Der Randgänger der Poesie

24. April 2003
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Eine Dichtung ist wie ein Gemälde: es gibt solche, die dich, wenn du näher stehst, mehr fesseln, und solche, wenn du weiter entfernt stehst; dieses liebt das Dunkel, dies will bei Licht beschaut sein; … dies hat einmal gefallen, doch dieses wird, noch zehnmal betrachtet, gefallen.

Horaz

Für Jürgen Diehl bedeutete eine Ausstellung zu machen: “Im Raum zu denken” und dabei möglichst wenig formalen Beschränkungen unterliegen. Dieser Artist lebte bewußt zwischen allen denkbaren Kategorien. Sein künstlerisches Werk überschneidet sich nicht zufällig mit dem Expressionismus, dem Konstruktivismus, dem Kubismus und dem Surrealismus, dem Synthetismus und Fauvismus – aber in Wirklichkeit versagen die Ismen hier. Er experimentierte mit Inhalten, Formen und Techniken und überbrückte dabei die Pole von abstrakter und gegenständlicher Malerei. Wir sehen ungeometrische Faltungen in den Raum ragen und zu zellenartigen Strukturen verwachsen und dem Versuch ungegenständliche Malerei mit gegenständlichen Formen zu verbinden. Für Diehl war abstrakte Malerei eben nicht ein Ausweichen vor der drängenden Wirklichkeit, er wollte in seinen Bildern das Gefühl der Gegenwärtigkeit in einer zeitgenössischen Sprache ausdrücken. Es ging ihm darum, die engen Grenzen der Malerei zu sprengen und neue Felder zu erschließen. Bei der Wahl seiner Laufbahn schwankte immer sehr entschlossen zwischen Malerei, Literatur und Musik.

Poesie ist draussen, daneben, dahinter, jedenfalls immer abseits.

Paul Wühr

Jede Gegenwart benötigt ihre eigene Literatur. Eine Literatur, die in der Lage ist, Leiden und Freude, Zweifel und Hoffnung angemessen zum Ausdruck zu bringen. Lange bevor es Wortwolken gab, die rein quantitativ einen Text zerlegen, erzeugte Diehl solche, die unsere Sprache qualitativ erfassen und ästhetisch befragen. Wie auf einem abschüssigen Splitweg kommt der Leser im Lesen ins Rutschen und wundert sich zum Schluss mit einem leichten Lächeln, dass diese Rutschpartie gut ausgehen konnte. Diehl macht es Zuhörern bei seinen Rezitationsabenden nicht leicht – statt mit einer Person beschlich einen mitunter das Gefühl, es mit zwei, drei oder vier Lesenden zu tun zu haben, so raffiniert moduliert er, und das mit einer lässigen Haltung, zum Teil während nur eines Gedichts Stimmlage, Geschwindigkeit und Intonation. Seine Poesie mag zwar im Abseits stehen, aber von dort aus zielt und trifft sie zuverlässig ins Innere des Daseins. Weil Diehl sich als ein Wortjongleur erweist, der sich nicht in billigen Tricks vertändelt, sondern Aussagen umgarnt und umspielt, können die Gedichte über sich hinausweisen. Sie setzen poetische Wegmarken in den endllosen Steinbruchweg des Lebens.

Umschrift des poetischen

Behälterwagen Quarzwerke für Feinschüttgut

Der lyrische Zyklus Feinschüttgut gleicht einem Rätselspiel, einer Schnitzeljagd, und der Leser wandelt auf Diehls Spuren, fliegt ihm gleichsam hinterher. Diese Gedichte kann man nicht bloß lesen, sondern man muss sie laut lesen. Diehl zelebriert den Klang, alles greift atmosphärisch dicht sprachlich und klanglich ineinander, jedes Wort, jeder Buchstabe scheint die logische Konsequenz des vorangegangenen zu sein. Diehl artikuliert einen Willen nach Freiheit, Subjektivität, Autonomie. Seine Lyrik ist opulent dort, wo sie sich in Lesarten auffächert, wie in diesen unerhört reichen, filigranen, eleganten und gedankenscharfen Gedichten. Die Leiblichkeit, die Fleischwerdung des Wortes ist eines der zentralen Themen. Es liegt etwas Widerständiges und Aufrührerisches in seinen Versen, und das gilt historisch nicht bloss im poetologischen, sondern auch im politischen Sinn. Zum Klang gesellen sich der Sinn der Rede, das Sprachbild, die Metapher, der Rhythmus des Erzählens und die vielfachen Bezüge. Es erweist sich der Wahnwitz der Sprache als etwas, das sehr genau dem Denken und Fühlen nach­gebildet, frei­lich ebenso nach eigenen Ge­setzen wie all­gemein nachvoll­ziehbar durchkompo­niert wurde.

Jürgen Diehls Problem, eine Triple-Begabung zu sein, folglich in allen künstlerischen Bereichen seine Qualität zu besitzen, stellte sich für die Menschen in seiner Nähe als inspirierender Vorteil dar.

Peter Meilchen

Getragen wird das künstlerische Schaffen von Jürgen Diehl von einem Bewußtsein der Endlichkeit, Menschen sind bloß Klangfiguren in Moll; alles, auch der Klang ist flüchtig, der Tod immer da und nah, überall Reflexionen von Krankenhausfluren, Kanülen, Beatmungsmaschinen, hinter jedem Aufblühen blüht ein Karzinom.

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WeiterführendEine weitere Würdigung von Jürgen Diehl finden Sie hier. Hören Sie auch die Hommage an Jürgen Diehl auf MetaPhon.

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