Faust im Musterkoffer

Es existiert eine Art Muckertum im Goethekultus, das nicht von Produzierenden, sondern von wirklichen Philistern, vulgo Laien, betrieben wird. Jedes Gespräch wird durch den geweihten Namen beherrscht, jede neue Publikation über Goethe beklatscht – er selbst aber nicht mehr gelesen, weshalb man auch die Werke nicht mehr kennt, die Kenntnis nicht mehr fortbildet. Dies Wesen zerfließt eines Teils in blöde Dummheit, andern Teils wird es wie die religiöse Muckerei als Deckmantel zur Verhüllung von allerlei Menschlichem benutzt, das man nicht merken soll. Zu alledem dient eben die große Universalität des Namens.

Gottfried Keller im Jahre 1884

Nichts kann so abgeschmackt und unverfroren sein, daß der historisch Unterrichtete es nicht an eine Erscheinung knüpfen könnte, die zu ihrer Zeit etwas Rechtschaffenes darstellte. In Goethes Jugend beherrschten die »schönen Wissenschaften« die Katheder. Was uns als deutlich unterschieden vor Augen steht, Moralphilosophie, Ästhetik, Soziologie, Geschichte der Literatur, konnte damals gut und gern in einem Kolleg behandelt werden. Wenn uns das rückständig und oberflächlich erscheint, so ist es damals wahrscheinlich Vorbedingung der unbefangenen Auseinandersetzung mit den Gedanken gewesen, die von England und Holland aus durch Shaftesbury und Hemsterhuys herrschend wurden. Mag man im Werther den Nachklang dieser Geistesbewegung finden, so war sie jedenfalls für Goethe mit diesem Werk abgeschlossen. Und je älter er wurde, desto deutlicher tritt bei ihm nicht allein die entschiedenste Abneigung gegen die Schöngeisterei, sondern eine Produktionsweise an den Tag, welche seine Werke ein für allemal jeder empfindsamen, nun gar rhetorischen Betrachtungsweise entrückt. Diese späteren Dichtungen, in denen Goethe dem Lauf seiner Phantasie willentlich Dämme und Stauwerke härtester Realien in den Weg setzte, der westöstliche Diwan, die Wanderjahre, der zweite Teil des Faust, boten denn auch der gewohnten, auf Genuß statt auf produktive Aneignung gerichteten eklektischen Betrachtungsweise so große Schwierigkeiten, daß die Goethe-Literatur der ersten 25 Jahre sie aus dem Spiele ließ. Und das ist nicht der einzige lehrreiche Sachverhalt, der bei einer Betrachtung der bisherigen Goethe-Literatur, ganz besonders aber der Faustliteratur, zu gewinnen gewesen wäre. Damit steht der Leser des neuen Faustkommentars von Eugen Kühnemann 1) vor der ersten Merkwürdigkeit des in jedem Sinne und nicht zum wenigsten seinem Umfange nach monströsen Buches: auf seinen mehr als tausend Seiten keine einzige Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Faustforschung, in seinem Register keinerlei Verweis auf Fischer, auf Witkowski oder Burdach. In der Tat, so vereinfachen sich die Dinge. Dementsprechend heißt es dann wirklich: »Der zweite Teil, der sich auf das klarste in fünf Akte gliedert und damit dem regelrechten Theaterstück näher steht als der erste, bietet sich von vornherein weit mehr als sein Vorgänger dar als das Werk eines durchgehenden und in klarster Bewußtheit durchgeführten Gedankens und Plans. Jeder der fünf Akte ist eine kleine Welt für sich, aber alle gehören sie doch als ein richtiges Planetensystem zu derselben Welt Einer Sonne. Die Sonne ist der dichterische Faustgedanke.«

Da ist im Jahre 1919 ein schmächtiges Bändchen erschienen. Leicht hätte Kühnemann es einsehen können, denn es ist von einem seiner engeren Kollegen, dem Professor für klassische Philologie an der Universität Breslau, Konrat Ziegler verfaßt. Das heißt »Gedanken über Faust II«,2) und darin entwickelt der Autor, wie brüchig und willkürlich die Komposition dieses Dramas sei, wie Goethe immer wieder unter dem Einfluß heterogener Stimmungen und Geschäfte vom Grundplan abgewichen sei, wie wenig daher die überkommene Schätzung dieses Buches sich halten lasse. Der Verfasser ist, wie gesagt, Philologe, und »wer in philologischer Methode denkt«, sagt Kühnemann so von oben herab, »bleibt Philologe, auch wenn er Gegen­stände behandelt, die herkömmlich zur Philosophie gerechnet werden«. Es ist daher zweifelhaft, ob er seinen Kollegen, den Verfasser dieses quer­köpfigen, skeptischen Werkes, der für sich selbst nichts geltend machen kann, als daß er Faust II sehr aufmerksam und nachdenklich durchlas, jener »Lehrstühle des deutschen Geistes« wert erklären würde, die »bekleidet werden von Männern, die vollwertige Philosophen und zugleich Männer des sicheren künstlerischen Verstandes und selber künstlerische Gestalter sind«. Wie dem nun sei, dieser Ziegler hat jedenfalls den Blick auf einige Dinge gelenkt, die die Einsicht in die Größe der Dichtung nur fördern. Wir folgen ihm um so lieber, als er uns den Weg weisen wird, die Übermacht der Kühnemannschen Redebataillone mit ihren Schwatzregimentern und Faselkolonnen, den flatternden Phrasen zu ihren Häupten und den Blechkapellen an ihrer Spitze im Rücken zu fassen.

Ein Hauptbedenken Zieglers betrifft die Vorbereitung des Helena-Akts. Aus den Entwürfen weist er nach, wie lange Goethe mit dem Gedanken sich getragen hat, den Faust »in des Olympus hohlem Fuß« bei der Persephone die Helena von den Toten sich losbitten zu lassen, und wie er dann am Ende resignierend auf die Gestaltung dieses Vorwurfs verzichtet habe, dergestalt sein Werk der größten dramaturgischen Unstimmigkeit preisgebend. Dieses Zieglersche Problem ist der Angelpunkt der neuesten Faustforschung. Wenn das höchst bedeutsame Werk,3) von dem nunmehr die Rede sein soll, später als Kühnemanns Machwerk erschienen ist, so hat das wenig zu besagen, denn Gottfried Wilhelm Hertz, sein Verfasser, hat den Faden nur, freilich mit seltenem Glück, da aufgenommen, wo andere ihn fallen ließen. Kurz und gut, ein ungeheures Ringen des greisen Goethe steht da, wo Kühnemann »das Werk eines durchgehenden und in klarster Bewußtheit durchgeführten Gedankens und Plans« sieht. Und wie das nun einmal die Art des echten Philologen ist (auch wenn er, wie G. W. Hertz, am Reichsfinanzhof amtiert), entwickelt er das atemraubendste Geschehen aus zwei Versen:

In eurem Namen, Mütter, die ihr thront

Im Grenzenlosen, ewig einsam wohnt,

Und doch gesellig! Euer Haupt umschweben

Des Lebens Bilder, regsam, ohne Leben.

Was einmal war, in allem Glanz und Schein,

Es regt sich dort; denn es will ewig sein.

Und ihr verteilt es, allgewaltige Mächte,

Zum Zelt des Tages, zum Gewölb‘ der Nächte.

Die Einen faßt des Lebens holder Lauf,

Die Andern sucht der kühne Magier auf.

 

Die beiden Zeilen, die hier entscheiden, haben eine Variante gehabt, in der sie lauten:

Die einen faßt des Lebens holder Lauf,

Die andern sucht getrost der Dichter auf.

 

Was zwischen diesen beiden Fassungen liegt, ist nicht nur ein Teil vom Schicksal der Faustdichtung, sondern ein Stück Geschichte der Faust­forschung selbst. Die spiritualistische Interpretation der Dichtung, wie Kuno Fischer, wie auch noch Witkowski sie vertritt, war nicht imstande, das hier bestehende Spannungsverhältnis zu ermessen. Es bedurfte dazu der engsten Beziehung des Faust auf Goethes naturwissenschaftliche Studien. Goethe gehörte zur Familie jener großen Geister, für welche es im Grunde eine Kunst im abgezogenen Sinne nicht gibt, ihm war die Lehre von den Urphänomenen der Natur zugleich die wahre Kunstlehre, wie es für Dante die Philosophie der Scholastik und für Dürer die Theorie der Perspektive war. Was bei Goethe mit diesen Versen im Streit lag, das ist das ästhetisch-spiritualische Scheinwesen der Helena. Auf der einen Seite ihr Wirklichsein, auf der anderen Seite ihre Erscheinung – so stand sie im Geiste Goethes lange mit sich selbst im Zwiespalt. Gesiegt hat ihr wirkliches Sein. Während sie ursprünglich »als lebendig im Hause des Menelaus empfangen werden« sollte, tritt sie nunmehr, wie wiederum Goethe selbst schreibt, »wahrhaft lebendig« oder als die »wahre« auf. Solches Leben ihr zu verschaffen, war nun allerdings die Losbittung aus der Unterwelt nicht imstande. Was an ihre Stelle trat, wie die Einverleibung des Homunkulus in den lebendigen Ozean und damit in den Ozean des Lebendigen »den natürlichen Vorgang, wodurch ein Geist sich den menschlichen Körper erwirbt«, vorbildete, so daß der Zuschauer sich jetzt sagen mußte, »daß er nicht mehr – wie einst am Kaiserhofe – das unwirkliche Gespenst der Griechenkönigin, sondern diese selbst in ihrer vollen antiken Realität vor Augen habe«, mag man bei Hertz nachlesen. Und unbedingt wird man ihm zustimmen, wenn er darlegt, warum denn Goethe das Leben der Helena für seinen dritten Akt weder dem Magier noch dem Dichter verdanken wollte. »In der Zwischenzeit von der Urkonzeption des Motivs im Winter 1827/28 bis zum Neubeginn der Arbeit im Spätsommer 1829 hatte den Faustdichter … sein alter Hang zur Natur­philosophie von neuem gepackt, und so konnte er sich mit dem ästhetischen Bilde nicht mehr begnügen;« gerade damals hielt er sich »mit Bewußtsein in der Region, wo Metaphysik und Naturgeschichte übereinandergreifen, also da, wo der ernste treue Forscher am liebsten verweilt«. Nicht minder aber ist das Verweilen die Haltung des wirklichen Philologen, der auch seinerseits, wie Goethe, wiederum vom Naturforscher, es gesagt hat, den Phänomenen »sich innigst identisch macht«. Und welch erstaunliche Funde dergestalt sich ihm in die Hand schmiegen, dafür als letztes Beispiel die Interpretation, die Hertz für die berühmten Verse von den Müttern findet und in der er sie als die Urphänomene anspricht:

 

Die einen sitzen, andre stehn und gehn,

Wie’s eben kommt. Gestaltung, Umgestaltung,

Des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung.

 

»Der Sitz des Gesteins, die Beweglichkeit des Tierreichs, das Aufwärts­streben der an die Scholle gefesselten Pflanzenwelt« so werden »die Bewohner der Mütterwelt hier eingeteilt … in drei große Gruppen – in augenfälliger Übereinstimmung mit den Gegenständen der drei Naturreiche: dem beweglichen, zur Ortsveränderung befähigten Tiere; der zwar an ihrem Platze haftenden, doch aufrecht auf der Bodenfläche stehenden Pflanze; dem Gestein, dessen Vorkommen oder Ort die Sprache mit Vorliebe bezeichnet als seinen Sitz.«

Um nun aber, wie angesagt, unseren bramarbasierenden Radoteur im Rücken zu fassen, bedarf es nur noch des Entschlusses, ihn zu Worte kommen zu lassen. Was weiß er von den Müttern? »Im gestaltenden, sich umgestaltenden Wandel der Gebilde erfüllt sich der ewige Sinn der Wahrheit als immer derselbe … Zu den Müttern«, heißt es von Faust, »muß er vordringen, – den wesenhaften Wurzeln des Seins, den ewigen sinnge­benden Gewalten und Gestalten letzter Wahrheit, deren Erscheinungen die Gegenstände der Wirklichkeit sind. Wer das Tiefste begreift, mag als höchste Gestalt dieser Wesenheiten die Schönheit in ihrer reinsten Erscheinung, die griechische Schönheit in ihrem höchsten Bild neu hervorzaubern.« Anstatt die Konfusion dieser letzten Sätze in ihrer reinsten Erscheinung rückblickend aufzudecken, wenden wir uns vorwärts, der Deutung der Helena zu, um zu hören, »was Goethe mit seiner Helenatragödie getan hat«: »Er erfaßt die Antike in germanischer Seele, und zwar in der Gestalt der germanischen Seele, die nur durch die Bildung des Christentums möglich wurde und überall das Seelisch-Tiefste und Letzte sucht… Natur und Geist des Menschenlebens sind zur Einheit gekommen und dadurch vollkommene Schönheit geworden. Die Aufgabe der Form erhebt sich hier für den Künstler in ihrem höchsten Sinn…: der geistige Sinn des Menschenlebens tritt in seiner letzten Tiefe hervor. Der Geist der Helenadichtung ist damit auf das genaueste bezeichnet.«

Das zu lesen macht Mut und man wagt danach, auf das Genaueste auch den Geist dieser Interpretation zu bezeichnen: er besteht in der innersten Überzeugung, daß die Unterschiede zwischen Goethe und Kühnemann nicht ins Gewicht fallen. So breit ist nämlich die Unterlage für die Geisteswissen­schaft, die der Verfasser gestiftet zu haben erklärt: »Das Höchste wäre erreicht, wenn ein solches Buch als tüchtiges Stück Leben in sich selbst bestünde, auch wenn man im übrigen nicht davon wüßte, wer Herder, Kant, Schiller, Goethe gewesen sind.« Von diesem Leben aber wissen wir etwas. Wir wollen es auch verraten. Jahrelang hat Kühnemann als Austausch­professor die Universitäten der Erde bereist. Dem Schluß seines Vorwortes entnimmt man einige Namen: New York, Los Angeles, St. Louis, Riga. Nun ist er zurück von der großen Tour und wir lernen (durch die Vermittlung des Verlages, der in Deutschland die besten Editionen Goethes herausgebracht hat) den Koffer kennen, aus dem der Verfasser im Auslande Herder, Kant, Schiller, Goethe bemustert vorlegte. Jeder Kaufmann erträumt sich ein Monopol. Sehr verständlich, daß Kühnemann mit aller Ruhe eine Ordnung der Dinge ins Auge faßt, da seine Bücher das Wissen darum entbehrlich machen, »wer Herder, Kant, Schiller, Goethe gewesen sind«. Der deutsche Soldat, so erzählte man, trug seinen Faust im Tornister. Nun hat ihn der Reisende abgelöst. Kühnemann kennt den internationalen Markt. Hoffen wir, daß die unschätzbaren Realien, die die Goethesammlung des Verlegers bilden, nicht da enden, wo der Autor den deutschen Idealismus ausbot.

 

 

***

Goethe, von Eugen Kühnemann. Leipzig: Insel-Verlag 1930.

Gedanken über Faust II, von Konrat Ziegler. Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlags­buchhandlung 1919.

Natur und Geist in Goethes Faust von Gottfried Wilhelm Hertz. Frankfurt a. M.: Verlag Moritz Diesterweg 1931. VIII, 234 S. (Deutsche Forschungen. 25.).

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