50 Jahre Krumscheid / Meilchen

1. April 2014
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Blick auf das Rathaus Linz

Peter Meilchen und Klaus Krumscheid lernten sich heute vor 50 Jahren, am 01.04.1964 im Rahmen ihrer Ausbildung bei der Stadtverwaltung der Gemeinde Linz am Rhein, kennen. Ihre Freundschaft war geprägt von Sympathie, Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung. Dies drückt sich auch in ihrer gemeinsamen künstlerischen Arbeit aus.

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The Beach Boys

Über all die in diesem Doppelporträt geschilderten Jahre ergänzten sich der extrovertierte Meilchen sehr harmonisch mit dem introvertierten Krumscheid. Letzterer ist geradeheraus, höflich und bescheiden, macht nicht viele Worte und hat einen feinen Sinn für Humor. Als starker Idealist hat er den Glauben an seine Kunst und besitzt den Mut, auszuharren trotz des Widerstands der ideallosen Welt. Und er besitzt eine Gelassenheit, wie sie seit Jahrhunderten den Rheinländern genetisch weitergegeben wird.

Das entgegengesetzte Extrem einer Künstlergruppe bildet das Künstlerduo – die kleinste Form.

Linzer Stadthalle, Photo: Archiv der Stadt Linz am Rhein

Bereits zu Anfang der 1970er Jahre – also noch in der Steinzeit der sogenannten Neuen Medien (siehe auch) - veranstalteten Krumscheid / Meilchen in der  Linzer Stadthalle das Projekt Bild, Ton, Schrift, um dabei verschiedene Kunstformen (Bildende Kunst, Musik, Literatur) vorzustellen. Die beiden Künstler haben sich das Spielen, die Reflexion über das Spielen zur Grundlage ihrer Kunst gemacht. Kunst als letztmögliche Form des Spiels. Sie verbinden, vergleichen, stellen infrage und finden letztlich für jedes Bild eine eigene Spielregel. Seit dieser Zeit ging es ihnen um die Intensität der Wahrnehmung. Meilchens Kunst war seit jeher die literarische Negativ– und Doppelbelichtung. Gestochen scharf wirken seine imaginären Erinnerungsbilder aus Linz am Rhein, doch pulst in ihnen auch der Schrecken. Seine skeptisch-ironische Weltsicht einerseits, sein poetisches Engagement anderseits bringen viele Werke hervor, die verschiedene Positionen beziehen.

1974 begannen Meilchen und Krumscheid gemeinsam die künstlerische Ausbildung. Eine treffliche Passage dazu findet sich in Meilchens nachgelassenem Roman Schimpfen:

Ich muß einfügen, daß jeder diese Prüfung bestand, hatte er seine Anwesenheitspflicht, die freiwillig war, mit dies bestätigenden Testaten erfüllt. Kunsthochschulen müssen kein Sieb für den Markt sein – der sortiert sich ganz von allein. Und mancher ‘bestandene’ Künstler erlebt so manche Überraschung, will er auf dem Markt ein ‘gestandener’ Künstler werden. So fallen viele aus dem Wolkennest der Schule auf den harten Boden der Kunstvermarktung.

Fließend ist der Übergang von der Künstlergruppe zur Künstlerkolonie. Entscheidend ist hierbei der persönliche Entschluss der Einzelnen, auch ihren Wohnort auf den gleichgesinnter Künstler auszurichten, was einer optimalen Weiterentwicklung der jeweiligen Kunstströmung förderlich sein kann.

1984, am 2. April, feierten Krumscheid / Meilchen ihre zwanzigjährige Künstler-Freundschaft mit einer gemeinsamen Ausstellung mit einer Wohn-Zimmer-Ausstellung in Leubsdorf. An dieser Ausstellung beteiligt waren auch Künstler aus der Werkstattgalerie Der Bogen: Karl-Heinz Hosse, Martini und Jürgen Diehl.

Exkurs: Zwischen Werkstatt und Galerie

Der Bogen ist eine in Arnsberg-Neheim ansässige Künstlergruppe, welche die Zusammenarbeit von Künstlern und Laien fördert. Neben dem Kunstsommer Arnsberg und der Literarischen Gesellschaft Arnsberg handelt es sich um eine Institution für Kultur im nördlichen Sauerland. Die Gruppe besteht seit der Gründung 1980 in wechselnder Besetzung. Ziel war es, Künstlern Arbeitsräume und eine gemeinsame Basis zu geben. Im alten Fabrikgebäude von Kaiser-Leuchten haben sieben Künstler ihre Ateliers, Karl-Heinz Hosse, Haimo Hieronymus, Kirsten Minkel, Stephanie Neuhaus, Manuel Quero, Pit Schrage und Axel Schubert. Bis zu seinem Tod 2008 war auch Peter Meilchen Mitglied. Außerdem wird eine 360 m² große Werkstattgalerie sowie ein kleines Theater betrieben. Zusätzlich wird ein Gastatelier vergeben. Veranstaltungen wie Ausstellungen, Tanztheater, Theater, Soirees und Dichterlesungen bilden den Rahmen für den Kontakt zu interessierten Bürgern -regelmäßige Beteiligung am Arnsberger Kunstsommer, an Kunstmessen, auch an der Übernacht, einem Event im Winter, das als Kunstparty mit mehr als 1000 Gästen durch die Nacht führt. Jährlich findet im Sommer von der Künstlergruppe organisiert eine Kunst- und Kulturwoche genannt Sommergelee statt. Künstler, Schauspieler und Literaten wie A.J. Weigoni, Kwang Sung Park, Werner Cee, Joachim Paul, Stephan Kampwirth, Karoline Eichhorn, Paul Faßnacht und Bjarne Mädel hatten dort Ausstellungen, spielten Theater oder hielten Vorträge.

Im Gegensatz zu den meist programmatisch ausgerichteten Künstlergruppen werden in der Regel in Ateliergemeinschaften lediglich die Kosten für die Nutzung gemeinsamer Arbeitsräume bzw. Künstlerhäuser geteilt. Bedingt durch langjährige Freundschaften, thematische Gemeinschaftsausstellungen und der zwangsläufigen Auseinandersetzung mit den Arbeiten der anderen Mitglieder können sich jedoch Mischformen bilden, die über die reine Zweckgemeinschaft hinausgehen.

In der Verbindung zwischen Westfalen und Rheinland Pfalz zeigt sich: Der magische Prozess zwischen Idee und Realisation bleibt in der Black Box von Krumscheids Gehirn. Bei jeder Zufuhr an Klarheit offen zu bleiben für eine dazugehörige Gewißheit, daß mit wachsender Erkenntnis doch immer auch die Furcht und das neuerliche, uralte Unbegreifen wächst. Malen bedeutet ihm, den Faden seiner Ideen zu bestücken. Er ist ein Spezialist im Verstecken von Botschaften. Seine Arbeiten erschließen sich nicht auf den ersten Blick. Wenn man mit ihm über sein Tun spricht, ist es einfach, ihm zu folgen. Er spricht von Sehgewohnheiten, Erinnerungen und Erwartungen, die sich alle überlagern und verformen; so zieht ein Bild das andere nach sich.

Es gibt Kunst und es gibt Galerei-Kunst

Ed Keinholz

Zwischendrin gab es in den 80er Jahren zwei Veranstaltungen im Linzer Café Pepper in den unter dem Titel Linz und Kunz: Ausstellungen, Aktionen, Videos. Eine Eigenschaft ihrer Arbeit besteht darin, dass man sich über das, was im Zentrum steht, nie sicher sein kann. Die Künstler hinterfragten das Klischee, Photografie sei eine objektive Darstellung, gleichsam ein Ersatz für die Realität. Im 19. und auch noch in weiten Teilen des 20. Jahrhunderts haben die Mehrzahl der Menschen, das, was auf Photografien abgebildet war, tatsächlich geglaubt. Bloß spielt das längst keine Rolle mehr. Kein Mensch denkt doch heutzutage noch, daß es sich bei Photografie um ein objektives Medium handelt. Weil die Grenzen der Sprache zugleich die Grenzen der Welt sind, betrifft die meisten Menschen nur die Welt der Mitteilbarkeit und ihr gemeinsames Symbolsystem, Peter Meilchens Welt hat andere Grenzen, in ihr können Bilder vorkommen, die sich selbst bedeuten. Begreifen ist für diese Bilder das falsche Wort. Wir werden ergriffen. Vor dem Zugriff dieser Bilder flüchten wir. Wir stellen uns dumm, also empfindungslos. Wir tun so, als wären wir nicht radikal verunsichert und fragen nach der Bedeutung. Wir tun so, als wüßten wir nicht, daß diese Bilder nichts bedeuten. Keineswegs ist die Welt also nur alles, was der Fall ist, der Künstler kann es so zeigen, daß sie uns auf fremde Weise vertraut vorkommt.

Ziel der künstlerischen Initiativen ist es mit anderen Künstlern in Kontakt zu treten, um auf neudefinierte Bestrebungen der Kunst im weitesten Sinne hinzuweisen, um sich gemeinsam von tradierten, akademischen Ansätzen zu lösen, um neue Wege zu gehen und auf diese beispielsweise durch die Organisation gemeinsamer Ausstellungen aufmerksam zu machen. Die Grenzen zwischen allen Bereichen der bildenden und angewandten Kunst verlaufen dabei fließend.

Photo: Klaus Krumscheid

1989, zum Fünfundzwanzigjährigen, trafen sich in Linz Peter Meilchen, Jürgen Diehl und Martini mehrere Tage zum Projekt Drei über Wasser. Die Künstler kehren zum Ideal der Einfachheit zurück, ließen sich durch Fundstücke, die der Rhein herangespült hat inspirieren. Die dabei entstandenen Arbeiten zeigten die drei Künstler in Krumscheids Atelier im Rheintor. Hierher sollte es mit der Ausstellung UnderCover und dem Projekt Rheintor Linz – Anno Domini 2011 einer Rückkehr geben; thematisch durchaus in der Tradition: Die ganze Reihe im Rheintor lugt über Grenzen als Multiple hinaus, wenn man Sprach- und Ordnungsmotive durch die Gattungen dekliniert: Rauminstallationen entstehen mit und/oder den Objektbüchern, die einen neuerlichen Zugriff auf das Medium Sprache ermöglichen. Desillusionierung führt aber nicht zwangsläufig zu einer Entzauberung der Welt.

In der Nähe von Kunstmuseen wächst der Glaube von Qualität offenbar selbstverständlicher als am Rande eines Heimatmuseums.

(aus Schimpfen)

1994 zu 30 Jahre Krumscheid / Meilchen, wurde dann im von beiden sehr geschätzten Treffpunkt Martins-Stuben gefeiert. Gezeigt wurde dabei ein kurz zuvor entstandenes Video Die Macht am Rhein, der Versuch einer Flußüberquerung. Von Peter Meilchen gab es dazu noch unter demselben Titel eine Mappe mit 12 Stadtansichten. Die Bilderstrecke in diesem Artikel gibt einen Eindruck wieder.

Peter Meilchens Idee der Photografie beruht auf dem gestalterischen Grundsatz, wonach das Know–how – die Beherrschung der Mittel – wertlos ist ohne Know–why, ohne das Interesse an seinem Motiv. Auf dem Weg über unsere Netzhaut verändert sich ein Bild, und was es in uns auslöst, wenn es auf unser inneres Auge trifft, kann weit davon entfernt sein, was es in Wirklichkeit zur Anschauung bringt. Denn ähnlich wie Proust mit Büchern ergeht es uns mit Bildern. Sie rühren uns an, weil wir uns in ihnen wieder erkennen. Was wir dann sehen, ist eine Fortsetzung des Bildes mit narrativen Mitteln.

Am Ende. Es gibt kein Resümee. Nur der Beginn einer Einsicht, die erhellend über eine Summe von Erfahrungen strahlt.

(aus Schimpfen)

50 Jahre Krumscheid / Meilchen & Der Bogen läutet augenzwinkernd die Kanonisierung ein;-) Krumscheids Patchwork zeigt bei der Zusammenstellung der künstlerischen Arbeiten und der eingeladenen Personen keinen Analytiker, sondern einen Menschenerklärer, einen Lebensvertrauten. Die Ausstellung im Kunstverein Linz stellt die Frage, was Kunst eigentlich ist, mit einem Eigensinn und einer Intensität, die in Zeiten, in denen die kalkulierte Marktkonformität den Betrieb dominiert, die Schönheit des unorthodoxen Denkens selbst illustriert.

 

***

Anmerkung der Redaktion: Bitte merken Sie diese Ausstellung vor: 50 Jahre Krumscheid / Meilchen & Der Bogen, Vernissage am 12. April, ab 18:30. Dauer der Ausstellung, bis 12. Mai 2014 im Kunstverein Linz (Asbacherstr. 2, 53545 Linz)

Weiterführend →

Zur Ausstellung erscheint das Buch / Katalog-Projekt Wortspielhalle mit der Reihe Frühlingel von Peter Meilchen und einem Vorwort von Klaus Krumscheid. Eine weitere Betrachtung zur Reihe im Rheintor lesen Sie hier, wenige limitierte Exemplare des Katalogs sind über die Edition Das Labor erhältlich. Eine Würdigung des künstlerischen Lebenswerks von Peter Meilchen lesen Sie hier. Der Roman Schimpfen, von Peter Meilchen ist limitiert und mit einem Stempel versehen. Da Freunde und Förderer sich bereits im Vorfeld ihr Exemplar gesichert habe, rät KUNO nicht zu zögern und sich diese Preziose zu sichern. Weitere Werke sind erhältlich über die Edition Das Labor.

Weiterhin von Peter Meilchen in der Edition Das Labor erhältlich:

Schland, DVD, Edition Das Labor, Mülheim 2009

Texte, Hörbuch, Edition Das Labor, Mülheim 2010

Beobachtungen eines Unsichtbaren, DVD, Edition Das Labor, Mülheim 2011

Leben in Möglichkeitsfloskeln auf Kulturnotizen 2013

Schimpfen, Roman, Edition Das Labor, Mülheim 2013

Frühlingel, erscheint im Buch/Katalog-Projekt Wortspielhalle, Edition Das Labor, Mülheim 2014

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