Axel Kutsch spannt Versnetze übers Wortland

Auch der thematische Schwerpunkt einer Zeitschrift für Literatur und Kunst kann durchaus dazu dienen, den Finger in eine brennende Wunde zu legen. Wenn aber das Thema die Grenzen der Berichterstattung sprengt und auf die Straße in die Mitte der Gesellschaft springt, zeigt es seine wahre Brisanz – aus kultureller, sozialer wie auch politischer Sicht. Dazu könnte man von vornherein die Auswahl unseres Wiederholungstäters Theo Breuer rechnen: eine Auswahl, die nicht nur mit der Dimension des Phänomens namens Axel Kutsch überrascht, sondern auch mit seiner ungewohnten Art konfrontiert, „wie ich es alles sehe“, „wer-was sagt/schreibt/meint“. Der Vermittler „eines breiter gefächerten Bildes unserer aktuellen Poesie“ (aus dem deutschen Sprachraum), der die „Vernetzung der Generationen“ spannend findet und feststellt, „dass die Poesie älterer Jahrgänge genau so frisch und anregend ist wie die junger Talente“, macht kein Geheimnis aus der Tatsache, dass er als Herausgeber genau weiß, dass nicht nur die Genies knapp sind – „Das war schon immer so“, merkt er an –, sondern auch, dass es sich beim Genre Lyrik um „ein Nischenprodukt“ handelt, „das sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt“, dass also Lyrik nach wie vor die Literaturgattung der kleinen Auflagen ist. „Lyrik wird heute in erster Linie in Kleinverlagen veröffentlicht – eine oft selbstausbeuterische Angelegenheit von ,Überzeugungstätern‘, deren Zahl in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Mit ihrem Engagement haben sie maßgeblichen Anteil daran, dass man wieder von einer Blüte in der deutschsprachigen Poesie reden kann. Allerdings sollte man sich nichts vormachen: „Die breite Öffentlichkeit nimmt keine Notiz davon“, sagt er im Interview. Und: „Wer sich als Autor und Herausgeber ausschließlich der Lyrik widmet, muss schon fahrlässig naiv sein – wenn er mit einem großen Publikum rechnet.“ „Er schrieb Gedichte/ für eine bessere Welt./ Sie wurde nicht besser, sein Werk gefällt …“

Man kann nicht ansatzweise von Lyrik leben, aber man kann wunderbar mit Lyrik leben. Axel Kutsch wird dieser Tage 69 – „eine rundum runde Zahl, eine Zahl zum Lieben schön“, schreibt Theo Breuer, der nicht nur den Autor Axel Kutsch, seine Texte und Anthologien kommentiert, sondern auch seiner persönlichen Beziehung zu Kutsch, Kutsch-Texten und Kutsch-Anthologien nachgeht. „Es ist eine Fama, dass Gedichte im zeitgenössischen Leben moderner Menschen kaum eine oder gar keine Rolle spielen. Das Gegenteil ist der Fall: Buchstäblich überall begegne ich attraktiven Wörtern, Reimen, Sprüchen, Zweizeilern, Vierzeilern. SMS-Botschaften vor allem junger Menschen geraten immer wieder zu verblüffend lyrisch verdichteten Kurzsequenzen …“ Lassen Sie sich verführen, liebe Leserinnen und Leser, von den mehr als 100 Seiten dieses Marathons, der hier Axel Kutsch gewidmet ist.

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Anmerkung der Redaktion: Theo Breuers Porträt ist der zweite Teil des Essays Axel Kutsch spannt Versnetze übers Wortland und erschien zunächst in Matrix 36, die sich schwerpunktmäßig dem Lyriker und Herausgeber Axel Kutsch widmet; nach der Würdigung Friederike Mayröckers (Matrix 28) und dem Sonderband zu Hans Bender (Matrix 29) ist Matrix 36 die dritte von Theo Breuer edierte Matrix-Ausgabe.