Schlagwort: Andreas Noga

da kam april und zauderte – nicht

 Er / wird kommen (Rolf Dieter Brinkmann) Memory and desire, stirring (T. S. Eliot) Dat war so – so war dat – (Thomas Kling) und wegen des schwerbluts der sinne fällt peer quer – hinne (oder weswegen sonst?) * *…

the day after

Nach Günter Kunert „Über einige Davongekommene“ als die menschen am 27.12. erwachten viele geldscheine in ihren brieftaschen fehlten geschenkpapier kartonage und plastik die abfallbehälter verstopften waren sie erleichtert und dachten: nie wieder weihnachten jedenfalls nicht gleich *** Günter Kunert starb…

kleine gedichtleere

es ist nicht leicht für ein gedicht still zu sein zu schweigen nichts zu sagen zu haben es ist nicht leicht für ein gedicht leser zu finden für das worüber es nichts sagt und schweigt es ist nicht leicht für…

Bensch, Kraus und Peer Quer

Oder: Buchstaben springen mich an In einem alten Buche stieß ich auf ein Wort, Das traf mich wie ein Schlag und brennt durch meine Tage fort. Ernst Stadler Ich stehe vor der Mikrowelle und heize einem lauwarmen Milchkaffee ein, den…

countdown

Das Gedicht hat nichts zu sagen (Axel Kutsch ∙ Nichts) In diesem Gedicht gibt’s keine Bäume (Rolf Dieter Brinkmann ∙ Ein Gedicht) sonett in dem es nicht regnet sonett aus dem es nicht schneit sonett in dem niemand begegnet der…

Aus dem Hinterland der Lyrikrezeption. Von der Wahrnehmung des Nebensächlichen

  Die Megazentren Berlin, Frankfurt, Hamburg und München sind nicht die alleinigen Nervenzentren des deutschsprachigen Lyrikschaffens. Gute Gedichte entstehen auch in der Provinz und werden überwiegend außerhalb der renommierten Großverlage veröffentlicht. In Theo Breuers Buch Aus dem Hinterland. Lyrik nach…

sixtinische kapelle

eine möwe (weiß wie rauch) landet ▫ live auf der blechhaube des schmalen schornsteinrohrs das die bildschirme füllt eine weile bleibt sie putzt sich schaut über den platz voller regenschirme bunte dächer unter denen gläubige schutz suchen (wovor?) vor dem…

Texte sind Räume

„Hier war ich“: Ein selbst gebasteltes Lesezeichen, das mir mein acht Jahre junger Sohn Timo zu Weih­nachten schenkte, steckt zwischen den Seiten von „Zug ohne Räder“, dem Buch mit lyrischer Prosa von Francisca Ricinski. Die Worte „Hier war ich“, die…

25 Jahre Edition YE · 1993 – 2018

Heute, am 23. November 2018, feiert die Edition YE den 25. Geburtstag, wie Theo Breuer beiläufig während des nachmittäglichen Telefonats erwähnt, in dessen Mittelpunkt allerdings Breuers aktuelle Lektüre steht, von der er mit der Leidenschaft berichtet, wie wir sie von…

auf ein neues

  die sekunde springt über die datumsgrenze   macht uns zu anfängern in sachen zukunft   eingebettet in ein gestern ein damals das uns begleitet   denken wir das morgen neu das uns blüht   noch ist was kommt versprechen…

kamingedicht

dieses gedicht sitzt mit mir am kamin und wärmt sich die versfüße wir lauschen in die stille zwischen dem knacken der scheite die leicht geworden sind vor glut und trinken wein das gedicht sagt wein vertreibe die angst vor der…

vogelhaus

vorne amsel rein hinten amsel raus vogelhaus vorne meise rein hinten meise raus vogelhaus vorne sperling rein hinten sperling raus vogelhaus vorne futter rein hinten futter raus vogelhaus   *** Über die Qualität von Andreas Noga als Lyriker und Performer…

liebende

im körper kocht vom spitzen wort das blut in allen zimmern gellendes geschrei geigen stürzen ab und gehn entzwei und in den adern – spürt man – steigt die wut der streit ist da die wilden augen springen sich an…

wahnsinn

  im supermarkt dieses mädchen mit süßwaren lächeln dem ich reflexiv so ganz ohne schuld haftes zö gern auf die brüste glotze an diesem schwül heißen tag die orien tierung verliere qual voll gegen die fleisch theke stoße & schnell…

gedicht das fast verdurstete

es atmet regen es öffnet sich wie ein umgedrehter schirm es hat einen körper der spürt die wolken fallen als zärtlich stürzendes wasser es ist entspannt und es sinkt in die geräusche des laubs durch die sommerhitze ist es fast…

in einem kühlen grunde

die mühle klappert mit den zähnen weiß von mehl darin ein ring verloren ging verborgen blieb so ist die lieb klippklapp *** Über die Qualität von Andreas Noga als Lyriker und Performer lesen sie hier.

an einem schönen tag im mai

sich auflösen in diesem blau dennoch nicht verschwinden überall gleichzeitig sein das land durchwehen wie ein milder sanfter wind nirgendwo ankommen müssen und nirgendwo gehn   *** Über die Qualität von Andreas Noga als Lyriker und Performer lesen sie hier.

wintermärz

  der frühling wurde vom frost gekreuzigt   man trug ihn zu grabe rollte eine schneewalze über das land   die sonne versinkt nun im mantelkragen hoch wie eine lärmschutzwand –   nachts fährt die wärme zum himmel auf  …

abbitte des norwegers

  ich bin so langwierig du wartest immer wie reisende auf der bahnsteig ich bin solch kleines gewissen samstag ich komme mehr schnell zu dir dann bin ich frühzug nach Annemarie Zornack, „Liebesbrief aus Norwegen“   *** Über die Qualität…

über uns

wir brechen wörter aus dem stein formen sätze die dächer prosaischer handlungen oder gewölbe lyrischer kathedralen tragen wir sind steinmetze bildhauer dombaumeister zugleich bergwerker minenarbeiter stollengräber auf der suche nach rohstoff in uns selbst für A. J. Weigoni *** Über…

Mehr lässt sich nicht retten

Man muss sein Leben aus dem Holz schnitzen, das man hat, und wenn es krumm und knorrig wäre. Theodor Storm Das Holz, aus dem Francisca Ricinski ihr Leben formt, ist aus Sprache, aus Wörtern gemacht. Die Lebenslinien dieses Holzes sind…

Als käme noch jemand

Nur eine Taste und zwei Knöpfe Gleich geh ich die Treppe hinunter. Auf dem Rücken trag ich das Radio, das du vor vielen Jahren gekauft hast. Der Kasten hat nur noch eine Taste und zwei Knöpfe, er singt und spricht…

Werden Sie ruhig ein bißchen wahnsinnig …

Vom Lesen in Versnetze_fünf Unbeugsam scheint der Überlesenswille des urigen Lyrikvölkchens im bildwild zerklüfteten deut­schen Sprachraum angesichts der weiterhin ansteigenden Buchflut zu sein, in der sich Millionen Versfüße tummeln. Ach Gott, schon wieder Gedichte, hör ich Peer Quer, den feinen…

B∙U∙C∙H∙S∙T∙A∙B∙E∙E∙T

Gedichte im deutschen Sprachraum 2012 • Ein listenreicher Glückblick sammamiajetztdaodadeandanschodao (Markus Hallinger) Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit. (Axel Kutsch) 1 Dom, Blicke der text beginnt, da ist ein Anfang und ich bin zufrieden, les ich eben in Crauss’…

Heiter geht’s weiter

Als ich dreizehn war, arbeitete der Schweizer Schriftsteller und Verleger Werner Bucher zu­sammen mit Jürgen Stelling an der ersten Ausgabe des Lyrik-Taschen­kalen­ders Poesie Agenda. Im Herbst 2012 ist für das Jahr 2013 die inzwi­schen 30. Ausgabe er­schienen. Heute kümmern sich…

Vom Hölzchen aufs Stöckchen · Auf meine Art an Hans Bender denken (2)

1966 Die beiden Romane Eine Sache wie die Liebe und Wunschkost habe ich zweimal gelesen – ebenso wie die Mehrzahl der vielen Kurzge­schichten (von denen ich ein­zelne immer wieder lese), die erste lerne ich 1966 kennen. So bleibt von jenem…

MATRIX 28 ∙ Atmendes Alphabet für Friederike Mayröcker

Gegen das Vergessen 2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als…

3.10. (früh)

sie verschiebt den abwasch sagt sie müsse einen größeren haushalt führen paar kränze ablegen zum kaffee sei sie wieder zurück  *** Dürfen Kanzlerinnen gelegentlich ausschlafen, gar einen ganzen Feiertag zur Regeneration nutzen? Freut sich Frau Merkel am 3. Oktober (ebenso…

Am Wasser gebaut

Meine Stadt ist am Wasser gebaut. Sie liegt zwischen zwei Flüssen, die sich treffen. Nach einem langen Weg finden sie hier zu– und ineinander, vermischen ihre Wasser, werden eins. In dieser Stadt zwischen den Flüssen wurde ich geboren. Das ist…

kamingdicht

dieses gedicht sitzt mit mir am kamin und wärmt sich die versfüße wir lauschen in die stille zwischen dem knacken der scheite die leicht geworden sind vor glut und trinken wein das gedicht sagt wein vertreibe die angst vor der…

Zuhausesein

Ich habe die von Peter Ettl engagiert betreute Reihe schnell schätzen gelernt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, habe ich diese sympathisch gestalteten Broschüren als Lyrikbände erlebt, die einen guten Einblick in die deutschsprachige Lyrikproduktion nach 2000 abseits der im Fokus des…

Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin

Ein Dokumentarfilm | Sendung zum 100. Geburtstag Am 27. Juli wäre Hilde Domin 100 Jahre alt geworden. Zum runden Geburts­tag strahlen WDR, SWR, 3sat und RBB derzeit einen Doku­mentar­film aus, der die bei Drehbeginn 95jährige auf poetische, sehr persönliche und…

du! (ruchu dur spruchu ust dus guducht)

In seinen jüngsten Essays hat sich Theo Breuer mehrfach skeptisch über die Lyrik­produktion jüngerer Auto­rinnen und Autoren geäußert. Es mangele an Bänden, die unter die Haut gehen, im Kopf bleiben und auch im Bauch über die Lektüre hinaus nachwirken, weil…

bitte nicht

denken sie jetzt nicht an eine zitrone oder den geschmack von schokolade stellen sie sich auch keinen roten apfel vor zu dem sie hinaufsehen – er könnte ihnen ins gesicht fallen denken sie lieber … an ein gedicht aber bitte…

Vom Begreifen des Unbegreiflichen

Ist es möglich, dass ein in Belgien lebender Pakistaner einen deutsch­sprachigen Lyrik­kalender ediert? Und noch dazu einen außer­ordent­lich guten? Lehnen Sie sich für einen Augen­blick zurück und denken Sie nach. Halten Sie das für wahrscheinlich oder handelt es sich um…

Sommerliche Einblicke ∙ Revisited

Steidl macht schöne Bücher. Diesem wurde ein sonnen­blumen­gelber Leinen­umschlag mit apfel­grünem Rand spendiert. Es fällt wegen der sommerlichen Farben­frische im Regal unmittelbar auf, wenn es dort quer zur Welt steht, also so platziert ist, dass es dem Betrachter eine visuelle…

schweigsam

noch bliebe ein rest zu sagen mein mund ist vorübergehend geöffnet dann wieder geschlossen die speerspitzen mit denen du zielst sind vergiftet – wenn man stille fotografieren könnte wäre mein schweigen ein fisch glatt und silbern und er sähe aus…

bennefiz

sieh die sterne die fänge ach das erhabene – du aber watest durch die krebskranke trunkene flut was schlimm ist: hier ist kein trost wo etüden schwerter halten ach das erhabene – es gibt nur ein begegnen im gedichte aber…

kalte liebe

deine schritte verwunden den schnee verwundert liegt er und schaut dir nach seltsam berührt du hast eindruck hinterlassen zwischen auto und haus wo du ihn abstreifst einfach liegen läßt auf der matte er soll draußen bleiben wo er hingehört die…

das dunkel lösen

wir laufen dem tag nach der errötet am horizont verschwindet als schäme er sich für die nacht die über das land kommt wie ein unlöschbares feuer doch wir sind zu langsam und knicken ein in den schatten der uns von…

Aus dem Hinterland

Aus dem Hinterland ist ein Buch mit vielen Dimensionen, nach dessen Lektüre niemand mehr behaupten kann, die Lyrik nach 2000 entstehe bei Stubenhockern in muffigen Räumen mit geschlossenen Fenstern und sie sei weder mitreißend noch aufregend. Theo Breuer beweist das Gegenteil.…

liebende

m körper kocht vom spitzen wort das blut in allen zimmern gellendes geschrei geigen stürzen ab und gehn entzwei und in den adern – spürt man – steigt die wut der streit ist da die wilden augen springen sich an…

in einem kühlen grunde

die mühle klappert mit den zähnen weiß von mehl darin ein ring verloren ging verborgen blieb so ist die lieb klippklapp *** Aus: Nacht Schicht, Edition YE 2004 Über die Qualität von Andreas Noga als Lyriker und Performer lesen sie…

Wild Horses Could Not Drag Me Away

Der Literaturbetrieb gleicht einem Adler, der mit gebrochenen Füßen in die Lüfte steigt, die ihm jedwede Landung verwehren. Heutzutage scheint Literatur der Inbegriff des Fragmentarismus, der unsere Zeit ansteckt, dadurch charakterisiert und die typisch fin-de-siècle-belastete Verwirrung und Fassungslosigkeit der Methoden…