Polyphone Ich-Erzählungen

24. August 2015
Von

Das gesamte Leben der menschlichen Seele ist eine Bewegung im Schatten. Wir leben in einem Zwielicht des Bewußtseins, uns nie dessen sicher, was wir sind, oder dessen, was wir zu sein glauben.

Fernando Pessoa

Ein Gespür für die Welt entwickelt Tom De Toys, alias Tomithy Holeapple, darin flankiert von Samuel Lépo. Er erinnert in dieser Methode entfernt an Fernando Pessoa, dieser verfaßte seine Werke hauptsächlich unter den drei Heteronymen Alberto Caeiro, Ricardo Reis und Álvaro de Campos.

Textlich werden dem Leser von Toys “150+1 Ultrakurzgedichte von 1985 bis 2015 mit max. 8 Zeilen und jeweils max. 8 Wörtern pro Zeile.” dargeboten. Es gibt keine gravierenden Abweichungen von der Alltagssprache, keine graphischen Auffälligkeiten, keine Semantisierung der syntaktischen Ebene. Gerade das Nichtausbuchstabieren ermöglicht es dem Leser, die Lücken mit Hilfe der eigenen Phantasie zu füllen. Die fragmentarische Darstellung lassen die biographischen Bruchstellen, die Schädigungen umso deutlicher hervortreten. Stilistisch erinnern diese Texte an den Haiku, die kürzeste Gedichtform der Welt. Im Deutschen werden Haiku meist dreizeilig geschrieben. Bis zur Jahrtausendwende galt die Vorgabe von 5-7-5 Silben. Davon haben sich allerdings Tom De Toys und Tomithy Holeapple entfernt, sie hinterfragen nicht nur die traditionellen Formen, sondern auch manche Regeln der Textgestaltung und versuchen, neue Wege zu gehen. Ihre Kunst besteht darin, große Sinnzusammenhänge, den Big Sense zu unterlaufen.

Ein Einwurf von Samuel Lépo

Folgt man der Vorgabe des Pressesprechers Samuel Lépo, so vertritt “De Toys die Hypothese, dass ein Text mit weniger als drei Wörtern “nur als Mantra gelten” könne, während “ein echtes Gedicht aus mindestens drei Wörtern” bestehen müsse, wobei darüber hinaus “oftmals jedes weitere Wort nur eine Wiederholung auf anderen Ebenen und daher eigentlich nicht notwendig” sei. Inspirierte Sprache würde deshalb zwischen den Extremen der mystischen Reduktion (bis ins Kryptische) einerseits und der metaphorischen Ritualisierung (bis ins Kitschige) andererseits schwanken, so dass es einer “Gratwanderung auf der vibrierenden Mitte” gleiche, um die richtige Menge an Wörtern zu finden, die das “sich gebärende Gedicht” benötigt. Eine derartige Gratwanderung braucht das richtige Gespür für die Welt der Wörter…” – Jedoch, zurück zum Beton.

Entsemantisierung der Kunst

Eine Theorie des Sozialen lautet, es gebe in der Politik keine Lücken. Immer wo sich eine auftue, werde sie sofort von anderen Akteuren besetzt. So ähnlich stellt sich das Kastensystem der zeitgenössischen Literatur dar. Mit Kersten Flenter und Robsie Richter gehört Tom De Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam, sie sind die offiziellen Regenten der Subkultur und das repräsentative Aushängeschild des sogenannten Social Beat. Im lyrischen Schaffen dieses Performers (er wurde am 24.1.1968 als Thomas Holzapfel in Jülich geboren) vergegenwärtigen sich die nonkonformistischen Rituale einer antibürgerlichen Subkultur. Er wurde inspiriert von Autoren, die Risiken eingegangen sind, die sich immer wieder erneuert haben und nicht nur harmlose Variationen ihrer selbst anboten wie etwa Rolf Dieter Brinkmann, Enno Stahl, Hadayatullah Hübsch, Stan Lafleur und Thomas Kling. Er fühlt sich wohl in der Nähe von Freigeistern, die sich nicht auf eine Idee reduzieren lassen wie auch der von uns sehr geschätzten Angelika Janz. Toys verzichtet bei den meisten seiner Gedichte auf traditionelle Metren oder Reime, stattdessen sind sie in Versgruppen unterschiedlicher Länge arrangiert. Häufig findet man Staccatosätze, Enjambements und Wortwiederholungen – Alliteration, Reim und Tautologie, die wahlweise als rhetorisch, topisch oder poetisch verwendet werden, viele seiner Gedichte verweisen auf eine Mündlichkeit, die meist erst später verschriftlicht wurde, ein Verfahren das sich vielleicht am ehesten als eines der Hybridität beschreiben läßt.

“Autoren wie (…) Tom de Toys u.v.m. haben mit ihren Texten, Kleinstpublikationen und Veranstaltungsreihen der literarischen Szenerie ihren Stempel aufgedrückt.”
Dr. Enno Stahl, Heinrich-Heine-Institut: POP AM RHEIN (2007)

Es scheint, als sei der Gestus des Verwerfens, der Abscheu und des Weltschmerzes spürbar, aber ungefähr so, wie Tom de Waits gesagt hat: “There is nothing wrong with her that a hundred Dollars won’t fix.” Lassen wir daher noch einmal den kongenialen Interpreten und Pressesprecher Samuel Lépo zu Wort kommen: “Tom de Toys ist manchen vielleicht noch aus den Neunzigern bekannt, als er mit seiner damaligen Formation “Das Rilke Radikal” in der Johanneskirche und im Kunstpalast auftrat. Oder von 2010, als er am Weltpoesietag den Poetryslam im Zakk eröffnete. Legendär ist sein Auftritt in der Baugrube der Gehry-Gebäude im Medienhafen mit dem Cellisten Felixhelix, kurz bevor die dortige Galerie den Bauten weichen mußte. Die Selbstdarstellung Düsseldorfs als “Literaturstadt” ermutigte ihn jetzt, einen Event für Sommer 2017 zu planen, der zehn renommierte Lyrikperformer auf die Bühne bringen soll: das 3.Offlyrikfestival. De Toys sagt dazu: “Literaturstadt heißt für mich, Literatur findet statt!” Allerdings sucht das Projekt noch finanzstarke Liebhaber zeitgenössischer Poesie, die zur Realisierung beitragen, denn er selbst verfügt als Hartz4-Empfänger über keinerlei Mittel, und die Förderanträge bei Ämtern werden zu kurzfristig beantwortet, um alles rechtzeitig in die Wege zu leiten. Aus der Beobachtung der Live-Lyrikszene folgt für Tom de Toys, daß es zwar einerseits anstrengende konventionelle Lesungen gibt und andererseits Poetryslams, auf denen der Spaßfaktor mehr zählt als das literarische Niveau. Aber nur selten hat man die Gelegenheit, echte Lyrikperformances zu erleben, wo ernste Gedichte durch die expressive Rezitation lebendig werden. Der Slogan des Festivals lautet daher: “LYRIK LEBT!”. Die Freude an der Poesie soll geweckt werden. Und der Eintritt soll frei sein, damit auch Hartz4-Empfänger an der Kultur teilhaben können. Informationen für Sponsoren und Privatmäzene finden sich auf der Homepage, und topaktuell auf einer eigens eingerichteten Crowdfunding-Plattform, wo es auch attraktive Dankeschöns des Künstlers gibt.”

…meist steigert er sich in einen rauschhaften Zustand: Der Bewußtseinspionier möchte mit seiner Kunst jede Art von Religion überwinden…

F.A.Z. (1997)

Als Organisator, Photograph und Performer blickt der Vielseitigkeitskünstler auf die gesellschaftlichen Randzonen, er lotet die sprachliche Differenz zwischen deutscher Volks– und Gelehrtensprache aus und berücksichtigt zugleich eine Mediendifferenz zwischen mündlicher und schriftfixierter Überlieferung. Lyrik ist für ihn Resonanzraum der Öffentlichkeit, die Verbindung von wütender Expressivität und scharfer Polemik mit kühler Vivisektion. Seine skrupulöse Sprachbeherrschung beeindruckt, seine Poetik ist von verstörender Intensität. Daraus resultiert sein Vortragsstil, er ist heftig und parataktisch, in ihrer Dichte und Kraft läßt er dem Publikum keinen Platz für Interpretationen und kaum Zeit zum Luftholen. Er war immer da, wo die Gegenwart am hellsten glühte. In vielen von Toys Gedichten geht es um Selbstfindung, Identität und Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Die unablässige nervöse Anspannung, mit der er seiner Umwelt begegnet, der manische Versuch die Gegenwart festzuhalten und seinen offensiven Klartext, bezeichnet dieser unermüdliche Tatmensch in einem Artikel auf den Kulturnotizen als Neuropoesie.

Sind die Ultrakurzgedichte ein Weg zur Twitteratur?

Wir haben bei KUNO einen Hang zu literarischen Kurzformen, daher steht für uns das Jahr 2015 unter einer poetologischen Positionsbestimmung. Tom De Toys, alias Tomithy Holeapple arbeitet ähnlich, wie Sophie Reyer, die Bezeichnung miniaturen erscheint mir zutreffend, diese Eigeneinschätzung trifft sich sehr gut mit dem, was wir in diesem Online-Magazin ausloten. KUNO hat ein ausgesprochenes Faible für diese Art des Textens. Der in der Schwebe gelassene Sinn, die Produktion von Ambiguität – was für Roland Barthes Brecht im Theater geleistet hat, indem er die Sinnfrage zwischen Bühne und Zuschauerraum neu verteilte – findet sich in der Kunstform der Twitteratur wieder.

KUNO verleiht dem Autor für den Band Das Gespür für die Welt und in Anerkennung seines Lebenswerks den Twitteraturpreis 2015.

 ***

Das Gespür für die Welt von De Toys, Tom; Holeapple, Tomithy, Paperback, 160 Seiten, ISBN 978-3-7347-8844-4 / Verlag: Books on Demand

 

 

 

 

 

Further reading →

KUNO hat in 2014 unterschiedliche Autoren zu einen Exkurs zur Twitteratur gebeten, und glücklicherweise sind die Antworten so vielfältig, wie die Arbeiten dieser Autoren. Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur Ohne Unterlaß geschieht. Ulrich Bergmann sieht das Thema in seinem Einsprengsel ad gloriam tvvitteraturae! eher kulturpessimistisch. Für Karl Feldkamp ist Twitteratur: Kurz knackig einfühlsam. Jesko Hagen denkt über das fragile Gleichgewicht von Kunst und Politik nach. Sebastian Schmidt erkundet das Sein in der Timeline. Gleichfalls zur Kurzform Lyrik haben wir Dr. Tamara Kudryavtseva vom Gorki-Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften um einen Beitrag gebeten. Mit ‘TWITTERATUR | Digitale Kürzestschreibweisen‘ betreten Jan Drees und Sandra Anika Meyer ein neues Beobachtungsfeld der Literaturwissenschaft. Und sie machen erste Vorschläge, wie es zu kartographieren wäre. Eine unverzichtbare Lektüre zu dieser neuen Gattung. Holger Benkel begibt sich mit seinen Aphorismen Gedanken, die um Ecken biegen auf ein anderes Versuchsfeld. Die Variation von Haimo Hieronymus Twitteratur ist die Kurznovelle. Peter Meilchen beschreibt in der Reihe Leben in Möglichkeitsfloskeln die Augenblicke, da das Wahrnehmen in das Verlangen umschlägt, das Wahrgenommene schreibend zu fixieren. Sophie Reyer bezieht sich auf die Tradition der Lyrik und vollzieht den Weg vom Zierpen zum Zwitschern nach. Gemeinsam mit Sophie Reyer präsentierte A.J. Weigoni auf KUNO das Projekt Wortspielhalle, welches mit dem lime_lab ausgezeichnet wurde. Mit dem fulminanten Essay Romanvernichtungsdreck! #errorcreatingtweet setzte Denis Ulrich den Schlußpunkt.

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