Referenzuniversum

20. Dezember 2013
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Der Historismus stellt das ,ewige’ Bild der Vergangenheit, der historische Materialist eine Erfahrung mit ihr, die einzig dasteht. Er überlässt es anderen, bei der Hure ,Es war einmal’ im Bordell des Historismus sich auszugeben. Er bleibt seiner Kräfte Herr: Manns genug, das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen.

Walter Benjamin

Versatzstücke, Fleckerlteppiche. Was war Kunstproduktion jemals anderes als eine Arbeit mit bereits vorgefundenem und in Geflechten neu verwobenem Material? Oder anders formuliert: Worin liegt das Eigene? Gibt es so etwas wie Eigenes denn überhaupt?

Wenn sich Lyrik von der Lyra herleitet, sind nicht Songwriter die Lyriker des 21. Jahrhunderts?

Diese Fragen stellen sich immer wieder aufs Neue, besonders in der Auseinandersetzung mit Kultur. Ja, auch mit der heutigen Popkultur. Kaum versteht es eine Rap- Gruppe der jüngsten Generation ähnlich gut wie das afrikanische Duo Die Antwoord, mit Zuschreibungen und Codes zu spielen, sie in textlichen und visuellen Fleckerteppichen neu zu verstricken. So handelt es sich bei Zef-Queen Yolandi VI$$ER, der Hauptfigur des verrückten Trios, um ein seltsames Hybridwesen, das sich wahlweise als Barbie, Lolita oder vampirzahnige Hexe im Plüschkostümchen zu präsentieren versteht.

Jeder Mensch hat zwei Seiten, und während ich im Clip das kleine Mädchen imitiere, kann ich im wahren Leben durchaus naughty sein.

Yolandi

Ihr männlicher Gegenpart Ninja (aka Watkin Tudor Jones) ist ein ausgemergelter, doppelt so großer Typ, der aussieht, als wäre er eben zum fünften Mal aus dem Gefängnis geflohen; sein hagerer Körper ist übersät mit Tatoos, er trägt ein Oberlippen-Bärtchen und Baggy Pants, die sogenannte Arschfresser-Hose, also alles à la Streetwear. Das vielschichtige Spiel der Gruppe mit Codes und Rollenentwürfen in Songtexten und Videos von der Zef Side ist offensichtlich. Kopiert und umgearbeitet werden Melodien, Texte und Posen bereits existierender Popsänger. Die Arbeit mit Fremdmaterial, das Zitieren, das Abschreiben und Weiterverweben, scheint also nach wie vor eine wichtige Herangehensweise zu sein, wenn es darum geht, Eigenes zu kreieren.

Wenn alles wiederverwertbar wird, hört die Literatur auf eine Geschichte zu sein?

Der Akt des Kopierens hat eine sehr lange Tradition. Demütige Haltungen einnehmend haben schon die mittelalterlichen Mönche Bibeltexte kopiert und mit kunstvollen Initialen geschmückt. Das Handwerk des Abschreibens musste mühsam eingeübt und schließlich beherrscht werden, bevor es an die eigene Textproduktion gehen konnte. Seit jeher also dient die Kopie den Menschen dazu, sich Kultur anzueignen. Doch was damals einen – oft lebenslangen und demütigen – Prozess des Rezipierens, Kopierens und Tradierens bedeutete, veränderte sich mit der Erfindung des Buchdrucks. Nun war Raum, Fleckerlteppiche aus bereis Vorhandenem zu kreieren. Man verwob gleich, man machte sich das Material zu eigen; der (scheinbar) stupide Akt der Kopie wurde nach und nach der Maschine überlassen. Demnach baute Walter Benjamin auf das Wesen der Collagen, der Zitate, und versprach sich durch diese eine Revolution in der Kunst: Die Tradierbarkeit würde seiner Meinung nach der Zitierbarkeit weichen. Und zitiert wird bei >Die Antwoord<  unendlich viel, etwa die Bilderwelten Keith Harings, die ethnographischen Studien des seit vielen Jahren in Südafrika lebende Fotografen Roger Ballen (mit dem es bei I Fink You Freaky zu einer Zusammenarbeit kam – Ballen wiederum bezieht sich auf Tod Brownings Freaks), und last not leat tritt in Fatty Boom Boom ein als Lady Gaga verkleideter Transvestit auf, was bei denen, die diesen gut geführten Seitenhieb verstehen und dekodieren können, Schaden-Freude auslöst, für die anderen Zuschauer aber zumindest ein netter visueller Nebeneffekt bleiben mag. Die Arbeiten, die Yolandi und Ninja im Netz zum Besten geben, werden von kleinen Kindern ähnlich geliebt wie von Intelektuellen. Woran mag das liegen? Hat es mit der Art und Weise zu tun, wie die Codes miteinander vermischt, nebeneinander positioniert werden?

Bergwerk der Bilder. Bild und Schrift begleitet die Menschheit seit nahezu siebentausend Jahren und war stets mehr als ein transkribierter, in Zeichen übersetzter Sprechakt.

A.J. Weigoni (aus Cyberspasz)

In jeden Fall sind die Bildkompositionen pointiert, mit Gegensätzen wird gespielt: Als altes Verbrecher-Paar dazu verdammt, gemeinsam ihrer Wege zu rollen, müssen Ninja und Yolandi in Umshimi-Wam mit Rollstühlen als eine Art Bonnie und Clyde durch die Landstraßen Afrikas ziehen; zwischen heftigem Blutvergießen und einigen Versuchen, einander tot zu prügeln blicken sie jedoch  händchenhaltend den Sternenhimmel an und beten zu Gott. Die Videos präsentieren Verbrecher, Zahnlose, Randgruppen, gleichsam in ihrer Abgründigkeit wie in ihrer Zerbrechlichkeit. Das Modewort Gender greift zu kurz, Unterschiede von Geschlecht und Rasse werden aufgelöst. Das blonde Mädchen malt seinen Körper schwarz an. Mit Schimpfwörtern wie Fokken und  Faggott wird um sich geworfen, wo doch der DJ der Gruppe selbst laut eigener Aussage schwul ist. Die Zitate und Bilder werden nebeneinander gestellt, der Widerspruch bleibt bestehen.

Doch wo liegt auch in dieser Mehrschichtigkeit das Eigene? Besteht das Eigene nur noch in der Anordnung, der Varianz bereits existierender Bilder?

So wie manche Bücher hauptsächlich aus Fremdmaterial und Zitaten bestehen – Roland Barthes Fragmente einer Sprache der Liebe sei hier als ein Beispiel genannt – setzen sich die Videos und Songtexte von >Die Antwoord< und das Buch aus (Ideal)Bildern zusammen. Diese Art des Flickens gibt es aber nicht nur in der Philosophie, der Literatur sowie der  Popkultur, sondern auch in der neuen Musik. So übernimmt Morton Feldman in coptic light die Struktur persischer Teppiche und übersetzt diese in vielschichtige Orchesterklänge. Das Schönste an diesen Teppichen ist meiner Meinung nach übrigens, dass sie alle einen Fehler haben, eine bewusst hinein genähte Verschiebung, denn- so der Islam: “nur Gott ist perfekt”. Abermals führt uns diese Drehung hin zur Göttlichkeit, zur Thematisierung oder auch Beschwörung einer höheren Entität. Wo ist nun jedoch, wenn wir mit Textstellen arbeiten, als wären sie Versatzstücke, eigentlich noch diese Demut, in der sich die mittelalterlichen Mönche so vehement zu üben versuchten?

Wir betreiben ein leichtsinniges Copy and Waste-Dasein, basteln uns aus Fleckerln unsere Texte zusammen, aber haben wir auch die Ursprünge und Kontexte unserer Materialien penetriert?

Wikipedia-Informationen werden rasch übernommen, unkritisch in Eigenes eingewoben. Man kann sich heute seine Texte ähnlich zusammenbasteln wie in manchen Kneipen seine Pizza. Kennen sie nicht auch diese Zettelchen zum Ankreuzen?

Ich hätte gern: Mais, Salami, Käse.

Ich hätte gern: Plüschpelz, Augen an den Brüsten, Mäuse, Vampirzähne, Lolita-Kostümchen, einmal tote Mäuse und zehnmal Schwerverbrecher, bitte. Doch so einfach ist es dann doch nicht, denn der Künstler selbst ist schließlich auch der Koch, muss die Dosierung der vorhandenen Materialen bestimmen und aus diesen eine Form heraus schälen. Hat man ein Ohr für die Sprache seines Materials, so wird einem dieses immer einiges vorsingen, und man muss – ja, in gewissem Sinne auch wie die Mönche – demütig sein und dessen Wünschen folgen.

Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.

Thomas Morus

Ein reflexiver Umgang mit Tradition ist wichtig, wenn Kunst mehr sein soll als Reproduktion des bereits Gesagten; jedoch ganz im Sinne Gustav Mahlers Zitatvariation: Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche. Handelt es sich aber bei zeitgenössischen, reflektierten Kunstprodukten immer um – mehr oder weniger sprühende- Feuerwerke aus Fleckerklteppichen?

>Die Antwoord< ist einfach eine andere Form über das neue ›Andere‹ zu texten.

Feuer hat jedenfalls das Rap-Duo >Die Antwoord< – wenn es die vorhandenen Codes und Bilder oft auch eher ausstellt als penetriert und umarbeitet-  mehr als genug, das muss man ihm lassen. Nicht umsonst heißt einer ihrer bekannten Hits auch Baby´s on Fire. Und dass Yolandi und Ninja sich zumindest in Ansätzen kritisch mit Bildern, Zuschreibungen und Rollenentwürfen, ja sogar mit der Geschlechtlichkeit selbst – denn in deren Song Evil Boy geht es um einen neuen Entwurf von Männlichkeit jenseits bereits bekannter Vorstellungen und Ideen – auseinander setzen, wenn sie diese auch nicht dezidiert auf ihren geschichtlichen Kontext hin abklopfen, mag ihnen angerechnet werden. Unter Erhabenheitskitsch fallen deren Arbeiten auf jeden Fall nicht. Auch sind die Bilder zu vielschichtig und die Ästhetik des Hässlichen zu krass auf die Spitze getrieben, als dass dem Betrachter eine Ideologie übergestülpt werden könnte. Jede Form von Ideologie stößt ja  relativ schnell an ihre Grenzen, da sich Ideologien immer in gewissen Rahmen bewegen. Insofern ist meiner Meinung nach die Entfernung der Kunst von der Religion eine große Stärke und Freiheit für alle schöpferischen Menschen. Also doch: Weg vom mönchischen Dasein?

>Die Antwoord< ist in erster Linie ein Spiel mit Trash, ein Herausstellen des Kontrasts zwischen Alltag und Kunstprodukt.

Was >Die Antwoord< betrifft, so wird hier jede Form von Idealisierung sofort wieder ironisiert und jede Ästhetisierung schwappt in ihr Gegenteil über, wenn sie nicht durch eine zweite Ebene konterkariert wird. Ein spannendes Fensterchen im derzeit vorherrschenden Einheitsbrei der Popkultur, wenn es auch in seinem Rahmen bleibt.

Eine Ironie der Technik, die Walter Benjamin in seinem berühmten Kunstwerkaufsatz nicht erahnen konnte: Das Reproduzierte läuft dem Original den Rang ab. Zugleich aber müssen die Artisten feststellen, daß Zeichen unterschiedlich gelesen werden.

Ein Problem unserer Generation, der so viel an Material zur Reproduktion und Neuverwebung zur Verfügung steht, könnte freilich die Angst sein: Wir werden dermaßen überrollt von Datenmengen und Möglichkeiten, dass die Frage nach der Wahrheit umso existentieller zu sein scheint. So boomen Verschwörungstheorien, wird der Zweifel am Realitätsgehalt dessen, was uns präsentiert wird, umso größer. Diese Überforderung und der damit einhergehende Wunsch nach Wahrheit ist selbstverständlich gut nachvollziehbar. Dennoch muss sich der Künstler dem Konvolut an Material und Information meiner Meinung nach aussetzen, sich von der Vielschichtigkeit der Welt und dem (Fakten)-Reichtum eher kitzeln als einschüchtern lassen. Wahrheitsfindung kann ein kreativer Akt sein, bei dem es nicht mehr um eine Antwort gehen muss, sondern die Suchbewegung an sich Freude bringt. Angst jedenfalls scheinen unsere beiden Rapper ja nicht sonderlich zu haben, sie versuchen zwar, Angst zu machen, aber auch das bleibt stets in einem Rahmen, der einen eher zum Lächeln als zum Schaudern bringt. Wer aber sucht, macht sich freilich auch verletzlich.

Südafrika erscheint in den Videos von >Die Antwoord< als eine bessere Welt als die unsrige, weil dort Kategorien wie Hautfarbe und Gender nichts wert sind und wir dort allesamt gleichermassen zu Freaks werden.

Wer sucht, hat noch keine Antworten. >Die Antwoord< gibt vor, die Antwort auf alles zu haben. In dieser überhöhten Form der Ironisierung schwappt alles wieder in eine Suchbewegung über. Wer sucht, weiß nichts, ist offen und durchlässig. Und bedürftig. Diese Verwundbarkeit ermöglicht es uns, Erfahrungen zu machen, Neuland zu betreten. Dass Leben immer lebensgefährlich ist, nicht nur wenn man Yolandi oder Ninja heißt und mit Pistolen in den Slums Südafrikas herum rollt, bleibt natürlich eine basale Erkenntnis. Rumi meinte, ein Mensch könne nur majestätisch werden, wenn er seine eigene Zerbrechlichkeit kennt. Womit wir auch gleich ein weiteres Zitat eingewoben hätten. Was die Zerbrechlichkeit betrifft, so schließt sich hier wieder der Kreis zur Demut. Demut hat mit Mut zu tun, mit Sich-Zumuten. Wenn Pop eine Zumutung im positiven Sinne ist, kann Pop zur Kunst werden. Und wenn Kunst nicht auch Zumutung ist, wo bleibt dann bitte ihre erschütternde Kraft? Denn eines steht fest: „Kunst muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Reprogram your mind.

***

Dieser Essay wurde ausgezeichnet mit dem KUNO-Essaypreis 2013. Die Begründung findet sich hier.

I Fink You Freeky, Roger Ballen und Die Antwoord, Prestel, Gebundenes Buch, Pappband, 128 Seiten, 24×28, 45 s/w Abbildungen – 
ISBN: 978-3-7913-4860-5
€ 29,95

KUNO würdigte dieses Buch. Ein Kollegengespräch zwischen Sophie Reyer und A.J. Weigoni findet sich hier. Ein KUNO-Porträt von Sophie Reyer findet sich hier.

PS: JEEZIZ OU! CHILL NET N BIETJIE FOKKEN UIT!

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