Versnetze_neun

 

Zum Geleit: Ende Juni 2016 wird im Verlag Ralf Liebe die neunte Ausgabe der von Axel Kutsch herausgegebenen Anthologie-Reihe „Versnetze“ mit neuen Gedichten deutschsprachiger Lyrikerinnen und Lyriker erscheinen. „Versnetze_neun“ enthält auf 328 Seiten unter anderem Texte von Theo Breuer, Hugo Dittberner, Manfred Peter Hein, Franz Hodjak, Günter Kunert, Joanna Lisiak, Arne Rautenberg, Sophie Reyer, Ulrike Almut Sandig, SAID und A. J. Weigoni. KUNO veröffentlicht vorab das Vorwort des Herausgebers:

Sind wir alle Epigonen, wie es in einem Versnetze-Gedicht von Achim Amme heißt? Nur Nachahmer, Wiederaufbereiter? Da die Ismen in den ersten Jahrzehnten der Moderne abgegrast worden sind und grundlegend Neues in der Lyrik wohl nicht mehr zu erwarten ist, gilt nach wie vor die Bemerkung, mit der Ernst Jandl gegen Ende des 20. Jahrhunderts den Nagel auf den Kopf getroffen hat: Wir sind die Autoren der kleinen Verschiebungen.

Wenn die Lyriker der Gegenwart auch keine neuen Ismen mehr kreieren, sind viele von ihnen doch bemüht, ihre Diktion durch solche Verschiebungen aus der Klammer der literarischen Einflüsse zu lösen und individuelle poetische Akzente zu setzen. So wird man in Versnetze_neun zahlreiche unterschiedliche Schreibweisen finden, die zwar gelegentlich Berührungspunkte aufweisen (etwa prosanahe Texte), aber keinen größeren einheitlichen Stil erkennen lassen – eine quirlige Vielfalt sozusagen, der die Lyrik unserer Tage nicht zuletzt ihre Lebendigkeit verdankt. Am ehesten lassen sich in diesem Pluralismus noch inhaltliche Gemeinsamkeiten erkennen. War beispielsweise in Versnetze_acht eine verstärkte Hinwendung zur Naturlyrik zu beobachten, so spielt im vorliegenden Band die politische und gesellschaftliche Befindlichkeit eine größere Rolle als in früheren Ausgaben, sei es mit „Klartext“ oder nuanciert wie in Christoph Leistens Gedicht „KURZ VOR TORESSCHLUSS …“, das mit der Beschreibung eines Bildes aus dem Jahr 1819 beginnt und dann den Blick auf die verzweifelte Lage von Flüchtlingen in unseren Tagen lenkt.

Von einer breiteren Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, kommt es vor allem im Internet und in Literaturzeitschriften gelegentlich zu lebhaften Poesie-Debatten. In jüngerer Vergangenheit ging es dabei unter anderem um das Verstehen oder Kaum- bzw. Nichtverstehen zeitgenössischer Dichtung, fragwürdige Verfahren bei Preisvergaben und eine unterbelichtete  Lyrikkritik im „großen Feuilleton“. Dort haut man dafür gerne generalisierend auf die Pauke und beschwört nach der Verleihung des Leipziger Buchpreises an Jan Wagner, dem danach folgenden Verkaufsboom seines Gedichtbandes Regentonnenvariationen und angesichts oft gut besuchter Festivals eine Renaissance der Lyrik.

Dieser angebliche Aufwind weht allerdings auf dem Buchmarkt an fast allen Neuerscheinungen vorbei. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, fristen dort  Gedichtbücher nach wie vor ein Schattendasein. Eine größere Bereitschaft in den  Zeitungsredaktionen, Lyrikbände häufiger als bisher zu rezensieren, könnte hier für Abhilfe sorgen. Wie schrieb doch schon Lessing: Wir wollen fleißiger gelesen sein. Das war vor 250 Jahren und gilt noch heute. Die Versnetze-Ausgaben wurden bisher recht fleißig gelesen und auch häufig rezensiert. Insofern besteht bei dieser Anthologie-Reihe kein besonderer Grund zur Klage. Aber etwas mehr darf es immer sein.

Für Versnetze_neun sind rund 2000 Gedichte eingereicht worden. Als Herausgeber habe ich wiederum Wert darauf gelegt, die unterschiedlichsten Stimmen zu Wort kommen zu lassen und auch den einen oder anderen Text aufzunehmen, an dem sich mancher Leser reiben dürfte. Bei der Vielfalt der Gedichte und Schreibweisen wäre es mehr als verwunderlich, wenn allen alles zusagte. Das Einfache steht neben dem Schwierigen, das fein Gewebte neben härteren Tönen. Und nicht jeder Vers muß gleich oder überhaupt verstanden werden. Das schadet der Gesundheit nicht.

 

 

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Versnetze_neun, Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, Hg. Axel Kutsch, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2016.

Weiterführend Lesen Sie auch die Gratulation von Markus Peters zum 70. Geburtstag auf KUNO. Eine  Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland hier.

Poesie zählt für KUNO zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugt der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung. Um den Widerstand gegen die gepolsterte Gegenwartslyrik ein wenig anzufachen schickte Wolfgang Schlott dieses  post-dadaistische Manifest. Warum Lyrik wieder in die Zeitungen gehört begründete Walther Stonet, diese Forderung hat nichts an Aktualität verloren. Lesen Sie auch Maximilian Zanders Essay über Lyrik und ein Rückblick auf den Lyrik-Katalog Bundesrepublik. KUNO schätzt den minutiösen Selbstinszenierungsprozess des lyrischen Dichter-Ichs von Ulrich Bergmann in der Reihe Keine Bojen auf hoher See, nur Sterne … und Schwerkraft. Gedanken über das lyrische Schreiben. Lesen Sie ein Porträt über die interdisziplinäre Tätigkeit von Angelika Janz, sowie einen Essay der Fragmenttexterin. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier, ein Essay fasst das transmediale ProjektWortspielhallezusammen. Auf KUNO lesen Sie u.a. Rezensionsessays von Holger Benkel über André Schinkel, Ralph PordzikFriederike Mayröcker, Werner Weimar-Mazur, Peter Engstler, Birgitt Lieberwirth, Linda Vilhjálmsdóttir, und A.J. Weigoni. Lesenswert auch die Gratulation von Axel Kutsch durch Markus Peters zum 75. Geburtstag. Nicht zu vergessen eine Empfehlung der kristallklaren Lyrik von Ines Hagemeyer. Diese Betrachtungen versammeln sich in der Tradition von V.O. Stomps, dem Klassiker des Andersseins, dem Bottroper Literaturrocker „Biby“ Wintjes und Hadayatullah Hübsch, dem Urvater des Social-Beat, im KUNO-Online-Archiv. Wir empfehlen für Neulinge als Einstieg in das weite Feld der nonkonformistischen Literatur diesem Hinweis zu folgen.

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