Hinter den Schläfen

 

 

GERECHTIGKEIT

Am Straßenrand
der überrollte Marder
zerbeißt keine
Kabel mehr

Am 28. Februar 2000 erhielt ich einen interessanten Brief von Andreas Noga, der mich dermaßen erfreute, daß ich ihn sogleich – telefonisch – beantwortete. Wir kamen schnell zur Sache und erörterten verschiedene Aspekte der Lyrik, beispielsweise, daß mittlerweile wohl alles schon einmal in der Lyrik (in den Künsten überhaupt) dagewesen sei und die Autoren mehr denn je die Verpflichtung hätten, sich mittels der Lektüre einen möglichst großen Durchblick zu verschaffen. Ansprechend fand ich auch das dem Brief beigelegte Gedicht, das Noga nach der Lektüre meines Langgedichts „on the brink of poetry“ verfaßt hatte, in dem er auf die ihn „elektrisierenden“ Verse „Zwischen den Zeilen / steht nichts geschrieben“ gestoßen war:

OBDUKTION

Suchen.
Sezieren.
Fahnden.

Gerne fänden wir
den Tumor
der den Schreiber
drückte.

Doch hinter den Schläfen
steht
nichts
geschrieben

und auch nicht
zwischen den Zeilen.

Es stellte sich heraus, daß Noga die Verse Rolf Dieter Brinkmanns, die ich vollständig in mein Poem montiert hatte, nicht als solche erkannt hatte, sondern glaubte, mich zu zitieren, was er subjektiv ja auch tat: So wurde „on the brink of poetry“ zum Medium zwischen Brinkmanns und Nogas Gedicht. Wesentlich dabei ist natürlich in erster Linie, daß Noga ein originelles Gedicht geglückt ist, interessant aber auch die Entstehungsgeschichte. Hier wird der lesende Lyriker belohnt für sein aufmerksames Lesen, das ein in ihm schlummerndes Gedicht möglich macht, das zusätzlich noch einem Dichter Ehre erweist, von dem Andreas Noga noch keine Gedichte gelesen hatte, es aber bald darauf tat und erkannte, was für außerordentliche Kräfte die Gedichte Brinkmanns ausstrahlen. Andreas Noga ist also zum einen ein lesender Lyriker, in erster Linie ist er jedoch ein lebender Lyriker, der den Dingen auf den Grund und mit weit geöffneten Augen durch die Gegend geht und die Wörter, die er niederschreibt, zunächst einmal sieht und erlebt. Dies zeigt insbesondere die Fotografie „Zuneigung“, die die Eigenart Nogaschen Schreibens naturgemäß besser kennzeichnet als jedes erläuternde Wort. „Ein Gedicht ist klein, es ist niemals eine Kleinigkeit“, behauptet Peter Hacks. In den präzise gefeilten Gedichten von Andreas Noga sind es gerade die kleinen Dinge – wie der sich neigende Pfahl −, die unseren Blick für Sinn und Wesentliches schärfen. In der Tat keine Kleinigkeiten. Es ist ein Beweis unserer rasch entdeckten gemeinschaftlichen kreativen Interessen, daß aus diesen ersten Kontakten gut neun Monate später dieses Buch entstanden ist. Es zeigt uns auch, daß hinter den Schläfen des Lyrikers ein Nichts geschrieben steht, das zu entziffern nun Aufgabe der Leser ist, die mit mancher überraschenden Pointe belohnt werden dürften.

 

 

* * *

Hinter den Schläfen, von Andreas Noga, 2000
Vierzig Gedichte, mehrfarbig mit Tintenstrahl gedruckt, ein handgeschriebenes Gedicht, zwei Fotografien von Andreas Noga, sieben originale Linolschnitte von Karl-Friedrich Hacker, Nachwort von Theo Breuer, 54 Seiten, 39 signierte und numerierte Exemplare.

Andreas Nogabei einer Lesung

Weiterführend Ein Essay über den Lyrikvermittler Theo Breuer.

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