Zur Gattung Essay · Vorwort zur Online-Anthologie auf KUNO

1. Dezember 2013
Von

Das Essay ist nicht nur eine hybride, sondern auch eine ambivalente Form. Es ist ein Diskurs, aber so, dass bei ihm immer versucht wird, Dialoge zu provozieren. Ein Faden, der in der Einsamkeit gesponnen wird, aber dessen anderes Ende so baumelt, dass er von anderen aufgegriffen und weitergesponnen werden könne.

Vilém Flusser

Von einem Essayisten erwartet man ebenso wie vom Scharfrichter, daß er sich ständig entschuldigt. Dieser muß Abbitte leisten, weil er zu tödlich ist, jener, weil er nicht tödlich genug ist. Der Essay ist eine Hybridform zwischen Feuilleton und Wissenschaft, in der sich freies, wildes oder unreglementiertes Denken ohne akademische Formvorgaben artikulieren darf, ihm hängt der Ruf an, zu klein und zu nebensächlich, eine seltsame, irgendwie veraltete Form des Journalismus zu sein. Zwar ist der Essay kein langer Roman, auch keine wissenschaftliche Abhandlung, im Idealfall aber verbindet er die Qualitäten der Gattungen. Wen an diese Kategorie denkt, ruft im Geist eine Reihe klassischer Begriffspaare auf, wie zum Beispiel Essay und Wissenschaft, Subjektivität und Objektivität, Fragment und System. Dabei ist das und immer eher als oder zu verstehen.

Was ist eigentlich ein Essay, wenn er keine wissenschaftliche Abhandlung, kein Traktat, kein Pamphlet und kein Roman ist?

Wir begreifen den Essay auf KUNO als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er ist Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erzählungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der großen Theorie und schon gar nach den großen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende „integrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben“ auf der „Bühne der Schrift“ in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Schärf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gefühlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend.

Aus der Vergangenheit die Zukunft herauslesen, wer hätte es nicht versucht?

William Morris

Das Internet ermöglicht uns, eine Welt der Bezüge herzustellen, daher rufen wir auf KUNO die Klassiker in Erinnerung und kombinieren die Vision des Niedrigschwelligen mit mit aktuellen Themen. Ein Essayist er ist heute nicht mehr der Gatekeeper mit dem Geheimwissen von einst. Daher knüpfen wir in diesem Online-Magazin wortreich soziale Netzwerke mit Lebenden und Toten. Das Netz hat die Literatur aus den Krallen der Kritiker befreit und die Geschmackspolizei entmachtet. Hypertext bietet eine Erweiterung: Online-Sein heißt Ver­flüchti­gung, und im Glauben, alles zu erfassen, kann selbst der interessierte Leser doch nur seine Ohnmacht ange­sichts der Zeichenschwemme einge­stehen. Der se­man­tisch ent­ris­sene Text tritt als Fließtext in Kon­kurrenz zu anderen Texten und Bildern, die immer auch auf den eigent­lichen Text als Diskurs­produkt zurück­wirken. Auch die Text­intention ändert sich durch die mediale Ver­schiebung, sodaß die Netz-Flüchtigkeit zur Text-Flüchtigkeit wird. Natürlich kennt auch die Welt jenseits der Kunst eine vergleichbare Dichte von Information, vor allem im Internet, wo das Enzyklopädische in kollaborativer Anstrengung zu neuem Leben erweckt wird. Wir bei KUNO glauben, daß die Öffnung der Archive das große Zeichen unserer Zeit ist. Wie geht man damit um, dass man mit einem Mal durch das Internet einen direkten Zugang zu allen jemals erschienenen Essays bietet?

Wie geht man mit dieser Vielfalt um?

In welchem Verhältnis stehen Neuerscheinungen zu den Avantgarden der Vergangenheit?

Drei Haupttypen der Gattung Essay

Falls ich richtig gezählt habe, sind bei der Gattung Essay drei Haupttypen auszumachen, alle gleichermaßen in jener Tradition, die Michel de Montaigne (von dem ich mir flankierend ein paar Vorworte borgte) einstmals begründete. Zum einen eine Mischung aus Rezension und Reportage, dann den Essay über entlegene Dinge, und zu guter Letzt den Erinnerungsessay. Dem Essay schreibt man als literarisch-philosophischer Form folgende Kennzeichen zu: Unverwechselbarkeit, Persönlichkeit, eine bewegliche Freiheit des Geistes, die Liebe zur offenen Form, der überraschende Blickwinkel, die Neigung zum Vorläufigen, aber auch Pointierten, eine gewisse unternehmungslustige Heiterkeit umreißen positiv das essayistische Temperament, wie es sich skeptisch, auch kritisch zum Systematischen, Scholastischen, Dogmatischen verhält. Philosophie als strenge Wissenschaft ist dem Essayisten ein Gelächter, die Attitüde des Wahrheitsbesitzes, überhaupt alles Fixierte, Gebundene ist verpönt; Zweifel ist ihm die primäre Tugend intellektueller Redlichkeit, Langeweile die Sünde wider den Geist.

Tradition ist Widerspruch

Der Essay ist eine Form, die in der deutschen Literaturgeschichte nicht viele Gewährsleute hat. Adorno und Hans Magnus Enzensberger beklagten sich darüber schon in ihren literaturkritischen Essays, die sie zu den wenigen deutschsprachigen Vertretern dieser Gattung machten. Immer wieder haben hier einzelne Autoren Essays geschrieben, wie Thomas Mann, doch eine dichte Tradition wie im angelsächsischen Raum gibt es nicht. Was Essays die Überzeugungskraft verleiht, ist die philosophische Anstrengung, denen man das Material unterwirft. Wir haben nicht viel Übung mit dieser Art des Schreibens, die weder Fisch noch Fleisch ist. Der Verlag weiß nicht, ob er den Essay in der Sachbuch- oder Belletristik-Vorschau ankündigt, der Buchhändler weiß nicht, in welches Regal er ihn stellt; und die Kritiker, die Texte in die Schubladen ihrer geistigen Hängeregistraturschränke einordnen wollen, können mit dem essayistischen Ich nichts anfangen, das von sich selbst erzählt, aber offenbar doch etwas Exemplarisches meint. Es gilt die metaphorischen Stecknadeln im www zufinden.

Wir leben, wenn man den gängigen Theorien glauben darf, in der Wissensgesellschaft.

Was ist eigentlich Wissen?

Unter dem Titel Über die Schulmeisterei kann man bei Michel de Montaigne lesen:

„Ich kenne einen, der, so oft ich ihn frage, ob er dies oder jenes weiß, ein Buch von mir verlangt, um es mir darin zu zeigen, und sich nicht getrauen würde, mir zu sagen, er habe die Krätze am Hintern, ohne auf der Stelle im Lexikon nachzuschlagen, was Krätze ist und was Hintern.“

Um zu verdeutlichen, was er sagen will, fügt Montaigne erläuternd hinzu:

„Wir nehmen die Gedanken und das Wissen anderer in Obhut, und das ist alles. – Wir müssen sie uns aber zu eigen machen.“

Diese Montaignesche Unterscheidung erscheint mir wegweisend: der Gegensatz zwischen totem Buchwissen und einer lebendigen, neue Informationen, Methoden und Perspektiven ins eigene Selbst– und Weltverstehen integrierenden Intelligenz. Was Wissen erst wirklich vital macht ist die Fähigkeit, selbständig mit ihm umzugehen.

Darum engagiert sich der Essayist nicht so sehr im Gewebe der Sprache, sondern am Webstuhl, in dem die Fäden zusammenfließen, um zu dem ‘Kultur’ genannten Gespräch verwoben zu werden. Das heißt, mit anderen Worten: der Essayist fühlt den Drang, oft und in vielen Medien, also intensiv und extensiv zu publizieren.

Vilém Flusser


In der Tradition Montaignes verstehen wir auf KUNO den Essay als Versuch, gibt diesem aber den naturwissenschaftlichen Sinn des Experiments, der experimentellen Versuchsanordnung und zugleich die existenzielle Bedeutung des Lebensexperiments und vertieft beides so ins Abgründige, daß aus dem Versuch sowohl die Versuchung wie der Versucher und das Versucherische sprechen. Welche labyrinthischen Gedankengänge bei diesem Auswahl– und Transformationsprozess durchlaufen werden, wie schnell ein brauchbarer Gedanke zu Abfall und Nebensächliches fruchttragend werden kann, beschrieben wir auf KUNO täglich bis zum Jahresende in unterschiedlichster Weise, indem wir die Korrespondenzen der eingereichten Essays zu den Klassikern aufzeigen. Jede Auswahl ist angreifbar. Entscheidend ist, ob sie aus sich selbst heraus eine Begründung findet.

Begleiter durchs Jahr

Theo Breuer

Wir finden im Dezember auf KUNO Essayisten, die uns über das Jahr hinweg begleitet haben. Michael Gratz, ein Gönner der Verschreibkunst, kündigte den Lyriker Theo Breuer auf der Seite lyrikzeitung in seiner Funktion als Essayist als THE Breuer an. Wir sind froh, daß dieser Kenner der deutschsprachigen Literatur bei kulturnotizen den ein oder anderen Essay publiziert hat. Das existenzielle Schreiben kann man bei The Breuer als moralische Selbstbehauptung beschreiben, wie sich auch z. B.  Michel de Montaignes Rückzug in sein offenes Projekt der »Essais« sieht. The Breuer trägt damit zur Ehrenrettung einer Gattung bei. Leitartikel sind nicht ohne. Schwieriger aber schon eine Kritik, ein historischer Aufsatz. Noch schwieriger eine Reportage. Dann kommen die Glossen, Kolumnen, das ist schon ziemliche Kunst. Der Zeitungskünste höchste aber ist: der Essay.

Warum?

Weil der Essay nichts erzählt und nichts bedenkt, weil er im Gegensatz zur Glosse oder Kolumne keine Pointe kennt und keine Moral von der G’schicht, weil der Autor in jeder Zeile gegenwärtig und doch am Ende zwischen den Zeilen verschwunden sein muss. Weil ein Essay ein textlicher Schwebezustand ist, ein vages Nichts, das exakt alles enthält: Leitartikel, Reportage, Kritik, historische Betrachtung. Ein Essay kann jede Materialschlacht wagen. Was ihn zusammenhält, ist nicht einmal ein roter Faden. Ihn stützen ein paar rote Punkte vielleicht und die Haltung, der Atem dessen, der spricht. So darf ein Essay alles, was er stilistisch trägt. Dieser Prozess, sein Geheimnis, aus intensiver Welt- und Selbstwahrnehmung einen Text im Tone völligen Unbeteiligtseins herzustellen, läßt sich auf keiner Journalistenschule lernen. Man schätzt The Breuer aus seinen essayistischen Monographien, aber erst hier auf KUNO lief er zur höggschden Form auf. Gerne weise ich daher abschließend noch einmal auf seinen fulminanten Essay Gedanken · Gänge · Sprünge hin.

Und das heißt wieder, dass der Essayist gegen das Getriebe jenes Apparates getrieben wird, das man die ‘Medien’ nennt, was ich metaphorisch ‘den Webstuhl der Kulturen’ nannte. Dieser Apparat, dessen Mühlen langsam, dafür aber unsicher mahlen, können den Essayisten entweder ausspeien oder zermahlen oder aber sie können ihm willkommene Grenzen setzen.

Vilém Flusser

Holger Benkel konzentriert sich in seinen Essays auf Personen, zumeist Schriftsteller und bildende Künstler. In seinen Essays beschreibt Benkel, wie sich Zeit und Identität im Lesen und Wiederlesen spiegeln, das Gelesene und Gesehene beeinflussen, wie das Gelesene und Gesehene immer wieder auch von den Umständen abhängt, unter denen es geschrieben wurde. Was den Essays von Benkel die Überzeugungskraft verleiht, ist die philosophische Anstrengung, denen er sein Material unterwirft, seine Texte zeigen, was der Fokus auf eine Fragestellung sichtbar machen kann, wie diese Konzentration aufdeckt, was dem Schreibenden selbst verborgen blieb, wohl wissend, daß die Fülle der Literatur, der Kunst und des Lebens eben darin liegen, nie alles wissen zu können.

Denken ohne Augenklappe

In Trans- können wir dem wilden, kompromisslosen Denken von Joachim Paul folgen. Dieses Buch zeigt Paul denkend und es zeigt auch, wie er denkt. Er richtet seine Aufmerksamkeit genau darauf, was dem Denken im Wege steht. Genauer: was das Denken überhaupt erst präsent macht. Paul entwickelt eine Medientheorie, die auf Kulturtechniken setzt: Medien, Netze und Maschinen schreiben mit an unserem Denken.  Wenn ein User nur unter einem Programm arbeitet, ist er regelgerechter Untertan. Pauls Reflexionen über Menschen, Medien, Netze und Maschinen sind eine Flaschenpost an die Zukunft.

Gerade unsere Zukunft braucht eine fundierte Herkunft

Im Dezember finden sich Schlüsseltexte in Bezug auf die Entwicklung des Essays. Diese Texte machen deutlich, wie seit der Aufklärung lang um Haltungen, Positionen, um das Spannungsfeld zwischen Authentizität und Künstlichkeit gerungen wurde. Die Haltung zu den Medien und zur technischen Welt ist nicht kritisch im herkömmlichen Sinn, sondern eher distanziert, oder anders gesagt: kontingent. Kritik baut immer schon darauf, dass die Welt so ist, wie sie ist, um auf ihre Fehler zu zeigen oder eine Veränderung zu fordern.

Ist Sampling nicht auch eine Form der Überlieferung?

Wenn das Bewußtsein des Historischen verschwindet, kehren die Gespenster der Geschichte zurück. Spirituelle oder mystische Eingebungen, obskure und irrationale Denkbilder mögen sich bestens mit der Heroisierung exzentrischer Künstler-Egos vertragen. Auf die Tatsache, dass wir in einer kontingenten Welt leben, gibt der eskapistische Rückzug in Innenwelten und Randgebiete des Wissens nur eine von mehreren möglichen, sozusagen kontingenten, Antworten – und keine besonders befriedigende. Das mag ein praktisches Problem sein, das die Essays zwar berührt, aber die künstlerische Position der beteiligten Autoren sogar stärkt.

Essays gegen das Verschwinden

Wenn ich nicht über mich selbst nachdenke, dann denke ich erst gar nicht nach. Innovationen verursachen bei mir immer dann Bauchgrimmen, wenn damit die Vernichtung von etwas kulturell Bewährtem oder gesellschaftlich Erprobtem einhergeht. Meine Arbeit auf KUNO ist eine Meditationen gegen das Verschwinden. Daß der Mainstream etwas als obsolet aussondert, nichts aus über dessen tatsächliche Bedeutung. Der Umstand, daß Dinge in der Vergangenheit mal von Belang waren, sollte ihnen allemal unsere Wertschätzung, zumindest als Archivalien, sichern. Die Kontingenz setzt sich über diese Beschränkung hinweg. Denn sie weiß, dass die Welt auch anders sein könnte oder vielleicht gar nicht so ist, wie sie allgemein scheint. Man kann eine Entwicklung feststellen, die in einem positiven Sinne von Naivität zu Abgeklärtheit führt, jede Phase hat ihre Höhepunkte gehabt, die sich stets durch einen intuitiv virtuosen Gebrauch von Sprache kennzeichnen. Um das abzubilden, wählten wir mehrheitlich bekannte Essayisten, zu denen sich jeder Leser kalibrieren kann.

Die Preisträger des KUNO Essay-Wettbewerbs 2013

Bei KUNO präsentieren wir Essays über den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu lösen ist zumal, zumal es sich bei den ausgezeichneten Autoren um Lyrikerinnen und Lyriker handelt. Die Jury hat sich nach intensiver Beratung als Preisträger für den KUNO-Essaypreis 2013 für Sophie Reyer, Christine Kappe und Jan Kuhlbrodt entschieden.

Essayistische Splitscreen–Technik

Sophie Reyer, Portrait von Konstantin Reyer

Sophie Reyer geht im Essay Referenzuniversum der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Sie gestaltet sich einen Allegorienaufmarsch mit Texteinheiten voller Schalk und Weisheit. Wie jede Schriftstellerin erschafft Reyer eine ganz eigene Wahrnehmung, eine Beobachtung, die sich sowohl aus dem kollektiven wie auch individuellen Bewußtsein speist. Die Generation um Reyer setzt auf die Intelligenz der Menge, auf die Selbstorganisation des Schwarms, auf die Macht derer, die sich selbst erkannt und aus freien Stücken miteinander verbunden haben. Es geht ihnen nicht mehr darum, dass die Einzelnen in einem grossen Ganzen vereinheitlicht werden und ihre eigenen Ideen, Geistesblitze und ihre Kreativität einem fertigen Weltbild unterordnen. Diese Generation kann viele werden und dabei Einzelne bleiben, die mit all ihrer Eigenständigkeit, Verrücktheit und mit ihrem individuellen Eigensinn dazu beitragen, die Idee einer Poesie immer wieder neu entstehen zu lassen. Reyer bricht die Idee vom objektiven Ich und vom subjektiven Ich auf und thematisiert in ihrer Poesie Verletztheit, es ist eine wohltuend unsentimentale Sichtweise auf die Welt und ihre Mechanik.

Gegenwartsliteratur läßt sich über ihre Gegenwärtigkeit definieren.

Christine Kappe, Fotograf: Ric Götting

Christine Kappe stellt die Frage: Findet das Heute überhaupt statt? Inspiriert durch den Literaturvermittler und gleichfalls findigen Essayisten Theo Breuer startete Kappe auf KUNO mit dem Essay Das Licht ist mein Thema, nicht der Himmel oder: Ilya Kabakov und das Licht auf meiner Posttour. Diese Autorin wartet in ihren Essays mit skurriler Metaphorik auf. Obzwar sie Sprachwissenschaft und Geschichte studierte, wurde sie nicht verbildet. Gute Autoren erkennt man daran, daß sie besser werden. Kappe exerziert auf lakonische und unterhaltsame Weise, wie ein neugieriges, zwanghaft sprachverliebtes Chamäleon Entfremdung, Fragmentierung und erneute Synthese betreibt. Ihre Essays haben die Tendenz das Ich und seinen Gegenstand zu entgrenzen und diese Entgrenzung sprachlich weiterzutreiben, sie miteinander und mit skurrilen Einzelheiten und Beobachtungen zu vermischen und einfallsreich in surreale Gebilde zu verwandeln. Diese Autorin ist eine wilde Denkerin im besten Sinne, allein schön wegen der größeren Textsammlung zu den Themen Nacht und Hannover hätte ihr dieser Preis gebührt. Auf die Knie ging die Jury jedoch vor der scheinbaren Einfachheit ihres preiswürdigen Essays und stimmt der Autorin vollauf zu Die Literatur wird parallel zu den neuen Medien weiterexistieren.

Der Essay bedarf keiner enzyklopädischen Stimmigkeit, seine Suggestivkraft erlaubt es, eine Pluralität von Partialwelten koexistieren zu lassen.

Jan Kuhlbrodt

Ganz im Sinne Montaignes wagt sich Jan Kuhlbrodt an einen Versuch über Ingold. Das Tastende dieses Vermittlers läßt sich durchweg in seinem Schreiben finden, etwa in seinem Langgedicht Stötzers Lied. Gesang vom Leben danach. Dieser Zyklus trägt viel Bewußtsein für die eigenen Quellen in sich, gelegentlich glaubt man das Faksimile-Knistern alter Amigaplatten zu hören. Sein Gedichtband enthält eine Vielstimmigkeit in der Einheit. Und es sind überwiegend Lyriker, denen sich Kuhlbrodt essayistisch widmet. Stoische Geringschätzung von Äußerlichkeiten, Kritik des Wissenschaftsaberglaubens und der menschlichen Überheblichkeit gegenüber anderen Naturgeschöpfen sowie Skepsis gegenüber jeglichen Dogmen kennzeichnen seine essayistischen Porträts. Seine trefflichsten Essays sind auch verkappte Selbstporträts. Dieser Außenseiter versteht problematischen Naturen. In den Details erkennt er die Eigenwilligkeiten. Für einen Autor, der vorgibt, die Literatur sei sein Lebensgefühl, ist das ein Triumph der Kritik über ihren Gegenstand.

Man interessierte sich weniger fürs Analytische als fürs Anekdotische, schreibt Kuhlbrodt etwa über die Jahre bei der Frankfurter AStA. Ebenso wie im „Schnecken­paradies“ interessiert sich der Autor auch in seinen Essays für beides: dafür, Anekdoten zu erzählen, ebenso wie dafür, die Umstände der Anekdoten und die Erinnerung an die Anekdoten zu analysieren. Kuhlbrodt überwindet die traditionelle deutsche Kritikfeindschaft, die schon Lessing beklagte zugunsten einer Kunstbetrachtung. Dabei überwiegt die Reflexion und Analyse deutlich, dies geschieht jedoch nie ohne Empathie.

* * *

Eine lobende Erwähnung geht ausdrücklich an Dennis Ulrich, Frederik Wolfgang Kloiber, Nicoleta Craita Ten’o und Lukas Wetzel, die bei der Jury ebenfalls in der engeren Auswahl standen, und deren Essays im Dezember gleichfalls auf KUNO in der Online-Anthologie präsentiert werden. Diese Autoren wurden mit einem Sonderpreis bedacht.

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