Die romantische Idee des Gesamtkunstwerks

 

Mit diesen Vignetten definiert A.J. Weigoni eine Literaturgattung neu. Er praktiziert damit mehr als Schreiben, denn diese Novelle ist ein Sich-Einschreiben in die Welt, demzufolge eine Schreibe, die spricht und eine Spreche, die schreibt. Dieser Romancier verdichtet die sinnliche Wahrnehmung seiner Figuren. Denkprozesse kommen bei den Hauptfiguren Nataly und Max in Gang, die weit in die Zeit zurückreichen, Landschaften, die sich Vignette für Vignette füllen; erst kommen die Gegenstände, dann die Farben, die Jahreszeit…

Und letztendlich setzt sich, wie bereits von Weigoni und Meilchen in 2005 geplant, (in diesem Buch / Katalog-Projekt, in dem die Arbeiten von Peter Meilchen mit Hilfe von Leonard Billleke sinnfällig einverleibt wurden) aus den Einzelteilen mit Hilfe des Lesers / Betrachters eine konkrete Novelle zusammen.

Weigoni stattet die Figur des Max mit selbstgewisser Bonhommie aus. Für diese Hauptfigur ist Reflexivität immer Katastrophenanalyse, die in der Erfahrung gründet, dass das Schockerlebnis zur Norm geworden ist. Die Begegnung von Nataly und Max gerät zur Charakterstudie zweier Menschen, die darüber verzweifeln, dass sie den Sinn ihres Lebens vielleicht noch nicht ganz vergessen haben. Inventur des Lebens, das Leben als Inventur, darum dreht es sich in dieser Novelle. Für Weigoni ist das Konzept der Leere, die Spannung zwischen Form- und Formlosigkeit, Materiellem und Immateriellem von existientieller Bedeutung. Er belauscht das Sprechen und setzt damit den Spuren der Schrift nach. Seine Charaktere sind einsilbige Menschen, zurückhaltende Betrachter, mit einer unerschöpflichen Gier nach den mäandernden Läuften des Lebens. Anwesenheit und Abwesenheit, Erscheinen und Verschwinden, das Unbegreifbare und Unfassbare bestimmen die Lesart der Vignetten, denn das Objekt der Begierde zeigt sich nur bruchstückhaft. Nataly und Max empfinden sich als Fremdkörper im eigenen Leben. Je leerer ihre Gesten scheinen, umso schöner wirken sie. So demonstriert Nataly ihre Lässigkeit mit unglaublicher Eleganz.

In den Vignetten lässt Weigoni die Grenzerfahrungen der Einsamkeit und des Todes anklingen, wo er sie zugleich als Fahrt an die terrestrischen Grenzen des Bekannten gestaltet und im Innern einer Pyramide ihren Kipppunkt findet. Aufgewühlte Innenwelt und elementare Außenwelt fallen hier zusammen.

Und ganz beiläufig liefert der Romancier außerdem eine freundschaftliche Hommage an die bildenden Künstler Jürgen Diehl und Peter Meilchen und spielt auf den Angelus Novus an, den Walter Benjamin zu seiner Definition zum „Engel der Geschichte“ inspirierte. Gemessen an dem Klee-Diktum, das die Kunst nicht das Sichtbare zeigen, sondern sichtbar machen muss, sind die grundverschiedenen Künstler so etwas wie Brüder im Geiste. Es geht nicht nur um die Vergänglichkeit und Vergeblichkeit der Literatur, sondern – bei aller Lebenslust, die dieser Romancier ausstrahlt – auch immer wieder um den Tod – und um das Nichts, die Leere und die Entmaterialisierung. Das liminale Reich zwischen Tod und Leben ist das heimliche Kernthema dieser Novelle. Das Abenteuer von Nataly und Max entspringt der Imagination und kann Literatur werden. Hier geschieht ein Eingedenken im Sinne Benjamins, das gerade das immer schon Verlorene noch zu retten versucht.

Wie Sie dem beiliegenden Hörbuch entnehmen, liegt dem Projekt 630 die romantische Idee des Gesamtkunstwerks zugrunde. 1849 taucht diese Idee in Richard Wagners Die Kunst und die Revolution auf. Der Komponist bezeichnet bezeichnete die attische Tragödie als das „große Gesamtkunstwerk“ und weitete die Bedeutung des Begriffes aus. In seiner Konzeption eines integralen, verschiedene Künste umfassenden Kunstwerks, die er detailliert in seinem umfangreichen Buch Oper und Drama beschrieb, ordnete Wagner die einzelnen „Schwesterkünste“ einem gemeinsamen Zweck, dem Drama, unter. Die zunehmende Arbeitsteilung der Spartentrennung und die egoistische Vereinzelung in der Gesellschaft sollten aus seiner Sicht aufgehoben werden. Auch Meilchen, Täger und Weigoni gehen von der Überzeugung aus, dass sich die Künste auf einem Irrweg befinden, wenn man eine Sparte absolut setzt und ihr alle anderen Elemente unterordnet.

Um zu orten, wo ein Werk spielt, muss der Betrachter den Handlungsort identifizieren. Diese Künstler besitzen eine ausgeprägte Sensibilität für verwundete und bedrohte Landschaften, seien es körperliche oder seelische, mentale oder geographische. In 630 gestalten sie eigene Räume und literarische Traumpfade, deren Plastizität nicht davon abhängen, ob es sie so wirklich gibt. Wo ein Bezug zum Rhein oder zum Nil möglich ist, stellen sie die Betrachter in diesen Vertiefungsraum selbst her, weil sie die Tiefenschichten der Gegenwart durch diese Art von Literaturgeografie mittels Poesie reale Räume diesseits des Rheins und jenseits des Nils neu erfahren.

 

 

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630, Buch / Katalog-Projekt von Peter Meilchen, Tom Täger und A.J. Weigoni. Edition Das Labor, Bad Mülheim 2018.

Covermotiv von Krumscheid / Meilchen

Bisher sind in der Edition Das Labor DVDs, ein Hörbuch und ein Roman von Peter Meilchen erschienen. Im Jahr 2014 erinnerte der Kunstverein in Linz mit einer Ausstellung an den Künstler, in der erstmals die Reihe Frühlingel vorgestellt wurde. Zu diesem Anlass erschien mit der Wortspielhalle eine Publikation, die als Role Model für dieses Buch / Katalog-Projekt dient, das zum 10. Todestag erscheint. Das Buch / Katalog-Projekt 630 gibt einen konzisen Überblick über die künstlerische Arbeit von Peter Meilchen in Linz und in der Werkstattgalerie Der Bogen.

Weiterführend →

Constanze Schmidt zur Novelle und zum Label. KUNO übernimmt einen Artikel der Lyrikwelt und aus dem Poetenladen. Betty Davis konstatiert Ein fein gesponnenes Psychogramm. Über die Reanimierung der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch / Katalog-Projekt 630 finden Sie hier einen Essay. Einen Essay zur Ausstellung 50 Jahre Krumscheid / Meilchen lesen Sie hier. Mit einer Laudatio wurde der Hungertuch-Preisträger Tom Täger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gewürdigt. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier.