge des Germanismus. Das biologische Moment wird im metaphysischen Sinne als Blut und Rasse gedeutet. Es wird von der Blonden Bestie gesprochen und der Übermensch wird als Überart dargestellt, die in der Zukunft hergestellt werden soll.“ (ebd.) Weniger kriegerisch, doch den futuristischen Moment finden wir auch bei Heidegger: „Der Über-Mensch ist derjenige, der das Wesen des bisherigen Menschen erst in seine Wahrheit überführt (…) er soll dadurch in den Stand gebracht werden, künftig Herr über die Erde zu sein, d. h. die Machtmöglichkeiten in einem hohen Sinn zu verwalten, die dem künftigen Menschen aus dem Wesen der technischen Umgestaltung der Erde und des menschlichen Tuns zu-fallen.“ (S. 39) Karl Jaspers, immerhin ein enger Freund Heideggers, doch weitaus klarer, auch skeptischer, dagegen nennt ihn eine „fast ins Leere verschwimmende Abstraktion“ (Jaspers, S. 163)

Für Poller verkörpert der Übermensch „einen neuen Humanismus und stellt einen Gegenentwurf zum Massenmenschen dar.“ (Poller, S. 326) Ricarda Huch kommentiert: „Einer der wenigen originellen Gedanken Nietzsches ist der, daß das Erscheinen des Genies bisher immer vom Zufall abgehangen habe, daß man es aber züchten müsse“ (in: Wunberg, S. 190), und sie fragt weiter: „War es Nietzsches überhaupt ernst mit dem Gedanken? Er betont ja an anderer Stelle, daß das Unbewußte das Wichtigste am Menschen sei.“ (ebd.) Ein Zeitgenosse berichtete, wie Ende des 19ten Jahrhunderts eine Zarathustra-Mode losbrach und sich in „Gassen-Rüpelei“ (Hillebrand, S. 58) äußerte: „Nachdem Nietzsche (…) sein Zauberwort ausgesprochen hatte, war in Deutschland plötzlich alles Übermensch … Man machte Schulden, verführte Mädchen und besoff sich, alles zum Ruhme Zarathustras.“ (Leo Berg, zit. in: Hillebrand, S. 58) Auch so wurde der Übermensch ver­standen, als banale Aufforderung an die Leute: „Lass‘ doch mal die Sau raus!“

So weit, so unklar. Was der Übermensch genau ist, steht also keinesfalls eindeutig fest. Sicher ist nur, dass der Übermensch kein endgültiges Wesen ist, sondern eine Weiterentwicklung des bisherigen Menschen als Work in Progress, sozusagen ein Mensch im Übergang, ein Übergangs-Mensch, Nietzsche sagt: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, ein Seil über einem Abgrunde.“ (Zarathustra, S. 13). Dieser Mensch muss sich noch selbst finden, denn er ist erst neuerdings wirklich frei, wurde er doch durch den Tod Gottes aus der Knechtschaft und Bevormundung der Religionen befreit. Diese Befreiung und Tötung Gottes erfolgte im 18ten Jahrhundert mithilfe von Aufklärung und Wissenschaft. Doch ist der Mensch für einen solch großen Schritt schon reif genug? Kann er mit der neu gewonnen Macht und Freiheit umgehen? Nietzsche zweifelt. Die frisch erlangte Freiheit mündete in Nihilismus, das Ende des Glaubens macht die Menschen blasiert, sie wirken von sich und ihren Körpern entfremdet, und Demokratie und Sozialismus bedrohen die Hochkultur, jedenfalls in Nietzsches Augen. Nietzsche fühlte sich heimatlos verloren und tappte in der taghell erleuchteten Welt der Wissenschaft – im Dunkeln. Er sehnte sich nach neuem Mythen, einem neuem Glauben, einer neuen starken Kultur, die ihren Anhängern Kraft und Orientierung schenkt, Richard Wagner stand zwar kurz davor, war in Nietzsches Augen aber dann doch ein Verräter, und im Grunde misstraute er jedem, außer sich selbst und fühlte sich unverstanden. Der Übermensch, so könnte man schließen, wäre ein Mensch, der all diese Probleme für sich gelöst habe. Eine Art gebildeter, individualistischer Anarchist, das wäre die freundliche Version,  eine Utopie, mit der man leben könnte. Stattdessen sollten sich die Übermenschen zu einsamen Herren aufschwingen, einer tyrannischen Elite, die mit ihrem Fußvolk nach eigenem Dünken verfährt, ohne moralische Schranken, ohne Rechenschaft, ein Diktator wie Stalin, Hitler, Mussolini. Wie konnte es soweit kommen?

Was zuvor geschah, knapp 40 Jahre früher, Nietzsche wird 1844 in Thüringen als Sohn eines evangelischen Pfarrers geboren. Dann geht es rasant weiter. Zuerst aufwärts: er gilt als Wunderkind, wird mit nur 24 Jahren an der Universität Basel zum Professor berufen, obwohl er weder promoviert noch habilitiert hat. Dann steil abwärts. Er leidet unter starken Kopfschmerzen. Mit Mitte 30 wird er Frührentner und erhält ein Ruhegehalt. 1889 kommt es zum endgültigen Zusam­menbruch, und Nietzsche wird zum Pflegefall. Bis er 1900 stirbt, also im selben Jahr, in dem Freuds „Traumdeutung“ erscheint. In den zehn Jahren zwischen Berentung und Pflege, also von 1879 bis 1889 zog er wie ein Heimatloser durch die Schweiz und Norditalien, lebte in billigen Unterkünften, geplagt von Kopfschmerzen, Übelkeit, aber mit hoher Produktivität: Nietzsche schreibt seine wichtigsten Bücher, zwischen 1877 und 1882 die drei Aphorismen-Bücher: „Menschliches, Allzumenschliches“, „Morgen­röte“ und die „Fröhliche Wissen­schaft“, dann 1884 das berühmteste: „Also sprach Zarathustra“, und schließlich das Spätwerk mit „Jenseits von Gut und Böse“, dem „Antichrist“, „Ecce Homo“ und dem „Willen zur Macht“, Lou Andreas-Salomé spricht hier von seiner „letzten Geistesperiode“ (S. 186), bis zu seinem Nervenzusammenbruch 1889. Danach hat er bis zu seinem Tod gar nichts mehr geschrieben, auch nicht gesprochen, nur leise gesummt.

Tatsächlich möchte ich dafür plädieren, nicht das Spätwerk ab dem „Zarathustra“ als Gipfel seines Schaffens anzusehen, sondern die sogenannte „Mittlere Phase“ (Riese und Kiesow. in: Ottmann, Hrsg., S. 91 ff.), in der wirklich großartige Werke entstanden sind! In der mittleren Phase gelang es ihm, „durch seine vollendete Meisterschaft (…): einen jeden Gedanken voll auszuschöpfen und mit seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben“, schreibt Salomé: „ein geistreiches Spiel mit blendenden Hypothesen“ (Salomé., S. 186).

Es handelt sich um Sammlungen kurzer Texte – Aphorismus aus nur ein, zwei Sätzen bis hin zu kurzen Essays von drei bis vier Seiten, die menschliches Leben auf sehr unterschiedliche Art beleuchten: „(…) von den Anfängen der Kultur bis zur staatlichen Organisation des gesellschaftlichen Lebens der Gegenwart, von der Kritik der sozialen Konvention zur individuellen oder gar esoterischen Gefühlswelt des Künstlers und des Heiligen“, schreiben Wiebrecht Ries und Karl-Friedrich Kiesow: „Philosophische, moralkritische, endlich sogar biologische und soziologische Argumentationsfiguren beherrschen ein Denken, das sich als philosophisches zugleich auf der Schwelle zum Abschied von der Philosophie weiß.“ (S. 94) „Der traditionelle Kanon der philosophischen Disziplinen (…) weicht einer Flucht aus Perspektiven, welche den Bestand erster und letzter Wahrheiten in Frage stellt. Der ästhetische Reiz, der den Schriften N.s für den Leser von jeher angehaftet hat, ist nicht zuletzt eine Funktion dieser formalen und inhaltlichen Dynamik.“ (S. 92) Denn: „In dem Augenblick, da Nietzsche daran mitarbeiten will, die Kenntnis des Menschen vorwärts zu bringen, wird ihm auch bewußt, daß eine solche Arbeit nur mit einzelnen Erkundungen und Vorstößen zu leisten ist. Wie sollte er auch imstande sein, diesen ungeheuren Kontinent, der sich ihm plötzlich zeigt, systematisch und mit dem Anspruch auf Vollständigkeit zu erschließen! Dafür ist er zu ungeduldig und, wie sich später herausstellt, zu grausam. Er will angreifen, nur im Angriff ist klingendes Spiel, wird er später sagen.“ (Safranski, S. 157)

„Ein seltsames Ding, unsere Strafe! Sie reinigt nicht den Verbrecher, sie ist kein Abbüßen: im Gegenteil, sie beschmutzt mehr als das Verbrechen selber.“ (1887, S.178)

Rüdiger Safranski weiter: „Nietzsche erklärt, daß seine Untersuchungen der Unterscheidung dienen, welche Übel in  den menschlichen Verhältnissen fundamental und unverbesserlich seien und welche verbessert werden könnten.“ (Safranski, S. 157) Zum Beispiel in der Morgenröte: „Wer sich selber hasst, den haben wir zu fürchten, denn wir werden die Opfer seines Grolls du seiner Rache sein. Sehen wir also zu, wie wir ihn zur Liebe zu sich selbst verführen.“ (1887, S. 274) – Nietzsche zieht hier den überraschenden Schluss, den zu fürchtenden Menschen mal nicht zu bekämpfen. Es geht aber auch nicht um Feindesliebe, wie Jesus raten sollte, sondern die Verführung zur Selbstliebe, die den potentiellen Gegner unschädlich durch sein eigenes Glück machen soll. Das ist mehr als nur Befriedung, der ja in der Regel etwas Gewaltsames anhaftet, sondern hieße tatsächlich Auflösung des Hasses in Wohlgefallen, wenn gleich durch eine List: der betroffene Mann soll ja zur Selbstliebe ‚verführt‘ werden. Es geht also um eine soziale Strategie, aber auch um einen echten qualitativen Wandel, und es wirft die Frage auf, wie genau das klappen kann?

Noch ein weiteres Beispiel aus Nietzsches mittleren Phase gefällig?

„Wie die Rokoko-Gartenkunst entstand, aus dem Gefühl ‚Die Natur ist häßlich, wild, langweilig – auf! Wir wollen sie verschönern!‘ so entsteht aus dem Gefühl ‚die Wissenschaft ist häßlich, trocken, trostlos, schwierig, langwierig – auf! Laßt sie uns verschönern!‘ immer wieder etwas, das sich die Philosophie nennt.“ (1887, S. 239)

Wenn er über den Schauspieler philosophiert, dem Nietzsche einen „Überschuss an Anpassungsfähigkeit aller Art“ (1982, S. 252) attestiert, und sodann den Beruf oder auch die Kunstform zu einem Menschentyp, eine subtile Welthaltung verallgemeinert: „Ein solcher Instinkt wird sich am leichtesten bei Familien des niederen Volks ausgebildet haben, die unter wechselndem Druck und Zwang, in tiefer Abhängigkeit ihr Leben durchsetzen mußten, welche sich geschmeidig nach ihrer Decke zu strecken, auf neue Umstände immer neu einzurichten, immer wieder anders zu geben und zu stellen hatten, befähigt allmählich, den Mantel nach jedem Winde zu hängen und dadurch fast zum Mantel werdend, als Meister jener einverleibend und eingefleischten Kunst des ewigen Versteck-Spielens …“ (ebd.) – der Leser vermutet, die feine Analyse könne nun abgleiten in ein Verächtlichmachen des Pöbels, den „Menschen des Ressentiment“ (1887, S. 29), den Nietzsche in der „Genealogie der Moral“ gleichsam durch einen Mangel an Aufrichtigkeit, Authenzität charakterisiert: „Seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hintertüren, alles Versteckte mutet ihn an als seine Welt, seine Welt, sein Labsal“ (ebd., S. 29), aber dann biegt Nietzsche unvermutet anders ab und kommt zunächst auf die Juden, dann auf die Frauen zu sprechen: „Man denke über die ganze Geschichte der Frauen nach – müssen sie nicht zuallererst und –oberst Schauspielerinnen sein? Man höre die Ärzte, welche Frauenzimmer hypnotisiert haben; zuletzt, man liebe sie – man lasse sich von ihnen ‚hypnotisieren‘! Was kommt immer dabei heraus? Daß sie ‚sich geben‘, selbst noch, wenn sie – sich geben … Das Weib ist so artistisch …“ (S. 254) Aus der Betrachtung der Schauspielerei als Kunstform wird en passant eine soziologische Phänomenologie mit Anflügen von Gesellschaftskritik, um sodann anthropologisch zu werden und schließlich in einer erotischen Faszination auszuklingen.

Nietzsche folgt einfach seinen Gedanken, egal wo sie ihn hinführen, solange sie nur irdisch und transparent bleiben. Er ist spursicher und konsequent diesseitig, fern jeglicher Spekulationen, aber haltlos und gedankenflüchtig.

Ein Unzufriedener. – Das ist einer jener alten Tapferen. Er ärgert sich über die Zivilisation, weil er meint, dieselbe ziele darauf, alle guten Dinge, Ehren, Schätze, schöne Weiber – auch den Feigen zugänglich zu machen.“ (1887, S. 126) Hier pflegt er noch nicht die explizit antidemokratische Attitüde, die er sich in der „Genealogie der Moral“ zur eigen macht; so wie er damals sogar auch noch den Kirchen positive Seiten abgewinnen kann: „Die freien Geister nehmen sich auch vor der Wissenschaft noch ihre Freiheiten – und einstweilen gibt man sie ihnen auch -, solange die Kirche noch steht!“ (1982, S. 157) Eine gerüttelte Portion Spott schwingt mit bei dieser Betrachtung, ausgerechnet die Kirchen als Stützen des freien Geistes auszumachen! Und doch ist keine Ironie im Spiel: denn die durch sie gestützte Freiheit ist unentbehrlich, notwendig und echt. So konkret, so differenziert, aber auch so bestimmt und konsequent geht es in der mittleren Phase zu.

In der mittleren Phase können Beobachtungen, Gedankengänge, Wahrnehmungen, die auf eine Aussage hinauslaufen neben anderen stehen, die das Gegenteil behauptet, einfach weil sie beide jeweils in sich abgeschlossen sind, das eine stimmt hier und jetzt, das andere auch, nur eben an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, oder in anderer Perspektive, oder unter anderen Bedingungen, oder Hinsichten. Wie sich die Geister über die Bedeutung seiner Gedankeninhalte streiten, so einig sind sie in der Beurteilung seines Stils: „Man mag einst über Nietzsche denken, wie man will, über den Schriftsteller in ihm wird es bald keinen Zweifel mehr geben. Er ist der größte Virtuose der deutschen Sprache“, schrieb Leo Berg, ein Zeitgenosse, bereits 1884 (zit. In: Hillebrand, S. 50)

Das ist wahrhaft freigeistig, dem Lauf des eigenen Denkens folgend, auch wenn es auf ganz und gar fremde Gebiete führt, solange es nur nachvollziehbar bleibt. Im Ergebnis kommt man dann freilich zu sehr unterschiedlichen Schlüssen, aber darum geht es nicht, weil er in den Texten eigentlich das Denken selbst demonstriert, nicht um seine Erträge, sondern um seines Prozesses willen. Es ist eben auch kein Ausdruck von Beliebigkeit, nicht bloß unverbindlich Spiel, eben noch in die eine, dann in die entgegensetzte Richtung zu denken, sondern höchster ernst, dem Gang des Denkens so weit zu vertrauen, dass man ihm auch auf ungewohntes, fremdes Gelände folgen mag. Alles im festen Vertrauen darauf, dass die eigenen Gedanken eben nicht nur so irgendwie oder auch anders, sondern kräftig genug, das eigene Gewicht schon tragen werden.

Diese besondere Begabung und Fähigkeit gipfelt in seiner Art, das Denken praktisch in seinem Vollzug vorzuführen. Nietzsche denkt und schreibt, und während er schreibt, entwickeln sich die Gedanken weiter und damit auch das Geschriebene; die kurzen Absätze wirken immer wie  aus einem ewig dahinströmenden Fluss des Denkens herausgeschnitten, in Würfel aus Bernstein eingegossen, und das alles auf höchstem Niveau flüssig, elegant, präzise, pointiert. „Nietzsche erprobt ein Sprechen, das so schnell, so präzise, so trocken, so angemessen und so fatal aus dem Redner hervorsprudelt, daß für den Augenblick der Unterschied zwischen Leben und Reden verschwunden wäre.“ (Sloterdijk, S. 132) Völlig anders aber drei Jahre später, im „Zarathustra“. Hier sprudelt und fließt gar nichts mehr, das Denken wirkt wie festgestellt, eingefroren.

Mit der „Morgenröte“ will Nietzsche ein Buch schreiben, dass „nicht zum Durchlesen und Vorlesen ist, sondern zum Auf­schlagen, namentlich im Spazierengehen und auf Reisen: man muss den Kopf hinein- und immer wieder hinausstecken können und nichts Gewohntes um sich finden.“ (1887, S. 250) Beim Zarathustra ist es genau umgekehrt, überall wo man den Kopf rein- oder rausstreckt, liest man das gleiche.

„Neidische Menschen mit feinerer Witterung suchen ihre Rivalen nicht genauer kennen zu lernen, um sich ihnen überlegen fühlen zu können.“ (1887, S, 189)

Eine ‚feine Witterung‘, so könnte man eigentlich vermuten, ist doch eigentlich eine Gabe. Sie so zu ignorieren, nur um dem eigenen Neid kein Futter zu geben – das wäre doch eigentlich dumm, müsste man sagen. Indes klingt hier schon Nietzsches Ambivalenz an: die scharfe Sicht für die Erkenntnis, indes die gröbere Sicht für das bessere Leben.

So auch hier: „Die Furcht hat die allgemeine Einsicht über den Menschen mehr gefördert als die Liebe, denn die Furcht will erraten, wer der andre ist, was er kann, was er will: sich hierin zu täuschen wäre Gefahr und Nachteil. Umgekehrt hat die Liebe einen geheimen Impuls, in dem so viel Schönes als möglich zu sehen oder ihn doch so hoch als möglich zu heben: sich dabei zu täuschen wäre für sie eine Lust und ein Vorteil – und so tut sie es.“ (S. 204), wo er praktisch an den Volksmund anknüpft: ‚Liebe macht blind‘, aber diese Blindheit verteidigt, anstatt sie anzugreifen. Der Rausch der Liebe ist wichtiger als die Wahrheit. Das wäre, in der Tat, typisch, sehr nietzscheanisch. Doch selbst bei dieser Erkenntnis will er es noch nicht belassen, sondern er betont andersherum die Furcht als den Zustand mit dem größeren Erkenntnispotential. In der Furcht lernen wir mehr.

Damals fiel es Nietzsche noch nicht schwer, beide Seiten der Sache zugleich betrachten – und sie sogar stehen zu lassen. Er dachte dialektisch, er nannte sich nicht so, aber er war ein echter Dialektiker: „‘Man ist nicht unhöflich, wenn man mit einem Steine an die Türe klopft, welcher der Klingelzug fehlt‘ – so denken Bettler und Notleidende aller Art; aber niemand gibt ihnen Recht.“ (1982, S. 160) „Seine Taxe haben. – Wenn man gerade so viel gelten will, als man ist, muß man etwas sein, das seine Taxe hat. Aber nur das Gewöhnliche hat seine Taxe. Somit ist jenes Verlangen entweder die Folge einsichtiger Bescheidenheit – oder dummer Unbescheidenheit.“ (1886, S. 562)

„Alle regelmäßig Erfolgreichen besitzen eine tiefe Verschlagenheit darin, ihre Fehler und Schwächen immer als anscheinende Stärken zum Vorschein zu bringen; weshalb sie diese ungewöhnlich gut und deutlich kennen müssen.“ (ebd. S. 402) – Hier sehen, oder sollte ich besser sagen: erleben wir auch, wie fein, wie verästelt Nietzsche seine Gedanken ausführt, wie dicht sein Denken mit der Sprache geht, ‚Selbsterkenntnis‘ und ‚Verschlagenheit‘ so miteinander zu verschränken! Man spürt auch sein Bemühen, wahrhaft nicht mehr zu sagen als er kann, aber das dafür ganz genau und mit allen Implikationen. Nietzsche moduliert wirklich jede Implikation aus den Worten heraus. Er weiß, dass sich die Chose nicht auflösen lässt, also will er sie wenigstens auf den Punkt bringen. –

Aristokraten, Übermenschen und Individualisten

Wie gesagt, kommt in den drei Aphorismen-Büchern der Begriff des „Übermenschen“ noch nicht vor. Seine, in diesem Sinne sozusagen noch unspezifischen Betrachtungen des Menschen und der Kultur machen indes deutlich, wie er sich den zukünftigen Menschen wünschen könnte. Sie geben eine Vorahnung. Karl Jaspers sagt: „Das Wesentliche ist, daß schon der bei der psychologischen Darstellung jedesmal ein Ungenügen mitspricht: der Blick drängt zum höheren Menschen.“ (Jaspers, S. 162; Hervorh. Im Orig. gesperrt) Auch Jaspers erkennt also in den Aphorismen bereits die Vorarbeiten zum Spätwerk.

Die Redewendung vom „höheren Menschen“ wird von Nietzsche in der mittleren Phase selbst immer wieder gebraucht: „Was ist mir aber Gutherzigkeit, Feinheit und Genie, wenn der Mensch dieser Tugenden schlaffe Gefühle im Glauben und Urteilen bei sich duldet, wenn das Verlangen nach Gewissheit ihm nicht als die innerste Begierde und tiefste Not gilt – als das, was die höheren Menschen von den niederen scheidet.“ (1982, S. 39) Der höhere Mensch wird hier vor allem als ein Mensch der Wissenschaft beschrieben, das bedeutet für ihn: klar denkend, skeptisch gegenüber allen vermeintlichen Überzeugungen und Gewissheiten, sowie Neugierig und schließlich der experimentellen Methode verpflichtet. An anderen Stelle ermutigt Nietzsche die ‚höheren Menschen‘ zu ihren Triebe und leiblichen Bedürfnissen: „Es gibt genug Menschen, die sich ihren Trieben mit Anmut und Sorglosigkeit überlassen dürfen: aber sie tun es nicht, aus Angst vor dem eingebildeten ‚bösen Wesen‘ der Natur! Daher ist es gekommen, daß sie so wenig Vornehmheit unter den Menschen zu finden ist: deren Kennzeichen es immer sein wird, vor sich keine Furcht zu haben, von sich nichts Schmähliches zu erwarten, ohne Bedenken zu fliegen, wohin es uns reibt.“ (1982, S. 184) Ein weiteres typisches Merkmal des später sogenannten ‚Übermenschen‘.

Nietzsche-Jünger, die ihre ostentative Verachtung der Vernunft für Weisheit halten, werden dies falsch finden, doch wir wollen den Übermenschen systematisch untersuchen. Das erscheint uns sinnvoller, als ihn mythisch zu verklären: „Hoho, der Übermensch ist ja sooo groß, soo wahrhaftig, hohoho, aber auch sooo gefährlich, nichts für schwache Gemüter, hoho hoho!“ – Hohohoho! Nehmen wir also feierliche Dramatik und überhitzten Größenwahn weg und werfen einen kalten und klaren Blick, so können wir einige Merkmale des Übermenschen herausdestillieren – und ihn vielleicht sogar ein bisschen definieren: der Übermensch ist ein Freigeist, aber kein Spinner, sondern klar denkend, realistisch, wissenschaftlich ernüchtert; er glaubt an kein Jenseits, keine Metaphysik, auch sonst keinen Idealismus, in diesem Sinne ist er amoralisch; er ist zudem in einem hohem Maße bewusst, reflektiert, auch über sich selbst; er ist komplett irdisch, diesseitig, materialistisch orientiert, körperbetont, lebensbejahend, schöpferisch, selbstbewusst und kreativ, er ist eigensinnig, vornehm, einzelgängerisch, aber auch mutig, tatkräftig, die geborene Führernatur. Er ist ein Individualist, was auch immer man darunter versteht, jedenfalls kein Herdentier, kein Bürokrat, kein Priester, kein Romantiker, kein Sozialist, kein Kopfmensch, kein Bauer und auch kein Faulenzer.

Anhand dieser Merkmalsliste können wir präziser über den Übermenschen reden als wenn wir ihn geheimnisvoll verklären. – Dennoch sind diese Merkmale noch klärungsbedürftig, Zum Beispiel denken wir beim Übermenschen an einen eigensinnigen und unabhängigen, vor allem geistig unabhängigen Menschen. Ich neige oft dazu, mir den Übermenschen als einen selbstbewussten, aufgeklärten, lebensfrohen Individualisten vorzustellen, in Anlehnung an Nietzsches Rede vom „guten Europäer“ (Krell, Bates, S. 7), als einen guten Amerikaner sozusagen … und tatsächlich finden viele Autoren Parallelen zwischen ihm und der amerikanischen Philosophie des Pragmatismus (vgl. Marcuse, S. 202 ff., Safranski, S. ), die Ende des 19ten Jahrhunderts, also ungefähr zur selben Zeit entstand … Nietzsche selbst bekannte, er „liebe das amerikanische Lachen“ (zit. in: Marcuse, S. 206), vielleicht weil ihm der Optimismus, die Toleranz und die zupackende Lässigkeit gefielen, die ja in einem schroffen Gegensatz stehen zu seiner sonst typischen Tragik und Dramatik.

Gleichwohl: Der amerikanische Individualismus dürfte ihm zu weit gegangen sein. Denn, so Simmel, nicht „der Einzelne, bloß weil er ein Individuum ist, geht Nietzsche an (…), sondern ausschließlich diejenigen Einzelnen, durch deren Wertqualitäten der menschliche Gattungstypus eine höhere als die bisher erreichte Stufe gewinnt.“ (Simmel, S. 362) Und Lou von Salomé schreibt: „Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften und individualisierten Herren-Natur soll keineswegs seinem naiven Egoismus leben, (…) sondern er soll zum Erstling einer neuen Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern …“ (Salomé, S. 227) So würde ich meinen, dass er an einer Figur wie dem letzten bayerischen König, Ludwig II., zwar Gestaltungskraft und Unabhängigkeit geschätzt haben mag, ihm seine Schlösserprojekte indes gewiss nicht hinreichend relevant erschienen.

Ein eigensinniger Mensch kann, zweitens, jemand sein, der seine spezielle Sicht der Dinge pflegt, Probleme auf seine Art und Weise angeht und sich durch nichts von seinem Weg ablenken lässt – dabei kann er extrem einseitig, ein echter Dorftrottel sein oder sich in ein total abgedrehtes Paralleluniversum einspinnen. An einem solchen Menschen prallen alle äußeren Einflüsse einfach ab, weil er stur seinen Weg geht. Das macht ihn zwar unbeugsam, aber eben auch stumpf. Dagegen müssen wir uns unter einem geistig unabhängigen Menschen einen durchaus offenen Menschen vorstellen, der in der Lage ist, viele, auch neue Gedanken, Ideen, Erfahrungen Informationen aufzunehmen. Seine Unabhängigkeit wahrt er nicht dadurch, dass er sich gegenüber allen äußeren Einflüssen verschließt, sondern indem er diese auf seine eigene Art und Weise verarbeitet. J. W. Goethe, den sogar Nietzsche als höheren Menschen verehrte, wird gerne dadurch charakterisiert, dass er sich mit extrem verschiedenen Themen beschäftigt hat, von Lyrik und Dichtung bis zu den Naturwissenschaften der Pflanzenkunde und der berühmten Farbenlehre, aber auch als Minister am Weimarer Hof unter anderem mit Militär und Straßenbau, dass er sich zudem mit all diesen höchst verschiedenen Aufgaben auf seine ganz eigene, subjektive, unverwechselbare Art und Weise beschäftigt hat.

Nietzsche spricht hier von höherer Bildung und meint dies sicherlich idealistisch, nicht nur die Hochschulbildung im engeren Sinne. „Im Verlaufe der höheren Bildung wird dem Menschen alles interessant, er weiß, die belehrende Seite einer Sache schnell zu finden und den Punkt anzugeben, wo eine Lücke seines Denkens mit ihr ausgefüllt oder ein Gedanke durch sie bestätigt werden kann. (…) Er geht zuletzt, wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches nur seinen erkennenden Trieb stark anregt.“ (1886, S. 167)

Doch zu einem wahren Freigeist gehört noch mehr. Der eigensinnige Mensch ist nicht automatisch geistig unabhängig, sondern kann starr und geistig unflexibel dumpf an den eigenen Überzeugungen haften. Nietzsche nennt ihn: den „gebundenen Geist“. Geistige Unabhängigkeit setzt die Fähigkeit voraus, zum eigenen Denken Abstand nehmen und zu sich selbst in Distanz gehen zu können, und das gelingt eigensinnigen Menschen häufig nicht,  denn dazu sind sie meistens zu engstirnig und zu verbohrt. „Nietzsche fordert freie Souveränität über jede ‚Überzeugung‘ und jeden ‚Glauben‘“ (Kaulbach, S. IV) Diese wiederum lässt sich nur über klares Denken erreichen, denn wenn man seine eigene Gedanken mit Abstand reflektieren, ja sogar lenken möchte, muss man sie zuvor fassen können; sie dürfen einem nicht im eigenen Kopf verschwimmen, verschwurbeln oder in dunklen Tiefen versinken sein, sonst bleiben sie in einem negativen Sinn unfassbar – für andere, aber auch für einen selbst. Bei allem Pathos, Emotionalität und subjektiver Dramatik bleibt Nietzsche, zumindest seinem Anspruch nach, ein klarer Denker. So hängen Geistesfreiheit, klares Denken und die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung ursächlich miteinander zusammen.

Das ist auch der Grund dafür, warum Amoralität nicht als eigenständiges Merkmal in der Liste gelten kann. Das unabhängige Denken, das die Distanz zu allen Überzeugungen, Werten, Ideen, ja sogar Begriffen und Erfahrungen meint, impliziert logisch auch die Distanz zu allen möglichen Moralvorstellungen. Das ist etwas anderes als die schroffe Ablehnung aller Moralvorstellungen, nicht Anarchie, nicht das ‚Recht des Stärkeren‘, wie es oft heißt, sondern intellektuelle Indifferenz. In diesem Sinne unterscheidet Nietzsche scharf zwischen Meinungen und Gedanken, genauer: er stellt die Geistesfreiheit über die Meinungsfreiheit, da letztere allein in moralischer Willkür endet: „Es sind die wahrhaft Unerträglichen, von denen man selbst das Gute nicht annehmen mag, welche Freiheit der Gesinnung haben, aber nicht merken, dass es ihnen an Geschmacks- und Geistes-Freiheit fehlt.“ (1886, S. 404)

Drittens existiert schließlich eine höhere Menschlichkeit, die nur im Auge des Betrachters existiert. In der Geschichte vom „Kleinen Prinzen“ begegnet der kleine Prinz einer sprechenden Rose, in die er sich verliebt; später begegnet er auf seine Reise sodann einem Garten voller Rosen, die alle gleich aussehen. Der Kleine Prinzip ist deprimiert, weil er bis dahin dachte, seine Rose sei einzigartig. Die befreiende Erkenntnis liegt in der Erfahrung, dass alle Dinge und Wesen, zu denen wir eine persönliche Beziehung aufbauen, für uns einzigartig, wir können auch sagen: zu Individuen werden. Und so wie es im Christentum heißt: Gott liebt alle Menschen, könnte man auch sagen: Gott sieht in jedem das Individuelle. – und wem das zu spirituell ist, sollte sich klar machen, dass sogar naturwissenschaftlich betrachtet kein Gänseblümchen zu 100% einem anderen Gänseblümchen gleicht, dass selbst vor dem nüchternen Blick des Forschers jedes Exemplar einer Pflanze ein Individuum ist, sofern man nur nah genug heran geht. Wir haben hier das stärkste Argument gegen die pauschale Behauptung, in der modernen, konformistischen Gesellschaft gäbe es keine echten Individuen mehr. Selbst in Nordkorea werden die Menschen als Einzelne geliebt.

Nietzsche selbst muss diese dritte Form des Individuums auch gekannt haben, denn er schrieb 1877 an seinen Freund Paul Rée: „Möge ich bald von ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen Krankheitsgeister ganz von ihnen gewichen sind: dann bliebe mir für ihr neues Lebensjahr Nichts zu wünschen übrig, als dass sie bleiben, der sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie in den letzten Jahren waren“ (zit. In: Salomé, S. 129).

Im Übergang von der sogenannten mittleren Periode zum Spätwerk, spricht: von der „Fröhlichen Wissenschaft“ zum „Zarathustra“ erfolgt, soweit ich es sehe, kein krasser Schnitt, aber die Akzente verschieben sich deutlich. Nicht nur, dass der höhere, vornehme, edle Mensch jetzt plötzlich Übermensch genannt wird. Die „intellektuelle Redlichkeit“, in den Aphorismen mehrfach als Wert benannt, taucht nun gar nicht mehr auf. Nietzsche deute „Geltungsansprüche in Machtansprüche um“, kritisiert Jürgen Habermas: „Das sei bodenlos, weil sich jede theoretische Arbeit auf der Basis einer Unterscheidung zwischen Anspruch auf Macht und Anspruch auf Geltung vollziehen muss“ (Taureck, S. 148). Das unabhängige Denkens, zuvor von Nietzsche selbst noch als durchaus zweifelndes, selbstkritisches Denken verstanden, wird nun durch übergroßes Selbstbewusstsein festgestellt. Dass man freier und wahrhaftiger sei, wird nicht mehr demonstriert, sondern nur noch behauptet. Wie er überhaupt kaum noch argumentiert, begründet, sondern behauptet. Und aus dem Freigeistigen Denken, das ja eigentlich moralisch indifferent sein müsste, wird ein polemisches anti-moralisches Denken, das schließlich in einer neuen Moral, dem Recht des Stärkeren, mündet.

Schon bei meiner ersten Lektüre des „Zarathustra“, damals an der spanischen Atlantikküste, beim Camping nahe Tarifa, fiel mir das auf: Auf dem Marktplatz tritt ein Seiltänzer auf, stürzt ab und stirbt. Zarathustra spricht mit dem Sterbenden, der sagt: „Wenn Du die Wahrheit sprichst, so verliere ich nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel mehr als ein Tier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schläge und schmale Bissen.“

„Nicht doch“, sprach Zarathustra: „Du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht, daran ist nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zugrunde: dafür will ich dich mit meinen Händen begraben.“ (1891, S. 17) Es fällt auf, dass Zarathustra, der Amoralist zum Seiltänzer in moralischen Begriffen spricht: ‚Daran ist nichts zu verachten‘, nur freilich nicht nach einer christlichen Moral der ‚Nächstenliebe‘, sondern eines Heldenethos des wilden, gefährlichen Lebens. Ein wahrer Freigeist dagegen müsste allen, d. h. auch diesem Motiv skeptisch gegenüber stehen. Sogar das Recht des Stärkeren wäre keine natürliche Tatsache, sondern ein menschliches Gesetz. Selbst Darwin sprach nicht vom Überleben des Stärkeren, sondern lediglich vom Überleben des hinreichend gut angepassten. Das Recht des Stärkeren verbietet zum Beispiel den Ungehorsam, den Tyrannenmord, den Sklavenaufstand. Oder wäre es legitim, wenn die Schwachen den Starken von hinten erschießen oder in die Luft sprengen, wie es Elster 1936 mit Hitler versucht hat? Nach Zarathustras Lehre wäre das womöglich feige, während der wahre Freigeist sich auch von solchen Urteilen – frei machen sollte. Nietzsches Amoralist gibt vor, nicht heimtückisch, nicht von hinten, sondern nur geradeaus und mit offenem Visier zu kämpfen, aber ist nicht gerade das auch hochmoralisch??!

Überhaupt fällt beim Übergang der mittleren Periode zum Spätwerk eine Verhärtung und Verengung des Denkens auf. Das, was zuvor leicht, spielerisch und voller Esprit daherkam, wirkt jetzt schroff und verhärtet. … bereits im Schlussteil der „Fröhlichen Wissenschaft“ erwähnt er neben dem Übermenschen das zweite Grundthema des „Zarathustra“, die Lehre der Ewigen Wiederkehr. Doch damals hatte er diese Lehre noch vorsichtig, als „eine Vermutung ausgesprochen“ (Salomé, S. 253), im Konjunktiv, als bloßes Gedankenspiel formuliert: „Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sage …“ (1982, S. 216) Doch nur eine Erleuchtung später heißt es: „Was geschah mir doch, meine Tiere? – sagte Zarathustra. Bin ich nicht verwandelt? Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?“ (1891, S. 68) Hier ändert sich sein Ton auffällig, vom spielerischen, freien Denken zum mythisch verblasenen. Sogar Jaspers kommentiert witzig: „Er ist für Nietzsche der erschütterndste Gedanken gewesen, während nach ihm wohl sonst niemand von dem Ernst betroffen worden ist.“ (Jaspers, S. 350)

Und hieß es in der „Fröhlichen Wissenschaft“, Nietzsches bestem Buch, noch: „Ich fürchte, die Tiere betrachten den Menschen als ein Wesen ihresgleichen, das in höchst gefährlicher Weise den gesunden Tierverstand verloren hat – als das wahnwitzige Tier, als das lachende Tier, als das weinende Tier, als das unglückselige Tier“ (1982, S. 163) So schrieb er nur drei Jahre später mit donnerndem Ton: „So will ich Mann und Weib: (…) tanzsüchtig, mit Kopf und Beinen. Und verloren sei uns der Tag, wo nicht einmal getanzt wurde! Und falsch heiße uns jede Wahrheit, bei der es nichts als Gelächter gab!“ (1891, S. 172) Im Kern präsentieren uns beide Zitate verwandte Bilder. Doch in der „Fröhlichen Wissenschaft“ existentiell, phantastisch, tragisch, im Zara­thustra“ bäuerlich, kitschig, eher im bellenden Befehlston eines Kommandeurs geschrieben als dem heiterer Weisheit. – Was ist passiert? Alles Leben, was eigentlich beschworen werden soll, ist den Worten ausgetrieben. Bei aller vordergründigen Lebensbegeisterung dominiert im Zarathustra ein garstiger, überdrüssiger Ton.

Die Grenze verläuft zwischen der „Fröhlichem Wissenschaft“ und dem „Zarathustra“, die nur drei Jahre auseinander liegen und dennoch sein bestes Buch und sein schlechtestes Buch darstellen. Nietzsche selbst verzichtet ja darauf, eine bündige Definition des Übermenschen zu geben, und zwar aus gutem Grund, wie ich denke. Entweder fällt eine solche Definition nämlich zu allgemein aus, dann wirkt sie platt, oder sie verzettelt sich in der Konkretion, dann verfehlt sie ihr Ziel oder trifft es nur halb. Schließlich existiert der Übermensch ja noch gar nicht, sondern soll sich erst entwickeln. Nietzsche selbst kann heute noch gar nicht genau wissen, wie er in ferner Zukunft aussehen wird – er sagt nur, welche Aufgaben er dann gelöst haben muss. Anders als wir unvollkommenen Idioten, die heute herumstolpern, muss der Über­mensch zumindest für sich folgende Konflikte gelöst haben: Der Übermensch soll ein Mensch sein, der sein Leben nach der experimentelle Methode und skeptischen Grundhaltung eines Wissenschaftler ausrichtet, zugleich einen starken Glauben hat, der ihn leitet und treibt. Er ist kultiviert, hat gute Umgangsformen und folgt seinen Trieben und den Bedürfnissen seines Leibes. Er ist Individualist und niemandem verpflichtet, fungiert aber auch als Vorbild für Andere, die ebenfalls frei und unabhängig werden wollen. Eigenschaften, die einander nicht zwingend ausschließen müssen, die aber auch nicht ohne weiteres vereinbar sind. Zudem ist der Übermensch weniger theoretisches Konstrukt als vielmehr eine empirische Aufgabe, soll heißen: niemand kann im Voraus sagen, wie er sein wird, aber wenn er da ist, ist er da. Andersherum: jeder Mensch muss selber sehen, wie genau er all diese Aufgaben löst, das kann kein anderer für einen tun, und niemand kann einem Raten – doch falls es gelingt, wird dir großes Glück, Ruhm und Anerkennung zuteil!

Bei allen Schwierigkeiten, scheint der Übermensch durchaus ein erstrebenswertes Ziel. Zum Problem wird der Übermensch erst, wenn er zusätzlich zum einsamen Herrscher stilisiert wird und mit Sonderrechten ausgestattet, über die „Mißratenen, Kränklichen, Müden, Verlebten, nach dem heute Europa zu stinken beginnt“ (1887, S. 33) zu herrschen. Dabei, man ahnt es fast, werden die vornehmen Ziele des Freigeistes, klares Denken, unabhängiges Denken, moralisch indifferentes Denken, einem beinahe archaischen Heldenkult geopfert. Nannte er anfangs noch „Naturen von Erz, wie Beethoven, Goethe“, (Jaspers, S. 164).die seinem Ideal nahe kamen, so spricht er in der „Genealogie“ von der „letzten politischen Vornehmheit, die des siebzehnten und achtzehnten französischen Jahrhunderts“, und „Napoleon als den letzten Fingerzeig (…), dieser Synthese von Unmensch und Übermensch“ (1891b, S. 42-43) Auch Safranski hat beobachtet, dass die Übermenschen der ersten Stunde „Asketen, Ekstatiker, geistvolle und schöpferische Menschen (waren), aber noch keine Cesare-Borgia-Typen, keine Vitalitätsheroen und Kraftnaturen, keine Athleten der Amoralität“ (S. 273). Unser Programm mit Nietzsche gegen Nietzsche zu denken, soll darum nicht darauf hinauslaufen, den Übermenschen komplett zu diskreditieren, sondern lediglich in der Fassung ab 1884. Auf eine Parole gebracht: „Wir wollen unseren alten Übermenschen wieder haben!“

Die Kraft

Nun wird Nietzsche von seinen Zeitgenossen keineswegs als Lebemann, Kämpfer- oder Führernatur, sondern als eher überkultiviert beschrieben. ‚Überkultiviert‘, das bedeutet nicht nur hochkultiviert, sondern ein Übermaß, ein Zuviel. Sein Verhalten war so geschliffen, höflich, feinsinnig und so weiter, dass er einfach nicht zum Zuge kam. Selbst Zarathustra, Nietzsches Alter Ego, wenn man so will, ist in Flakes Augen nur „ein beschaulicher Weiser mit dionysischen Zügen, oder umgekehrt, ein Dionysos, dem doch der letzte Mut fehlt, (…) nicht jemand, der unmittelbar lebt, sondern über das Leben reflektiert.“ (S. 91), Irvin D. Yalom be­schreibt ihn als „Von ausgesuchter Höflichkeit. Scheu bis zur Demütigkeit“, (S. 77) und „von eigenartiger Unkörperlichkeit. Als könne man durch ihn hindurchgreifen“ (S. 78) und Rüdiger Safranski urteilt: „Nietzsche kann längst nicht so grausam, hart und rücksichtslos sein, wie er es später vom Übermenschen verlangen wird. (…) Er ist nicht nur wetter-, sondern auch menschenfühlig. Das führt zu schlimmen Verwicklungen. Obwohl die Mutter und die Schwester mit ihrem Mangel an Verständnis ihn oft demütigen, klein machen, muss er doch mit ihnen empfinden. Er leider geradezu am Übermaß zu verzeihen. Nur schwer kann er seine Partei halten“ (S. 167) Gewiss wäre Nietzsche himself im wirklichen Leben nicht hart genug, in seiner eigenen Übermenschenkultur zu überleben. Seine Philosophie ist zu einem großen Teil der Versuch, sich selbst zu kräftigen, wie er selbst unumwunden betont, wenn er von „einem zähen Willen zum Leben“, und seinem „langen Krieg gegen den Pessimismus und die Lebensmüdigkeit“ (1886, S. 302) spricht. Doch dazu später mehr.

Lou Andreas-Salomé sieht das für sie erstaunlichste an Nietzsche in seinen Häutungen, seinen radikalen Verwandlungen, zum Beispiel zwischen der ersten Phase der „Artistenmetaphysik“ früher Schriften und der mittleren, „naturalistischen“ (Störig, S. 531) Phase der darauf folgenden Aphorismen-Bände (vgl. Z. B. Safranski, S. 138 ff.; Flake, S. 53 f., Riese, Kiesow in: Ottmann, S. 91 ff., Jaspers, S. 43, Görner, S. 231) Sie weist darauf hin, dass Nietzsche von Haus aus Philologe war, in seiner Ausbildung bei Ritschl also das „Hauptaugenmerk, sowohl nach Seiten der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale Beziehungen und äußere Zusammenhänge gerichtet“ wurde (S. 78; vgl. Jaspers, S. 418) Bevor er zu dem feurigen, überbordenden Freak wurde, als den wir ihn alle kennen und lieben, hat Nietzsche eine streng formale, im engen Sinn geisteswissenschaftliche Ausbildung durchlaufen. Man vergisst, dass er zunächst ein sehr gründlicher, genauer Denker gewesen ist.

In „Menschliches, Allzumenschliches“ spricht er selbst diese Haltung sehr schön elegant und präzise auf den Punkt: „Das Können, nicht das Wissen, durch die Wissenschaft geübt. – Der Wert davon, daß man zeitweilig eine strenge Wissenschaft streng betrieben hat, beruht nicht gerade auf deren Ergebnissen: denn diese werden, im Verhältnis zum Meer des Wissenswerten, ein verschwindend kleiner Tropfen sein. Aber es ergibt einen Zuwachs an Energie, an Schlußvermögen, an Zähigkeit der Ausdauer; man hat gelernt, einen Zweck zweckmäßig zu erreichen. Insofern ist es sehr schätzbar, in Hinsicht auf alles, was man später treibt, einmal ein wissenschaftlicher Mensch gewesen zu sein.“ (S. 168) Das war, wie gesagt, fünf, sechs Jahre bevor er in den Schweizer Bergen das Schreiben im Rausch entdeckte, oder, wie Safranski es schreibt: „Es ist eigentlich keine Arbeit, sondern ein ekstatisches Spiel“ (S. 266), oder Peter Pütz: „einige Teile werden so rasch niedergeschrieben, als entlüde sich ein lange angehaltener Stau an Kreativität“ (in: Nietzsche, 1891, S. 269), und Störig: „Der Zara­thustra überfiel ihn“ (S. 531), „wahrsagerische Blitzstrahlen.“ (1891, S. 187)

Was ist passiert? – Lou Andreas-Salomé spricht von „dem Grundtrieb seiner Natur, über das Selbstgeschaffene immer wieder hinauszugehen, es als endgültig Erledigtes, Vergangenes von sich abzustoßen“ (S. 80), Karl Jaspers meint: „Er verliert den festen Wohnsitz und irrt von Ort zu Ort, als ob er suchte, was er nie findet. Aber dieses Ausnahmesein ist selber eine Substanz, ist die Weise von Nietzsches gesamten Philosophieren.“ (S. 41) Häutungen, Häutungen, Häutungen. Doch so richtig diese Unterscheidung in schöpferische Phasen Nietzsches sein mag, so unterschlagen sie den gemeinsamen Roten Faden, der sich durch all sein Denken und Schreiben zieht; ich meine den Roten Faden des vitalen Gefühls, denn es egal, wie Nietzsche konkret argumentiert und begründet, der letzte Maßstab ist für ihn immer die eigene Vitalität, die er durch sein Denken beschwören möchte.

Ich möchte in Nietzsches Rastlosigkeit, seinem ständigen Umstoßen gerade erst vermeintlich gefundenen Gewissheiten die Suche nach den wahrhaft lebensfördernden Begriffen sehen, der heilsamen Philosophie, an der der kranke Mensch endlich genesen kann. Und Nietzsche selbst schien in schwachen Stunden geglaubt zu haben, den finalen heilsamen Gedanken zu finden, sich selbst quasi gesund zu denken, zum Beispiel indem er „sich die Aufgabe gestellt hat, das Leben wider den Schmerz zu verteidigen und alle Schlüsse abzuknicken, welche aus Schmerz, Enttäuschung, Überdruß, Vereinsamung und anderem Moorgrunde gleich giftigen Schwämmen aufzuwachsen pflegen.“ (1886, S. 301)

Wenn allerdings auch nur in der Theorie, wie Otto Flake kritisiert: „Es gibt freiere und überlegenere Haltungen als die eines Mannes, der zuerst als geschundener und dann als gekreuzigter über die Sieger des Lebens spricht.“ (S. 32), und für Rüdiger Görner ist Nietzsche „Prophet einer höheren Gesundheit, der aber selbst nichts als Krankheit kannte und ihre diversen Symptome minuziös protokollierte.“ (S. 193) Soll heißen, ausgerechnet bei Nietzsche, dem Philosophen, für den Philosophie und das eigene Leben so eng zusammenhingen wie sonst bei keinem anderen Philosophen, driften Denken und eigenes Leben auch besonders weit auseinander. Das soll sein Denken jedoch keineswegs diskreditieren, sondern lediglich die Schwierigkeiten seines Projekts deutlich machen. Des Projekts, das Leben, das irritierende, mal überraschende, mal schmerzhafte, aber immer großartige und berauschende Laben … ja, was denn genau? – herbei zu denken.

Aber geht das überhaupt, können wir die guten, lebensförderlichen Gedanken in einer allgemeingültigen Philosophie pauschal definieren? Nietzsche ist ja kein Anhänger der „Zurück-zur-Natur“-Philosophie wie die Reformbewegung der 20er Jahre oder die Hippies der 1968er Jahre. Aber er wird sicherlich gespürt haben, dass die protestantische Welt, aus der er kommt, dem freien Spiel der Triebe im Wege steht. Er vermutete, „sein Vater sei auch an dem, wie er glaubte, scheinheiligen Moralismus der Kirche zugrunde gegangen.“ (Görner, S. 211) Nach einem kurzen Intermezzo in Naumburg, wo er von seiner Mutter und seiner fürchterlichen Schwester gepflegt wird, rafft er seine letzten Kröten zusammen und flieht über die Alpen nach Norditalien, nach Genua, wo er 1877 „Menschliches, Allzumenschliches“ schreibt und damit seine Phase „positivistischer Wissenschaftsgläubigkeit“ (Jaspers, S. 43; vgl. ) einleitet, Rüdiger Safranski nennt es „eine Art Entgiftungskur“ (S. 156), die Nietzsche vermittelt über das Medium seines Denkens – an sich selbst vornehmen will, Otto Flake, er streife „die Reste des Idealismus ab.“ (S. 53) .

Safranski: Nietzsche habe „sich eine Diät verordnet: keine ästhetischen oder metaphysischen Ausschweifungen mehr!“ (S. 161) – er will sich noch den Rest durch sein evangelisches Elternhaus anerzogenen Glauben austreiben. Doch das ist nicht von heute auf morgen getan, denn der Glaube sitzt ihm tief in den Knochen: „Überall, wo man an menschlichen Bestrebungen eine höhere düstere Färbung wahrnimmt, darf man vermuten, daß Geistergrauen, Weihrauchduft und Kirchenschatten daran hängengeblieben sind.“ (1886, S. 112) „Gott ist tot: aber so wie die Art der Menschen ist wird es vielleicht noch jahrtausendelang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. – Und wir. – wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen!“ (1982, S. 125) Seine positivistische Phase wird nicht zur Teufelsaustreibung, sondern zur Gottesaustreibung, im Sinne einer allgemeinen Metaphysik-, Werte- oder Idealismus-Austreibung. Die große Ernüchterung! „Die allermeisten finden es nicht verächtlich, dieses oder jenes zu glauben und darnach zu leben, ohne sich vorher der letzten und sichersten Gründe für und wider bewußt worden zu sein und ohne sich auch nur die Mühe um solcher Gründe hinterdrein zu geben.“ (1982, S. 39)

Gleichwohl: das kalte, analytische Denken und die damit verbundene Lösung von allen Überzeugungen, Idealismen, Glaubensinhalten etc. seiner mittleren szientifischen Phase erfolgte nicht nur aus theoretischer Einsicht, sondern sollte zudem der Erweckung der Lebensgeister dienen. Dies wird in folgendem Ausschnitt aus der „Fröhlichen Wissenschaft“ deutlich: „Von Jahr zu Jahr finde ich das Leben wahrer, begehrenswerter und geheimnisvoller – von jenem Tage an, wo der große Befreier über mich kam, jener Gedanke, daß das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe.“ (1982, S. 200)

Kraft durch Wissenschaft, das ist die Befreiung der Lebenslust vom Joch bürgerlicher Moral, aber auch von herrschaftlicher Abhängigkeit, wie hier, an dieser Stelle, dort heißt es: „Der Denker sieht in seinen eignen Handlungen Versuche und Fragen, irgendworüber Aufschluß zu erhalten: Erfolg und Misserfolg sind ihm zuallererst Antworten. Sich aber darüber, daß etwas mißrät, ärgern oder gar Reue empfinden – das überläßt er denen, welche handeln, weil es ihnen befohlen wird, und welche Prügel zu erwarten haben, wenn der gnädige Herr mit dem Erfolg nicht zufrieden ist. (1982, S. 72) Hier wird das Prinzip wissenschaftlichen Denkens und denkenden Fortschreitens skizziert, das Prinzip des try-and-errors, aber auch lebensphilsophisch überhöht: die Wahrheit des Erkennens wird über den Wunsch nach einer bestimmten Erkenntnis gestellt, und dieses Prinzip wird zum Lebensmotto des freien, unabhängigen Menschen. Der Knecht, bei dem die Meinung des Chefs  jede experimentelle Erkenntnis vereitelt, wird verspottet. Die Fähigkeit, mit Misserfolgen konstruktiv umzugehen, hängt also auch vom sozialen Status ab. Oder: die Freiheit, Erfahrungen zu machen, ist amoralisch, und macht nicht nur klug, meint Nietzsche, sondern auch froh. Darum heißt sein Buch: die „fröhliche Wissenschaft“ (1982; Hervh. von mir).

„Wer ernstlich frei werden will, wird dabei ohne allen Zwang die Neigung zu Fehlern und Lastern mit verlieren; auch Ärger und Verdruß werden ihn immer seltener anfallen. Sein Wille nämlich will nichts angelegentlicher als Erkennen und das Mittel dazu, das heißt: den andauernden Zustand, in dem er am tüchtigsten zum Erkennen ist.“ (1886, S. 185) Das neugierige, irdische Denken ist das lebendige Denken des Freien Menschen. Hier sehen wir bereits in der auf das gesamte Leben übertragenen Erkenntnismethode jenen von der Moral und fremden Mächten befreienden Zug. „Wir Forscher sind wie alle Eroberer, Entdecker, Schifffahrer, Abenteurer von einer verwegenen Moralität und müssen es uns gefallen lassen, im Ganzen für böse zu gelten.“ (1887, S. 242) Nicht erst der kampfbereite Egoist Zarathustra, sondern schon der Fröhliche Wissenschaftler, ist ein freier Mann. Nur hat es leider nicht so funktioniert, wie Nietzsche gehofft hatte. Das ist schade!

Denn mit dem restlos aufgeklärten, kühlen Verstand fühlt er sich auch nicht wohl. Die ersehnte Lebensbegeisterung bleibt aus. Die große Ernüchterung führt zur Enttäuschung. Zwar hat sich seine Sicht auf die Welt verbessert, seine Lebensgeister jedoch nicht befeuert, er nennt sie „die unkräftigste Form der Erkenntnis. Es schien, als ob man mit ihr nicht zu leben vermöge“ (ebd., S. 127), und: „Wenn nun die Wissenschaft immer weniger Freude durch sich macht und immer mehr Freude, durch Verdächtigung der tröstlichen Religion, Metaphsysik und Kunst, nimmt: so verarmt jene große Quelle der Lust, welche die Menschheit fast ihr gesamtes Menschentum verdankt.“ (1886, S. 165)

Nietzsche sehnt sich nach einer anderen, neuen, besseren Kultur, in der das hemmungslose Fließen der Lebensenergie nicht durch Kultur gebrochen, sondern verstärkt, erhöht, veredelt wird. Lebensphilosophie, das ist nicht nur ein Nachdenken über die Gesetze des Lebens, das tun Biologen, Chemiker, Genforscher und so weiter auch, sondern vor allem Empfehlungen dafür, wie man sein Leben möglichst erfolgreich, lustbringend, unfallfrei oder wie auch immer führen kann, Lebensführungsphilosophie. Er steht an einer Wegscheide: „Sobald ihr handeln wollt, müßt ihr die Tür zum Zweifel verschließen, – sagte ein Handelnder. – und du fürchtest dich nicht, auf diese Weise der Betrogene zu werden? – antwortete ein Beschaulicher.“ (1887, S. 274) – Dieses Problem, hat er nie gelöst! – und andere, nebenbei gesagt, auch nicht. Ich glaube, es war Richard Rorty, der etwa sinngemäß sagte, die Kunst bestünde darin, sich der Relativität des eigenen Denkens bewusst zu sein und ihm dennoch zugleich überzeugt und beherzt zu folgen.

Nach wie vor spricht Nietzsche der Wissenschaft nicht die Wahrheit ab, er vermisst etwas anders dabei. Trotz seiner saftigen Sprache bleiben ihm die erkannten Wahrheiten abstrakt. Er träumt davon, sie fühlbar zu machen. „Solange uns die Wahrheiten nicht mit Messern ins Fleisch schneiden, haben wir in uns geheimen Vorbehalt der Geringschätzung gegen: sie scheinen uns immer noch den ‚gefiederten Träumen‘ zu ähnlich, wie als ob wir sie haben und auch nicht haben könnten – als ob etwas an ihnen in unserem Belieben stünde, als ob wir auch von diesen unsern Wahrheiten erwachen könnten.“ (1887, S. 252) – und an anderer Stelle heißt es: „Es ist immer noch eine ganz neue und eben erst dem menschlichen Auge aufdämmernde, kaum noch deutlich erkennbare Aufgabe, das Wissen sich einzuverleiben und instinktiv zu machen.“ (1982, S. 48) –

Der Weg zurück in die Kunstreligion ist ihm verbaut, nachdem er von den Bayreuther Festspielen angeekelt abgezogen ist und sich mit dem Wagner-Clan, bei dem „jeder beliebige Fürst ein und aus gieng, wie als ob es sich um einen Sport mehr handelte“ (Nietzsche, zit. in Safranski, S. 136), zerstritten hat. Also kommt es 1884 zu seiner zweiten Wende, von der positivistischen Phase zur dritten Phase, dem Spätwerk, der „mystischen Willensphilosophie“ (Salomé, S. 162), dem „neuen Glauben“ (Jaspers, S. 43) Nun heißt es: „Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch kein Einwand gegen ein Urtheil: Die Frage ist, wie weit es lebensfördernd, lebenserhaltend ist; Verzichtleisten auf falsche Urteile wäre ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des Lebens.“ (zit. ebd., S. 192) Als wahr erscheint ihm jetzt nicht mehr, „was theoretisch am schlüssigsten bewiesen wurde, sondern was sich im Sinne eines gelingenden Lebens am besten bewährt.“ (Sloterdijk, S. 40)

Bernhard Taureck verwendet für Nietzsches Vision eines die eigene Vitalität befreienden, mobilisierenden Denkens den Begriff der „Leibgewordenen Vernunft“ (Vgl. S. 165 ff.). Im Zarathustra heißt es: „Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirte“ (1891, S. 28), und: „Das Selbst sagt zum Ich: ‚hier fühle ich Lust!‘ Da freut es sich und denkt nach, wie es noch oft sich freue – und dazu eben soll es denken“ (ebd., S. 29) Insofern ist Taurecks Formel von der „leibgewordenen Vernunft“ falsch, da es sich eher um eine „Vernunft des Leibes“ handelt, wie Taureck an anderer Stelle ebenfalls sagt. Egal. Jedenfalls wird die Vernunft des Leibes in Abgrenzung zur sogenannten klassischen Vernunft von der Antike bis Kant definiert, in der der Geist über den Körper herrscht und die menschlichen Triebe unterdrücken oder kanalisieren soll. Wie einige Jahrzehnte später Sigmund Freud im „Unbehagen in der Kultur“, kritisiert Nietzsche die Herrschaft des Geistes über den Körper, sie münde im unglücklichen Menschen, der sich dann moralinsauer, selbstverleugnend und so weiter äußert. Das Ziel der Menschheit soll darum die Befreiung des Triebes von seiner Unterdrückung durch Vernunft in höherer Einheit von Leib und Vernunft sein, die dann freilich keine klassische Vernunft mehr wäre, sondern eher ein lebensförderlicher Irrationalismus.

Aldous Huxley verneinte die Möglichkeit einer natürlichen Sexualität in dem Sinne, in dem es etwa eine natürliche Verdauung gibt. In den Sex spielen neben dem bioenergetischen Trieb zu viele weitere, äußere Faktoren hinein, erklärte Huxley, Geist, Kultur, Macht, Moral, die den Sex als Ausdruck reiner Natur verzerren. Vielleicht steht dafür die Unterscheidung zwischen Sex und Erotik, sozusagen: ‚Sex‘ als reiner Trieb, ‚Erotik‘ als kulturell vermittelter, kultivierter Trieb. Nietzsche, den Zeitgenossen wie Lou Andre-Salomé durchaus als sogar überkultiviert beschreiben, im Umgang mit den Frauen ungeschickt, weil gehemmt durch seine perfekten Umgangsformen, wird sich sehr nach einer sicheren Leitung durch den sexuellen Trieb gesehnt haben. Er stand auf den Begriff des ‚Dionysischen‘, für ihn der Name der rauschhaften Urkraft des Lebens, die bei Arthur Schopenhauer der ‚Wille‘, bei Sigmund Freud ‚Libido‘ und bei Wilhelm Reich ‚Orgon‘ hieß.

Doch diese Urkraft drängt das Individuum zwar in grobe Richtungen, zum Beispiel Richtung Nahrung, Richtung Sex oder Schlaf. Darüber hinaus ist sie allerdings unbestimmt, sie spricht nicht, sie drängt von sich aus nicht zu einer bestimmten Form (vgl. Flake, S. 43 ff.). Sie kann nicht darüber entscheiden, ob man lieber Mozart oder Rockmusik hört, FDP oder die Grünen wählt, Fahrrad oder mit dem Auto fährt. Jede nähere Gestalt stammt nicht aus der Natur, sondern ist sozialisiert, anerzogen, kulturell gelenkt. Die drängende Kraft des Lebens, an und für sich allein betrachtet, ist vorbewusst, richtungslos. In dem Augenblick, da die unbestimmte Urkraft des Lebens ins Bewusstsein fährt, wird sie projiziert, durchläuft sie kulturelle Filter, fließt sie in begriffliche vorgebahnte Bahnen. Es gibt keinen Weg, die unbestimmte Urkraft des Lebens gleichsam unverfälscht und eins-zu-eins in Geist zu verwandeln. Zweifellos ist es möglich, mit dem eigenen Leben zu denken oder gegen das eigene Leben zu denken, macht es für das Leben einen Unterschied, ob man so oder so denkt. Doch der Gedanke, die Lebensenergie könne der Vernunft die Richtung weisen, ungefähr so wie ein Kompass dem Kapitän beim Steuern eines Schiffs bei Nebel leitet, erscheint ein utopischer Wunsch­traum. Kurz ge­sagt, die Idee einer „Vernunft des Leibes“ – wenn man darunter qualitativ mehr versteht als dass die Vernunft die Bedürfnisse des Leibes berücksichtigen soll, nämlich dass der Leib der Vernunft die guten, schönen, wahren Gedanken praktisch souffliert – erscheint als eine Sehnsucht des Kopfmenschen, der unter seiner Kopflastigkeit leidet.

Damals, in den Jahren vor dem „Zarathustra“ fand Nietzsche das Leben bei Sokrates, wie in den Naturwissen­schaften, ja sogar im Christentum. Das macht die Stärke der drei Aphorismen-Bände aus, sie sind wahrhaft vornehm und wahrhaft freigeistig, nämlich in dem Sinne, dass sie zu allen Dingen die gleiche Distanz halten,  im vermeintlich Guten das Schlechte, im vermeintlich Schlechten das Gute entdecken. Nietzsche ist damals scheinbar noch für alles offen, so lange es das Leben fördert. Und er ist bereit, jede Lehre auf ihre lebensförderliche Wirkung hin zu prüfen. Es ist also weniger der Anspruch, den absolut lebendigsten Gedanken zu entdecken, was offenkundig ein sehr alchemistischer Anspruch wäre, als vielmehr jeden Gedanken auf sein lebendiges Potential abzuklopfen, wir können auch sagen: auf eine lebensförderliche Weise zu denken. Wenn Nietzsche also versucht hat, ein lebensförderliches Denken zu entwickeln und sich mit diesem Denken selbst zu heilen, dann war er in der mittleren Phase diesem Ziel deutlich näher als mit dem Spätwerk. Im „Zarathustra“ wird das Leben verdinglicht, Sache der Alchemie, Beschwörung. Doch spottete er nicht einst selbst, damals in der „Fröhlichen Wissenschaft“: „Ich erkenne die Geister, welche Ruhe suchen, an den vielen dunklen Gegenständen, welche sie um sich aufstellen. Wer schlafen will, macht sein Zimmer dunkel oder kriecht in eine Höhle.“ (S. 154)

Eine Philosophie kann sich also auf mindestens drei Weisen dem Leben widmen. Sie kann, zum ersten, Geist, Bewusstsein, Kultur und so weiter als Bedingungen betrachten, die das Leben strömen lassen, hemmen oder umlenken. Safranski sagt: Das Bewußtsein kann „Ängstlichkeiten, moralische Skrupel, Resignation erzeugen, es kann sich an ihm der vitale Schwung brechen. Aber das Bewußtsein kann sich auch in den Dienst des Lebens stellen; es kann Wertsetzungen vornehmen, die das Leben zum freien Spiel ermuntern, zur Verfeinerung und Sublimierung. (…) Ob nun aber das Bewußtsein in die eine oder in die andere Richtung wirkt, das entscheidet kein bewußtloser Lebensprozeß, sondern der bewußte Wille, also das Moment der Freiheit gegenüber dem Leben.“ (ebd.) In diesem Sinne bewunderte Nietzsche die „griechischen Götter, dieser Widerspiegelungen vornehmer und selbstherrlicher Menschen, in denen das Tier im Menschen sich vergöttlicht fühlte und nicht sich selbst zerriß, nicht gegen sich selbst wütete!“ (1887b, S. 81 f.)

Zweitens könnte man unterschiedliche Techniken und Praktiken sammeln und untersuchen, die das Leben fördern sollen. Eine solche Philosophie des Lebens, das könnten lebensreformerische Ideale für Bewegung an der frischen Luft und ausgewogene Ernährung sein, oder wenn man es gewagter möchte, Nudistencamps, Survivaltraining und Tantrasex. Auf psychologischer Ebene könnten Schulen im positiven Denken, Selbsterfahrung, bioenergetische Köper­therapien, Entwicklungsmodelle der humanistischen Psychologie stehen bis zur Orgon-Energie auf Seiten der Esoteriker oder den sogenannten Audits der Scientologen. Auf kultureller und künstlerischer Ebene könnte man unter anderen an Ausdruckstanz denken, Free Jazz, Punk, verschiedenen Formen surrealen und automatischen Schreibens, Dadaismus, Fluxus und Joseph Beuys, experimenteller Architektur von Jugendstil, Bauhaus bis Frank Wright und Luigi Colani und so weiter, unendliche Möglichkeiten, dem Leben zu huldigen, das Leben zu fördern und die Energien laufen zu lassen, bis hin zu Naturmystikern wie Rudolf Steiner und den Anthroposphen, die das Leben rituell anbeten. Die Vorteile dieses Verfahrens liegen auf der Hand, es ist konkret und praktisch: oft braucht man nur eine Yoga-Matte, einen Wald, Gleichgesinnte und kann gleich loslegen. Der Nachteil: die Effekte sind partiell, begrenzt und meistens flüchtig, wie das Leben selbst allerdings eigentlich auch.

Schließlich kämen wir zur dritten Gruppe, die das Leben definieren möchte. Diese Leute haben das Problem, dass das Leben als allumfassender, universeller Prozess mit Worten kaum zu fassen ist. Versuche, das Leben zu definieren, münden daher oft im Gegenteil, indem sie das Leben verdinglichen und damit den freien Fluss eher blockieren als fördern. Krasses Beispiel wären die Blut-und-Boden-Ideologien der Nazis, aber auch die Proklamationen der italienischen Futuristen, wenn man es niveauvoller haben möchte: „Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Gefahr und Verwegenheit“ (Marinetti, zit. in: Wikipedia). Jenseits aller politischen Vorbehalte, haftet solchen Manifesten oft was Gezwungenes an. Das Leben ist ja etwas dynamisches, es in einem Manifest, einem Bild, gar in einer Statue darzustellen, heißt es einzufrieren. Es ist wie in dem antiken Paradox des fliegenden Pfeils, dessen Position für jeden Moment eindeutig bestimmbar ist, so dass er eigentlich steht. Zugleich ist diese Verdinglichung des Lebendigen womöglich auch genau das, was der Künstler will: in der real-sozialistischen oder faschistischen Kunst werden Explosionen, Kriegerische Kämpfe, also gerade solche Motive höchster Kraft und Beweglichkeit, die eigentlich für Statuen nicht taugen, in Stein gemeißelt, zu Monumenten, um das Leben nicht freizulassen, sondern zu binden. Es ist womöglich etwas überinterpretiert, also unter Vorbehalt formuliert – wie wir wissen, war Nietzsche auf Brautschau. Mit Lou Andreas-Salomé, der blitzgescheiten, abenteuerlustige Russin, die Psychologie studierte und die er in Norditalien kennenlernte, hätte es klappen können. Sie war von dem deutschen Freigeist fasziniert und fühlte sich ihm seelenverwandt. Allerdings wirkten auf sie „das Pathos, die Steifheit und Förmlichkeit im Wechsel mit der Freigeist-Attitüde abstoßen. (…) Sie empfand dies als ein kokettieren mit einer Verruchtheit, die er gar nicht besaß.“ (Safranski, S. 260)

In der „Morgenröte“ äußerte sich Nietzsche noch skeptisch: „Aus feuchten trüben Tagen, Einsamkeit, lieblosen Worten an uns wachsen Schlüssen auf wie Pilze: sie sind eines Morgens da, wir wissen nicht woher, und sehen sich grau und griesgrämig nach uns um. Wehe dem Denker, der nicht der Gärtner, sondern nur der Boden seiner Gewächse ist!“ (1887, S. 226) – Wir erinnern uns, auch in „Menschliches, Allzumenschliches“ verwandte er diese Metapher, verglich schlechte Gedanken mit ‚giftigen Schwämmen‘, die aus dem ‚Moorgrunde‘ schlechter Stimmungen wachsen. Das Gehirn als eine Art Biotop, das verwildern kann, wenn man Pech hat, aber auch verdorren, versumpfen, eingehen. Der ‚Gärtner‘ der eigenen Gedanken sein, nicht der ‚Boden‘, das verstehe ich so: man soll sich zu seiner Denkungsart bewusst entscheiden und nicht von den eigenen Stimmungen treiben lassen, z. B. sich in Zeiten des Elends nicht zum pessimistischen Denken verleiten lassen. –

Beim „Zarathustra“ indes will Nietzsche ‚Boden‘ sein, wenn er später über dessen „physiologischen Voraussetzung“ (1977, S. 105) schreibt: „sie ist das, was ich die große Gesundheit nenne“ (ebd.), oder wenn er vor der Niederschrift über deren Voraussetzung an seinen Kumpel Köselitz alias Peter Gast schreibt: „Um diesen Theil machen zu können, brauche ich selbst erst tiefe, himmlische Heiterkeit: das Pathetische der höchsten Gattung wird mir nur als Spiel gelingen“ (zit. in: Görner, S. 236) und nach der Niederschrift an Franz Overbeck: „Ich bin nie mit solchen Segeln über ein solches Meer gefahren; und der ungeheure Übermuth dieser dieser ganzen Seefahrergeschichte, welche so lange dauert als Du mich kennst, 1870, kam auf seinen Gipfel“ (zit. in: Farrell Krell, Bates, S. 195) Es scheint, als wolle sich Nietzsche zuerst in eine Hochstimmung der Lebensbegeisterung hineinsteigern, um dann im Zustand allergrößter Gesundheit und großen Rausches das Buch mal eben so auszuscheißen.

Auch hier dreht Nietzsche zwischen 1883 und 1884 den Spieß einfach um: ab jetzt ist es nicht mehr Aufgabe des Philosophen, eine lebensförderliche Philosophie zu denken, sondern umgekehrt: aus dem Zustand der Stärke, des überschäumenden Lebens soll das wahre Denken automatisch heraussprudeln wie aus einem heiligen Gral. Tatsächlich scheint Nietzsche jetzt zu denken, wenn der Denker nur gut im Saft steht, werden seine Gedanken selbstverständlich wahr sein. Eine Idee, die kurz zuvor, seiner wissenschaftsgläubigen Phase gewiss vehement abgelehnt hätte. Es ist ja auch einfach zu dumm, die Idee, es gäbe sozusagen zwei Zustände des Menschen, einen wahren und einen falschen, und in dem wahren Zustand ist alles, was sie sagen und machen, wahr und weise, und in dem falschen Zustand, ist alles Irrtum, Ideologie und Kleinheit. Das nenne ich: Idiotie!

Soweit ich es sehe, präsentiert uns der „Zarathustra“ weder Hinweise zum lebensförderlichen Denken, noch zur Praxis zur Lebenssteigerung noch eine neue Kunstreligion, sondern er beschwört lediglich das Leben, das wilde, abenteuerliche, berauschte Leben. „Lieben und Untergehen: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist, willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen! / Aber nun will euer entmanntes Schielen ‚Beschaulichkeit‘ heißen! Und was mit feigen Augen sich tasten läßt, soll ‚schön‘ gekauft werden! Oh, ihr Beschmutzer edler Namen.“ (1891, S. 101)

Dabei beschleicht den Leser häufiger das Gefühl, nur einer endlosen Ankündigung beizuwohnen und keinem wirklichen Beginn. „Wo ist denn dein Übermensch?“, fragt der Leser, durchaus wohlwollend, neugierig gemacht: „Zeig‘ ihn uns doch mal, dürfen wir ihn endlich mal sehen?“ – „Oh, er wird kommen, er wird großartig sein, und furchtbar! Ihr werdet euch wundern!“ – „Jaja, ist schon o. k., aber wann denn endlich!“

Man muss es so hart sagen: Nietzsche war vor dem „Zarathustra“ weiter. Ich wiederhole mich, ich weiß, und dennoch: So einfältig und aufgeblasen der „Zara­thustra“, so weise und flüssig sind die drei Bücher der mittleren Periode. In ihnen klingt durchaus an, was konkrete Lebensphilosophie sein könnte. Doch wie zaghaft klingen im Vergleich hier seine Entdeckungen. Sie sind, um es mal so zu sagen, einige Nummern kleiner, weil der ganze dramatische Pathos fehlt, aber auch, weil er nicht universell argumentiert, sondern das Leben immer in spezifischen Phänomenen und Problemen aufgespürt wird.

Den Fans von Nietzsches Spätwerk sind seine Gedanken der mittleren Phase vermutlich zu bunt, zu zerstreut, zu widersprüchlich. Sie wollen es konzentrierter, eindeutiger, ja, Nietzsche selbst wollte am Ende seines Lebens ein systemisch ausgearbeitetes Hauptwerk vorlegen. Aber sie verwechseln Konzentration mit Reduktion, und sie übersehen, dass die Gedanken in seiner mittleren Phase so präzise und vielschichtig sind, dass er mit zehn Sätzen so viel sagt wie später in einem ganzen Buch, ja alle wichtigen Motive seines Spätwerk sind hier bereits auf nur wenigen Seiten ausgesprochen.

Ein Beispiel gefällig? – hier: „Offener Widerspruch oft versöhnend. – Im Augenblick, wo einer seine Differenz der Lehrmeinung in Hinsicht auf einen berühmten Parteiführer oder Lehrer öffentlich zu erkennen gibt, glaubt alle Welt, er müsse ihm gram sein. Mitunter hört er aber gerade da auf, ihm gram zu sein: er wagt es, sich neben ihm aufzustellen, und ist die Qual der unausgesprochenen Eifersucht los.“ (ebd., S. 324) – Kommentar: in diesen vier Sätzen klingen schon ein Gutteil der Motive des „Zarathustra“ an: die Notwendigkeit, über den Meister hinauszuwachsen; die selbstbewusste Individuation, die von einer Kräftigung des Selbstbewusstseins begleitet wird; der Abschied vom Sich-selbst-Kleinmachen, das als der Ursprung des ‚Grams‘, dem Hauptübel zwischen den Menschen, verstanden wird, sowie schließlich die Wiederlegung des Verdachts, er müsse ihm ‚gram‘ sein, der als Umwertung der alten Werte der Sklavenmoral gedeutet werden kann.

Zu sagen, Nietzsche entdecke in allem das Gute, wäre indes zu wenig und würde den Texten nicht gerecht. Es geht nicht um naiven Optimismus, sich irgendeinen Frust schönzudenken, nach dem Motto: „Wenn dir das Leben Zitronen beschert, mach‘ Limonade draus“, sondern um etwas Tieferes: „Weg zu einer christlichen Tugend. – Von seinen Feinden zu lernen ist der beste Weg dazu, sie zu lieben: denn es stimmt uns dankbar gegen sie.“ (1886, S. 392) – so haben die Christen das gewiss nicht gemeint. Doch es geht um mehr als nur ein ironisches Missverstehen. Es geht um einen Wechsel des Begründungskontextes, vom christlichen Gebot zur praktischen Konsequenz aus einem Überlebenskampf. Es geht um Liebe, aber eine spezielle Sorte Liebe, eine Liebe, die nicht auf Zuneigung basiert, sondern aus einem Verstehen folgt, das am Anfang noch nicht einmal ein sympathisches Verstehen war, sondern ein feindseliges, misstrauisches, belauerndes, und das in der Liebe schließlich nicht etwa aufgehoben, sondern eingeschlossen wird.

„Auch wir gehen mit Menschen um, auch wir ziehn bescheiden das Kleid an, in dem man uns kennt, achtet, sucht, und begeben uns damit in Gesellschaft, das heißt unter Verkleidete, die es nicht heißen wollen; auch wir machen es wie alle klugen Masken und setzen jeder Neugierde, die nicht unser ‚Kleid‘ begrifft, auf eine höfliche Weise den Stuhle vor die Türe. Es gibt aber auch andere Arten und Kunststücke, um unter Menschen mit Menschen ‚umzugehen‘: zum Beispiel als Gespenst – was sehr ratsam ist, wenn man sie bald los sein und fürchten machen will. Probe: man greift nach uns und bekommt uns nicht zu fassen. Das erschreckt. Oder: wir kommen durch eine geschlossene Tür. Oder: wenn alle Lichter ausgelöscht sind. Oder: nachdem wir bereits gestorben sind.“ (1982, S. 258) Auch hier spekuliert Nietzsche nicht, sondern geht von einer alltäglichen Beobachtung aus, die er schließlich in einem phantastischen Bild auslaufen lässt. Doch anders als den Romantikern geht es ihm nicht um die Verzauberung der Realität, sondern um die Intensivierung der Erkenntnis. Seinen ‚Gespenstern‘ haftet nichts Phantastisches an, sie sind so alltäglich wie irgendwas. Nietzsche konstruiert nichts, er verliert sich nicht, er bleibt ganz bei seiner Beobachtung. Ja, es lässt sich sogar als lebensphilosophische Empfehlung lesen: wenn Du unter Menschen verkehren willst, sie dir aber nicht zu nahe kommen sollen, mache es so und so …

„Die zwei größten Justizmorde in der Weltgeschichte sind, ohne Umschweife gesprochen, verschleierte und gut verschleierte Selbstmorde. In beiden Fällen wollte man sterben; in beiden Fällen ließ man sich das Schwert durch die Hand der menschlichen Ungerechtigkeit in die Brust stoßen.“ (1886, S. 332) – Na, hat irgendjemand hier eine Idee, welche Justizmorde Nietzsche meinen könnte? Er selbst verrät es uns nicht. Ich vermute, Sokrates und Jesus. Aber Selbstmorde? Haben die beiden, in Nietzsches Augen, ihre Herrscher etwa solange genervt, bis diese gar keine andere Wahl als das Todesurteil hatten? Ich kombiniere, im Umkehrschluss soll das wohl heißen: Unbeugsamkeit bedeute Todessehnsucht. Ein weiser Mann muss doch mit ‚menschliche Ungerechtigkeit‘ rechnen! Wird er dennoch hingerichtet, muss er den Tod wohl gesucht haben.

Auch hier geht es um das Leben wie im „Zarathustra“, konkreter, feiner, alltäglicher, differenzierter und dennoch, ganz klar: das Leben. Man möchte Nietzsche schütteln und rufen: „Eyh, Alter, du hast es geschafft, du hast das Leben gefunden!“ Das schillernde, geheimnisvolle, mal freundliche, mal sensitive, mal grausame, aber immer energetische Leben. Nietzsche findet es in den unterschiedlichsten Phänomenen, auch in solchen, die er später rigoros verdammen wird, wie dem Christentum oder der Zivilisation. Das ist vor allem noch ein Leben, das nicht herrschen, sondern erstmal nur für sich frei sein und existieren möchte, aber das offenbar weit radikaler, weit lustvoller als der artige Lebensbegriff der Kalendersprüche und Katzenposter. Doch Nietzsche arbeitet sich noch tastend voran, kein Wunder also, dass er irgendwann auch mal zupacken möchte.

Im „Zarathustra“ schließlich packt Nietzsche zu – leider daneben. Er greift ins Klo. Plötzlich klingt seine Suche nach dem Leben – gar nicht mehr lebendig, sondern verbissen. Anders gesagt: Er war auf dem richtigen Weg, aber nach der „Fröhlichen Wissenschaft“ ist Nietzsche falsch abgebogen. Vielleicht wäre es schlauer gewesen, dem klaren Denken treu zu bleiben und ihrer ernüchternden Wirkung durch Ironie zu begegnen, oder – wie in dem Gespenster-Aphorismus – die nüchterne Analyse in poetischer Bilder fließen zu lassen und den Holzhammer im Schrank zu lassen.

Übermensch und Gesellschaft

Der Grundgedanke meines Essays lautet, dass eigentlich schon die Bücher vor dem „Zarathustra“ vom Übermenschen handeln, den Nietzsche da nur noch anders nennt: höherer Mensch, edler Mensch, vornehmer Mensch etc. Der Gedanke geht weiter, dass diese Darstellung des höheren Menschen in den Aphorismen weit plastischer, lebendiger, vielseitiger, aber auch klarer, nachvollziehbarer ist als der überhitzte Pathos des „Zarathustra“, den ich im Grunde für aufgeblasenes Geschwätz halte!!! Warum musste er den „Zarathustra“ schreiben, warum konnte er es nicht einfach bei den Büchern bis 1884 belassen hat, die inhaltlich das gleiche plus noch viel mehr enthalten? Man könnte sagen, der „Zarathustra“ ist die „Fröhliche Wissenschaft“ mit weniger Inhalt, aber mehr Pathos.

Zum zweiten blickt der höhere Mensch zwar bereits in den Aphorismen mit großer Verachtung auf die normalen Menschen, die braven, ängstlichen, angepassten etc. Doch erst in den Schriften nach dem Zarathustra bis zu seinem Nervenzusammenbruch entfaltet Nietzsche die Idee einer strikt Hierarchischen Gesellschaft mit Herren und Sklaven. Die zweite Frage lautet also, warum der Übermensch außerdem ein Herrenmensch sein soll?!

Sogar Peter Sloterdijk wundert sich: „Wenn Leben Selbstdichtung ist, dann ist der Wille zur Macht nur eine seiner möglichen Auslegungen“ (Sloterdijk, S. 98; Hervorh. von mir), der sonst für jede amoralischen Provokation zu haben ist. Kurz: der Übermensch könnte sich einfach an der eigenen Übermenschlichkeit erfreuen und damit glücklich und zufrieden sein. Die übrigen kleingeistigen, sklavenhaften Menschen würden auf ihre Weise nebenher existieren, er könnte sie auf Distanz halten oder auf sie herabblicken. Warum aber dieser Zorn des Übermenschen auf die übrigen Menschen?

Bernhard Taureck nennt Nietzsches Gedanken „protofaschistisch“ (S. 157 ff.), da Nietzsche freilich 1884 nichts von Hitler und den Nazis ahnen konnte, mit seiner Lehre den Boden dafür indes bereitet habe. Und tatsächlich findet Taureck zahlreiche Belege, die seine These untermauern. Allerdings macht es, aus meiner Sicht, durchaus einen Unterschied, ob Taureck diesen „Protofaschismus“ in einzelnen Aussagen Nietzsches entdeckt oder in dem Konzept des Übermenschen. Meine These lautet nun, dass es bei Nietzsche zwar protofaschistisch Tendenzen gibt, diese in der Idee des Übermenschen indes nicht logisch zwingend angelegt sind oder jedenfalls nicht angelegt sein müssen. Es könnte – sozusagen mit Nietzsche gegen Nietzsche gedacht – auch einen demokratischen Übermenschen geben. Allgemeiner müsste man fragen, inwieweit die Lehre vom Übermenschen eine autoritäre Gesellschaftspolitik bedingt, und zwar unabhängig von Nietzsches persönlichen Neigungen?

Nietzsche meint, die Entwicklung einzelner Übermenschen sei eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft. Das höchste Ziel der Menschheit, für das sich alle einsetzen, für das alle Opfer bringen müssen – wie die Bevölkerung eines Landes in einem Krieg. „Der Übermensch ist der Sinn der Erde.“ (1891, S. 11) Und weil dieses Potential der Entwicklung zum Übermenschen nur wenigen gegeben sei, müsste die Masse der Menschen zugunsten dieser einzelner, heute würde man sie „Elite“ nennen, zurücktreten,. Doch weil in der Demokratie und im Christentum alle Menschen vor dem Staat oder vor Gott gleich sein sollen, ziehen sie die Starken zu sich hinab und verderben damit diese Chance. Insofern die Entwicklung des Übermenschen jedoch der letzte Sinn aller menschlichen Existenz ist, sabotieren die Elenden und Schwachen auf diese Weise die Realisierung des höchsten Sinns des Menschen. –

Die Verfechter des Rechts des Stärkeren scheinen außerdem zu glauben, in einer weniger zivilisierten, moralisch weniger reglementierten Kultur würden sie die Achtung erhalten, die sie eigentlich verdienten. Nur durch soziale Rücksichtnahme würde ihre Größe verkannt, würden sie an ihrer Selbstentfaltung gehindert. Georg Brandes urteilt düster: „In unseren Tagen bedeutet eine sogenannte Kulturinstitution nur zu oft eine Einrichtung, kraft welcher die Gebildeten in geschlossener Reihe vorgehend, alle Einsamen und Widerspenstigen, deren Streben auf höhere Ziele gerichtet ist, zur Seite drängen.“ (Brandes, S. 45) – Dass Sie indes in einer Kultur der Stärksten noch weniger zum Zuge kämen, auf diesen Gedanken kommen diese Einfallspinsel nicht. Daher kommt es zu der witzigen Situation, dass die Kranken, Armen, Dummen und Schwachen den Starken vorwerfen, sie würden zu wenig Rücksicht nehmen, während umgekehrt die Starken behaupten, die Schwachen würden sie terrorisieren und an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Kurzum, jeder beschuldigt den anderen, am eigenen Misserfolg Schuld zu sein. Dass es sich auf beiden Seiten nur um armselige Ausreden handelt, den jeweils anderen die Schuld für das eigene Unvermögen zu geben, liegt auf der Hand.

Aber Nietzsche will noch mehr, er leitet er aus der Differenz zwischen dem hellen Leben des Übermenschen und dem erbärmlichen Leben der Sklaven und Kleingeister das Recht oder sogar eine Pflicht der Herrschaft der einen über die anderen ab. Hierbei handelt es sich jedoch nicht allein um bloßes Naturrecht, etwa nach dem Motto: „Die Starken sollen herrschen, das liegt in ihrer Natur.“ Eine solche Begründung wäre viel zu flach. Nietzsche sah nach Gottes Tod eine nihilistische Welt kommen, vor der er mit der eindrücklichen Metapher: „Die Wüste wächst: weh Dem, der Wüsten birgt!“ (1891, S. 248) warnt. Nach Taureck argumentiert er weiter, in der restlos entzauberten, krass nihilistischen Gesellschaft der Zukunft bräuchte es starke Führer, die die Massen im Zaum halten, weil ja sonst keine Werte, keine Ordnung mehr existieren. In diesem Sinne ist sein Protofaschismus weniger Proklamation als vielmehr Prophezeiung, eine pessimistische, dystopische Prophezeiung wohlgemerkt.

Die Argumentation läuft in etwa so: 1.) in der nihilistischen Welt existieren keine allgemeinverbindlichen Werte mehr; 2.) die Leute wollen allgemeinverbindliche Werte; 3.) der starke Mensch verkörpert Werte und wird darum automatisch als Herrscher akzeptiert. 4.) Da sonst keine Werte existieren, sondern alle Werte vom neuen Herrscher stammen, gibt es praktisch kein Korrektiv. Der Herrscher kann machen, was er will. Nimmt man das als rein technische Beschreibung, nicht als Empfehlung, würde die Sehnsucht nach einem starken Mann in Zeiten der Krisen, Unsicherheiten Nietzsche Recht geben. Wir können uns den Gedanken aber auch an harmloseren Beispielen als Hitler und den Nazis klarmachen. Ein guter Chef, so ein Ergebnis der zeitgenössischen Führungssoziologie, erteilt seinen Untergebenen nicht nur Anweisungen, sondern vermittelt ihnen ein Koordinatensystem der Werte, Normen und Regeln. Wobei vermitteln freilich nicht meint, dass er ihnen einen Katalog vorbetet, sondern dass er sie vorlebt, in einem tiefen, umfassenden Sinne verkörpert, mit Leib und Leben.

Dies vorwegnehmend, war für Nietzsche „große Politik“ nicht das klein-klein der Tagespolitik, Werben um Zustimmung, Diplomatie, demokratische Manöver, sondern das Vorgeben von Sinn und Orientierung in einem weiteren, radikaleren Rahmen und in dem festen Vertrauen, die eigene Position würde schon verfangen! „Wenn man den Helden auf der Bühne spielt, darf man nicht daran denken, Chorus zu machen, ja man darf nicht einmal wissen, wie man Chorus macht.“ (1887, S. 139) Der Herrenmensch geht sozusagen selbstbewusst voran, die Herdenmenschen folgen, wobei sie eben nicht nur seine konkrete Befehle empfangen und ausführen, sondern sich darüber hinaus mit ihrem Führer identifizieren, seine Perspektive, seine Werte, sein ganzes Sein übernehmen. In diesem Sinne schenkt der Übermensch seinen Anhängern eine Welt.

Er schenkt ihnen eine Welt, die „ganze ewig wachsende Welt von Schätzungen, Farben, Akzenten, Perspektiven, Stufenleitern, Bejahungen und Verneinungen.“ (1982, S. 189), indem er die an sich sinnlose Welt der Dinge mit einem neuen Koordinatensystem überzieht, das von den „praktischen Menschen (unseren Schauspielern, wie gesagt) eingelernt, eingeübt, in Fleisch und Wirklichkeit, ja Alltäglichkeit übersetzt.“ (ebd.) wird.

Man muss aber kritisch fragen, ob das Recht des Stärkeren wirklich das geeignete Verfahren ist, die höchsten und am weitesten entwickelten Menschen an die Spitze zu spülen? Ebenso gut könnten sich auf dem Weg die Skrupellosesten, Heuchlerischten, Intrigantesten o. Ä, an die Spitze stellen. Und man muss fragen, wie, d. h: auf welche Weise diese Supermenschen an der Spitze auf die Höherentwicklung der übrigen Menschheit hinwirken sollen – sicherlich nicht, indem sie Lager und Erziehungscamps gründen.

Die Antwort lautet, so seltsam dies klingen mag: durch den vornehmen Menschen, weil sie dem „Vornehmheitsideal“ (Simmel, S. 407) entsprechen. Georg Simmel führt aus: „Der Aristokrat mag meinen, daß Menschen und Dinge ihm schlechthin zu dienen haben. Vom Parvenü und bloß egoistischen Genüßling unterscheidet es ihn, daß er ganz von innen her – nicht nur durch die aufgeblasene Illusion, die doch immer eine geheime Unsicherheit enthält – dies durch die Qualität seiner Person nach objektiver Gerechtigkeit zu verdienen glaubt, und sich entsprechend verhält; nur daß die Pflicht, mit der er diesen Rechten entspricht, sich nicht immer auf jene Verpflichtungen selbst richtet, sondern zunächst auf ihn selbst: er ist verpflichtet, sein Sein so zu gestalten oder zu bewahren, daß ihm von diesem her diese Rechte zukommen.“ (Simmel, S. 383) Ein schöner Satz: ‚… verpflichtet, sein Sein so zugestalten, daß ihm diese Rechte zukommen‘, soll wohl heißen: der Aristokrat steht über dem gemeinen Volk, aber er muss sich dieser, seiner herausgehobenen Stellung auch würdig erweisen und zwar nicht nur durch einzelne Handlungen oder Aktivitäten, sondern durch seine ganze vollkommene Existenz. Inhaltlicher wird auch Simmel nicht, aber die Idee ist klar: es geht um die Persönlichkeit, die auf andere Menschen wirkt, aber nicht vermittels politischer Maßnahmen, Proklamationen, symbolischer oder konkreter Taten, sondern kraft ihrer Aura als gute, gebildete, wahrhaftige Individuen.

„Schopenhauer suchte sich weder anzupassen noch auf die landesüblichen Fragestellungen einzugehen“, erklärte Otto Flake: „Er hatte die männlichste Haltung, die es überhaupt gibt: die schroffe, die eine Lehre aufstellt und es den anderen überlässt, ob sie davon Gebrauch machen wollen oder nicht.“ (Flake, S. 42) Das wäre der Punkt, an dem ‚große Politik‘ und der ‚der vornehme Stil des Übermenschen‘ einander treffen könnten. Der Vornehme Mensch schielt nicht danach, was andere Denken oder von ihm erwarten, sondern präsentiert sein Denken und Leben und steht dazu als ganze Person und kann dann in Ruhe abwarten, was davon bei den Menschen ankommt und in die Kultur und die Gesellschaft hineinwirkt.

Es liegt auf der Hand, dass ein solches einsames, vornehmes Individuum sehr stark sein muss, wenn es auf diesem Weg Erfolg habe will. Und dieser Erfolg ist es, der zum einen seine Größe bezeugt, die Stärke seiner Weltdeutung, die dann eben auch von anderen übernommen werden soll, und seine Weltdeutung legitimiert, ihre Wahrheit begründet. Der Starke Mensch, so beantworten wir nun unsere Frage von vorhin, ist der, der sich mit seiner Sicht der Dinge durchsetzen kann.

Das Verhältnis von Übermensch zu den übrigen Menschen ist weniger wie das zwischen Chef und Untergebenen, oder gar Führer und Volk, sondern eher wie das zwischen Meister und Schüler, Guru und Jünger. Der Übermensch verkörpert mit seiner ganzen Persönlichkeit den richtigen Weg, und die anderen  lassen sich von ihm inspirieren.

Es ist eine Paradoxie, aber eine durchaus bedenkenswerte, wie ich finde. Der herrschende Übermensch, in Nietzsches speziellem Sinne: der vornehme Mensch, der radikale Aristokrat regiert nicht mit dem Anspruch, das Wohl aller herzustellen. Im Grunde denkt er nur an sich selbst, doch macht er dies auf eine anspruchsvolle Art und Weise, denn er steht unter dem Druck, sich zu einem höheren Menschen zu entwickeln, der „nicht mehr: ‚Ich will‘ sagt, sondern nur noch: ‚Ich bin‘“ (Früchtl, S. 408) sagt. Ich rekapituliere: Dieses ‚Ich bin‘ ist nicht das eigensinnige Ich-Bin des Exzentrikes, der einfach nur macht was er will und sich von allen Pflichten, Wahrheiten etc. entbunden fühlt, sondern es stellt ihn vor die Aufgabe, die Wiedersprüche des modernen Menschen zu lösen, Geist und Natur, Glaube und Wissenschaft, Nihilismus und Schöpfung, Spiel und Wahrhaftigkeit glücklich zu vereinen und in einem produktiven Leben zu veräußern und sichtbar zu machen. Wie genau der Übermensch das schafft, ist seine Sache, können wir heute noch nicht wissen. Nur: wenn er es schafft, ist er Vorbild für alle Menschen, auch für die normalen Leute, die Sklaven, die im Prinzip ja vor derselben Aufgabe stehen. „Was ist am Genie gelegen, wenn es nicht seinem Betrachter und Verehrer solche Freiheit und Höhe des Gefühls vermittelt, daß er des Genies nicht mehr bedarf! Sich überflüssig machen – das ist der Ruhm alles Großen“ (1886, S. 430), erkannte Nietzsche schon Jahre zuvor, in „Menschliches, Allzumenschliches“.

Wenn wir es so sehen, erscheint die Trennung zwischen dem Übermenschen und den Normalmenschen weniger schroff. Nach diesem Zitat wäre er den übrigen Menschen lediglich ein paar Schritte voraus, aber nicht unerreichbar; und seine Aufgabe bestünde darin, die übrigen Menschen ihrerseits zu einer übermenschlichen Lebensweise zu inspirieren. Völlig anders als Bernhard Taureck, der Nietzsche so zusammenfasst: „Der Staatsmann soll der eigentliche Künstler sein. Das Staatsvolk hat darin nur die Funktion des Materials“ (S. 82), können wir Nietzsches „radikale Aristokratie“ (Brandes) auch so deuten: als ein fruchtbares Vorleben einer Lebensmöglichkeit, die besser ist als das bekannte Leben.

Und dieses bessere Leben ist nicht auf irgendeine subjektive Weise besser, sondern wird inhaltlich bestimmt. Darin liegt der besondere Charme dieser Lesart. Ich fasse nochmal zusammen: in seiner frühen Fassung war der höhere Mensch kein Kriegsherr, sondern ein Individuum, das zentrale menschliche Merkmale glücklich vereint, die sonst typischerweise im Konflikt stehen: Kultur und Körper, Glaube und Geist, Freiheit und Notwendigkeit. Man könnte sagen, dass dies die wichtigsten Probleme sind, die mit der Emanzipation des Menschen von der Natur, Mythos und Religion entstanden sind. Insofern ist Heidegger trotz seiner merkwürdig hochgestimmten und absurd verdrehten Sprache zuzustimmen: „Der Übermensch ist eine zu bedenkende Aufgabe.“

Ich möchte jetzt das wünschenswerte an Nietzsches Herrschaft der Übermenschen herausfinden. Dafür muss ich kurz rekapitulieren: Wir haben uns mit dem Problem befasst, die gestaltlose, unfassbare Dynamik der Lebenskraft in kulturelle Formen zu gießen, ohne sie zu brechen oder zu verdinglichen. Wir haben uns gefragt, wie eine universelle Philosophie des Lebens aussehen kann, wenn doch ihr „Grundimpuls (…) die Auflösung aller festen Gestalten im Strom des Lebens und die Wiedergewinnung des Erlebens aus den erstarrten Konventionen“ (Joas, S. 122) sein soll und daher eigentlich nicht lehrbar ist. Ich habe, mit Verlaub, den „Zarathustra“ missglückt genannt, weil der Funke des Lebens in ihm nicht überspringt, weil er seinen Worten alles Leben austreibt. Um dieser Gefahr zu entgehen, denken wir an die Wirkung großer Persönlichkeiten auf ihre Jünger. Der Schüler verkehrt mit dem Meister, arbeitet, übt und spricht mit ihm, beobachtet und studiert ihn und erfährt auf diesem Wege indirekt, alles, was der Meister über das Leben wissen kann.  Dies, so könnte man sagen, ist vielleicht der einzige Weg ist, das Leben kulturell zu vermitteln, ohne in eine der oben aufgeführten Fallen zu gehen.  Georg Brandes schreibt: „Nietzsches Wert beruht darauf, daß er Träger einer solchen wirklichen Kultur ist: ein Geist, der, selbst unabhängig, Unabhängigkeit mitteilt und der für andere jene befreiende Macht werden kann, die Schopenhauer in seiner Jugend für ihn wurde.“ (Brandes, S. 46)

Wenn es also überhaupt einen Weg geben soll, das Leben zu lehren, und wenn Führer diese Aufgabe haben sollen und nicht, wie es bisher ist, sich um praktische Dinge wie Straßenbau oder Vertragsrecht kümmern, dann wäre dafür womöglich der sinnvollste Weg die Verkörperung durch vornehme Menschen. Denn der vornehme Mensch, nach Nietzsches Verständnis, bildet sich selbst zu einem höheren Menschen – und präsentiert das Ergebnis, also sich selbst als Prototyp. Er fungiert dadurch als Vorbild, stellt indes die innere Stimmigkeit seiner Person über ihre öffentliche Wirkung, er bleibt mehr sich selbst, seiner Ausbildung übermenschlicher Eigenschaften verpflichtet als seiner gesellschaftlichen Wirkung. Dies entzieht ihn zwar einerseits der demokratischen Kontrolle, soll aber andrerseits eine reine Verkörperung des Lebens ermöglichen und zugleich seinen Schülern ermöglichen, an seinem Beispiel zu wachsen. Die meisten von uns kennen Erfahrungen, bei denen sie sich von besonders mutigen oder freien Menschen ermuntern ließen, auch etwas unabhängiger und selbstbewusster zu agieren. Das wäre die versöhnliche Deutung.

Zum Schluss gibt es aber auch noch einen Einwand: der Übermensch lebt mit seiner Weltdeutung ja nicht nur allein, sondern überzieht mit ihr die übrigen, nicht-übermenschlichen Normalmenschen, die für eigene Welt­schöpfungen zu schwach sind. Dennoch führt dies, meines Erachtens nach, nicht automatisch dazu, alle Aussagen der Starken Männer kritiklos akzeptieren zu müssen. Auch im Konstruktivismus kann man fragen: „Wie kommst du dazu? Warum glaubst du das, was du glaubst“, oder: „Was willst du damit bezwecken?“ Man kann verlangen, dass der Führer aus einer Position nüchterner Klarheit heraus führt, mit nachvollziehbaren Argumenten, in transparenter Sprache – und wenn er anfängt, sich hitzköpfig zu ereifern oder auffällig diffus, ausweichend zu werden, ihm die Gefolgschaft versagen.

Darauf könnte man Nietzsche nun entgegnen, man solle die Weisheit des Übermenschen doch nicht durch kleinliches Nachfragen zerreden. Darauf wäre wohl zu erwidern: Was ist denn das für eine übermenschliche Weisheit, die sich einfach so zerreden lässt?

 

 

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Einen Hinweis zu Clockwork Orwell. Über die kulturelle Wirklichkeit negativ-utopischer Science-fiction von Thomas Nöske, finden Sie hier.

Friedrich Nietzsche, 1882 (Photographie von Gustav Adolf Schultze)

Weiterführend →

Lesen Sie auch „Zarathustra • Revisited„. Zählung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein.

Friedrich Nietzsche ist der Godfather des Cynismus. Oft leisten seine Texte viel mehr: Aufschreckende Brüche und Diskontinuitäten im Sprachlichen, unruhige und gewagte Kombinationen und Schnitte, alchemistische Verbindungen von Kontexten, die man so nicht erwartet hätte. Neben dem Zeremonienmeister Lichtenberg (und, so wage ich zu behaupten, Martin Walsers alter ego Meßmer) ist Nietzsche sicher ein interessanter Vorläufer der Form des – bei ihm noch wortmechanischen – Tweet. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in der Kunstform der Twitteratur wieder.

Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen.

 

Lou Andreas-Salomé: Nietzsche in seinen Werken, Leipzig, Ffm, 1983.

Hartmut Böhme: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. Reinbek, bei Hamburg, 2006.

Georg Brandes: Nietzsche. Berlin, Berenberg, 2004.

David Farrell Krell, Donald L. Bates: Nietzsche. Der gute Europäer, München, 2000.

Otto Flake: Nietzsche, Ffm, Suhrkamp, 1980.

Josef Früchtl: Das unverschämte Ich. Eine Heldengeschichte der Moderne, Ffm, 2004.

Rüdiger Görner: Nietzsches Kunst. Annäherungen an einen Denkartisten, Leipzig, 2000.

Martin Heidegger: Was heißt Denken? Suttgart, 1992.

Bruno Hillebrand: Nietzsche. Wie ihn die Dichter sahen, Göttingen, 2000;

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