Traue KUNO – auch über 30!

Wir leben, wenn man den gängigen Theorien glauben darf, in der Wissensgesellschaft.

Was ist eigentlich Wissen?

Seitdem die Menschheit weltweit kommunizieren kann, verfügt sie erstmals in ihrer Geschichte über eine kollektive, synchrone Gegenwartserfahrung. Sofern man das Internet bereits jetzt als zivilisatorischen Meilenstein bezeichnen kann, haben sich Synchronität und alle anderen Formen der Konvergenz exponentiell erhöht. Auch die Kunst geht auf KUNO unbeirrt neue Wege und gibt dabei neue Antworten auf die Frage nach der Originalität. Es dominiert das Multimediale, das Mash-up, das Verschmelzen von Stilen, Zitaten und Einflüssen. KUNO ist ein Geflecht aus Leseerinnerungen, literarischem Vorwissen, Gegenwarts- und Vergangenheitserkundung. Durch die Rekonstruktion von Geschichte wandelte sich diese Online-Magazin zum aktuellen Resonanzraum, zum Projekt Das Labor, in dem über das Laboratorium der Moderne geforscht wird. KUNOs Arbeit an der Vergangenheit ist eine Arbeit an der Differenz.

Krise der Informationsökonomie

In der Literatur ist die letzte Provokation zur Konvention geworden, die Avantgarde ist längst anderswo. Der subventionierte Literaturbetrieb hat sich in stillschweigendem Einverständnis mit den Interessen des Kapitals arrangiert und seine Autonomie ebenso eingebüßt wie jede Art von transformierender Kraft. Das befremdliche Paradoxon der Gesellschaft liegt darin, dass sie Genies will, die sie zu ihren Lebzeiten nicht unterstützen kann, um sie nach ihrem Tod desto besser hochzujubeln. Die Haltung von Literaturbürokraten vereint all jene Eigenschaften, die den Kulturbetrieb zur Folterkammer machen: Gefühlskälte, aufgesetzte Bedeutung, routiniertes Handwerk, gnadenlose Selbstbezüglichkeit. Es wird nichts erzählt, was man nicht schon lange und besser weiß und kennt. Das Konzept des offensiven Selbstwiderspruchs versandet in hoffnungsloser Langeweile.

Alltagslyrik, wohin man schaut, Gartenmöbel zum Sonett gestampft
Monika Rinck

Wenn nichts richtig und nichts unrecht ist, dann hat die Literatur endgültig jeden Nimbus verloren. Es ist ein unausrottbares Gerücht, daß Literatur entsteht, indem “schmerzhaft genau beschrieben” wird. Das gibt im Resultat höchstens die klassische Suhrkampverlagsleiterprosa, charakterlos sensibilistisch, kunstvoll, ganz wichtig. Interessiert aber keinen Menschen. Es wird zu viel Vermeidungsfiktion geschrieben. Über die schmerzlichen Wunder unserer Existenz erfährt man bei Holger Benkel, Peter Meilchen oder A.J. Weigoni ungleich mehr als beim Eintauchen in die mürbe Welt eines Wilhelm Genazino, Botho Strauss oder Martin Walser, der Selbstzerfleischungsliteratur eines Karl Ove Knausgård und von all den junggealterten bis mittelalten Autoren und Autorinnen ganz zu schweigen, deren Helden sämtlich Jonas oder Anna heißen und in Prenzlberger Cafés ihre Zeit absitzen. Das dieser Szene über den Berghain hinaus eine Bedeutung zugeschrieben wird, ist ein tragischer Fall von germanistischer Inkontinenz.

Der Mangel an bürgerlichem Stil ist in diesem Online-Magazin ein Konzept!

Das Internet lehrt Uneindeutigkeit hinzunehmen. Und sie produktiv zu machen. Die Artisten von EDL führt das zu einer Disziplin des Offenlassens, diesseits der eigenen Interpretation und Meinung, hellhörig für alles, was in den Tiefen des www angelegt sein könnte. Sie öffnen sich für eine sich radikal öffnende Wahrnehmung als Grundlage für alles ist, was an Ausdruck gewonnen, bzw. „geschöpft“ werden kann.

Technische Neuerungen sind immer auch eine Chance für scheinbar überholte literarische Formen.

Bisher bilden die scheinbar kleinen Formen – in jeder Systematik der Literaturwissenschaft – neben Epik, Lyrik und Dramatik mit unterschiedlichen Bezeichnungen eine Randgruppe: Epigramm, Sprichwort, Prosagedicht, Kürzestgeschichte und selbstverständlich der Aphorismus. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist der althergebrachte Aphorismus in Form des Mikroblogging eine auflebende Form. Twitteratur ist eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt, sie scheint auf besondere Weise verfügbar und dienstbar zu sein. Bestand die Modernität dieser Notate bisher in ihrer Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne.

Hat Literatur ein Verfallsdatum?

Veraltet sie und wird so muffig wie das Papier, auf dem sie gedruckt sind?

Ein Buch muss keinen Nutzen haben. In der Zeit des Digitalen erlebt die Frage nach der Materialität von Literatur eine neue Blüte. Wie kaum eine andere Galerie in Deutschland hat ‘Der Bogen’ in Arnsberg immer Wert auf die handwerkliche Erarbeitung von Künstlerbüchern gelegt. Diese Aura der Einmaligkeit reicht von den Materialbüchern des Jürgen Diehl, über die Schland-Box von Peter Meilchen, bis hin zu Haimo Hieronymus und A.J. Weigonis Erkundungen über die Möglichkeiten der Linie zwischen Schrift und Zeichnung, der Verstetigung von Schrift, Pinsel und der Drucktechnik. Hier findet sich eine Vielfalt des Ausdrucks, die ihresgleichen sucht.

Der vordere Buchdeckel ist mit einem original Holzschnitt bedruckt. Vielleicht liegt ja in solcher Art Gestaltung eine Zukunft des Buches angesichts der digitalen Möglichkeiten. Das Buch als Objekt.

Jan Kuhlbrodt

Medienkombination“ nennt die Deutsche Nationalbibliothek ein Werk, das sich nicht auf den ersten Blick zuordnen läßt. Literatur findet nicht mehr im begrenzten Format eines Buches seinen Platz. Die Tradition der librophilen Bücher setzt sich mit einer Katalogreihe fort. Die quadratische Form der Kataloge hat sich als praktische Größe für die Abbildungen erwiesen. Dem Alphabetikon Katalog von Haimo Hieronymus folgte die mit dem lime_lab ausgezeichnete Wortspielhalle von Sophie Reyer und A.J. Weigoni, das von Karl Hosse angeregte Gezeitengespräch und die von Stephanie Neuhaus initiierte Super Speed Art Exhibiton Tour. Alle beteiligten Artisten arbeiten sowohl mehrperspektivisch, als auch interdisziplinär. Sprechen ist immer ein Erfinden: Jeder Mensch erfindet die ganze Zeit alles, was er macht und ist, nichts daran ist authentisch oder vorgegeben. Es gehört zur Gratwanderung des Erzählens, daß der Ton getroffen wird, es müssen die Präzision der Sprache, der Rhythmus der Syntax und die Klarheit der Bilder zusammenkommen. Es ist ein Spiel. Und die Mitspieler Peter Meilchen, Tom Täger und A.J. Weigoni erweitern es zum multimedialen Projekt 630.

Die Schrift ist gegenüber dem Medium der mündlichen Sprache und Kommunikation minderwertig, da sie sich nachteilig auf das Erinnerungsvermögen auswirkt.

Platon

Als Tom Täger 1989 im Tonstudio an der Ruhr Helge Schneiders erste Schallplatte Seine größten Erfolge produzierte, hat man ihn für verrückt gehalten. Als A.J. Weigoni 1991 seine LiteraturClips auf CD (der Claim für Klangbücher war noch nicht abgesteckt) realisierte, hat man ihn für verrückt gehalten. 1995 begann ihre Zusammenarbeit, die mit dem Hörbuch Gedichte einen sinnfälligen crossmedialen Zirkelschluß findet, zu dem Täger als Hörspielkomponist mit Señora Nada eine Musik der befreiten Melodien zelebiert oder bei dem zweiten Monodram Unbehaust eine Klang-Collage aus Papiergeräuschen anfertigt. Weigoni bewegt sich auf dem Hörbuch Gedichte in der Intermedialität von Musik und Dichtung, er sucht mit atmosphärischem Verständnis die auditive Poesie im ältesten Literaturclip, den die Menschheit kennt: dem Gedicht!

Der Essayist fühlt den Drang, oft und in vielen Medien, also intensiv und extensiv zu publizieren.

Vilém Flusser

Wir begreifen die Gattung des Essays auf den Kulturnotizen als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Der Essay ist ein Werkzeug, das nach der Lektüre die Dinge klarer und schärfer sehen lässt, er bewegt sich an der Schnittstelle von Feuilleton, Wissenschaft und Literatur agiert. Bei KUNO präsentieren wir Essays über den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu lösen ist. Dieses Online-Magazin begreift sich als Gegengedächtnis zur offiziellen Geschichtsschreibung. Die Redaktion verschaltet den Irrsinn von Gegenwart und Vergangenheit Funken sprühend neu miteinander. Denn alles kann dabei grundsätzlich mit allem zusammenhängen.

Die Artisten gehen über Bord. KUNO wird auch weiterhin Ausschau halten müssen nach Stellen, wo sie wieder auftauchen können.

 

 

***

Weiterführend

Logo-Entwurf: Peter Meilchen

Erinnerung wird zunehmend auf neue Technologien ausgelagert. Das Grundproblem der Erinnerungskultur (siehe auch: In eigener Sache), der Zeugenschaft, der Autorschaft, ist die Frage: Wer erzählt, wer verarbeitet, wem eine Geschichte gehört? – „Kultur schafft und ist Kommunikation, Kultur lebt von der Kommunikation der Interessierten.“, schreibt Haimo Hieronymus in einem der Gründungstexte von KUNO. Die ausführliche Chronik des Projekts Das Labor lesen sie hier. Diese Ausgrabungsstätte für die Zukunft ist seit 2009 ein Label, die Edition Das Labor. Diese Edition arbeitet ohne Kapital, zuweilen mit Kapitälchen, meist mit einer großen künstlerischen Spekulationskraft. Eine Übersicht über die in diesem Labor seither realisierten Künstlerbücher, Bücher und Hörbücher finden Sie hier.

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.

Die Künstlerbucher sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421