Bibliophile Kostbarkeiten

26. November 2017
Von

Jeder spricht seine eigene Sprache, selbst wenn er eine Ahnung von der Sprache des anderen hat.

Jacques Derrida

Vorbemerkung: Die Kulturnotizen dokumentieren den Weg des Herrn Nipp seit 1994 mit der Reihe Das Mittelmaß der Welt, die Sie bis 2019 in diesem Online-Magazin lesen können, barrierefrei!

In der Zwischenzeit sind von 2011 bis 2017 bibliophile Kostbarkeiten aus dem Totholzgebiet dazugekommen. KUNO stellt alle drei Bücher aus dem sogenannten Nippiversum vor. Es handelt es sich um Sprüche und Aphorismen, die unter den Titel Über Heblichkeiten  – Floskeln und andere Ausrutscher zusammengefasst werden. Seine kurzweiligen und zuweilen ironischen bis zynischen Kommentare zum Erleben der Welt nutzt der Autor und Künstler  normalerweise auf der Internetseite von Herrn Nipp, um Lücken zwischen den Geschichten und Gedichten zu schließen, welche dort regelmäßig veröffentlicht werden. Dabei wagt sich Hieronymus mit diebischem Vergnügen auch an umstrittene Themen und gewinnt ihnen seine eigenen Erkenntnisse ab. Oft muss man nach dem zweiten oder dritten Lesen unwillkürlich schmunzeln, manchmal bleibt dem Leser auch das Lachen im Halse stecken. Im rund 160seitigen Buch werden diesen kleinen Texten und Sätzen Frühstückbilder zur Seite gestellt, die oft wiederum die Grundlage von größeren Arbeiten darstellen. In einer einmaligen Auflage von 100 Exemplaren gedruckt, ist jedes mit einer Originalgrafik auf dem handgebundenen Umschlag versehen. Dazu hat der Künstler Schablonen angefertigt, die immer wieder neu kombiniert wurden. Der Gewinn soll dazu genutzt werden, im kommenden Jahr einen Katalog mit Arbeiten von Peter Meilchen, dem 2008 verstorbenen Bogenkünstler, zu realisieren.

Möglichkeiten und Unmöglichkeiten hängen oft nicht von Tatsachen ab, sondern davon, ob man sie für möglich oder unmöglich hält.

Eine Empfehlung, nicht nur zur Weihnachtszeit:

Zu einem begehrten Sammlerstück hat sich inzwischen die Vorzugsausgabe von Die Angst perfekter Schwiegersöhne aus dem Jahr 2011 entwickelt. Haimo Hieronymus hat das Cover einer limitierten und handsignierten Auflage mit einem Holzschnitt versehen.

Bis zu einer tieferen Unschlüssigkeit vorstoßen

„Liebevolles Verstehen“ möchte man diesem Eigenbrödler gerne unterstellen, doch Herr Nipp würde unwirsch abwinken. Das absichtlose Herumstromern in den eigenen Befindlichkeiten und den Bequemlichkeiten der Anderen ist im Prinzip ein Akt fortgesetzter Selbstvergewisserung. Mit Luhmann’scher Akribie betreibt Hieronymus eine Art von Mikro-Ethnologie, er fügt anschließend die Satz- und Wahrnehmungssplitter in Die Angst perfekter Schwiegersöhne zu etwas zusammen, das entfernt einem Handlungsablauf ähnelt. Es ist ein vorurteilsloses Erzählen, sich dem Jetzt aussetzend, ohne die dahinter liegende Geschichte zu vergessen.

Einer Welt gegenüberstehend, die nicht immer verständlich ist, einer Gesellschaft angehörig, die gebrochen erscheint. Kommentierend und hadernd, reflektierend und feixend geht Herr Nipp daran, in Die Angst perfekter Schwiegersöhne diese Welt zu erschließen, versucht er sie zu hinterfragen und zu verstehen. Streut dabei fast schon natürlich Salz in die Wunden und lächelt uns dabei freundlich zu, als könne er keiner Fliege etwas tun. Früher hat Hieronymus die Strukturen der Natur untersucht, über zehn Jahre lang versuchte er die Beziehungen und Fraktale zu verstehen, seit einigen Jahren geht es ihm um die Strukturen der Gesellschaft und auch hier arbeitet er gewissenhaft, geht auch kleinen Verästelungen, geht den Beziehungen zwischen Menschen und ihren kleinen Sorgen nach. Kommentiert mit spontanen Texten, Fragmenten und Wörtern. Zunächst ist diese Prosa ästhetisches Erlebnis, dann sickert langsam ein Erkennen ein. Die Geschichten von Herrn Nipp wollen nichts erzwingen, sie verführen uns zum Denken.

Die Angst perfekter Schwiegersöhne ist ein vertracktes Spiel. Zwischen Selbst-Befragung und schwarzen Sarkasmus entlarvt er das äußere Bild als Schema, die Oberfläche der Haut als verletzbare Hülle des Eigentlichen. Schreibend sucht er nach den gesetzten Normen und weiß, daß man sie nicht überschreiten muss, um Grenzgänger zu werden. Herr Nipp sucht in einer entgrenzten Welt Grenzen in sich. Es bleibt eine Vorstellung, die betreten werden kann. Man kann diesen Raum durchschreiten, die Welt da draußen vergessen, sich einfach auf die Situation einlassen, mit eigenen Bildern, den Gerüchen und dem leicht gedämpften Klang der Außen- und Innenwelt. Im Zeitalter der kulturellen Globalisierung und Traditionsverschiebungen bleibt der Mensch als strauchelndes Wesen auf den Straßen der Zivilisationen zurück und sucht nach den Bruchstücken seiner selbst. Der allseits flexible Mensch des 21. Jahrhunderts in seiner Geworfenheit ist das Thema.

Der Band mit den Erzählungen Die Angst perfekter Schwiegersöhne ist kein Künstlerbuch. Was aber, wenn plötzlich Originalholzschnitte auf dem Deckblatt der Vorzugsausgabe zu finden sind?

Auch bei dem Band Unerhörte Möglichkeiten krabbeln Ameisen über das Titelblatt. Dieses Buch belegt, daß man zu Beginn des 21. Jahrhunderts keinen Falken mehr verzehren muß, um novellistisch tätig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter kann Mikroblogging zu einer Form der Literatur mutieren. Herr Nipp dampft die Gattung der Novellette zu Twitteratur ein.

Vergeudet eure Zeit nicht an das Leben.

Jeffrey Eugenides

Originaldruck auf das Cover von Haimo Hieronymus

Wenn die Novelle aus dem Italienischen übertragen als Kleine Neuigkeit übersetzt werden kann, dann liegt Herr Nipp wohl richtig, denn kurz sind seine Texte nun wirklich. Zwischen zwei bis vier Sätzen spielt sich alles ab. Da können Welten, Landschaftsgemälde und weltgeschichtliche Ereignisse entstehen und uns in die Vergangenheit oder Zukunft mitnehmen.  Er macht weder halt vor Märchen und Bibel, noch vor aktuellen Ereignissen oder Legenden des Films. Die Naturbeobachtungen treffen immer nur den Kern, nachdem das Fruchtfleisch entfernt und von andern gegessen wurde. Ohne auf die Erfordernisse der Twitteratur zu achten wird ein eigener Weg verfolgt, der trotzdem oder gerade deshalb in diese Zeit passt. Entweder es entstehen heute unendliche Geschichten mit tausend Seiten oder kürzeste Textfragmente mit zehntausend Reflexionen. Da Herr Nipp als virtuelle Figur das Schreiben nicht studiert hat, sondern der von Hieronymus geschaffen Legende nach über seine Zufallsnotizen und Tagebücher zum Verfassen kam, mag man ihm einige Ungereimtheiten verzeihen. Es natürlich kann auch sein, dass alles geplant ist. Hier geht es nicht um intellektuelle Komposite, sondern das Hintergründige wird nach vorne geschoben und auf der Straße breitgewalzt. Zur Not auch eine Eidechse. So wird das Buch zu einem großen Krabbeln, einer kitzligen Verameisung.

Alle Forderungen der Literaturwissenschaft werden in wenigen Wörtern eingehalten: Zentraler Konflikt, Leitmotiv oder Dingsymbol, straffe und vorwiegend einlinige Handlungsführung, das pointierte Hervortreten eines Höhe- und Wendepunktes, stark raffender Handlungsbericht, besondere Vorausdeutungs – oder Integrationstechniken, Zurücktreten ausführlicher Schilderungen äußerer Umstände oder psychischer Zustände, hohes Maß an Objektivität, doch trotzdem subjektive Erzählhaltung usw. (siehe Metzler Literatur Lexikon, 1984.  Seite 308ff).

Es ist ein Zeitbruch innerhalb kleinster Einheiten. Tatsächlich kippen die Kurznovellen zwischen Schwank und Philosophie, zwischen ernsthafter Weltbeschreibung und banaler Posse. Dabei nehmen sie sich Themen an, die manchmal auch unangenehm sind und zeigen an jedem Falkenmotiv eine neue, zumindest aber eigene Perspektive auf, die verblüfft oder nachdenklich stimmt.

Der Herausgeber Haimo Hieronymus hat in seinem  64-seitigen Band einige Texte des Blogs von Herrn Nipp zusammengefasst. Auch wenn man dieses Buch in einer halben Stunde durchlesen kann, lohnt es sich und manchmal kann man sich ein gemeines oder schadenfrohes Schmunzeln nicht verkneifen.

Ich: ist eine Fiktion, bei der wir bestenfalls Miturheber sind.

Imre Kertész

Originaldruck auf das Cover von Haimo Hieronymus

Dieser Band ist kein Post scriptum, sondern eher ein Trans scriptum aus dem Nippiversum. Sinn, die knappste aller Ressourcen, gibt es im Leben eher selten – also feiern wir lachend und tanzend den Unsinn. Heiterkeit ist ein gegensinniger Reflex auf Leid- und Verlusterfahrungen. Hinter dem Klischee beginnt die Wirklichkeit und die Kunst von Haimo Hieronymus besteht darin zu wissen, wann man darauf verzichten muss, das Leben lesen zu wollen. Er präsentiert Über Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher aus den Notizbüchern des Herrn Nipp. Zu diesem „Telegrammstil“ gehören der Hang zur Sentenz und zum Aperçu, Neologismen und ein parataktischer Satzbau. Er befreit die Sätze vom begrifflich Adjektivistivischen, indem er durch die Erscheinungsformen, die Dinge, Körper und Räume hindurch, aufs Allgemeine verweist. Herr Nipp setzt die Ding– und Sprachmomente neu zusammen und verwandelt sie. Wir finden in diesem Buch sprachlichen Floskeln, die sich noch nicht etabliert haben, Versprecher, die unverzeihlich sind, und Ausrutscher, die unweigerlich zu sprachlichen Kollateralschäden führen. Neben den kleinen Textschätzen finden sich in schlüssiger Abfolge einige Zeichnungen und Aquarelle abgebildet. Die Fiktion steht auf dem Prüfstand. Herr Nipp de-realisiert das Faktische und real-isiert das Fiktionale. Diese Short-Shorts geben nicht das Sichtbare wieder, sie machen sichtbar und zeigen die Oxymoras seines Schreibens: Ein Aperçu erhält Rahmen und Inhalt durch das, was in seiner Twitteratur vergessen gemacht wird, und so weiter und so fort…

 

***

Weiterführend → 

Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erhältlich über die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421

Tags: ,

Kommentare geschlossen.

Erster Logo-Entwurf für die Edition Das Labor von Peter Meilchen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie – mit Online-Archiv. Mehr Informationen.

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jedes Buch aus dem „Schuber“ von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Alphabetikon

Vertiefend zu ‚Alphabetikon‘ lesen Sie bitte das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Trans

Twitteratur

Hier ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

Edition Das Labor

Ausführliche Informationen finden sich hier.