Zukunft braucht Herkunft

10. Dezember 2014
Von

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren

Sind Schlüssel aller Kreaturen

Novalis

Zahlenmystik ist nicht die Sache der Betreiber der Edition Das Labor, doch in diesem Jahr dreht sich einiges um die Zahl 5. Seit einem Lustrum gibt es diese Edition in der vertrauten Erscheinungsweise, die Idee zum Projekt Das Labor ist allerdings schon ein viertel Jahrhundert alt. Wer über hinreichend Neugierde, Geduld, Optimismus und langen Atem verfügte, konnte in den letzten 25 Jahren die Entstehung einer Edition beobachten, die weder mit Pathos noch mit Welterlösungsphatasien daherkam. Die Betreiber des Labors inszenieren ihre programmatische Randständigkeit im Tonfall der Ironie. Die zeitliche Abfolge der projektorientierten Arbeit ist nachzuvollziehen in der Chronik der Edition Das Labor. Informationshäppchen zu den einzelnen Wegmarken finden Sie übersichtlich angeordnet in einem eigens dafür eingerichteten blogspot.

Lange Wende / Lange Wände

Jürgen Diehl

In der Rhetorik künstlerischer Manifeste ist das Hyperbolische obligatorisch. Sämtliche Avantgarden haben Manifeste geschrieben und sich darin ihrer Neu– und Großartigkeit gerühmt. Entgegen der Gewohnheit von Künstlern, sich als ›Gruppe‹ zu definieren, über die Hybris zu verfügen ein ›Generationenprojekt‹ ausrufen zu müssen und einen Gründungsakt zu proklamieren, vergaßen Jürgen Diehl und A. J. Weigoni jegliches kuratorische Wissen und öffneten sich 1989 neuen Lösungen. Es war der Drang nach einer neuen Weltaneignung, losgelöst von den überkommenen Deutungsmustern der soagennten 68-er Generation, geprägt von den Eindrücken der sogenannten Wiedervereinigung, die sie unmittelbar miterlebt haben. Aus dieser Abwendung resultiert die Entfaltung eines neuen Schauens, eines Weltzugangs abgelöst von Traditionen. Dieses neue Schauen kommt, aus der Beschäftigung mit den Neues Medien. Mit dem Vorhaben, grenzüberschreitende artIQlationen zu realisieren, gelang ihnen das dialektische Kunststück, konstruierte Pathosformeln und Energiesymbole zur Einheit von Denken, Wollen und Fühlen durch eine eigene, streng individualistisch-lustvolle Selbstaneignung einer wahrhaftigen künstlerischen Freiheit zuzuführen.

Grenzüberschreitende artIQlationen

Falls die Geschichte der Medien die Geschichte einer Konkurrenz ist, begann sie mit einem Vorsprung. Die Dichter hatten die Montage entdeckt, als die ersten Photographen noch Stunden brauchten, um ein einzelnes Bild zu entwickeln. Es war, als hätte die Literatur den Film erahnt, und als er kam, genossen sie gemeinsam den Rausch der sich überstürzenden Eindrücke. Das Drehbuch wurde erfunden, später der Rundfunk mit dem Hörspiel begrüßt. Als das Fernsehen sich breit machte, fand es die Schriftsteller schon in skeptischer Distanz. Multimediales Spiel mit Video, Performances und Installationen dachten Maler und Musiker sich aus, deren Zaungäste manchmal auch Dichter waren. Die Grenzen von Bildkunst, Literatur und Musik lösen sich im 21. Jahrhundert zunehmend auf. Es geht den Artisten um eine Art Überlappung, die Entdeckung von Gemeinsamkeiten und gegenseitige Inspiration.

Die Frage für die Artisten der Edition Das Labor lautet nicht, wie das Netz das Denken verändert, sondern wie das künstlerische Denken das Netz formt. Täglich zu beobachten bei KUNO.

Werkstattgalerie Der Bogen

Plattform für die Aktivitäten bot die Werkstattgalerie Der Bogen in Arnsberg, in der auch der Künstler Peter Meilchen arbeitete. Die Artisten einigten sich darauf, Schland zu realisieren. Im Verlauf des Projekts wurden neue Werkzeuge erprobt: Soundsampler, Computer, Elektrografie, Video wurden im künstlerischen Spannungsfeld von Performance, Theateraufführung und Rezitation selbstverständlich.

Kai Mönnich

Ausschließlich das, was als ein Kunstwerk angesehen wird, genießt das Privileg einer hochorganisierten Wahrnehmung und Einordnung, statt, wie die meisten Produkte und Bilder des Alltags, trotz intensiven Gebrauchs letztlich unbeachtet zu bleiben und nach Gebrauch vergesen und zerstört zu werden. Sehen/Erkennen besteht, als übergeordnete Stufe, in der Assoziation optischer mit akustischen, taktilen und anderen Begriffsspeichern sowie mit Kombinationszentren der Begriffs- und Sprachbildung. Durch dieses assoziative Sehen kommt es zum optischen Erkennungs- bzw. Wahrnehmungsprozeß.

Mit Scharfblick hat Peter Meilchen die Differenz zwischen der Realität in ihrem Abbild gezeichnet. Man beginnt die Abbilder der Realität vorzuziehen und sie zu fiktionalisieren. Gespeist durch diese Erkenntnisse entstand die grenzüberschreitende artIQlation Schland. Bei diesem Ohr-Ratorium vertraute A. J. Weigoni dabei grundsätzlich nicht mehr der Detailarbeit in der Regie. Detailarbeit ist seiner Ansicht nach vernichtend, sie nimmt den Menschen das Selbstwertgefühl und wäre ein grundlegender Angriff auf die Kreativität. Die Schauspieler Marion Haberstroh und Kai Mönnich nahmen sich die ihnen zur Verfügung stehenden Freiräume. Der Musiker Frank Michaelis erfand eine eigene Melodie. Entweder liegt ein Stoff in der Luft und entwickelt sich von selbst, oder es ist nur Mache.

Projektorientiertes Denken

Ironie ist für Tom Täger, Joachim Paul, Haimo Hieronymus und A. J. Weigoni wesentlich – nicht im distanzierenden Verständnis, sondern im romantischen Sinne. Da signalisiert Ironie nicht das Trennende, sondern das Verbindende, das, was den Subjekt-Objekt-Zusammenhang herstellt. In Deutschland gibt es einen fast schon zwanghaft zu nennenden pathetischen Hang dazu, alles gleichsetzen zu wollen.

Diese Artisten sind Produkte der Gesellschaft, in der sie leben. Ihre Produkte beschreiben unter Zuhilfenahme künstlerischer Stilmittel die Realität. Die Gewissheiten des bildungsbürgerlichen Wertekanons sind in Frage gestellt, während sich zugleich das Feld dessen, was unter Kultur verstanden wird, erweitert hat. Tom Täger erfaßte diesen Zusammenhang intuitiv, als er Schland für den Klangturm St. Pölten ›digitally remastered‹ hat. Die Vergangenheit gegen die Gegenwart denken, der Gegenwart Widerstand entgegensetzen, nicht für eine Rückkehr, sondern zugunsten der Zukunft und dem Eröffnen von Möglichkeitsräumen, markiert die Schnittstelle zur Umsetzung auf DVD. Klang als Objekt zu begreifen, ihn greifbar zu machen ist das vorrangige Ziel von Tom Täger. Er nähert sich dieser utopischen Idee. Alles wäre demnach gesagt, Sound ein Fetisch.

Klangwerk

Interaktion, Vernetzung, Medialisierung sind zeitdiagnostische Schlüsselwörter geworden. In Tom Täger hat A. J. Weigoni den idealen Kooperationspartner gefunden. Täger, der in seinem Tonstudio an der Ruhr die ersten Alben von Helge Schneider und Tom Liwa produzierte oder die Missfits begleitete, hat ein Faible für Trivialmythen.

Institut für Medienarchäologie

Bei einer weiteren Datensicherung von Tom Täger wurde der analoge Hörfilm Das kleine Helferlein digital restauriert. Wer nicht hysterisch über Kunst und neue Medien sprechen will, braucht nicht in einen naiven Realismus zu verfallen. Es gibt dazu eine Alternative, die nicht minder rational ist: die medienarchäologisch genaue Analyse jener Änderungen der Wirklichkeit, die sich auf dem Weg von den einstigen Analogmedien wie Rundfunk oder Telefon zum Digitalmedium Computer ereignet haben. In der Rückschau auf die Elektrografie lassen sich diese Entwicklungslinien nachzeichnen. Mit dem Kopierer wurde in den 1990er Jahren die Textur der Elektronik erkundet und sich auf die Suche nach Bildern begeben, die man sich selbst nie hätte ausdenken können. Gerade aus Unfällen entstand vieles, was sich erst im Internet durchgesetzt hat. Nicht der Mensch ist kreativ, sondern die Fusion aus Mensch und Maschine findet wie von selbst ihre Bilder und ihre Sprache. Den Abschied vom Schöpfergenius des 19. Jahrhunderts haben Copyart-Künstler vorweg gedacht.

Zum Kulturbegriff gehört seit dem 17. Jahrhundert die Beschäftigung mit sich neu entwickelnden Formen geselligen und ehrbaren Lebens. Es gilt, Stagnationen zu vermeiden und Kooperationen zu ermöglichen. Man muß eine Kulturdebatte über Medien und Medienentwicklung führen; da bieten sich Literatur, Bildende Kunst oder auch alles, was multimedial stattfindet, natürlich an, da sich die Künstler, auch über die spezifischen Fachgrenzen hinaus, gerade in den letzten zehn Jahren mit gesellschaftlichen Fragestellungen befaßt haben. Das kleine Helferlein ist ein unterhaltsamer Hörfilm gegen den kulturellen Gedächtnisverlust.

Da die Gesellschaft sich totalitär des Individuums bemächtigt, das damit unsichtbar geworden ist, entlarvt sich das Ideologengeschwätz von der »Selbstverantwortlichkeit des Individuums« als lächerlich, hätten die Einzelnen es nicht auf grausame Weise verinnerlicht. Unter der Samtmaske der Liberalität verbirgt sich ein Stahlgerüst aus Ressentiment und Abwehr.

Die Laboranten Tom Täger, Joachim Paul, Haimo Hieronymus und A. J. Weigoni wissen über die Globalisierung alles, was man von der Provinz aus wissen kann. Also eigentlich nichts. Aber das völlig umfassend. Netzwerk ist der Leitbegriff des Labors, er bestimmt auch das Bild, das sich die Artisten von ihrer Gesellschaft machen. Sie denken über die Technologie als eine Allegorie sozialer Beziehungen nach. Die Lebendigkeit der vielgestaltigen Menge stellt sich gegen das identitäre Kommando der Postmoderne. In diesem Moment des, möglicherweise sinnlosen, Aufbegehrens gewinnen die Künstler eigene Handlungsfähigkeit und fühlen sich als Teil einer kosmopolitischen Bewegung der Wiederaneignung einer entglittenen Welt.


Joachim Paul

Das ›Denken‹ hat nicht nur wortgeschichtlich viel mit Erinnerung zu tun. Wir denken unter anderem, indem wir Bekanntes mit neuen Erfahrungen oder Erkenntnissen vergleichen, unsere Phantasie dabei bewegen, die Dinge verstehen und neue Gedanken hervorbringen. Dies zeigt: Das Denken kennt keine disziplinären Schranken, die auch die Wissenschaft eigentlich eher unterstützen als begrenzen sollen, und es bewegt sich auch in der Rückbesinnung immer bezogen auf noch zu formulierende, d.h. zukünftige Gedanken. Denken ist daher ebensowenig nur ein Nach-Denken, wie die Arbeitsteilung in den Wissenschaften Selbstzweck ist. Dennoch führen die Schattenseiten der Partikularisierung oft zur vielbeklagten Fachblindheit, erschweren Verständnis und gegenseitigen Respekt.

Denken ohne Augenklappe

In Trans- können wir dem wilden, kompromisslosen Denken von Joachim Paul folgen. Dieses Buch zeigt Paul denkend und es zeigt auch, wie er denkt. Er richtet seine Aufmerksamkeit genau darauf, was dem Denken im Wege steht. Genauer: was das Denken überhaupt erst präsent macht. Paul entwickelt eine Medientheorie, die auf Kulturtechniken setzt: Medien, Netze und Maschinen schreiben mit an unserem Denken.  Wenn ein User nur unter einem Programm arbeitet, ist er regelgerechter Untertan. Pauls Reflexionen über Menschen, Medien, Netze und Maschinen sind eine Flaschenpost an die Zukunft.

SAMPLE

Montage: Jesko Hagen

Der zentrale künstlerische Begriff des Labors lautet: SAMPLE. Damit reihen sich die Artisten in einen Bogen ein, der von Walter Benjamin bis in das 21. Jahrhundert reicht. Der Montage-Begriff meint eine kulturelle Technik, in der Bruchstücke zu neuen Einheiten äußerlich zusammengefügt werden, wobei ihre Herkunft aus Zertrümmerung sichtbar bleibt; dennoch tritt das Montierte wieder als Einheit auf und wirkt konstruktiv, ganz im Sinne der Hegelschen historischen Kategorie des Neuen. Bei den Arbeiten der Laboranten ist alles aber gehalten von der Symmetrie der Teile und ruhelos verdeckter Konkordanz. Daß auch Ältestes wieder auftaucht – Scholastik, Ägypten, die Odyssee – ist charakteristisch und zeigt den unheimlich schöpferischen Charakter des Zerfalls. Die Geschichte selber montiert Zeiten, die gar nicht zusammenpassen. Montage als Gestaltungstechnik ist eine Reaktion im großbürgerlichen Geist auf die Endkrise, in die der Kapitalismus eingetreten ist. Die Reaktion wird bleiben, auch wenn die Krise überwunden werden sollte; sogar der Verfall einer Kultur bringt Innovatives hervor, das man tradieren muß. Der Begriff der ›Compilation‹ verrät schon als Wort die Spannung, daß man einem Destruierten das Konstruierte ansehen soll und umgekehrt. In der Grammatologie beginnt die Destruierung und, wenn nicht die Zerschlagung, so doch die De-Sedimentierung, die Compilation aller Bedeutungen, deren Ursprung in der Bedeutung der Logik liegt.

Spartenübergreifendes Arbeiten

the vera strange tapes, Choreographie: Helga Dürr

Mit dem anlogen Tanztheater-Projekt the vera stange tapes begann die multimediale Zusammenarbeit von Thomas Suder und A. J. Weigoni. Das Konzept der grenzüberschreitenden artIQlationen hat eine ambivalente Geschichte, weil es sich eher mit den formalen und expressiven Aspekten von Kommunikation beschäftigt als mit dem materiellen Substrat oder Medium; deshalb befindet sich Style im Herzen der Klassifizierungen und Kategorisierungen, die einen Künstler, eine Bewegung oder eine Zeit voneinander unterscheiden. Ein neues Denken muß einer Welt ins Gesicht sehen, in der gebräuchliche Dichotomien nicht mehr gelten. Indem Ideen als Lockstoff ausgelegt werden, fliegt einem die rettende Idee schließlich wie von selber zu.

Die neuen Strukturen des Raubtierkapitalismus mit dem Künstlerethos der Selbstverwirklichung und den flachen Hierarchien, die Eigeninitiative fordern, dringen aufgrund ihrer größeren Menschlichkeit tiefer in das Seelenleben der Menschen ein. Die Grenzen zwischen Mäzenatentum und fast parasitärer Indienstnahme der Kunst und sind fließend. Kunst ist im 21. Jahrhundert ein Marketing-Instrument, ein intellektuelles Spiel und ein kühl eingesetztes Werkzeug der Disziplinargesellschaft; gleichzeitig ist sie Teil des Business und dessen schärfstes Analyse-Instrument. Diese Artisten sind nicht mehr unschuldig. Aber auch längst nicht mehr ahnungslos.

 Dichotomien

 Die Ablehnung von Gruppenhochmut ist für die Laboranten keine Neuerung, es ist eine programmatische Abgrenzung gegenüber Althergebrachtem, geradezu Voraussetzung für eine künstlerische Produktion. Ist der Fundus innovativer Spielformen ausgereizt, langweilt Wiederholung und Selbstreferenzielles, suhlt man sich in persönlichen Obsessionen, die nur noch Eingeweihte amüsieren. Selten hat es eine Epoche gegeben, der möglicherweise sogar die Begriffe fehlen, die eigene Gefährdung zu beschreiben. Der Raubtierkapitalismus beutet nicht nur die physische Seite aus, sondern gerade die psychische Seite, die Subjektivität des Menschen. Subjektive Kompetenzen, Kreativität, Entscheidungsfähigkeit, mentale Stärken, soziale Kompetenzen stehen im Mittelpunkt der Wertschöpfung. Diese Wissensgesellschaft produziert kollektiver als eine Industriegesellschaft.

Dialog

Haimo Hieronymus sieht sich vor, sich nicht in veralteten Dichotomien von traditionell oder zeitgenössisch, lokal oder global zu verheddern. Kultur als Suchbewegung – und nicht als Kontrollfiktion – macht wesentlich sein Unbehagen an der Kunst aus. In ihren Überlegungen geleitet waren er und Peter Meilchen davon auch in ihrem Projekt Dialog. Sie gehen das Risiko ein, auf Nebengleisen zu fahren, statt Trends hinterherzulaufen. Ihr Geheimnis bleibt es, wie sie aus der gelassenen Betrachtung Funken hervorzaubern, wie aus tauber Müdigkeit Farben entstehen. Die Vergänglichkeit des Moments symbolisiert die Instabilität eines sozialen Zustands in einer Übergangsgesellschaft. Diese Flüchtigkeit ist jener Teils ihres Ichs, den sie mein Instrument nennen. Sie wirkt wie ein fragiles Fragezeichen, fremd in einer noch fremderen Welt. Melancholiker flüchten in die schützenden Arme der Tradition. Remakes laden zum Vergleich ein. Wobei das Ergebnis schon vorher feststeht: Es ist üblich, das Alte besser zu finden. Weil sich damit so wunderbar ein Lebensgefühl ausdrücken läßt – das Unbehagen an der Gegenwart. Interaktion, Vernetzung, Medialisierung sind zeitdiagnostische Schlüsselwörter geworden.

Gegenzauber

Die Ironie, die bei den Laboranten zu spüren ist, basiert auf Melancholie, auf einer Sehnsucht nach dem, was viele bereits abgeschrieben haben: doch noch etwas bewirken zu können, obwohl wir ständig vom Gegenteil überzeugt werden wollen – eine tragische und traurige Position, die nur von durchscheinender Klarheit und feierlicher Bescheidenheit gemildert werden kann. Fauler Zauber braucht Gegenzauber. Glaubwürdigkeit ist keine Sache der Faktentreue, weil es derlei Fakten in der Kunst gar nicht gibt. Was es gibt, ist Stimmigkeit, vermittelt über eine Form, die ihrem Gegenstand schlüssige und vielleicht auch neue Sinnzusammenhänge eröffnet. Der Gegenzauber kann dann Verzauberung heißen.

Der Idealismus war der Gedanke, daß die Menschen über eine Kraft verfügen, die dem Übel unbezahlt Widerstand leistet und das Richtige prämienfrei tut. Die letzte unbezahlbare Freiheit, nämlich Erkenntnisse zu haben, wird in ökonomische Begriffe übersetzt, weil diese liberale Ökonomie eine ›ultima ratio‹ ist, ein Ende der Vernunft. Der Weltuntergang wird zur phänomenalen Urkomödie.

Selbstachtung zu haben bedeutet für die Betreiber des Laboratoriums, hart an sich zu arbeiten. Für die Betreiber gilt keine etablierte Wahrheit als sakrosankt; indem sie das Fundament des Denkens in Frage stellen, zeigen sie, daß sich kreatives Denken unabhängig von jeder experimentellen oder auch nur mathematischen Unterstützung entfalten kann: Es gibt nichts anderes als den freien Flug der konzeptuellen Einbildungskraft, als die künstlerische Arbeit. Nur sie hat die Macht, das Gefühlschaos, die Vergeblichkeit und das verfehlte Leben in die Wahrheit einer höheren Ordnung zu überführen.

Solidarität der Solitäre

Seit länger Zeit ist der schwindende Stellenwert der Künste zu beobachten. Bei der allgemeinen Eventisierung wird die Zusammenrottung zur Massenidentität eine neue Realität. Daher folgt die Edition Das Labor dem Hans-Ulrich Prautzschs Motto der Solidarität der Solitäre. Zusammengeschlossen hat sich in der Gründungsphase ein kleiner Kern von Artisten, die an den Produktionsortenaktiv an der Realisation arbeiten: der Werkstattgalerie in Arnsberg, in denen Künstlerbücher entstehen und Ausstellungen gemacht werden, und dem Tonstudio an der Ruhr, das die AV–Reihe betreut. Über die Jahre haben sich unter der Produktion unterschiedliche Kompetenzen ergeben, die die Kollegen einander wechselseitig zur Verfügung stellen. Das klassische Verlegermodell, bei dem sich der große Onkel um die Artistenkinder kümmert, wird es hier nicht geben. Es wird eher wie in der bildenden Kunst funktionieren, wo die Arbeit ›in progress‹ passiert, sich Netzwerke bilden. Die Arbeit sollte im Sinne Tretjakovs eine organisierende Funktion haben, eingreifend in bestehende Verhältnisse und deren kontinuierlichen Wandel anregend.

Rheintor

So kam 2011 das Rheintor in Linz dazu. Der bildende Künstler Klaus Krumscheid stellt die Freibank zur Verfügung. Was die Artisten bei diesem Projekt verbindet, ist der Rhein. Alles im Fluß, in Fluß. Das Fachidiotentum ist perdu, die Edition Das Labor dokumentiert in einem Katalog die Durchlässigkeit der Kunstgattungen. Diese Artisten interessieren sich für eine Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Es sind Künstler, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. Diese Art zu arbeiten befreit die Artisten von der Massenidentität, die just in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Sie machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um unter der Arbeit zu zeigen, was es bedeutet als Individuen zu überleben.

Seitdem das Internet mit Text befüllt wird, modifiziert sich die Buchkultur zur Schriftkultur. Die digitale Kommunikation des 21. Jahrhunderts verändert unser Denken, Schreiben und Publizieren. Die neue Schriftkultur eröffnet die Möglichkeit, zu analysieren und geschriebene Texte, Bilder und Töne zu vergleichen und fortwährend den neuesten Erkenntnissen anzupassen. Analog zur Erfindung Johannes Gutenbergs eröffnet das Internet neue Möglichkeiten der Verbreitung von Literatur, Kunst und Musik.

Auf den Tisch!

Die Artisten der Edition Das Labor legen ihr gesammeltes diskursives Wissen über Kunst und deren gesellschaftlicher Begleitumstände auf den Tisch. Sie ergänzen einander, streiten miteinander und korrigieren einander – und in einigen Fällen entdecken manche in der Vielstimmigkeit der Argument eine neue Position. Die klassische Autorschaft ist ebenso perdu wie der Geniekult des 19. Jahrhunderts. Die Frage lautet nicht, wie das Netz das Denken verändert, sondern wie das künstlerische Denken das Netz formt.

Die Artisten der Edition Das Labor bewegen sich in einem Niemandsland, einem Freiraum, in dem es keinen politischen oder ökonomischen Druck gibt und keine ästhetische Diktatur. Sie ergründen die Umstände, in welchen Situation Kunst Widerstand sein kann, ohne in opportunistische Kapitalismuskritik zu verfallen. Das Internet läßt sich aktiv statt reaktiv nutzen, es verhilft dem Kunstfreund zu finden, was er wissen möchte. Im Buch gibt es Fußnoten und Intertext, aber keinen Hypertext. Dort muß der Leser alle geistigen Vernetzungen selbst leisten. Das Internet bietet dem User eine andere Form des Umgangs. Die Benutzung von Hyperlinks läßt eine Ausstiegsmöglichkeit. Das Buch hingegen baut einen größeren Druck auf, dranzubleiben.

Ethos

Die Gründer der Edition Das Labor interessieren sich für Kunst, die nicht illustriert, sondern anders politisch relevant ist. Hier sind Künstler am Werk, die sich für Lebensentwürfe und das Zusammenleben interessieren und nicht für standardisierte Wege. Bei diesem Netzwerk sind grundlegende Werte die Selbsthilfe, Selbstverantwortung, Demokratie, Gleichheit und Solidarität angezeigt. Die beteiligten Artisten vertrauen auf die ethischen Werte Ehrlichkeit, Offenheit, Sozialverantwortlichkeit und Interesse an anderen Menschen. Der Sinn der Edition liegt darin, daß sich Künstlergruppen aus unterschiedlichen Regionen zusammenschließen und dem herrschenden Kulturbetrieb etwas Eigenes entgegensetzen. Diese Art zu arbeiten befreit die Gründer der Edition Das Labor von der Massenidentität, die in der globalisierten Gesellschaft entsteht. Sie machen keine Kunst, um Antihelden einer Subkultur zu sein, sondern vor allem, um die Sinngebung durch Kunst zu retten, um als Individuen zu überleben.

Ohrenzwinkern · die AV-Reihe der Edition Das Labor

Die Edition Das Labor lanciert mit Ohrenzwinkern ein Label, auf dem Facetten der multimedialen Kunst zugänglich macht, die nach den herkömmlichen Marktgesetzen unerschlossen bleiben. Den ›Markt‹ gilt es zu entmystifizieren. Der Kunstmarkt besteht aus vielen Menschen, die nur darauf warten, daß sich an den aus den USA importierten Standards etwas ändert. Das aufgeklärte Publikum erwartet auf Künstler, die den Vorhang aufreißen, um in einer anderen Form zu erzählen. Wir haben im deutschen Sprachraum nur das Standardisierte und das sich sehr radikal gerierende Kunstkino oder abseitige Avantgardeliteratur. Es gibt andere Erzählformen, und diese werden in der Edition Das Labor präsentiert.

Die DVD ist das Medium, das mehr als je ein anderes zuvor die Geschichte der multimedialen Arbeit gegenwärtig zu halten erlaubt. Und zwar an der Schnittstelle zwischen der virtuellen, freien Verfüg- und Kopierbarkeit der Internet-Archive, der subventionierten Museen und der durch Kopierschutz und Regionalcodes geregelten Verwertbarkeit auf Kapitalmärkten. Die AV-Reihe Ohrenzwinkern will physische und metaphorische Prozesse des Verharrens, des Abschieds, des Übergangs und der Verwandlung abbilden, ihnen nachspüren, sie aufschlüsseln.

Der erste und letzte Sinn

Fortzuhören ist schwieriger als fortzublicken. Hören bedeutet Eintauchen, es birgt ein Potential an Regression, so daß sich der Hörer im besten Fall an den tiefsten Orten seines Wesens berührt fühlt. Das Gehör ist der erste Sinn, der sich im Mutterleib bildet, und der letzte, den der Sterbende verliert. Die Faszination des Hörbuchs geht daher über die Lust an Geschichten hinaus und reicht, anthropologisch betrachtet, sehr tief.

Selten gehörte und gezeigte multimediale Arbeiten aus den Beständen werden in der Reihe Ohrenzwinkern auf DVD und CD wieder allgemein zugänglich gemacht, Hörproben finden sich auf MetaPhon. Die Restauration der Super-8-Films Schland ist beispielsweise eine Resynchronisation, die Bild und Ton des Films, im vorliegenden Original gegeneinander verrutscht, wieder in den richtigen Bezug zueinander bringt. Auch bei den anderen Ausgaben wird die geheime Ordnung der Bilder und der Töne erkundet.

Die Edition Ohrenzwinkern versteht sich als zeitgenössische Form, über Kunst- und Literaturgeschichte nachzudenken. In formschönen DVD-Hüllen wird dem Sammler eine Reihe präsentiert, die eine Zierde für jedes Bücherregal darstellt. Die Zukunft der Vergangenheit der multimedialen Arbeit sieht dank DVD und CD anders aus. Mit dieser Edition läßt sich ein Stück davon in Augenschein nehmen.

Pixelflut

Wir leben in einer bilderreichen Zeit und lassen uns von einer Pixelflut durch die Tage schwemmen. Die Videokünstlerin, Zeichnerin und Photographin Katja Butt befragt die umbaute Bewegung in einem Akt der Dissidens und bringt damit Bewegung in die starre Architektur. Transformation lautet das Stichwort. Diese Artistin macht Kunst lebendig, auch wenn ihre Perspektive klassisch ist. Mit dem Ansatz einer Skulpturistin untersucht sie räumliche und architektonische Prinzipien und damit verbunden auch gesellschaftliche Zusammenhänge: Raum- und Körpertheorie, Gedankenmodell oder künstlerischer Reflex. Diese Arbeiten verbinden radikale Analyse und radikale Reduktion. Klicken, Licht, Nahaufnahme, alles wird einzeln erzeugt. Die Elemente tropfen gleichsam getrennt auf den Bildträger, während man in einer Ausstellung die ganze Geschichte sieht.

Katja Butt inszeniert Kunst, die locker zwischen Schauplätzen hin und herspringt und der bedeutungsschweren Sinnfreiheit der REM–Phase folgt, dies allerdings mit einer zwingenden Idee. Im Atelier entstehen Einzelteile, in der Öffentlichkeit erfolgt die Synthese: gefaßt hinter Passepartouts in hellen Rahmen und in diesen Rahmen wiederum zu vierseitigen Würfelformen aufgebaut, die auf hölzernen Sockeln stehen, gemahnen ihre Photoarbeiten letztlich an Architekturmodelle und werden damit zu einem Mekka für kunstwissenschaftliche Relevanztheoretiker. Es geht der Künstlerin um Gesellschafts- und Welt-Modelle und die Versuche des Betrachters, sie zu erstellen, zu vermitteln, zu begreifen; es geht um die Entdeckung von Möglichkeiten und ihre prinzipielle Unerschöpflichkeit. Ihre Zeichnungen und digital bearbeiteten Fotoarbeiten zeigen ebenso ein Interesse für Architektur, wie sie deren statische Tendenzen durch die Lust an Dynamik und instabilen Raumsituationen erweitern.

Die Videokunst droht mehr und mehr verloren zu gehen: weil die Datenträger enorm instabil sind, weil die Abspielgeräte für gewisse Formate immer seltener werden, weil die Ästhetik etwa eines Monitors oder sogar eines Spulengeräts Teil einer Arbeit sein kann und diese folglich nicht einfach durch einen neueren Bildschirm und einen SD-Karten-Player ersetzt werden kann.

Der Traum des Kritikers ist es, eine Kunst durch ihre Technik zu definieren.

Roland Barthes

Technische Neuerungen sind immer auch eine Chance für scheinbar überholte literarische Formen. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Bestand die Modernität der lakonischen Notate bisher in ihrer Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Es ist Twitteratur. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in dieser Kunstform wieder. Wir stellen auf KUNO drei Autoren vor, die darauf bestehen, daß auch eine alte Kunstform die neue Wirklichkeit entlarvend aufschließen kann.

die gesellschaft insgesamt zieht die verkunstung der kunst vor.

Covermotiv, Uwe Albert, Technik: Aquarell / Feder

Holger Benkels Gedanken, die um Ecken biegen sind genau gedacht und karg gefaßt. Jeder Passus macht dem nächsten Platz. Manchmal lassen sich engere Zusammenhänge erkennen, dann wieder blitzen die Webfäden nur versteckt auf. Benkel schreibt mit einem Witz, der niemals grob, immer aber scharf ist. Auch Wörter sind Migranten. Benkel gibt ihnen den nötigen Raum, damit sie erzählen können. Ganze Passagen der eigenen Textkompositionen dekonstruiert er, damit das sich dem Leser das Vertraute auf das uns Fremde hin öffnet. Das literarisch Wertvolle daran ist, daß er das Spiel mit den Wörtern nicht als bloße Etüde betreibt. Vielmehr schimmert hinter all seinen Spracherkundungen ein existentieller Kern, das kleinstmögliche Ganze.

Wenn es Schwarmintelligenz gibt, über die alle so schwärmerisch reden, dann auch Schwarmdummheit. Amüsiert scrollte er in den Löschdiskussionen von Wikipedia.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt Haimo Hieronymus. Wenn die Novelle aus dem Italienischen übertragen als Kleine Neuigkeit übersetzt werden kann, dann liegt Herr Nipp wohl richtig, denn kurz sind seine Texte. Zwischen zwei bis vier Sätzen spielt sich alles ab. Da können Welten, Landschaftsgemälde und weltgeschichtliche Ereignisse entstehen und den Leser in die Vergangenheit oder Zukunft mitnehmen.  Er macht weder halt vor Märchen und Bibel, noch vor aktuellen Ereignissen oder Legenden des Films. Ohne auf die Erfordernisse der Twitteratur zu achten wird ein eigener Weg verfolgt, der trotzdem oder gerade deshalb in diese Zeit passt. Entweder es entstehen heute unendliche Geschichten mit tausend Seiten oder kürzeste Textfragmente mit zehntausend Reflexionen. Die Sätze spielen mit sich und am Ende finden sie ihren Sinn, so wird das Hintergründige nach vorne geschoben und auf der Straße breitgewalzt. Zur Not auch eine Eidechse. Die Wörter lassen das Buch zu einem großen Krabbeln auflaufen, einer kitzligen Verameisung.

So bleibt man mit sich alleine und hat nur die eigene Versöhnung des Gelingens oder die kleine Geschichte des Versagens.

Der “Künstler Meinen” in seinem Atelier. – Photo: Dieter Meth

Da aller guten Dinge drei sind, wird sich ab Februar Peter Meilchen mit seinem stilsicheren Duktus dazu gesellen. Diese Variante der Twitteratur beschreibt die Augenblicke, da das Wahrnehmen in das Verlangen umschlägt, das Wahrgenommene schreibend zu fixieren. Wenn Peter Meilchen spazieren ging, begegnete ihm ein Übermaß an Welt. Das mußte er bewältigen – mit Sprache, mit Sätzen und Satzfragmenten, in denen die Welt weiter mäandert, vibriert und manchmal auch herausbrüllt. Er porträtierte in seinem Werk eine untergehende Welt – und überwand sie. Opulenz, Würde und Gesellschaftsanalyse verband er wie kein anderer. Wenn wir Romantik als Autonomie des Imaginären verstehen, dann handelt es sich hier durchaus um romantische Notate, die sich aus der Spannung zwischen Realität und Imagination, Besitzen und Begehren ergeben. Wer von seinem Leben erzählt, erzählt immer eine Erfolgsgeschichte. Wer erzählt, lebt. Schon das ist ein Triumph. Wer erzählt, ist der geworden, der erzählen kann. Wer erzählt, ist nicht allein. Er gehört in eine Welt, die seine Welt geworden ist. Ganz auf die Ablagerungen der eigenen Biographie setzend und ohne Attitüde benennt Peter Meilchen so die Quelle seiner reichen und doch nie vagen Twitteratur.

Der Kulturbetrieb konfiguriert sich neu

Wie bereits beschrieben, ist neben den Produktionsorten Tonstudio an der Ruhr und der Werkstattgalerie Der Bogen ist 2011 als Veranstaltungsort das Rheintor hinzugekommen. Eine  Betrachtung zur Reihe im Rheintor lesen Sie hier, wenige limitierte Exemplare des Katalogs sind über die Edition Das Labor erhältlich.

Kunst zu schaffen bedeutet immer Vereinzelung, doch schon lange gibt es unter dem Dach der Edition Das Labor eine Solidarität der Solitäre. Ziel aller künstlerischen Initiativen – sei es Künstlerduo, Werkstattgalerie oder Kunstverein – ist es mit anderen Künstlern in Kontakt zu treten, um auf neudefinierte Bestrebungen der Kunst hinzuweisen, um sich gemeinsam von tradierten, akademischen Ansätzen zu lösen, um neue Wege zu gehen und auf diese durch die Organisation gemeinsamer Ausstellungen aufmerksam zu machen. Die Ausstellung 50 Jahre Krumscheid / Meilchen & Der Bogen ist ein aufschlussreicher Spiegel geistiger Konjunkturen.

Gibt es eine Wirklichkeit hinter den Bildern? Und wenn ja, gibt es einen direkten Zugang zu ihr? Ganz neu ist die Frage nicht. Die Sehnsucht nach dem “unvermittelten Blick” auf die Welt, jenseits der Medien, ist so alt wie die menschliche Kultur. Doch wie der Künstler Peter Meilchen sie stellt, das macht sein Werk so wertvoll. Das dies auch mit einer spielerischen Leichtigkeit geschehen kann, belegt die erstmals ausgestellte Reihe Frühlingel.

Die Ausstellung 50 Jahre Krumscheid / Meilchen & Der Bogen dokumentiert dies in unterschiedlichen Zusammenhängen Klaus Krumscheids Netzwerk. Dieser Artist zeigt bei der Zusammenstellung der künstlerischen Arbeiten und der eingeladenen Personen keinen Analytiker, sondern einen Menschenerklärer, einen Lebensvertrauten. Die Ausstellung im Kunstverein Linz stellt die Frage, was Kunst eigentlich ist, mit einem Eigensinn und einer Intensität, die in Zeiten, in denen die kalkulierte Marktkonformität den Betrieb dominiert, die Schönheit des unorthodoxen Denkens selbst illustriert.

Heterophone Stimmgewalt

Es ist kein Zufall, daß die Reihe Frühlingel Teil des Projekt Wortspielhalle ist, das unlängst mit dem Förderpreis des lime_lab  im Rahmen des “steirischen herbst” unterstützt wurde. Dieser Preis fördert die Entwicklung experimenteller, medienüberschreitender Hörspiele. Und da diese Arbeit in Herangehensweise und speilerischer Leichtungkeit viele Parallelen zum Projekt Schland ausweist, ist es folgerichtig, daß es eine akustische Umsetzung der Sprechpartitur gibt. Der mit einer professionell ausgebildeten Sprechstimme A.J. Weigoni arbeitete dafür mit der Schauspielerin Marion Haberstroh zusammen. Mit einem sprachspielerischen Angang zur Lyrik eröffnen der Sprechsteller und die Schauspielerin der Poesie eine neue Handlungsfreiheit. In einem zweckfreien Spiel über Zufälle und Möglichkeiten erforschen sie die ludische Wende, die durch die Dominanz von Spielanwendungen auf dem Computer gekennzeichnet ist. Ihr Spiel mit der Sprache verändern die Elemente einer Situation so zu, daß Neues und Unbekanntes entsteht. Zu hören in der Reihe MetaPhon.

Die Reihe MetaPhon

Die Schauspielerin Marion Haberstroh gibt der Sprache den Wohlklang zurück. Ihr Ziel ist es, die menschliche Stimme als ein universelles Instrument zu präsentieren und dem Geschmack der Worte auf die Spur zu kommen. Sie kam von der Bühne und fand im Hörspiel ihre Bestimmung, um mit ihrer Stimme die vielfältigen Stimmungsmöglichkeiten auszuloten. Seit dieser Zeit ist sie auf dem Weg ihre eigene Stimme zu entdecken, immer weiter und weiter, soweit, das sie die Räume in sich bis zum Grunde des Meeres und fast zur Spitze des Universums mit Atem und Stimme füllen kann. Das geschriebene Wort erkennt sie in seiner Struktur der Lautfolge. Sie ertastet die Worte mit der Zunge und lauscht ihrem Klang, der Hörer ist auf alles gefasst und erweitert damit seinen inneren Horizont. Jeder Laut möchte ausgesprochen werden und durch die Verbindungen entsteht die Magie der Semantik. Sie braucht nicht zu denken sondern nur den Lauten zu folgen, voller Respekt und schon ist eine Geschichte erzählt und im Geist des Zuhörers entstehen die Bilder. In Aufnahme und Schnitt von Tonmeister Täger vermeint man etwas seltenes zu vernehmen: Ein Kunstwerk, das atmet.

Man hört in der Wortspielhalle einen hochkulturaffinen Kunstwillen, der unüberhörbar in dieser Sprechpartitur steckt, aber eben auch eine Verspieltheit, die sich aus bunter Alltagskultur, aus Comics und Filmzitaten speist. Auf wundersame Weise paßt alles zusammen, rhythmisch wie atmosphärisch. Hier findet keine experimentelle Textzertrümmerung statt, diese Poesie spiegelt eine fragmentarische Gesellschaft, diese Artisten öffnen den Blick auf die Gegenwart. Nicht nur die Literatur bedarf der Befreiung durch den Sprachwitz, mehr noch der Hörer. Und manchmal steckt eine solche Subversion in einem Diminutiv, gelegentlich in einem dialektalen Wispern. Auch wenn es zwitschert und zirpt, man hört nie einen Eklektizismus heraus. Aus Fragmenten haben Weigoni und Haberstroh ein kohärentes Ganzes geschaffen, getragen von Rhythmen, die einen ganz eigenen Sog entwickeln. Alles erscheint stringent an diesem in seiner Poesie großartig schillernden Projekt.

Recycle the future

Weitere Vernetzungen mit ähnlich arbeitenden Artisten werden angestrebt. Das Sprachrohr der Artisten der Edition bildet diese Plattform. Dieses Podium verschaltet sinnfällig das künstlerische Denken und Tun: on- und offline.

Die Konzentration im Kulturbetrieb schreitet im Internetzeitalter rasant voran. Kunst ist eine Ware mit besonderer Aura. Mit der Beschleunigung des Kultur-Betriebs und seiner am Mainstream orientierten Produktion hat sich auch das Feuilleton gewandelt: Konzentrierte sich das Interesse bislang auf den künstlerischen Gegenstand, so scheint zu beginn des 21. Jahrhunderts dessen Personifizierung das Maß aller Dinge zu sein. Über Vermarktungsstrategien wird bereits seit Gutenbergs Erfindung des Bleisatzes gestritten. Der Markt für anspruchsvolle Innovationen und Entdeckungen hat sich dramatisch ausgedünnt, die Neugier auf Kunst hat in einem beängstigenden Maß nachgelassen. Pop, Glamour und Spaßkultur haben sich vor das Ernstere geschoben. Zerstreuung, Abenteuer, Selbsterfahrung, Internet verbauen den Blick auf das Wesentliche, das wir benötigen, wenn viele dieser Phänomene ihre Anziehungskraft verloren haben. Buchhändler verlangen Werbekostenzuschüsse, damit Bücher überhaupt in der Auslage präsentiert werden, die Presse ist immer stärker von den Anzeigen der Großverlage abhängig, deren Bücher sich immer ähnlicher werden und die Literaturkritik ist auf den Hund gekommen. Umgeschriebene Waschzettel beleidigen die Leser genauso wie redaktionelle Inhalte, die an Anzeigen geknüpft sind. KUNO leistet Widerstand!

Live long and prosper.

Mr. Spock

Informationen sammeln, konzentrieren und das Kondensat als gebündeltes Wissen wieder an die Nutzer weitergeben – das ist der Mechanismus, der die Konzentration des künstlerischen Netzwerks vorantreibt. Als Werkzeug dient die Edition, eine Frischluftzufuhr für den Kulturbetrieb, eine Transparenzinitiative, die Meinung unzensiert ›liefert‹. Kultur ist mehr als Unterhaltung, genauer: die Anstrengung des Begriffs und Arbeit am Gegenstand. Die Artisten der Edition Das Labor nehmen den Vertrieb ihrer Produkte weiterhin selbst in die Hand.

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Im Rückspiegel

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