Anders als glücklich

Der kleine Mann mit dem lächerlichen Namen, er ist ein heutiger Ritter von trauriger Gestalt. Melancholisch, verloren und weise. Sich seiner eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst, kann er sich in völliger (Narren-)Freiheit den kleinen wie den großen Dingen mit gelassener Neugierde widmen und uns durch seine Augen in interessierter Distanz die Welt ein wenig mehr be- und entfremden.

Herr Nipp – langjähriger Protagonist in Haimo Hieronymus‘ literarischem Œuvre, doch bisher meist nur Begleiter, Betrachter, Sidekick – wird nun in virtueller und gedruckter Form erstmals einem breiteren Publikum vorgestellt. Eine späte Ehre für den Ewigzupätkommenden, den steten Grübler.

Nipp erlebt viel. Doch kaum Spektakuläres. Er lebt und erlebt seinen Alltag und allein das ist oft schon berichtenswert. Nipp denkt sich seinen Teil, und das ist noch berichtenswerter. Ein stiller, versonnener Beobachter, dessen Reflexionen und subversiv-ironische Kommentare länger im Gedächtnis haften bleiben als angesichts der äußerlich harmlosen Form erwartet. Nipp scheitert stets aufs Neue an den alltäglichen Widernissen. Irgendwo ist immer ein Stein, auf den man treten kann und wird. Vor allem, wenn man den Kopf gerade in den Wolken hat. Und auch das ist berichtenswert. Denn im Scheitern liegt Schönheit.

Den kleinen großen Nipp mögen wir belächeln, doch am Ende lässt sich nicht bestreiten, dass dieses stoische und hintersinnige Stehaufmännchen Respekt einflößt – denn nur der wahrhaft Unzufriedene vermag die Poesie eines Maiskolbens zu erkennen, die Schönheit im Kleinen, im Fragment. Herr Nipp, der traurige Ritter, ist die paradoxe Verkörperung des Prinzips Hoffnung – fallen, abklopfen, eventuell ein paar mal seufzen und dann wieder aufstehen.

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Die Angst perfekter Schwiegersöhne – ernste Geschichten, von Herrn Nipp, von Haimo Hieronymus, Edition Das Labor 2011

 

Weiterführend → Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.