Vom Zirpen zum Zwitschern

13. November 2014
Von

Das Internet ist wahrscheinlich ein kostbares Werkzeug, um unbewusste Verbindungen aufzudecken oder auch um Gespenster zum Leben zu Erwecken. Doch oft ist das Internet ohne jeden Nutzen, denn so leicht lassen sich die Gespenster nicht aufstöbern.

Patrick Modiano

Wenn man sich den Ursprung des Begriffes Lyrik ansieht, so kommt der Begriff selbst von dem Wort “Lyra“, was soviel bedeutet wie “Leier”. Demnach war Lyrik in ihren Anfängen bereits Wort in Verbindung mit Klang und Rhythmus. Das bedeutet, in gewissem Sinne ist die Wurzel der Poesie schon „interdisziplinär“, wenn man so will.

Wie aber sieht das Ganze heute aus?

Seit Anfang des Jahrhunderts besteht eine Tendenz, nach und nach auch andere Medien in das Textliche mit einzubeziehen. Man denke nur an den Boom der Videokunst sowie der Live-Elektronik in den sechziger Jahren. Interdisziplinarität birgt, wie viele herausragende Ergebnisse zeigen, eine große Chance, sie kann jedoch auch ungenaue Arbeit am Material “deckeln”.

Analysiert man, wie bestimmte Kunstschaffende- etwa die “Wiener Gruppe” in Wien oder “Oulipo” in Frankreich- mit Wort und Text umgegangen sind, so fällt auf, dass es immer kompositorische Prinzipien waren, die auf das vorhandene Sprachmaterial angewandt wurden. Strukturelle Herangehensweisen von Kompositiontechniken lassen sich, wie wir also spätestens seit diesen Bewegungen wissen, wunderbar auf die Sprache übertragen:

Wie baue ich Reihen, Listen, Varianten?

Wie gestalte ich eine Art des Zusammenhang fernab semantischer Strukturen?

Aber auch die klangliche Ebene ist eine, die jenseits der Form berücksichtigt werden muss. Demnach hören Lyriker ihre Texte meist innerlich, hören sie sich wieder und wieder durch, trimmen die sprachlichen Einheiten und stöpseln sie aneinander, so dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen und sich gleichsam in die Großform einschmiegen. Als problematisch kann es sich heraus stellen, wenn der Schreibende sich zum Sklaven der Technik, die er sich selbst auferlegt hat, macht. Dann wirken die Textergebnise zu „gerade“, zu „gebaut“, zu „konstruiert“.

In meiner eigenen Herangehensweise bewege ich mich immer zwischen Spracharbeit und Intuition. Es ist ein ständiges Oszillieren. Oft passiert es, dass ich einen ersten Wurf aus dem Bauch – bzw. eher dem inneren Ohr- heraus mache und diesen als Steinbruch für eine (Sprach)Komposition nehme, ihn dann in ein strukturelles Gewand einfüge. Oder aber umgekehrt: Ich erlege mir selbst eine Form (zum Beispiel das Anagramm, die Liste, den Zweizeiler et cetera) auf und versuche dann das, was herauskommt, aus dem Korsett seiner Form zu befreien. Die Arbeit bleibt immer eine Gratwanderung. Das Ergebnis ist nie befriedigend. Man befindet sich auf einer Reise.

Wie sieht das Ganze nun aber aus, wenn die Ebene der Musik sich zu dem vorhandenen Sprachmaterial dazu gesellt?

Auch hier stellt sich die Frage von Form und Freiheit. Inwieweit wird ein Text aufgedröselt, wenn er vertont wird? Inwieweit gibt der Text an sich schon die klangliche und zeitliche Abfolge der Musik vor? Wann arbeitet man für, und wann gegen den Text? Und: kommen nicht auch, wenn man “gegen” den Text arbeitet, ihn quasi in seine lautlichen und phonetischen Einzelstücke zersprargelt- hier wird z.B. aus dem Zirpen eine Repitition der Konsonantenabfolge “zrp” heraus geschält oder aber eine schrille Intonation des I- Lautes hervor gehoben- spannende Ergebnisse heraus?

***

Further reading →

KUNO hat in diesem Jahr unterschiedliche Autoren zu einen Exkurs zur Twitteratur gebeten, und glücklicherweise sind die Antworten so vielfältig, wie die Arbeiten dieser Autoren. Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur Ohne Unterlaß geschieht. Ulrich Bergmann sieht das Thema in seinem Einsprengsel ad gloriam tvvitteraturae! eher kulturpessimistisch. Für Karl Feldkamp ist Twitteratur: Kurz knackig einfühlsam. Jesko Hagen denkt über das fragile Gleichgewicht von Kunst und Politik nach. Sebastian Schmidt erkundet das Sein in der Timeline. Gleichfalls zur Kurzform Lyrik haben wir Dr. Tamara Kudryavtseva vom Gorki-Institut für Weltliteratur der Russischen Akademie der Wissenschaften um einen Beitrag gebeten. Holger Benkel begibt sich mit seinen Aphorismen Gedanken, die um Ecken biegen auf ein anderes Versuchsfeld. Die Variation von Haimo Hieronymus Twitteratur ist die Kurznovelle. Peter Meilchen beschreibt in der Reihe Leben in Möglichkeitsfloskeln die Augenblicke, da das Wahrnehmen in das Verlangen umschlägt, das Wahrgenommene schreibend zu fixieren.

 PS →

Das Projekt Wortspielhalle ist in der Edition Das Labor erschienen. Die Sprechpartitur wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. Ein Porträt von A.J. Weigoni findet sich hier. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können nach und nach hier abgerufen werden. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.

Tags:

Kommentare geschlossen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie + Online-Archiv. Mehr Informationen.

630 – Buch/Katalog-Projekt

Mit den Vignetten definierte A.J. Weigoni eine Literaturgattung neu. Die Novelle erscheint am 27.10. 2018 in der Umsetzung als Hörbuch und das Buch/Katalog-Projekt 630 zur Ausstellung von Peter Meilchen.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher hier ein Essay. Vertiefend ein Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus. Das Fotobuch Zyklop I erscheint im September 2018 in einer limitierten Auflage.

Ein Gesamtkunstwerk

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jeder Band aus dem Schuber von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Twitteratur

Ein Essay über die Literaturgattung Twitteratur. – Poesie ist ein identitätsstiftende Element unsrer Kultur, lesen Sie auch KUNOs poetologische Positionsbestimmung.

Rückspiegel

Edition Das Labor

Die ausführliche Chronik des Projekts Das Labor lesen sie hier. Eine Übersicht über die in der Edition realisierten Künstlerbücher, Bücher und Hörbücher finden Sie hier.