Deutsche Erzähler

 

Ich habe diese Erzählungen nur um der besonderen Schönheit willen zusammengetragen, mit der sie mein Herz in früherem oder späterem Alter berührt haben und mir unvergeßlich geworden sind, so daß ich, um sie aneinanderzureihen, keines Hilfsmittels bedurfte als meines Gedächtnisses. Alles, was ich später sagen werde, bin ich erst allmählich an ihnen gewahr geworden. Sie schienen mir stets die schönsten unter allen deutschen Erzählungen, die ich kannte, und indem ich sie mir schon früher wenigstens in Gedanken oder im Wunsch zu einer Kette zusammenfügte, so folgte ich einem Drange, der jedem Menschen innewohnt und in den Kindern und den Menschen des alten reinen Zeitalters deutlich hervortritt: daß wir von dem Harmonischen ergriffen werden, ihm uns einzuordnen oder zu dienen, das Reiche noch reicher zu machen oder, wie die Schrift es ausdrückt, dem der hat noch dazu zu geben. So räumen die Kinder Erde und Sand hinweg, damit eine Wasserader in die andere überlaufen könne und das Klare zum Klaren komme, so ehrten die Perserkönige einen schönen alten Baum mit goldenem Gehänge, noch heute schenkt der reisende Monarch für einen schönen Garten eine Statue oder schmückt einen schönen Hügel mit einer Kapelle, der einsame Wanderer erhöht die Schönheit einer schweigenden Bergwiese mit einem Gebet oder einem erhobenen Gedanken, und ich kannte einen Mann, der weiter keinen Grundbesitz hatte, aber einen verlassenen kleinen Friedhof kaufte und so das verbriefte Recht erwarb, die Ruhe dieser umgestürzten Grabkreuze, auf denen wechselweise der Schnee lag oder Schmetterlinge saßen, und die schönen über den Weg wuchernden Blumen zu bewachen und gleichsam etwas von seiner Seele dem stummen Weben dieses Friedensortes zuzugießen.

Worin die besondere Schönheit lag, durch welche mein Gemüt ergriffen werden mußte, gerade diese zu seinen Lieblingen zu machen und sie in eine Reihe zu bringen, die aus so verschiedenen Seelen dreier aufeinanderfolgenden Geschlechter hervorgewachsen sind, das kann erst allmählich der Betrachtung klar werden. Alle, deren Erzählungen hier vereinigt liegen, sind von einer reinen, schöpferischen Liebe zum Darstellen irgendeiner Seite des Daseins getrieben worden; irgend etwas in der Welt, irgendein Zusammenhang zwischen dem Menschenwesen und der Welt, hatte sich in ihnen besonders offenbart. So macht sich in allen diesen Hervorbringungen eine höhere Eigenart geltend, nicht die dürftige des Verstandes oder der Fertigkeit, sondern eine tiefe, unkäufliche des Gemüts, und da sie etwas wahrnehmen und sagen mußten, was nur ihnen so lebendig und besonders war, so war auch ihre Sprache von innen heraus gereinigt und gesondert. Zugleich aber geschah es, daß das deutsche Gesamtwesen, das nur durch viele einzelne sich offenbaren kann, in jedem von diesen Erzählern eine Seite mit besonderer Kraft heraustrieb: in Goethe ein großes, frommes Anschauen des menschlichen Daseins, so wie man von einem hohen Berge herab die Welt unter sich liegen sieht, daß man glauben würde, es gäbe in ihr nichts Niedriges, noch Widriges – in Jean Paul, diesem gerade entgegengesetzt, das äußerst zart verhäkelte Kleine, Widerstreitende und scheinbar Niedrige, Nichtige des Lebens, gleichsam der zarte Dunst, der um jedes Lebende herum ist, und von der zartesten, persönlichsten Wärme durchstrahlt. In Eichendorff wieder das Beglänzte, Traumüberhangene, das Schweifende, mit Lust Unmündige im deutschen Wesen, worin etwas Bezauberndes ist, das aber ein Maß in sich haben muß, sonst wird es leer und abstoßend. In Brentano und Hauff das reine, unzerstörte Volkswesen, mit seinen geistigen und Seelenmächten, bis zum Aberglauben, seinen Begriffen von Recht und Ehrbarkeit, in denen es festgebunden ist – oder soll ich sagen war? – denn die neuere Zeit hat dies alles aufgelockert, und nur da und dort hält das uralt Gegründete ihr noch stand. In Tieck und Hoffmann das Geheimnisvolle der Seele, der innere Abgrund, Einsamkeit und Hinüberlangen nach einer anderen Welt. Dann das einsame Kind Hebbel, der zerrüttete Jüngling Lenz im öden Bergtal, der Hagestolz abgesperrt von den Menschen auf seiner Insel, der arme Spielmann einsam mitten unter den Menschen mit seiner Musik, lauter Arme -Reiche, und was für deutsche Figuren in ihrer Armut und ihrem Reichtum. In Gotthelf dann, aus einer Landschaft hervorgesponnen, ein einfaches Leben, ein einfaches Glück, in der Droste ein unheimliches Geschick und auch aus dem Weben der Landschaft hervorgesponnen: hält man diese beiden nebeneinander, so fühlt man, wie groß Deutschland ist. Es ist, als höre man, zu Bremen auf der Weser fahrend, in den Salzhauch der Nordsee das Läuten von Kühen herein, die in Tirol von der Alpe gehen: aber innerlich ist es ein noch weiteres Land. Arnim und Kleist sind wahre Novellisten, das Große und Einmalige, Nichtwiederkehrende der Begebenheit ist ihr Gegenstand. Es ist seltsam und bedeutungsvoll, daß sie beide ihre Begebenheit in fremdes romanisches Land verlegen; aber wie der Verlauf der Erzählung das Herz der Hauptfiguren bloßlegt, ob einer duldenden Frau, oder eines heldenmütigen Jünglings, so sind es deutsche Herzen, die den Figuren in die Brust gelegt sind. Im »Geisterseher« sind große Verhältnisse dargestellt, weit angelegte Staatsintrigen, vielerlei Menschen in ein großes Geschick verknüpft, dafür hatte Schiller ein Auge, damit steht er fast allein unter den Deutschen, diese Seite ist sonst ihre Stärke nicht; in ihrem größten Dichter blitzt freilich da und dort auch das Politische auf, als gediegenes Metall, mitten unter dem sonstigen Weltwesen: so das Gespräch der Regentin mit dem Machiavell in Egmont. In Sealsfield ist etwas vorgebildet und nichts Geringes: der deutsche Amerikaner. Die Seele ist deutsch, aber durch eine fremde große Schule durchgegangen. Er reiht sich an die andern, und ist doch besonders. Haben sie ihn drüben vergessen, so ist es traurig, hier durfte er nicht fehlen, er erzählt in einer Weise, daß keiner ihn vergißt, der ihm einmal zugehört hat. Einen sehe ich immer vor mir, von dem doch hier nichts gebracht wird: Immermann. Die kleineren Erzählungen sind unter den schwächern seiner Arbeiten; die Romane sind groß angelegt und von einem seltenen Reichtum des Geistes, Kraft, Zartheit, eindringendem Weltverstand, Übersicht, Lauterkeit; er suchte einen Übergang herzustellen: die Anfänge dessen, was unserer damals beginnenden Zeit den Stempel aufdrückte, des Fabrikwesens, des alles überwuchernden Geldwesens, stellte er hin und zeigte das deutsche Seelenhafte im Kampf damit. Dem einen großen Roman ist die westfälische Dorfschulzengeschichte eingeflochten, diese herauszureißen erschien mir frevelhaft; manche habens getan, doch wer es nachtut, bezeigt, daß ihm keine Ehrfurcht innewohnt, und wo wäre Ehrfurcht am Platz, wenn nicht gegen eine hoheitsvolle, reine Seele wie Immermann? So wollte ich auch den Chamisso nicht gerne missen, der nicht als ein Deutscher geboren ist, aber sich mit schönen Werken eingekauft hat in die deutsche Dichterschaft. Sein »Schlemihl« ist freilich wundervoll angefangen, die Erfindung ist von hohem Rang, doch fällt die Erzählung ab, wird trüb und matt. Wäre es auch äußerlich ein Bruchstück, wie es innerlich gebrochen ist, ich hätte eher gewagt, es den anderen anzureihen.

So sind es die älteren deutschen Erzähler, die ich hier gesammelt habe, und unsere Zeit will doch nur von sich selber wissen und treibt eine Abgötterei mit dem wesenlosen Begriff des Gegenwärtigen. Im einzelnen Menschen gibt es nichts schlechthin Gegenwärtiges, Entwicklung ist alles, eins wirkt sich ins andere, spreche ich mit einem neunzigjährigen Freund, den ich habe, befrage ich ihn nach einer Zeit seines Lebens, den Vierziger- oder Sechzigerjahren des verflossenen Jahrhunderts, so werde ich gewahr, wie für ihn eins ins andere eingeht, der hingeschwundene Zeitraum im nächsten weiterlebt und alles ein und dasselbe Wesen bleibt: so für den einzelnen, so für das ganze Volk. Die Gegenwart ist breit, die Vergangenheit tief; die Breite verwirrt, die Tiefe ergetzt, warum sollten wir immer nur in die Breite gehen? Von einem treuen Freund, einer lieblichen Freundin will ich die Kindheit erforschen, hören, was sie waren, bevor ich sie fand und kannte, – nicht nach tausend gleichgültigen Menschen fragen, denen sie am heutigen Tage begegnet sind.

In diesen Erzählungen ist ein Deutschland, das nicht mehr ganz da ist: der Wald steht nicht mehr so uralt und dicht, auf der Landstraße ist ein anderes und geringeres Leben, in den Dörfern sind es nicht bloß die Dächer, die sich verändert haben; es ist alles da und nichts da, es ist dieselbe Heimat und doch eine andere. So ists auch mit dem, was sich nicht mit Augen sehen und nicht mit Händen greifen läßt. Lebensformen, geistige Formen unseres geheimnisvollen, undeutlich erkennbaren Volks sind hier kristallisiert, eine ältere deutsche Atmosphäre umfängt uns, nehmen wir sie in uns ein, so wird die herrschende Atmosphäre aufgehoben oder wenigstens gereinigt. Der Menschen waren weit weniger im Lande und doch die Verhältnisse zwischen ihnen dichter; schärfer hoben sich die Stände voneinander ab und waren doch enger verbunden als heute. Sprichwörter, volksmäßige Redensarten kommen den Figuren viel in den Mund, alter Brauch und alter Glaube haftet an den Menschen, an den Häusern und Geräten, zuweilen ist es Aberglaube, aber alles aus einem redlichen, ungebrochenen Gemüt. Unsere Atmosphäre dagegen ist dick voller Vorurteile, die aber nicht ehrliche Vorurteile sind wie die der Alten und vergeblich der Aufhebung durch die Kräfte des Gemüts harren; alles bedarf der Klärung, überall ist Zwiespalt, Zerspaltenheit, innerer Vorbehalt, die Nervenübel sind die letzten Ausläufer. Der tiefsinnige Lichtenberg schrieb sich aus seinem Addison ein Wort heraus: The whole man must move together – der ganze Mensch muß sich auf eins regen –, er sagte: das müsse sich jeder Deutsche auf den Fingernagel schreiben, das war vor hundertundfünfzig Jahren, aber heute gilt es mehr als je.

In diesen Geschichten ist ein unmeßbarer Reichtum geistiger und gemütlicher Beziehungen darin gegeben, wie die Figuren zueinander stehen; die Liebe ist überall drinnen, aber nicht allein die des Mannes zum Weib, des Jünglings zur Jungfrau, sondern auch des Freundes zum Freund, des Kindes zu den Eltern, des Menschen zu Gott, auch des Einsamen zu einer Blume, zu einer Pflanze, zu einem Tier, zu seiner Geige, zur Landschaft; es ist eine verteilte Liebe, das ist die deutsche Liebe. Nirgends in diesen vielen Geschichten ist es die wilde, ausschließende Besessenheit vom Mann zum Weib, nie das völlig dunkle, erdgebundene Trachten, das in den Geschichten der Romanen so mächtig und unheimlich hervortritt. Würde man französische Erzähler zusammenstellen, so ergäbe sich, daß es innerlich ein älteres Volk ist, alles ist scharf begrenzt, diesseitig, hier in den deutschen Erzählern ist über alles Wirkliche hinaus ein beständiges Einatmen des Jenseitigen, Verborgenen. Das Wunderhafte der Märchen ist nirgends ganz abgestreift, es ist, als wären beständig unter den Kohlen und der Herdasche Edelsteine versteckt. Ein junges Gemüt des Volkes offenbart sich, ein ahnungsvolles, und ein namenloser Zug dorthin, wo alle Wölkchen unter der Hand des Schöpfers sich lösen. Auch wo der Tod gemalt wird, wie beim Sterben des Schulmeisterlein Wuz, bleibt ein inniges, sanftes Gefühl zurück, kein beklommenes. Das schöne Annerl und der brave Kasperl sterben freilich jäh, aber es ist ein Glanz um ihren Tod, der den Tod selber besiegt. So wird in der Novelle der Löwe glorreich besiegt, in Mozart die Schwere des Lebens, im Invaliden der Teufel und der Wahnsinn, in Barthli die Finsternis und Härte der Armut, im Hagestolz der Menschenhaß. Für das kalte Herz wird dem Kohlenmunkpeter sein warmes fühlendes wieder in die Brust gelegt, im Kind Hebbelwächst eine starke, funkelnde Seele aus dem Dunkel ans Licht empor, ja auch im armen Spielmann liegt Auflösung und Verklärung. Des unglücklichen Lenz Geschichte bricht finster ab, aber hinter diesem Finsteren dämmert ein Höheres, und seine Seele, fühlen wir, streift nur die Verzweiflung, verfällt ihr nicht. So sind alle diese Geschichten wie Gesichter, aus denen kein kalter, gottfremder Blick uns trifft. Es sind liebevolle Gesichter, die zu unserer großen Freundschaft gehören: mit diesem Wort nennt das Volk ja die Verwandtschaft, wie sie sich zu feierlicher Gelegenheit, Geburt und Tod, in einem Hause zusammenfindet. In den reifsten, bedeutendsten Gesichtern tritt der Familienzug am schärfsten heraus, und überfliegt man diese bedeutenden Deutschen, so sieht man, daß Verwandte einander gegenübersitzen. So kommen sie den heutigen Deutschen zur Weihnacht ins Haus, ein liebevoller Zug von Männern, eine Frau auch darunter im weißen Kleid mit tiefen dunklen Augen: die Zeiten sind ernst und beklommen für die Deutschen, vielleicht stehen dunkle Jahre vor der Tür. Vor hundert Jahren waren auch die Jahre dunkel, und doch waren die Deutschen innerlich nie so reich wie im ersten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, und vielleicht sind für dies geheimnisvolle Volk die Jahre der Heimsuchung gesegnete Jahre.

Unser Volk hat ein schlaffes Gedächtnis und eine träumende Seele, trotz allem; was es besitzt, verliert es immer wieder, aber es ruft sich nachts zurück, was es am Tage verloren hat. Den Reichtum, der ihm eignet, zählt es nicht und ist fähig, seiner Krongüter zu vergessen, aber zuzeiten sehnt es sich nach sich selber, und niemals ist es reiner und stärker als in solchen Zeiten.

 

 

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Deutsche Erzähler. Hg. Hugo von Hofmannsthal. Insel-Verlag, Leipzig, 1921

Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid

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Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem Brief des Lord Chandos ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht länger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu können.

 Hugo von Hofmannsthal über Gedichte.

 Poesie zählt für KUNO weiterhin zu den identitäts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer poetologischen Positionsbestimmung.

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