Interdisziplinarität

3. Juli 2014
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Angelika Janz ist Forscherin in dem Universum der Wörter. Sie malt mit ihren Texten, sie malt und integriert ihren Text. Sie montiert Texte im Raum.

Karl Heinz Mauermann

Daß moderne Literatur nicht nur im begrenzten Format eines Buches seinen Platz hat, belegen der Multimediakünstler Peter Meilchen, der Sprechsteller A.J. Weigoni oder die visuelle Poetin Angelika Janz nachdrücklich. Alle vorgenannten Artisten arbeiten sowohl mehrperspektivisch, als auch interdisziplinär. Ein Ansatz, der bei den germanistischen Fliegenschißdeutern keine große Beachtung findet, weil die Rezeption von Literatur im Gegensatz zu der von bildender Kunst größtenteils im 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Die Literaturtheorie sollte daher im 21. Jahrhundert zu einer dienenden Rolle zurückfinden und endlich ihre Unterwürfigkeit ablegen.

Als Angelika Janz im Rheinland in den 70er Jahren erste Schritte in die Literatur- und Kunstszene unternahm, lehrte in Düsseldorf Joseph Beuys, in der Kunst wurden nicht die Schlachten des 19. Jahrhunderts geschlagen, sondern zwischen Pop Art und Fluxus wurde im Zukunftslabor gearbeitet.

Michael Gratz

Angelika Janz hat eine Kunstform begründet, bei der Textausschnitte im Sinne der Autorin so erweitert werden, daß aus Einzelteilen ein gänzlich neuer literarischer Text entsteht, die Ausrisse und Schnitte gleichwohl sichtbar bleiben. Gewiss, das Konzept zum Fragmenttext stammt aus analoger Zeit, verbindet sich durch die Zeitläufte jedoch sinnfüllend mit digitalen Präsentationsformen. In diesen Arbeiten finden sich Körper, Technik, Linguistik und räumliche Konstellationen zusammen, mithin Determinanten von Werk und Autorschaft, die in ganz unterschiedlichen Ausprägungen und Gewichtungen auftreten: Der Körper der Schreibenden, ihre Gestik zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen Aktivität und Passivität, die Hand, die ein Schreibgerät führt oder bedient, körperliche Stärke oder Schwäche. Es geht beim Fragmenttext um die physischen Bedingungen des Schreibens und ihre Auswirkungen auf den Text, aber auch um die technischen Hilfsmittel (Kreide, Stift, Schreibmaschine) die diese physischen Bedingungen beeinflussen und verändern.

Eine Art typographisches Tryptichon ist das visuelle Grundmuster der Fragmenttexte, die Angelika Janz in dem vorzüglich gestalteten Band Corridor vorlegt.

Norbert Hummelt

Bild und Text gehören in ihren Arbeiten häufig zusammen. Diese Angangsweise birgt die Möglichkeit der Zusammenschau von Vergangenheit in Form gewesener Unversehrtheit des Ursprungsmaterials bis hin in eine mögliche zukünftige utopische Daseinskonzeption hinein; beides verkörpert in der Präsenz des Kunstwerkes. Dieses konjunktivistischste Vorhaben wird durch einen “Evokationspluralismus” realisiert: Die Text- und Bildelemente, die Janz in ihren Texten verwendet, werden durch ihre Verunkenntlichung derart verfremdet, daß durch den Drang der Rezipienten zur Monosemierung ein bedeutungsmäßiger “Vielmehrwert” entsteht, da so viele Umwege begangen werden wie es verschiedene Einstellungen zu und Erfahrungen mit Texten gibt. Das Fragment ist somit Anfang aller Förmlichkeit, die wiederum eine Erweiterung fordert (genauso wie der Inhalt, den sie verkörpert). Das Verfahren scheint zuweilen im Spekulativen zu schweben, jedoch bedeutet es lediglich die Pflicht zum Offenhalten von Kunstsprache; der vorläufige mögliche Abschluß wird durch die Betrachter besorgt.

Das Fragment – geheime Kontinuität des Offenen, Ankunft und Präsenz allen Kunsttuns, dessen Angebot zum Unterwegsbleiben. Aller Anfang ist Zeremonie und – Fragment. Sinn ist überall, ein Sog versprengter Verirrungen, kleinste Reaktionen zertrennter Materie, wenn Stoff von sich selbst getrennt wird.

Angelika Janz

Ihre Fragmenttexte haben als Bild einen ästhetischen Wert, wenn auch einen eher abstrakten oder autonomen. Es gibt Papierschnitte und Collagen, wo Bild und Text, Bildsprache und Wortsprache miteinander korrespondieren oder gleichsam zusammengetackert sind. Wobei der Text bei dieser ästhetischen Prothetik niemals das Bild und das Bild an keiner Stelle den Text illustriert, sondern eine gegenseitige Erweiterung von Bild und Text stattfindet. Es ist eine Durchkreuzung des Nullpunkts der Literatur:

Was schimmert auf der anderen Seite? Was passiert nach dem Durchbruch?

Diese Artistin ist Medium, ihre Leistung besteht darin, einen Platz, einen Raum einzunehmen und dort Schnittstelle zu sein. Fragmente, Scherben, Reste, Bruchstücke, Relikte, Spuren sind für Janz nicht Versprechen auf die Wiederherstellung jener einstigen Ganzheit, die Bruchstücke, Ausrisse, Frakturen ihres Bruchs bleiben, sind irreparabel, sind Bruchstellen der neuen Identität eines möglichen Ganzen, eine Art Imperativ für die Offen-Gehaltenheit ihres künstlerischen Tuns. In jedem dieser Arbeiten halten auf befrag würdige Weise die Begriffe “defekt” und “wiederhergestellt” – in einem ursprünglichen Sinn, das eine wie immer gestaltete, bewegte, immer bewegte Einheit voraussetzt, einander in der Balance. Janz stellt eine neue Lesbarkeit her.

Immer bewahrte der fremdgedruckte Text, der Textkern, etwas für die eigene Sprache Schützendes auf.

Angelika Janz

Diese Artistin hat ein Händchen dafür verschiedene Genres miteinander zu verknüpfen, man findet Einsprengsel aus Philosophie und Physik oder Wirtschaft und Kunst oder alles zusammen. Ihre künstlerischen Feldforschungen erstrecken sich auf die Bereiche Lyrik, Prosa, Essay und Visuelle Poesie. Dabei arbeitet sie intermedial und interdisziplinär, das hießt, dieser Freigeist ist nicht auf bestimmte künstlerische Disziplinen wie Literatur, bildende Kunst, Film, Fotografie, Computer und sofort eingrenzbar. Diese Artistin realisiert ihre Arbeiten zwischen allen Künsten und damit auch zwischen / mit allen verfügbaren Medien. Ihre Werkzeuge sind unter anderem Schreibmaschine, Stempel oder Letra-Set, unter der Arbeit entsteht aus der Lesbarkeit der Welt ein neuer Text, der sich mit der komplexen Ereignis-, Ding- und Sprachwelt facettenreich und hintergründig auseinandersetzt. Dies setzt Janz mit gediegener Professionalität in Hörspiele, Rundfunkbeiträge und lyrische Performances, interaktive Kunstaktionen, Ausstellungen, Vorträge, Kunst- und Literaturkritik, sowie die Arbeit mit Musikern um. Diese Arbeiten grenzen sich ab gegen Kalligraphie und typographische Kunstformen, in denen eine neue visuelle Form für bereits existierende Texte gefunden wird. Janz interessieren die Nahtstellen und Grenzen korrespondierend-fragmentarischen Arbeitens in eine Bild- und Wortsprache, jenseits gegenseitiger illustratorischer Deckungen. Das Zugeordnetsein, das scheinbar Aneinandergenähtsein von Bild und Text, ob gegenständlich oder konkret – immer findet eine gegenseitige Erweiterung formaler und inhaltlicher Wirkungen statt, es entsteht etwas “Drittes”.

Das Ergebnis sind Textgebilde die auf beiden Ebenen wirken, der visuellen und der semantischen. Ein verblüffendes Ergebnis, das das Bildhafte des Textes, und zwar über das konkrete Gebide hinaus, in den Blick und ins Bewußtsein treten lässt. (Ästhetische Prothetik)

Jan Kuhlbrodt

Fortwährendes mäandern zwischen der visuellen und semantischen Ebene. Der charakteristische Stil in ihren experimentellen Texten zeichnet sich durch Metaphern, Neologismen und Gegensätze aus. Janz läßt sich nicht auf einen bestimmten Kulturbereich oder Sprachzustand eingrenzen, sie generiert ihre Fragmenttexte aus zufälligen Textfundstücken und setzt so auch das naturalistische Begehren auf überraschende Weise fort, der materiale Aspekt lässt diese Textfragmente gleichzeitig zu Artefakten der bildenden Kunst werden. Frei flottierend zwischen den Kunstgattungen und jenseits des Schubladendenken.

Angelika Janz schneidet aus vorgefundenen Texten Textkörper heraus, der Zufall bestimmt weitgehend die Grenzen des Schnitts, Wortfragmente werden ergänzt. Es entstehen neue Texte, neue Sinnzusammenhänge, neue Bedeutungen… Ihre Fragmenttexte zeigen die Möglichkeiten, die in den Wörtern liegen, zeigen ihre Potenz.

Karl-Heinz Mauermann

Viele ihrer künstlerischen Werke lassen sich unter dem Oberbegriff Visuelle Poesie einordnen. Diese Art der Poesie kann sich zwar als Kunstform verstehen, muß es aber nicht. Und damit kann man Janz als Ideen- und Formenlieferant für alle Bereiche der modernen Informations- und Kommunikationsgesellschaft verstehen. Sie kann also auch als sogenannte angewandte Künstlerin verstanden werden, wenn ihre Innovationen in die Werbung, in die technischen und elektronischen Medien dringen, ohne fürchten zu müssen, gegen Poetiken oder Ästhetiken verstoßen zu haben. Diese Wortplastiken beziehen auch den Betrachter selber als Textlieferanten in den Entstehungsprozess ein. Auch die Arbeit an „Wortbildern“, die mit Hilfe des PC gestaltet werden, gewinnt an Bedeutung. Janz‘ respektlose Art, die Vogelfreiheit des gedruckten Wortes bis zur buchstäblichen Vereinzelung auszuspielen, signalisiert die Elastizität des respektabel Gedruckten, sie wird zu einem künstlerischen Ausdruck zeitgeistiger Verfügbarkeit über Lebendiges, Lebloses, Bewegliches und Unbewegliche Aufforderung zur Weiterverarbeitung inbegriffen. Angelika Janz ist eine der nachhaltigsten Vertreterinnen dieser literarischen Richtung in Deutschland.

 

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Fragmenttexte / Visuelle Poesie, Ausstellung ab Freitag, den 11.07.2014 (ab 19:30 Uhr) – Sonntag, den 14.09.2014 in Schloß Nottbeck, Museum für die Westfälische Literatur, Ausstellung im Gartenhaus. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit dem Titel Traue dem Wechsel.

Bisher erschienen:

  • Aus der isolierten Wildnisszene. Berlin: Künstlerhaus Bethanien, 1986.
  • Selbander. Zürich: Edition Howeg, 1989.
  • Corridor. Köln: Scherrer und Schmidt, 1991.
  • Ein interessantes Frühstück, das im Trend zu liegen gehen lernt. Siegen: Karl Riha, 1995.
  • Fragment als Haltung. Nürnberg: Institut für moderne Kunst, 1995.
  • tEXt bILd. Ausgewählte Werke 1: Visuelle Arbeiten und Essays. Herausgegeben u. m.e. Einleitung von Michael Gratz. Greifswald: freiraum-verlag, 2012. Mit einem Vorwort von Michael Gratz, auch hier zu lesen.

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