MATRIX 28 ∙ Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker

Gegen das Vergessen

2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als übergreifendes Motto für alle Literatur und Kunst lesen kann. Im Mai 2012 erscheint Matrix, die Zeitschrift für Literatur und Kunst, zum 27. Mal, diesmal, nach Schwerpunktausgaben zu, beispielsweise, Herta Müller in Matrix 18, sorbischer Literatur in Matrix 24 (ediert von Róža Domašcyna) oder Thomas Bernhard in Matrix 25, mit einem Schwerpunkt zu Wjatscheslaw Kuprijanow.

Wie im Rausch

Delimra Agustini ∙ Kerstin Becker ∙ Hans Bender ∙ Manfred Chobot ∙ Daniela Danz ∙ Rita Dove ∙ Rodica Draghincescu ∙ Kurt Drawert ∙ Werner Dürrson ∙ Juri Elperin ∙ Gerald Fiebig ∙ Klaus Gasseleder ∙ Harald Gröhler ∙  Franz Hodjak ∙ Myriam Keil ∙ Jan Koneffke ∙ Birgit Kreipe ∙ Günter Kunert ∙ Johann Lippet ∙ Dieter P. Meier-Lenz ∙ Kito Lorenc · Herta Müller ∙ Andreas Noga ∙ Eugene O’Connell ∙ Paul Pistea ∙ Said ∙ Arne Rautenberg ∙ Sophie Reyer ∙ Peter Rühmkorf, Horst Samson ∙ Walle Sayer ∙ André Schinkel ∙ Dieter Schlesak ∙ Armin Steigenberger ∙ William Totok ∙ Gerald Uhlig ∙ Fred Viebahn ∙ Rainer Wedler ∙ Maximilian Zander ∙ Michael Zoch gehören zu den Autoren, die bislang im Pop Verlag ihre Visitenkarte in Form von Gedicht, Gespräch, Erzählung, Essay, Buchbesprechung und anderen Texten abgegeben haben. Mit wachem Blick sichtet Verleger und Herausgeber Traian Pop, redaktionell besonders tatkräftig unterstützt von Francisca Ricinski (die, darüber hinaus, regelmäßig umfassende Gespräche − mit Thomas Lehr, Peter Rühmkorf, Gerald Uhlig u.a. – beisteuert, die Matrix immer wieder bereichern), das literarische und künstlerische Geschehen – grundsätzlich offen für Wort und Bild auf der ganzen Welt. Als im Banat aufgewachsener Rumäne gelten besondere Interessen naturgemäß auch der rumänischen und rumäniendeutschen Literatur, und so gehören Texte von Autoren wie Ioan Flora oder Francisca Ricinski bzw. Johann Lippet oder Horst Samson nicht nur zum Repertoire von Matrix, sondern selbstverständlich auch des lebendigen Buchprogramms, das in verschiedenen Reihen seit 2003 im Pop Verlag erscheint und bereits eine ziemliche Reihe origineller und wichtiger Bücher herausgebracht hat. So lese ich jüngst – wie im Rausch – Johann Lippets im Querformat gesetztes (im Frühling 2012 publiziertes) Gedichtbuch Tuchfühlung im Papierkorb, das ich als außerordentliche Lektüre erlebe.

Friederike Mayröcker ∙ Hans Bender

Nachdem ich seit 2006 gelegentlich Gedichte und Essays in Matrix veröffentlichte, forderte Verleger Pop mich vor einiger Zeit auf, Schwerpunktausgaben zu Friederike Mayröcker (für Matrix 28) und Hans Bender (Matrix 29) vorzubereiten. Nichts lieber als das, war die Antwort, und die Ergebnisse werden im Juni/Juli bzw. August/September das Licht der Öffentlichkeit erblicken.

Atmendes Alphabet

© Wolfgang H. Wögerer (Wien · Austria · 1974)

 Mehr als 77 Autoren, Freunde, Herausgeber, Künstler, Übersetzer der Jahrgänge 1919 bis 1987 – aus dem deutschen Sprachraum und darüber hinaus – bereichern mit Aufzeichnung, Bild, Buchbesprechung, Essay, Gedicht, Gespräch, Lobrede, Notiz, Prosa (usw.) die der Dichterin Friederike Mayröcker gewidmete 28. Ausgabe von Matrix. Um die zahlreichen Gedichte Friederike Mayröckers scharen sich als atmendes Alphabet die Wörter und Bilder von Ilse Aichinger ∙ Dato Barbakadse ∙ Maja-Maria Becker ∙ Hans Bender ∙ Theo Breuer ∙ Andrea Brincker ∙ Peter Clar ∙ Crauss. ∙ Michael Donhauser ∙ Richard Dove ∙ Jutta Dornheim ∙ Ulrike Draesner ∙ Elke Erb ∙ Susanne Eules ∙ Christel Fallenstein ∙ Matthias Fallenstein ∙ Marcell Feldberg ∙ Ingrid Fichtner ∙ Johannes CS Frank ∙ Zsuzsanna Gahse ∙ Chana Galvagni ∙ Andrea Grill ∙ Karl-Friedrich Hacker ∙ Bernadette Haller ∙ Michael Hammerschmid ∙ Bodo Hell ∙ Friedrich Hölderlin ∙ Semier Insayif  ∙ Gerhard Jaschke ∙ Udo Kawasser ∙ Katharina Kaps ∙ Odile Kennel ∙ Marie-Thérèse Kerschbaumer ∙ Ilse Kilic ∙ Claudia Klučarić ∙ Sirkka Knuuttila ∙ Simone Kornappel ∙ Axel Kutsch ∙ Augusta Laar ∙ Alma Larsen ∙ Aurelie Le Née ∙ Michael Lentz ∙ Swantje Lichtenstein ∙ Silke Markefka ∙ Friederike Mayröcker ∙ Novalis ∙ José F. A. Oliver ∙ Elisabeth Pein ∙ Kevin Perryman ∙ Peter Pessl ∙ Judith Pfeifer ∙ Marion Poschmann ∙ Andreas Quirinus-Born ∙ Ilma Rakusa ∙ Sophie Reyer ∙ Francisca Ricinski ∙ Elisabeth Samsonow ∙ Julia Schiff  ∙ Matthias Schmidt  ∙ Norbert Schneider ∙ Vroni Schwegler ∙ Jan Skudlarek ∙ Marion Steinfellner ∙ Ginka Steinwachs ∙ Marlene Streeruwitz ∙ Ulrich Tarlatt ∙ Yoko Tawada ∙ Liesl Ujvary ∙ Anja Utler ∙ Anatol Vitouch ∙ Mikael Vogel ∙ Nikolai Vogel ∙ Jürgen Völkert-Marten ∙ Linde Waber ∙ Peter Weibel ∙ A. J. Weigoni ∙ Fritz Widhalm ∙ Herbert J. Wimmer ∙ Gisela von Wysocki ∙ Berto Xenien-Heuer ∙ Barbara Yurtdas ∙ Christiane Zintzen.

Bettlerin des Wortes

Bereits in Matrix 24 (2/2011) versuche ich im Essay ich bin 1 Bettlerin des Wortes · Notizen zu Friederike Mayröckers Werk nach 2000 aufzuzeigen, in welch rasantem Tempo Friederike Mayröcker nach 2000 durch die Kurven von Sprache und Wörtern braust. Die leidenschaftli­che Leichtigkeit, die ich bei der Lektüre von Mayröckers zwischen Berauschung und Melancholie, Mnemosyne und Traum, Eros und Thanatos schwingender Lyrik und Prosa empfinde, ist gleichsam atemberaubend:

Zurück vom rundweg ›himmli­schen‹ Gang durch weißen, schweigenden Wald mit ›un­heimlich‹ wirkenden Fernblicken, bei dem uns das allu­sionäre · bildstarke · cha­rismatische · katachretische · liebetemperamentwunderwortklangvolle · sinnli­che · synästhetische · strahlende · tränenechoreiche · wilde · zarte · tagtäglich fortge­schriebne Lyrikprosale­benswerk von Friederike May­rö­cker begleitet, in de­m ich, zu­hause mich fühlend wie Family Vogel in dem Nest, das sie seit Jahren im Kie­ferhausbaum be­wohnt, unent­wegt am liebs­ten lesen wollte, greif ich erneut nach dem Buch, zu dem ich mich, vom ersten Moment an, so heftig hingezo­gen fühle. Friede­rike Mayröckers dieses Jäck­­chen (nämlich) des Vo­gel Greif überragt alle von mir gelesenen Lyriktitel des guten Jahr­gangs 2009 dermaßen, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für die­ses große, lebendige Buch. Ich gehe in diesem Augenblick des Schreibens noch einen Schritt weiter und benenne dieses Jäckchen (näm­lich) des Vogel Greif als das mich am meisten begeisternde unter den von mir zur Kenntnis genommenen Gedicht­büchern im deutschen Sprachraum nach 2000. Bei jeder Ge­legen­heit wiederhole ich gern: Friederike Mayrö­cker (Man müszte wenigs­tens zwei­hundert Jahre alt werden): spätes­tens seit 1999 ein lyri­scher Liebling …

Lange noch nicht am Ende

In einem neuen Essay – Überschwemmt, die Lust am Taumel –, der mein Beitrag zur Friede­rike-Mayröcker-Edition in Matrix 28 sein wird, werfe ich, exemplarisch, den einen oder ande­ren Blick auf das gesamte Werk, dessen Lyrik- und Prosabücher zusammengenommen einem Füllhorn gleichen, von dem wir wissen, daß es wortwörtlich unerschöpflich ist: Ich habe in den vergangenen Monaten erneut Buch um Buch der Mayröcker gelesen und bin lange noch nicht am Ende:

Ich lese · denke · danke · schreibe · schweige, während drauszen der Sturm / während mein Herz sich bäumt wie die Büsche am Hang, lausche den Wörtern der Friederike Mayröcker (die sich, zerzauste Stimmchen, zu Or­ten und: ›Worten‹ wandeln), und Bensch fragt: Willst du auch das letzte Rätsel dieses dich gleichsam ›unend­lich‹ an May­röckers Dich­tung Fas­zinie­renden lösen? (Ulrike Draesner nennt es »das eisenharte, weiche may­röckersche Schreiben«.) Einfach, klar, unmittelbar, ulti­mativ kommt die Antwort: Nein, nein, nein, ich will es nicht. Und höre Joseph Con­rad souf­flieren: »The power of sound has always been greater than the power of sense.«

Querschnitt

In Matrix 28: das vierbeinige, gleichsam doppelt gestrichene ›m‹ von Karl-Friedrich Hacker

Dem Pop Verlag in Ludwigsburg ist für das großzügige Angebot zu danken, diese rund um die Gedichte von Friederike Mayröcker angelegte Sammlung von Wörtern und Bildern als Querschnitt zeitgenössischen künstlerisch-literarischen Schaffens mit tatkräftiger Unterstützung von Christel Fallenstein edieren zu können. Allen, die wie auch immer an dieser Edition von Matrix be­teiligt sind, ist zu wünschen, daß sich demnächst viele Leser einfinden, die mit Freude und Vergnügen die Besichtigung eines für Friederike Mayröcker, die 2012 das 88. Lebensjahr vollendet, geschöpften Sprachkunstwerks in der 28. Aus­gabe von Matrix erleben wollen.

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Matrix 28

© Matrice.svg 2009

Der Matrix-Zug mit Lokführer Pop ist mit Volldampf unterwegs zu den Lesern: horizontal wie vertikal. Matrix 28 ist am 20. Juni 2012 erschienen. Der Preis der 294 Seiten umfassenden Ausgabe (davon sind 254 Seiten dem rund um mehr als ein Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker angelegten atmenden Alphabet gewidmet, in dem kein Buchstabe ausgelassen wird) beträgt, man reibe sich ruhig die Augen, es ist kein Druckfehler: 10,00 EUR. Ab sofort freut sich Traian Pop, der Verleger des POP Verlags in Ludwigsburg, auf Bestellunge.

 

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Weiterführend Ein Essay über den Lyrikvermittler Theo Breuer.

Poesie zählt für KUNO zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen der Kultur

Poesie zählt für KUNO zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte Wolfgang Schlott dieses  post-dadaistische Manifest. Warum Lyrik wieder in die Zeitungen gehört begründete Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualität verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders Essay über Lyrik und ein Rückblick auf den Lyrik-Katalog Bundesrepublik. KUNO schätzt den minutiösen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne … und Schwerkraft. Gedanken über das lyrische Schreiben. Lesen Sie ein Porträt über die interdisziplinäre Tätigkeit von Angelika Janz, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier, ein Essay fasst das transmediale ProjektWortspielhallezusammen. Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel über André Schinkel, Ralph PordzikFriederike Mayröcker, Werner Weimar-Mazur, Peter Engstler, Birgitt Lieberwirth, Linda Vilhjálmsdóttir, und A.J. Weigoni. Lesenswert auch die Gratulation von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von Ines Hagemeyer. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von V.O. Stomps, dem Klassiker des Andersseins, dem Bottroper Literaturrocker „Biby“ Wintjes und Hadayatullah Hübsch, dem Urvater des Social-Beat, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen für Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur diesem Hinweis zu folgen.