Schlagwort: Vignetten

XII

  Nataly und Max haben die Autonomie erlangt, sich über Erwartungshaltungen hinwegzusetzen; sie haben keine Berufe, sondern Jobs, verfolgen kein Lebensziel, sondern ein Lebensgefühl. Die Herzbestimmten verstehen sich gut, weil sie sich gegenseitig durchschauen; fühlen sich zueinander hingezogen, weil sie…

XI

  Transitraum des Nirgendwo. Falls es ein maximal beschleunigtes Nichts gibt, dann in einer rheinischen Fussgängerzone, in der Zeit und Ort aufgehoben sind. Max überschaut ein Areal, das an einen zugigen Platz angrenzt. Aus dem Boden strahlen Ellipsoide, diese Lichtinstallation…

X

  Jede Bewegung ist Natalys Auftritt. Die Fremdheit in der eigenen Haut, das Lodern einer unerfüllten Sehnsucht, die ohnmächtige Wut auf die eigenen Skrupel: dies ist der Kern ihrer wundervoll verhaltenen Persönlichkeit. Sie besitzt eine Klarheit, die nur komplizierte Menschen…

IX

  Weichenstellung. Nataly flieht den Fensterplatz, als sich ein feister Spacko im Taschenmesserformat ins Abteil setzt, eine Zigarre entflammt und damit versucht, seinen alkoholisierten Atem zu maskieren. Sie begibt sich in die einzigsteklassenlose Gesellschaft, die das Rheinland bietet: das Zugrestaurant.…

VIII

  Vorteilhaft an Schieflagen = etwas kommt in Bewegung. Nataly vermeint einen Bekannten zu sehen, ruft seinen Namen. Der durchnässte Max dreht sich herum. Nataly ist verwirrt. Sie murmelt eine Entschuldigung. Max will sie aufhalten, ihn fasziniert jene Art von…

VII

  Aussen. Eine scharfe Brise pfeift Max ins Gesicht. Eilig überquert er die Strasse, um die U–Bahnstation zu erreichen. Erste Regentropfen benetzen die Erde. Vermengen sich mit dem Staub der letzten Wochen. Schon riecht es nach Moder, Fäulnis und Zerfall.…

VI

  Schnittpunkte. Eine alte Knortze, zahnlos, ihre Schultern gebeugt von den Jahren, schlurft an ihr vorbei. Nataly legt den Weg zum Bahnhof zu Fuss zurück, um schrittweise etwas von der pulsierenden Hektik des Alltags abzustreifen. Diese elektrifizierte Hochspannung baut sich…

V

  Klopfpoch auf Holz. Nach angemessener Weckzeit tritt er ein. Ein Meister im Unterspielen, der einer verschlafenen Bulldogge ähnelt, ist damit beschäftigt, Grafitstifte zu spitzen. Das Zimmer, so kommt es Max vor, hat etwas von der sterilen Sauberkeit an sich,…

IV

  Szenenwechsel, hinter der Kuppe. Stilistin des Unterwegs–Seins. Nataly pflegt eine tiefe seelische und körperliche Beziehung zum Rheinland, seinem Verfall, den Gerüchen, die dieser Landstrich bewahrt. Ihre Fahrt führt sie an den Ort der Jugend, den Erfahrungen der ersten Liebe,…

III

  Snipp. Scheibenwischer verdrängen in einem mechanischen Rhythmus Tropfen vom Glas. Entgegenkommende blenden zögernd ab. Ein rotes Licht hängt im kurzfristig bleigrau verwischten Übergang zur blauen Stunde. Es kommt näher, so scheint es. In einer Kehre bewegen sich Reflektoren in…

II

  Überblendung. Nataly tappt in die Echokammer des Selbstzweifels. Sie schickt ihre aufgestauten Gefühle durchs Mahlwerk ihrer Kieferknochen, vermag zu schluchzen und ihre Tränen im selben Augenblick als Produkt einer sinnlosen Entgleisung zu verabscheuen. Weinen wird zum Scheibenwischer für ihre…

I

  Blinklicht. Zuerst sieht Max sie an einer Ampel. Auf dem rechten Bein stehend, den Fuss ihres linken Beins in der bestrumpften Kniekehle angewinkelt, an die rechte Kniescheibe gelehnt. Sie erinnert in ihrer fragilen Statik an einen Wasservogel mit hohen…