Das Licht ist mein Thema, nicht der Himmel oder: Ilya Kabakov und das Licht auf meiner Posttour

30. März 2012
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Für Theo Breuer zum Geburtstag am 30. März 2012

Himmel

himmel – ein widriges wort, sagst Du in einem Gedicht, und ich habe meine ›Versuche über den Himmel‹ erstmal aufgegeben, als ich merke, dass das Licht, das aus ihm dieser Tage hervorbricht, viel interessanter ist. Heute beginne ich mit einer Vertretungstour auf der in der Nord-Süd-Achse ausgerichteten Sallstraße, fange ohne Mütze an, kein Schatten, Hochnebel, dann, ungefähr ab Nummer 25, halte ich’s nicht mehr aus, da hilft auch nicht der Gedanke, dass es nachher wärmer wird, ich setze die Mütze auf, und setze sie erst wieder ab, als ich auf der gegenüberliegenden Seite schon wieder fast am südlichen Ende bin. Inzwischen scheint mir die Sonne geradewegs in den Kopf, wenn das Licht so blendet, fühle ich mich auf mich selbst zurückgeworfen, einsam. Das ist besonders absurd, weil um diese Uhrzeit die Sallstraße in Hannover geradezu pulsiert vor Leben, die Bushaltestellen sieht man vor Menschen nicht, Schulkinder treten sich heimwärts, kein Geschäft, das jetzt noch oder schon wieder geschlossen hat, die Autos stehen lange an den Kreuzungen, aus den Seitenstraßen eilen die letzten Langschläfer zum Bäcker … und ich denke nur daran, endlich in die Geibelstraße abzubiegen … doch halt, Sall 88, hier wohnt die Mutter einer Freundin meines Sohnes, die ist immer da, da brauche ich nicht überall zu klingeln, und die hat bestimmt Zeit für ein Schwätzchen, und ich denke bei ihrer vollbusigen, riesenhaften Erscheinung jedes Mal, ich wär noch ein Kind.

So eine Mutter möchte ich auch haben. So eine Mami-Mutter, die immer Zeit hat, uns in die Schule bringt und alle anderen Eltern und Kinder kennt, und alle Lehrer und alle Probleme, und für alle ein offenes Ohr hat und ein Wort, alle brauchen wir Mütter und Frauen, auch wir Frauen und Mütter. Zuhause verkommt ja alles. Macht ja keiner mehr: den Haushalt, den Einkauf, den Wochenputz, die Wäsche. Wir haben ja alle kein Zuhause mehr, nur irgendwelche chaotischen Wohnhöhlen, schwarze Löcher …

Angekommen

Jetzt bin ich wieder im Leben angekommen, habe etwas Wärme und Normalität aufgetankt, und nun ab in die Geibel, denn letzten Endes sind nur die Straßen mit West-Ost-Ausrichtung um diese Jahreszeit wirklich warm, und zwar auf der Südseite. Die Nordseite ist eine komplett andere Welt, da dauert der Winter, zumindest hierzulande, ein Dreivierteljahr. Eigentlich also zerschneidet die Sonne nicht die Sallstraße, sondern die Geibelstraße …

Auch der Nacht-Tag- (also: Zeitung-Post-) Unterschied ist hier größer. Erkenne die Häuser kaum wieder. Solche, in denen man morgens um 4 locker die Zeitungen auf der Treppe ablegen kann, entwickeln sich bei der Briefzustellung zu grausamen Türmen ohne Briefkastenanlage, mit ausladenden alten Treppenhäusern, in denen man ein Theaterstück aufführen könnte. In der 62. Eine Frau im Unterhemd (!) öffnet. Ich sage, zu wem ich will. „Die sind nicht da“, mit einer Bestimmtheit, dass ich schon wieder umkehren will. Aber es ist ja bloß ein Einwurfeinschreiben. Ich muss also hoch.

Meines Vaters Haus

Wusste nicht, wie lang die Geibel ist, bis Geibelplatz natürlich (da schließen sich Straßenzüge, Wissenslücken in meinem Kopf, so begreife ich diese Stadt jeden Tag ein Stückchen mehr). Das Hochhaus am Geibelplatz (Glück auf steht davor, eingepflastert, von den Nazis oder deren Vorgängern), ich komme drauf zu, es sieht mit seinen Ausläufern nach links und rechts aus wie eine Krake. Ich muss an ein Werk Ilya Kabakovs denken: Meines Vaters Haus. Es ist das Modell eines klassizistischen, langgezogenen Eckhauses. Bei längerer Betrachtung kann man die Form eines Wolfskopfs erkennen; die Form soll nicht nur veranschaulichen, wie der Charakters seines einzigen Bewohners beschaffen ist, sondern auch extra für ihn funktionieren: Die einzige Tür befindet sich in der Schnauze, aus langen Fluren, in denen ein Fenster dem anderen folgt, in Richtung der Ohren lässt sich jeder Besucher schon von weitem beobachten, natürlich auch aus dem Hinterkopf, auf der Schnauze ist eine Dachterrasse.

Krake

Und was mag das für ein Mensch sein, der in einer Krake wohnt, überlege ich, während ich die Außenbriefkästen auf dem letzten Stück Geibel mit Post füttere. Auch von dem 8-stöckigen Hochhaus aus heimischem rotem Sandstein kann man nach allen vier Seiten weithin Ausschau halten; gleich mehrere Straßen führen sternenförmig auf das Hochhaus und den davorliegenden Platz. Aber anders als beim Wolf ist der Besucher hier gleich gefangen, in den Armen gefangen, in den Fängen, bedroht von den gestutzten Bäumen des viereckigen Platzes, die Fäusten ähneln.

Auf den Maler Ilya Kabakov wurde ich 1993 aufmerksam. Ich fand ein Buch von ihm in einem Antiquariat am Aegi. Ein heißer Sommer, frisch verliebt, Gewitter, Ausflug aufs Land, Fliegen. Das Buch war dabei. Das passte. Es trug den Titel Das Leben der Fliegen und enthielt ein Interview, Texte und Skizzen zu den Fliegen-Installationen des Künstlers auf Russisch, Englisch und Deutsch. Ich lernte gerade Russisch und beschäftigte mich mit der Geschichte der Sowjetunion, für Kunst interessierte ich mich schon immer, und so war das Buch für mich eine tolle Erdeckung. Ich sah eine Ausstellung von Kabakov in Berlin, fast zehn Jahre später eine in Hannover.

Fenster

In Berlin ging ich durch die berühmten Installationen, deren Konzepte ich nur aus dem Buch kannte. Diese Räume eröffnen gesellschaftskritische, philosophische, religiöse Dimensionen. (Insektenvölker entwickeln bekanntlich eine über sie hinausweisende Intelligenz. Aber Kabakov geht noch weiter: Mit seiner Deutung des Weiß als Unendlichkeit, nicht mehr Begreifbarem …) Die neueren Bilder sind technisch eher klassisch, gewichtig, vielschichtig: Da gehen Fenster auf in andere Welten, andere Zeiten, andere Gesellschaftssysteme, Kindheitserinnerungen. Das funktioniert über verschiedene Helligkeitsstufen, Lichteinfälle, Bildachsen. Die riesigen Werke sind zwar insgesamt eher dunkel, aber durch die Erinnerungsstücke fällt Licht oder Nebel.

Und hier komme ich wieder auf meiner Straße an, genaugenommen am Ende meiner Tour, am Sallplatz. Der Hochnebel ist verschwunden, das Licht hat an Weiß verloren, an Farbe gewonnen. Weiter unten am Berta-von-Suttner-Platz leuchten Blüten, die eine neue Zeit andeuten. Ich muss nur aufpassen, denn solange die Bäume noch kein schützendes Laub haben, bekomme ich leicht Migräne von dieser Helligkeit.

Die Ausstellung Ilya Kabakov · Eine Rückkehr zur Malerei ist noch bis 29. April 2012 im Sprengelmuseum Hannover zu sehen.

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Im Rückspiegel

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