Sein in der Timeline

14. Juni 2014
Von

Twitter zwischen Zwang und Demokratie

 

Twitter – einhundertvierzig Zeichen. Das ist wenig, zwingt zur Kürze und dazu, auf den Punkt zu kommen, könnte man meinen. Nämlich bis zu diesem hier.

Eventuell bedeutet die Restriktion aber auch den Kniefall vor Schnellschüssen und schlechten Argumenten. Fest steht: Twitter hat sich seine eigene Nische geschaffen, irgendwo zwischen Blog-, SMS- und Chatkommunikation. Twittern ist Neusprech für Microblogging ist Neusprech für digitale Schmierzettel. Attraktiv wird der Dienst durch die einfachen Möglichkeiten, folgsame Gleichgesinnte zu finden und nicht erst Zeit für einen langen Blogeintrag freischaufeln zu müssen. Jedoch, so lautet die Vermutung des Autors, bleibt es auch dabei. Denn der Twitter-Follower ist nichts weiter als eine Zahl in der Anzeige eines stetig steigenden Counters. Der Follower ist vergessen, sobald der Zähler eins weiter schaltet. Dabei sollen die Zählerzahlen in etwa abbilden, wie viele Augenpaare die selbst verfassten Tweets lesen – denn jeder selbsternannte Follower unterwirft sich freiwillig einer potentiellen Flut lapidarer Kommentare und Nichtigkeiten seiner gefolgten Führer, stets omnipräsent in seiner Timeline.

Bevor sich sinnvoll fragen lässt, welche Möglichkeiten Twitter für die Literatur bietet, muss klar herausgestellt werden: Die wenigsten Tweets sind es wert, gelesen zu werden (das liegt daran, dass global gesehen ohnehin zu viel Text produziert wird). Twittern bedeutet zumüllen, Spuren zu hinterlassen, die sich auf einem unendlich langen Weg festtreten, den niemand willens ist, je wieder in eine andere Richtung als nach vorn zu gehen. Twitter produziert Textmüll, Gigabyte um Gigabyte. Wie an allen anderen Stellen im Netzt auch kann schon lang niemand mehr alles lesen, was da im Zehntausendstelsekundentakt geschrieben wird, und niemand macht sich ernsthaft die Mühe, Verpasstes je wieder hervorzukramen. Solche Tätigkeiten sind Späh- und Datenspeicherungsprogrammen vorbehalten, deren Betreiber sich ob der hemmungslosen Preisgabe der eigenen Persönlichkeit ein Loch ins Bein freuen.

So allgemein diese Kritik ist, so speziell sind die Möglichkeiten, die Twittermaschine zu nutzen, so gewinnbringend kann es sein, dem kreativen Potential einer rigorosen Limitierung nachzueilen und im partiellen Verbot der ungehinderten Meinungsäußerung die Möglichkeit barrierefrei zugänglicher Information zu finden. Besieht man also die Kehrseite, ist zu konstatieren, dass der Tweet gar keinen Platz lässt, Informationen zu verstecken. Irgendwo in diesen 140 Zeichen steckt der Inhalt, den finden auch die dümmsten Programme und alle Menschen in Windeseile. Darüber hinaus verbietet Twitter keineswegs, Nachrichten aufzuteilen und sie sukzessive als Texthäppchen zu veröffentlichen, aber es erschwert dieses Vorgehen ganz bewusst. Anders als bei SMS, die bei zu hoher Zeichenzahl schlicht teurer werden, die Nachricht jedoch als Gesamttext beim Empfänger anzeigen, so verhindert der Timeline-Mechanismus genau das. Die Leserichtung in unserem Sprachraum ist diagonal nach rechts unten. Teilt man nun aber eine Nachricht in mehrere Tweets, so erscheint das Ende der Nachricht oben an erster Stelle, jeder Follower muss sich die Textrichtung neu erschließen und wird diese Mühe kaum investieren, da in der Zwischenzeit schon die nächsten Tweets in seiner Timeline erschienen sein werden. Andersherum wird auch der Sender tweetübersteigender Twitternachrichten nur selten den Aufwand einer Textautopsie betreiben, seinen Text in „verkehrter“ Reihenfolge zu publizieren und vorher in entsprechende Häppchen zu zerlegen. Die Betreiber von Twitter wollen nicht, dass 140 Zeichen überschritten oder leichtfertig umgangen werden können. Twitter ist sowohl eindimensional auf der Zeitachse als auch in der Timeline.

Das heißt: Die Restriktionen auf Zeichen- und Leserichtungsebene provozieren kurze Textfetzen, deren Inhalt schnell zu erfassen ist, sofern sie überhaupt gelesen werden. Die Textfetzen werden aufgrund der vorgegaukelten Rezipienten, welche Tweets in ihrer Timeline jederzeit ignorieren können, zu Gespenstern, die sich zwar wie in der Chatkommunikation an eine begrenzte Menge (Primär)Empfänger richten, die jedoch weitaus weniger flüchtig sind als der Chatverlauf, der höchstens im Chatprotokoll der Chatbetreiber noch nachexistiert. Tweets sind für immer frei zugänglich im Netz gespeichert, darin unterscheiden sich Chat- und Twitterkommunikation elementar.

Ungeachtet aller Kritik und Fragwürdigkeit, schafft die Maschine Twitter, was Blogs, Zeitungen und Bücher nicht immer mehr schaffen: Sie erreicht den Leser direkt mit der Information und auf dem wohl kürzesten Weg: präzise von den Senderfingerkuppen in die Timeline und hinein ins Rezipientengehirn. Darin liegt unvorstellbare Macht. Blogartikel scheitern an ihrem Umfang, SMS an der begrenzten Empfängeranzahl und ihrem nicht öffentlichen Charakter und Chatkommunikation scheitert sowohl an ihrer Flüchtigkeit als auch dem eingeschränkten Empfängerkreis. Dadurch wird Twitter demokratisch: Hinter dem Wust an Sinnlosem versteckt sich eine ungefilterte Kanalisation schnurstracks in die Köpfe der Menschen. Denn per Zielgruppenoptimierung mittels Hashtags lassen sich sogar über die eigenen Geführten hinaus unbegrenzte Menschenmengen vernetzen. Die Suche nach einem Hashtag listet alle relevanten Tweets zu einem bestimmten Thema auf; das ist ein öffentlicher Nachrichtendienst für alle, und jede Nachricht nicht länger als 150 Zeichen: Information auf dem Präsentierteller, öffentlich, zielgerichtet und gespeichert. Nicht zuletzt politischer Wiederstand, revolutionäres Aufbegehren oder „spontane“ Zusammenkünfte lassen sich so planen und durchführen. Jeder kann mitmachen – nach einer für die heutige Zeit erstaunlich einfachen Online-Registrierung. Was vor dem beschriebenen Hintergrund sicherlich kein Zufall ist.

Information für alle und unendlicher Informationsnachschub mit kurzen Meldungen und exponiertem Sinn: leicht erfassbar, leicht verteilbar und immer verfügbar. Interessant ist die Frage, wie die Literatur sich Twitter zunutze machen kann, obschon es die Möglichkeiten des Ausdrucks absichtlich einschränkt und durch die Timeline-Mechanik die Publikation von längeren Texten erheblich erschwert. Da nicht alle Politik literarisch, jedoch alle Literatur immer politisch sein kann und die Vorteile von Twitter gerade darin liegen, über alles Politische im weitesten Sinn zu berichten, so erhält die Literatur, die literarische Ausdrucksweise in diesem Universum aus Schranken einen hohen impact factor: Ihre Wirkung ist proportional zu ihren Beschränkungen.

Darin liegt der Vorteil, sich über den Mund fahren zu lassen, noch bevor man auch nur ein Wort geschrieben hat. In Kauf zu nehmen, dass man Auflagen hat, um im Gegenzug dafür exakt beim Adressaten anzukommen. Der Schneid dieser freiwilligen Unterordnung liegt bar vor Augen. Und weil nun allerdings alles Literarische politisch sein kann, so will doch nicht alles Literarische nur politisch sein. Dieses Literarische gehört genauer betrachtet, denn wie könnte das, was nicht revolutionieren oder informieren will, von einer solchen Einschränkung profitieren? Die halbe Antwort ist die hohe Zielgruppentrefferquote der Tweets, die zweite Hälfte der Antwort ist das Nutzbarmachen von spezifischen literarischen Formen, die ohnehin konstituiert werden durch ihre Kürze und eine festgelegte formale Gestaltung.

Eine Aufzählung aller literarischen und lyrischen Kurzformen sei an dieser Stelle ausgespart, ein prominentes Beispiel soll stellvertretend genannt werden: das Haiku. Ursprünglich eine japanische Form der Dichtung, begann das Haiku seinen Streifzug durch alle Länder und Literaturen der Erde und wurde schnell überall heimisch. Charakteristisch für die traditionelle Haikudichtung ist ein Jahreszeitenbezug mittels eines Jahreszeitenwortes sowie eine gravierende Pause im Satzfall. Die Kombination aus Naturdichtung, Symbolik und Reflexion verbindet sich auf diese Weise in einem kurzen, nach festen Regeln gestrickten Gedicht zu so etwas wie der „günstigste[n] Alternative zum Polaroid.“ (Grünbein 2008, zit. n. Dieterle 2011: 211) Da der Übertrag der Form des japanischen Haikus bei der Übersetzung und der Transformation ins Deutsche nicht eins zu eins möglich ist, behilft sich das Haiku in unserem Sprachraum eines feststehenden Silbenstrickmusters. Das Haiku besteht aus drei Versen, mindestens einem Jahreszeitenwort und der gravierenden Pause; diese Zutaten werden angerichtet in fünf, sieben und wieder fünf Silben. Bei Befolgung dieser Regeln kommt am Ende sehr wahrscheinlich etwas heraus, das einem japanischen Haiku sehr ähnlich ist. Untersetzt durch viel Sprachvermögen, dem Sinn für reduzierte Form und einer Affinität zu lyrischen Korsetts sind auch im Deutschen eindrucksvolle Momentminiaturen, Verspolaroids, um Grünbein noch einmal zu bemühen, herstellbar.

Die grundsätzliche Frage nach der Übersetzbarkeit von Lyrik sei hier außen vor gelassen, ebenso die speziellere Frage, ob das japanische Haiku durch die Silbenzählung, wie wir sie kennen, adäquat nachgebildet werden kann – und das in einem Kulturraum, der ohnehin recht unterschiedlich vom japanischen ist. Vielmehr sei mit Dieterle (2011: 211) herausgestellt, dass das Haiku „Sprachvermögen und -vertrauen voraus[setzt]“. Herausgestellt sei aber auch, dass Waldmann (2010, zit. n. Wittbrodt (2011): 261) empfiehlt, „Schülerinnen und Schüler zu Beginn des Lyrikunterrichts zuerst „Elfchen“ […] und dann Haikus schreiben zu lassen.“ Die feste Form bietet offenbar Halt, schafft Orientierung im Gedicht und bei dessen Produktion. Andererseits ist dieses Greifen nach dem Stützgerüst auch ein Fallstrick, schnell ins Belanglose abzurutschen. Deswegen, so könnte man Dieterle hier ergänzen, bedarf vor allem das kunstvoll gestaltete Haiku Sprachvermögen und Sprachvertrauen; jedoch das Haiku als solches ist leicht reproduzierbar bei Einhaltung der Spielregeln.

Nicht zuletzt aufgrund dieses Kontrastes ist das Haiku sehr oft nicht nur in der Hochliteratur, sondern auch in der jungen Forenliteratur anzutreffen, füllt es fast inflationär mindestens einen Bereich jedes aktuellen Lyrikforums. Das ist die Crux des Einfachen, dass es vielen gelingt, aber nur den Wenigsten gut. Allerdings möchte der Verfasser an dieser Stelle nicht die Frage nach guter und schlechter Literatur anstoßen, zumal die Beurteilung von Kunst so subjektiv wie das Beurteile ist. Doch mithilfe der hier angestellten Überlegungen lässt sich die Verbindung von Literatur in Form von Haikus und Schreiben in Form von oktroyierter Ausdrucksrepression bei Twitter zusammenbringen: zur Twitteratur, einer modernen Form des Schreibens und der Dichtung, welche die Einschränkungen eines Mediums, dessen Möglichkeiten zur gezielten Rezipientenansteuerung, und die ohnehin vorhandenen Muster kurzer lyrischer Formen nutzt, um einen schnell vergänglichen Text zu produzieren, der oft zwar die richtige Zielgruppe erreicht aber wahrscheinlich ebenso oft ungesehen untergeht, der aber für alle Zeit fixiert im Netz der unendlichen Worte hängenbleibt und somit irgendwie seinen kleinen Eindruck im Kulturrohling unserer Welt hinterlässt.

Ob das Haiku eingebunden in das Medium Twitter profitiert und eher gestärkt oder geschwächt wird, dass muss die Zeit zeigen. Dass allerdings Literatur und Twitter harmonieren können, das hat sie bereits gezeigt. Die Form der Veröffentlichung ist modern, sie ist schnell, nur kurz aktuell, aber potentiell ewig verfügbar. Sie ist unabhängig von Verlagen, ungefiltert und mindestniveaulos. Dadurch wird sie demokratisch bedeutsam in einem ideellen Sinn, läuft jedoch Gefahr belanglos in einem literarischen Sinn zu werden. Twitter zwingt, seine mediumspezifischen Kriterien an eigene Texte anzulegen. Twitter produziert Getwitter, das eventuell weit mehr Menschen erreicht, als ein Buch oder ein elektronisches Buch, das jedoch diese Menschen wahrscheinlich oft auch weniger unterhält und intellektuell fordert. Twitter reduziert Texte auf ihre Funktion mit minimalem Spielraum für Gestaltung.

Texte auf ihre Funktion zu reduzieren, in diesem Anliegen Twitters liegt neben der Haikudichtung eine weitere Möglichkeit, Kreatives zu schaffen. Denn der Mechanismus läuft leer, trifft er auf ganz und gar funktionslose Texte, welche so selbst zu Artefakten werden, die allein durch dieses spezifische Medium wirken können. Gemeint ist die moderne Konkrete Poesie als eine Form, welche den Spieß umdreht, die Zielgerichtetheit und den Prägnanzzwang Twitters durch Aussparen irreführt. Das ist eine literarische Form, die nicht nur zurückgreift auf Vorhandenes und sich blauäugig schematischen Korsetts einpasst, sondern die Twitter herausfordert, eine Art Twitterdaismus schafft. Wer Lyrikkonten auf Twitter verfolgt, findet schon des Öfteren Konkrete Tweets, die dabei sind, der Konkreten Poesie einen neuen Spielplatz zu erschließen. – Denn den Inhalt eines Bildes, mag dieses auch nur aus Schriftzeichen bestehen und stark reduziert sein, kann auch eine Limitierung auf einhundertfünfzig Einheiten nicht kleinreden.

Twitter produziert Textschrott, verhilft traditionellen Kurzformen zu neuer Popularität und erschafft, durch Einschränkung, eigene neue Kulturimpulse.

Twitter ist so modern wie seine Tweets, fraglich nur, ob man auch in neunzig Jahren noch zwischen staubigen Byte-Resten mühsam nach ihnen suchen wird.

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Anja Wurm, sizzierte, warum Netzliteratur Ohne Unterlaß geschieht. Ulrich Bergmann sieht das Thema in seinem Einsprengsel ad gloriam tvvitteraturae! eher kulturpessimistisch. Für Karl Feldkamp ist Twitteratur: Kurz knackig einfühlsam. Jesko Hagen denkt über das fragile Gleichgewicht von Kunst und Politik nach. Mit ‚TWITTERATUR | Digitale Kürzestschreibweisen‘ betreten Jan Drees und Sandra Anika Meyer ein neues Beobachtungsfeld der Literaturwissenschaft. Und sie machen erste Vorschläge, wie es zu kartographieren wäre. Eine unverzichtbare Lektüre zu dieser neuen Gattung. Gemeinsam mit Sophie Reyer präsentierte A.J. Weigoni auf KUNO das Projekt Wortspielhalle, welches mit dem lime_lab ausgezeichnet wurde.

 

Literatur:

[Lamping 2011] Lamping, Dieter (Hg.): Handbuch der Lyrik. Metzler 2011.

[Dieterle 2011] Dieterle, Bernhard: Lyrik und Interkulturalität. In: [Lamping 2011], S. 204–212.

[Grünbein 2008] Grünbein, Durs: Lob des Taifuns. Suhrkamp 2008.

[Waldmann 2010] Waldmann, Günter: Produktionsorientierter Umgang mit Lyrik. Schneider Verlag Hohengehren 1981/2010.

[Wittbrodt 2011] Wittbrodt, Andreas: Lyrik in der Schule. In: [Lamping 2011], S. 258–266.

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