Gezeitengespräch 9

Vorbemerkung der Redaktion: In diesem Jahr machen wir das vergriffene Gezeitengespräch von Haimo Hieronymus und Karl Hosse auf KUNO recherchierbar.

 

Zeitnah: Ja, die Mütter, unsere Mütter und deren Mütter, immer hängt es doch wieder an ihnen. Die Bilder im Kopf kommen von den Müttern. Ha, hereingefallen, das stimmt so nicht. Mütter. Mama, nie wäre ich darauf gekommen, sie Mutter zu nennen. Sie hat beschützt, ja, aber für die Informationen war der Vater zuständig, Papa. Hatte eine harte Hand. Das ist völlig unromantisch, wenn man sich nach seinem Verständnis sehnt. Immer dann hoffe ich, es anders zu machen. Die Bilder, lieber Zeitfern, sind da, sie wollen heraus. Auf das Papier. Und ich stehe da und sehe, die weiße Oberfläche, die sich nicht rühren will.

Zeitfern: Ich gehe auf dieser weißen Oberfläche, die sich nicht rühren will, wie immer beim Hexenkreis gehen, und plötzlich stehst du vor mir, als Stier ohne Hörner. Eine Sphäre, weißes Rauschen. Ein Orakel sagt: Alles Liebenswerte wird am besten in der Nacht herausgefunden. (Peter Handke)

Zeitnah (zeitfern nicht, aber zeitnah?): Ohne Hörner wohl und doch gehörnt, ja. Und das weiße Rauschen, das echte Rauschen, das mich betäubt, jede Nacht, wenn die hölzerne Brücke aufgesucht wird. Und manchmal mit Glück eine hauchdünne Mondsichel, die poetisch den Himmel einschneidet, die Tüpfel der Sterne. Ja, das sind die Löcher in unserer Leinwand, die den Unterschied ausmachen. Zwischen dem Zwang zum Hübschen und der ernsthaften Befragung von Echtem. Schönheit, die nicht im sanften Übergang der bläulichen Töne und in nichtssagenden Zeichen besteht. Das Greifen in die Vollen und austesten, was passieren wird und das bildliche Scheitern impliziert. —————So. Und die Fragen.

Zeitfern: Warum ist ein Lagerfeuer so prägend für das Leben?

Zeitnah (jetzt hier): Warum können wir uns dem Anblick des Wassers nicht entziehen?

Zeitfern: Warum haben wir einen blinden Fleck?

Zeitfern: Warum reden wir? Wir haben doch Hände.

Zeitnah (jetzt dort): Wie sehen wir?

Zeitfern: Warum sehe ich Gräben, wenn alles glatt ist?

Zeitnah (jetzt): Wann kann ich die Wellen wahrnehmen?

Zeitnah (itzo): Warum fragen wir sehend und sehen fragend?

Zeitnah (itzund): Wann können wir uns freuen?

Zeitfern: Was sind Kinder im Leben?

(Wir gehen in das Publikum, fragen, welche Fragen sie haben. Wir setzen uns in das Publikum. Mikrophon herumreichen.)

Zeitfern:   Habe heute gelesen, ein Opa soll mit seinen Enkeln irgendwo ein Feuer machen. Was essen. Holz sammeln. Etwas erzählen. Wenn er sein Handy aus der Hand legt. Früher hatte Feuer tiefen Reiz. Bin verunsichert, erfülle ich ein Klischee? Oder soll ich Knöpfe drücken?

Zeitnah (jetzt und hier): Habe heute mit meinem Sohn ein Feuer gemacht, das war gut! Stimmt es wirklich, dass alles zusammen hängt?

 

 

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Gezeitengespräch von Haimo Hieronymus und Karl Hosse in der Edition Das Labor, Neheim 2014

Weiterführend

Eine Einführung zum Projekt Gezeitengespräch findet sich hier. Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Künstlerbücher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der Büchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421