Social Beat & Beat

Eine kleine Gruppe von Autoren als „Generation“ zu bezeichnen, soll den Anspruch verstärken, daß sie repräsentativ und wichtig für die Entwicklung einer neuen Stilrichtung sind.

Der Pressetext aus dem Literaturhaus Stuttgart kommt etwas vollmundig daher und nennt Social Beat & Beat in einem Atemzug:

„In den 1940er bis 1960er Jahren ließ eine Gruppe von amerikanischen Autor*innen die moderne Literatur erbeben – mit Schockwellen rund um den Globus. Die Beats revolutionierten die literarische Sprache: Straßenslang und spontanes Schreiben wurden en vogue, ihre Themen waren existenzieller Nomadismus und moderne Sinnsuche, sie stellten ihre Werke in umgebauten Garagen und Musikclubs vor. In den 1980er/90er Jahren kam es in der Bundesrepublik zu einem Nachbeben: Junge, wilde Schriftsteller*innen loteten die Grenzen der Literatur aus: mit Texten, gespeist von ihrem unmittelbaren Erleben, inspiriert von Dada und den Beats, mit Formen zwischen Happening, Performance und Lesung, jenseits der etablierten Orte der Literatur. Sie nannten sich: Social Beat und waren die Impulsgeber für die heutige Slam Poetry.“

i jump in & off we go

ruth weiss

Der Hinweis auf die Ausstellung erinnert uns an den Film „Unsere Leichen leben noch“ von Rosa von Praunheim. In teils dokumentarischen, teils gespielten Szenen porträtiert der Film fünf Frauen um die 60, die Beispiele für ungebrochene Kraft und Lebenslust im Alter sind: selbstbewußte, schillernde Persönlichkeiten, die ihren privaten Lebensstil herrschender Resignation und Lebensschwäche im Alter entgegensetzen. Ein bewußt amateurhaftes und formloses Gemisch aus Dialog, Pamphlet und Clownerie, das mit einigem Erfolg versucht, festgeschriebene Geschlechterrollen zu verunsichern und Daseinsfreude auch im Alter und jenseits gesellschaftlicher Konventionen zu vermitteln. Dabei ist der streckenweise auch durchaus aggressiv argumentierende Film ebenso angreifbar wie seine Protagonistinnen, weil die wichtige Aussage allzu oft im Sammelsurium der grellen Formalismen unterzugehen droht.

Analog zur „Beat-Generation“ ist der interessanteste Autor, den der Social Beat hervorgebracht hat, auch eine Frau

Die Ausstellung dokumentiert die Social Beat-Szene, in der der Großraum Stuttgart eine wichtige Rolle spielte, mit Original-Dokumenten aller Art. Die Aktivisten der Szene haben ihr Archiv zur Verfügung gestellt. Umrahmt wird das Ganze von Porträts und Dokumenten der Beats, exklusiven Portraits der Beat-Autoren von Jim Avignon und garniert (digital und womöglich live) mit Veranstaltungen und Lesungen, Filmen, Audioclips und Bücher-Vitrinen. Erstmals öffentlich zu sehen ist zudem eine Foto-Serie der Social Beat-Künstlerin YAM über den lange vergessenen Beat-Lyriker Taylor Mead.

Ob auch der Dokumentarfilm the beat goddess über die österreichisch-amerikanische Dichterin, Autorin, Performancekünstlerin, Dramatikerin, Filmemacherin und Schauspielerin ruth weiss dabei ist? – Die Verbindung von Jazz & Poetry wäre sicherlich auch eine eigene Reihe wert.

 

 

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Social Beat Beat & Beat: ein literarischer Urknall im Literaturhaus Stuttgart vom 22.1.–16.04.2021. Ticket zur Online-Vernissage am 22.1. via Stream.

Weiterführend zur Theorie des Sozialen

Eine Theorie des Sozialen lautet, es gebe in der Politik keine Lücken. Immer wo sich eine auftue, werde sie sofort von anderen Akteuren besetzt. Kaum jemand hat die Lückenhaftigkeit des Underground so konzequent erzählt wie Ní Gudix und ihre Kritik an der literarischen Alternative ist berechtigt. Ein Porträt von Ní Gudix findet sich hier. Lesen Sie auch die Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker von Werner Streletz und den Nachruf von Bruno Runzheimer. In einem Kollegengespräch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die Ruhrgebietsromantik. Mit Kersten Flenter und Michael Schönauer gehörte Tom de Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie hier – Sowie selbstverständlich his Masters voice. Und Dr. Stahls kaltgenaue Analyse. – 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge. Produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. – Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine Realsatire aus dem Jahr 1993 heraus, die er für den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat.

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