Schlagwort: Francisca Ricinski

Wundprotokolle ∙ Revisited

Die Wundprotokolle sind für mich ein großer Wurf deutscher Dichtung dieser Jahre! Die Sprache fließt leicht und abwechslungsreich, spielt mit den literarischen Gattungen (von der Kurzgeschichte über die Parabel bis zur visuellen Poesie), mit Erzählperspektiven, Bildern und idiomatischen Wendungen derart…

Flügelfrei

  Hey Villon!, könnte ich ihn wie einen Kumpel rufen und fragen, ob wir, Schulter an Schulter, nicht mal ein Glas über den Durst trinken.   Und ob! Ich war schon vorher verloren, wackelte wie ein frisch geborenes Buckelrind ……

Texte sind Räume

„Hier war ich“: Ein selbst gebasteltes Lesezeichen, das mir mein acht Jahre junger Sohn Timo zu Weih­nachten schenkte, steckt zwischen den Seiten von „Zug ohne Räder“, dem Buch mit lyrischer Prosa von Francisca Ricinski. Die Worte „Hier war ich“, die…

Magier

  Als ich nachts erzählt habe, daß Windesraunen und die winzige Ewigkeit eines Kusses, auch die heilenden Schwingungen, übertönt von Posaunen, plötzlich verstummten, erzählte ich auch von einem unaufhaltsamen Rittergalopp im Gehör.   Apokalyptisches Drehbuch. In meinem unendlich geglaubten Bildraum…

Divers und divergent • Revisited

Vorbemerkung: Im Rahmen der Publikation des lyrischen Gesamtwerks des Sprechstellers A.J. Weigoni blickt Francisca Ricinski auf den Mittelteil der Trilogie Letternmusik, Schmauchspuren – eine Todeslitanei, Dichterloh – Kompositum in vier Akten zurück: Dichterloh: So heißt der in der Lyrikedition 2000…

Ein anderes Ende

  Erst blickte er hinunter zum Platz. Sah sich in den endlos multiplizierten Porträts: Gewelltes Haar und sinnliche Lippen, ein Stirn wie ein Kornfeld. Sein polychromes Gesicht war umgeben von Fahnen und Schildertafeln mit gleicher Wortwahl: Es lebe unser weiser…

Alzheimer Sonate

Die Standuhr schlägt sieben: Er zuckt: Früher stand sie im Wintergarten, neben dem Flügel. Er hebt sich hoch, legt den Kopf auf die weinrote Nackenrolle, eine der wenigen Sachen aus der Wohnung, die ihm freiwillig folgten, und starrt sie und…

Entriegelung

Seit mehreren Stunden wühlte er in einer Kartonkiste, holte vergilbte Papiere und Fotos, ein Paar Steine und noch andere Sachen heraus, ließ sie wieder fallen oder legte sie wie Spielkarten auf, baute damit Türme und Wände, die er dann mit…

Als sei alles ein Spiel

Vitam continet una dies Samuel Johnson  In dieser Stunde, in der du dich krümmst und windest im Bett, antwortet dir ein Stern vom anderen Ende der Nacht. Allerdings leiser als bei deiner Geburt; er scheint in den Sog eines riesigen…

Auf eine Brottüte notiert

  Mit Nussbrot und mehreren Brezeln in der Tüte verlasse ich die Bäckerei. Am Ende der Straße sitzt ein Mann mit zwei Windhunden, die nicht umsonst so heißen. Dauernd ändern sie ihre Körperhaltung oder zumindest die Richtung ihrer Nasen und…

Aller guten Dinge

sind drei, sagt man. In den letzten drei Jahren wollte sie vier Mal sterben. An diesem Morgen hätte sie es beinahe geschafft, wäre der Heuler nicht auf der Sandbank gewesen, die sie für ihr Versinken im Meer ausgesucht hatte. Ihr…

Kein einfacher Monolog

Alles liegt viel zu tief. Wenigstens das hellfarbene, in Plastikfolie gewickelte Etwas herausziehen. Mein früherer Klavierlehrer, ein Lisztanbeter, der hatte Riesenhände, für ihn wäre es jetzt ein leichtes Spiel, an meiner Stelle da drin herumzuwühlen. Bevor ich anfing zu üben,…

Ein-Mann-Stadt

Als er uns damals sagte, er würde gerne nach Graz ziehen, wusste er selber nicht, warum er gerade dort seiner Pilgerschaft ein Ende bereiten wollte. Verwundert fragt er sich, wie er überhaupt all die Jahre glauben konnte, an ein Ziel…

Und dann verfing sich die Zeit

Der Hackbrettspieler und ich stiegen an derselben Station ein. Unsere Sitzplätze im Reisebus waren noch frei. Nebeneinander. Das Gepäck noch im Rücken, auf Knien, dann an den Füßen, untergetaucht. Wer von uns beiden hatte mehr zu Tragen im Leben?, stellte ich die Frage…

Blaue Koralle gegen grünen Bernstein

Die Rothaarige stützt sich gegen die Fensterbank, die Frau mit der struppigen Frisur sitzt auf dem Kunstlederstuhl. Eine dritte Frau in dem Nachbarbett, eine sehr junge, setzt den Kopfhörer über die Locken ihrer maisgelben Perücke und empfängt Hardrockmusik mit geschlossenen…

Die Frau neben dem Truthahn

Sie hatte wie immer vor, im Herbst die halbe Ernte für ihre Polenta und ihr süßes Maisbrot im nächsten Dorf mahlen zu lassen, während die restlichen Kolben für Leon gedacht waren, damit er nicht verhungern muß, wenn der Boden im…

Reisepass für das Paradies

I Die Augen der Frau wackelten einige Male, bevor sie in die Laubblätter fielen, und die Laubblätter schauten nun mit den gelben Augen der Frau in die Augen des Windes. Im nächsten Augenblick wurde der Himmel trüb und die Zweige…

Über die Bedeutungsdimensionen der kurzen Prosa

Von manchen Autoren wird wortreich vieles endlos wiederholt oder variiert. Francisca Ricinski ist die Ausnahme von dieser Regel. Auf großes Echo stieß sie mit Auf silikonweichen Pfoten. Ihr Band Als käme noch jemand widmet sich in intensiven und ergreifenden literarischen…

Wo ich herkomme,

neigt man sich vor der stahlgestützten Linde eines Poeten wie vor einer Ikone und winkt der in Bronze erstarrte Ovid den Passanten zu, und wo ich herkomme, nimmt man Platz an Brancusis Schweigetisch, um Steine ins Wasser zu werfen. Wenn…

Botschafter der Poesie

Die Autorin Francisca Ricinski nahm in Iasi (der ältesten Universitätsstadt Rumäniens und wichtiges Kulturzentrum, das anstrebt, Kulturstadt Europas gewählt zu werden) an der zweiten Edition des europäischen Festivals der Poesie teil und dort wurde ihr den Titel „Botschafter der Poesie“…

DR 44 – Literaturpreis Dichtungsring 2014

Die aktuelle Nummer 44 der Lit-Zeitschrift Dichtungsring ist eine Sondernummer, die anlässlich eines Literaturpreises der vom Dichtungsring ausgeschrieben wurde, vergeben wird. DR 44 ist  eine Anthologie zum Thema Irre mit den drei Siegertexten sowie einer Auswahl von 30 Texten aus 1160…

Begegnungen

Beziehungen und Literaturzeitschriften / dauern meist nur zwei Nummern lang Fabián Casas Vorbemerkung der Redaktion: Wir stellen auf KUNO hin und wieder Literaturzeitschriften von, zuletzt die Matrix. Heute stellen wir Ihnen eine Zeitschrift für Literatur vor, die seit 1981 erscheint.…

Matrix · Reloaded

Matrix ist der europäischen Idee verpflichtet. Sie will einem deutschsprachigen Publikum die vielfältigen Möglichkeiten von Kultur, Sprache und Literatur des europäischen Kontinents nahebringen. Sie ermöglicht Literaten und Künstlern aus ganz Europa, einander näher kennen zu lernen. Traian Pop Die Literaturzeitschrift…

Fließende Grenzen

Wie soll man da leben? Man soll ja nicht. Gottfried Benn Von machen Autoren wird wortreich vieles wiederholt oder variiert. Francisca Ricinski ist die Ausnahme von dieser Regel. Auf großes Echo stieß sie mit Auf silikonweichen Pfoten. Nun erscheint ein…

Mehr lässt sich nicht retten

Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen, das man hat, und wenn es krumm und knorrig wäre. Theodor Storm Das Holz, aus dem Francisca Ricinski ihr Leben formt, ist aus Sprache, aus Wörtern gemacht. Die Lebenslinien dieses Holzes sind…

Versnetze · Revisited

An|tho|lo|gie, die; -, -n [griech. antholog’ía, eigtl. = BlüŸtenlese, zu: ‡ánthos = Blume u. lŽégein = sammeln, lesen]: Sammlung von ausgewäŠhlten literarischen Texten. Deutsches Universalwöšrterbuch Ohne die Lyrikanthologien von Axel Kutsch wäre das literarische Leben im deutschen Sprachraum deutlich ärmer.…

Als käme noch jemand

Nur eine Taste und zwei Knöpfe Gleich geh ich die Treppe hinunter. Auf dem Rücken trag ich das Radio, das du vor vielen Jahren gekauft hast. Der Kasten hat nur noch eine Taste und zwei Knöpfe, er singt und spricht…

„ICH BIN MIR SELBST BEGEGNET“

TheatronToKosmo im Dialog mit Werken von Anselm Kiefer Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens bot das Ludwig Museum Koblenz eine Reihe ansprechender, breit gefächerter Kunstveranstaltungen. Der Höhepunkt des Programms im bereits vergangenen Jubiläumsjahr hieß „Memorabilia“. „Memorabilia“, weil es sich um eine geschichtsträchtige…

Der Allverwender

Zum 5. Todestag von Peter Rühmkorf erinnert KUNO an den Lyriker mit einem Gespräch, daß  Francisca Ricinski mit ihm geführt hat. Francisca Ricinski: Als Sie 75 wurden, feierte man Sie wie einen über­ragenden Leuchtturm der deutschen Dichtung, einen Leuchtturm im Sinne von…

Widerstand gegen das Verordnete

Das Faszinosum, das ist ein sprechender Fakt, steigert sich mit dem wiederholten Lesen dieser Texte, sie beginnen sich in ihrer sonderbaren surrealen Wendigkeit und sprachlichen Kraft nach und nach zu entblättern, ja, und einzubrennen. Nachhaltigkeit nennt das der Beflissen-Moderne, der…

B∙U∙C∙H∙S∙T∙A∙B∙E∙E∙T

Gedichte im deutschen Sprachraum 2012 • Ein listenreicher Glückblick sammamiajetztdaodadeandanschodao (Markus Hallinger) Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit. (Axel Kutsch) 1 Dom, Blicke der text beginnt, da ist ein Anfang und ich bin zufrieden, les ich eben in Crauss’…

Zuletzt ∙ Das gewonnene Alphabet

abrikostræerne findes, abrikostræerne findes Inger Christensen   Je sais que la poésie est indispensable, mais je ne sais pas à quoi. Jean Cocteau   Jedes Gedicht, das ich sagte und schrieb oder schreiben wollte, kam aus einem: Ich kann nicht…

Vom Hölzchen aufs Stöckchen · Auf meine Art an Hans Bender denken (2)

1966 Die beiden Romane Eine Sache wie die Liebe und Wunschkost habe ich zweimal gelesen – ebenso wie die Mehrzahl der vielen Kurzge­schichten (von denen ich ein­zelne immer wieder lese), die erste lerne ich 1966 kennen. So bleibt von jenem…

»Atomatisiert mitten im Satzgebilde« ∙ Wi(e)der sprechen können

Flaschenbürste ∙ Gemüsebrühe ∙ Brillenputztücher Und so kam Matrix 28. Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker ins Haus: herausgefallen aus dem Briefkasten, weil vielwiegend und in glatte Folie eingeschweißt. Hatte nun ungelesen gleich ein Eselsohr wie nach 50 Lesejahren. Gut. So…

Überschwemmt, die Lust am Taumel (8)

88 · ∞ Magische Blätter  ∞ Bücher  ∞ Blitze ∞ Ich habe gelesen, gelesen, gelesen, Friederike Mayröcker aktuell, nämlich, im Zusammenhang mit der Niederschrift/Montage dieses Essays, den ich wäh­rend des Schrei­bens, na­turgemäß, in fort­laufender Wechselbeziehung zum von mir im Spätsom­mer…

MATRIX 28 ∙ Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker

Gegen das Vergessen 2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als…

FIXPOETRY.Verlag · Hamburg • Der Trilogie 3. Teil

schlitzlicht das / auf die wortkante fällt Susanne Eules Mnemosyne Aus den Tiefen der Erinnerung steigt, unvermittelt, hell und klar und wunderbar, ein Kinder­spiel auf, das wir zumeist auf dem Vorhof der alten Schmiede in Bürvenich spielten: »Mutter, wie weit…

Zauberkraft der Kunst

Bestechend in ihrer Andersartigkeit und von hohem ästhetischem Reiz sind die kurzen Geschichten und poetischen Splitter in dem Band »Auf silikonweichen Pfoten«. Erzählungsbände fordern vom Leser mehr Konzentration als Romane: immer neue Namen, immer neue Konflikte. Auf den ersten Blick…

Über das Ausschreiten von Sprachräumen

Wer schreibt, der kennt die Situation im Angesicht des Nichts. Der Tisch wird zu einem leeren Strand. Mit dem ersten Wort auf dem leeren Papier hat man das Gefühl, man springe ins kalte Meer. Es ist ein langwieriger Häutungsprozesses, den…

malschreiben

Die Malerei sei „stumme Poesie“, die Poesie hingegen „beredte Malerei“, hieß es im klassischen Altertum, als man über den Wettbewerb der als verwandt betrachteten Künste nachdachte. Birgit Jensen ist Malerin. Sie verzichtet dabei auf den manuellen Duktus des Pinsels, indem…