Wer früher alt wird, bleibt länger jung

23. April 2015
Von

Dränge danach, jeden Gedanken, jede Erfahrung, jeden körperlichen Zustand in den vergangenen drei Jahren aufzuschreiben. Das nenne ich meinen Roman. Ich muss unbedingt aus meinen Erfahrungen ein Gesetz herausfinden.

Rolf Dieter Brinkmann, Köln 1973, an Henning John von Freyend

Am 23. April 1975 wurde Rolf Dieter Brinkmann in London von einem Auto überfahren. Er hinterließ ein mit wilder Unerbittlichkeit auf Verfallenes, Obszönes fixiertes Konvolut aus Briefen, Notizen, Zeitungsausschnitten, Fotos, das von Brinkmann ursprünglich als „Materialienband“ für künftige Projekte gedacht war. Die Studie von Roberto Di Bella beschreibt das scheinbar ausufernde Werk der letzten Jahre von Brinkmann erstmals als zusammenhängendes Schreibprojekt. Und dieses Werk steht im Zeichen der nachholenden Moderne, unter dem Einfluss von Autoren wie Karl Philipp Moritz, Arthur Rimbaud, Hans Henny Jahnn, Arno Schmidt oder William S. Burroughs arbeitet Brinkmann bis zuletzt an der Idee eines zweiten Romans, von ihm selbst zugleich als „fiktive Autobiographie“, „Roman meiner Generation“ und „Grundlagenforschung der Gegenwart“ entworfen.

Wenn es Germanisten gibt, die nicht einmal seinen Namen kennen, bedeutet das also keineswegs, dass Brinkmanns Werk heute den Bekanntheitsgrad eines Geheimtipps genießt.

Axel Kutsch

Mit Erzählungen, Essays und Gedichten, Anthologien, Collagen und Tagebüchern sowie seinen tonexperimentellen Arbeiten und Hörspielen gehört Brinkmann zu den bis heute nachwirkenden literarischen Erneuerern der alten Bundesrepublik. Hierbei ist die Auseinandersetzung mit den bildgebenden Medien Film, Fotografie und Comic, aber auch der Bildenden Kunst selbst, durchgehendes Grundprinzip seiner Poetik. Brinkmann ist ein Bauchredner der Tradition: Alles an seiner Literatur ist Variation auf Bekanntes, doch nichts bleibt gleich, weil die alten Geschichten neu erzählt werden wollen Die Pointe seines Schaffens liegt in der Einsicht, daß Brinkmann selbst nur ein Medium war: Er spricht in den Zungen einer verschwindenden BRD. Der als provozierender Rebell auftretende Brinkmann zog sich nach 1970 vom deutschen Literaturbetrieb zurück, sagte sich vom Pop los und widmete sich ausschließlich dem Schreiben und Collagieren der sogenannten „Materialienbände“.

Westwärts 1 & 2 ist – im Gegensatz zur Mehrzahl aller Gedichtbände – nicht allein eine Sammlung von Gedichten, sondern ein explosiver, monumentaler, textlich ineinander verzahnter, überschäumender, über die Grenzen gehender literarischer Mikrokosmos…

Theo Breuer

Die exemplarischen Deutungen zur Text-Bild-Montage Schnitte (1973, posthum 1988 veröffentlicht) und zum Gedichtband Westwärts 1&2 (1975) stellen diese Zusammenhänge durch Einzelinterpretationen und Rückblicke auf die schriftstellerische Entwicklung des früh verstorbenen Autors dar. Hierbei wird der lyrische Charakter der Montage ebenso deutlich wie der ‘epische’ Bauplan der Lyriksammlung herausgearbeitet wird. Brinkmann begreift die Kunst in einem ganz elementaren Sinne als Erweiterung des Lebens, deshalb überschreitet er die Grenzen von Kunst und Nicht-Kunst und beschreitet mit jedem Projekt neue Wege. Mit ihrer offenen Textualität werden diese beiden so unterschiedlichen und doch vielfach motivisch und textgenetisch verbundenen Arbeiten hierbei als der „pré-roman“ (Roland Barthes) eines noch zu entwerfenden Text(t)raums lesbar gemacht. So schrieb bereits Walter Benjamin 1931:

Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. [...] Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.

Als Wunderkind der Retromanie greift Roberto Di Bella in seiner Studie auch auf unveröffentlichte Briefe des Autors zurück. Ein umfangreicher Materialanhang zu Schnitte dokumentiert zudem bislang nicht berücksichtigte Pressequellen sowie unbekannte literarische Bezüge Brinkmanns und ermöglicht so einen völlig neuen Zugang zu diesem Spätwerk. Der historische Zusammenhang bestimmt die Atmosphäre, aber über den Retromoment hinaus entstand eine eindringliche, stechend suggestive Reflektion über die Dissonanzen von Politik und Geschichte, die unterschwellige verstimmte Erzählstränge im Bewusstsein der Leser triggern. Rückwärtsgewandt liest sich so, als wolle Brinkmann gegen die Endlichkeit des eigenen Daseins anschreiben.

***

‚Das wild gefleckte Panorama eines anderen Traums‘, Rolf Dieter Brinkmanns spätes Romanprojekt, von Roberto Di Bella, 672 Seiten, kartoniert mit Fadenheftung, 61 s/w Abbildungen, Königshausen & Neumann
ISBN 978-3-8260-5084-8
( = Studien zur Kulturpoetik; Band 18. Hrsg. von Thorsten Hahn, Erich Kleinschmidt und Nicolas Pethes)

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