Weltempfänger

Am 29. Oktober 1923 ging der erste zivile Radiosender in Deutschland on air. Schnell war das Radio ein gefeiertes Medium, in dem Neues ausprobiert wurde. In seiner hundertjährigen Geschichte hat sich der Rundfunk immer wieder neu erfunden.

Photo von Eckhard Etzold

Das Radio begann vor rund 100 Jahren, die Hörgewohnheiten zu verändern und die Kulturtechnik des Sendens und Empfangens zu revolutionieren. Der Begriff „Radiophonie“ bezeichnet die daraus erwachsene Konstellation aus technisch vermitteltem Klang und Raum: die Hörerfahrung, in der sich ein Klang mit den Nebengeräuschen von Medium und Kanal zu einem originären Erlebnis vereint. „Radiophonie“ beschreibt somit auch ein Wissen, das sich im Lauf des 20. Jahrhunderts im Umgang mit den Radioapparaten herausbildete. Seit Beginn der Digitalisierung befindet sich das Radio im Umbruch. Während die Formen der Radiokunst in andere Medien migrieren, vervielfachen sich die Möglichkeiten und Ereignisse des Sendens und Empfangens: Der Mensch des 21. Jahrhunderts „funkt“ ununterbrochen und in die verschiedensten Richtungen. Die Frage danach, was empfangen wird und was gesendet, was ausgeblendet und was verstanden wird, folgt dabei nicht nur technischen Prozessen und psychoakustischen Gewohnheiten, sondern auch politischen Interessen.

Wie ändern sich Kulturen, Ästhetiken und Politiken des Sendens und Empfangens?

Das Internet hat die traditionelle Aufgabenteilung längst überwunden. Es hat etwas länger gedauert, bis sich  die Radiotheorie im Internet in mediale Praxis verwandelt hat. Neben Bloggern und Podcastern ist hier eine neue Spielart eines sekundären Marktes entstanden, der einer Menge an Zwischenhändlern via eBay schon einmal zum Start verholfen hat. Die digitale Revolution verblüfft ihre Kinder mit immer neuen Volten und zeigt, worin der Erfolg der neuen Medien bestehen kann. Die Community kann direkt Einfluss auf die Seiteninhalte in Form von Artikeln und Bewertungen zu nehmen, darüber hinaus können die Benutzer selbst Änderungen an der Datenbank vornehmen.

Joachim Paul hat mit dem vordenker bereits in der Mediensteinzeit eine Plattform installiert, bei der sich alsband die Möglichkeit ergab, Hörspiele herunterzuladen. Seitdem Hörspiele ständig und überall herunterladbar geworden sind, schwimmt auch die zuständige Kritik öfter im „Ocean Of Sound“ – und taucht manchmal unter. Zumal die allgemeine Herunterladbarkeit von Hörspielen, die Veränderung der Hörgewohnheiten, die mit dem großen stilistischen Durcheinander auf Festplatten ein… hergeht, längst auch auf die Hörspielproduktion selbst durchschlägt. Nicht nur die Grenzen zwischen verschiedenen Stilen sind durchlässig geworden, auch der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist längst verwischt. Dem muß man sich stellen. Das mag heißen, daß man mit den Beinen strampelt, daß man um Hilfe ruft oder daß es einem gelingt, auf den Wellen surfen und elegant über die Schaumkronen des „Ocean Of Sound“ zu reiten. Am Ende kommt es darauf an, so wenig Wasser wie möglich zu schlucken.

Ein Rückblick auf die Reihe MetaPhon, die in 2013 auf vodenker.de startete

Cover des ersten Hörbuchs

Die Germanistik erweist sich dem Rundfunk gegenüber bisher ohnehin allzuoft als schwerhörig. Dieser „déformation professionelle“ versucht die Reihe MetaPhon zu entkommen. Neben einem Forum hat man bei vordenker.de die Möglichkeit, Hörspiele herunterzuladen. Seitdem Hörspiele ständig und überall herunterladbar geworden sind, schwimmt auch die zuständige Kritik öfter im Ocean Of Sound – und taucht manchmal unter. Zumal die allgemeine Herunterladbarkeit von Hörspielen, die Veränderung der Hörgewohnheiten, die mit dem großen stilistischen Durcheinander auf Festplatten einhergeht, längst auch auf die Hörspielproduktion selbst durchschlägt. Nicht nur die Grenzen zwischen verschiedenen Stilen sind durchlässig geworden, auch der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist längst verwischt. Dem muß man sich stellen. Das mag heißen, daß man mit den Beinen strampelt, daß man um Hilfe ruft oder daß es einem gelingt, auf den Wellen surfen und elegant über die Schaumkronen des Ocean Of Sound zu reiten. Am Ende kommt es darauf an, so wenig Wasser wie möglich zu schlucken.

Die Kunstakademie hatte sich in den 1970er Jahren als installativer Diskursraum auf die Ratingerstraße ausgedehnt.

Seit 1989 interessieren sich die Artisten des Projekts Das Labor für eine Audio-Art, die bislang nach den herkömmlichen Marktgesetzen unerschlossen geblieben ist. Die Menschheit steht zu Beginn der 1990er Jahre vor einer Transformation der Sprache ins Medium der technischen Kommunikation. Es sind Wahrnehmungsveränderungen, die nicht allein die Kunst betreffen, sondern die Conditio humana des pomodernen Menschen. Die Konfrontation der Ästhetiken der digitalen Medien mit dem Kassettenuntergrund erweist zweierlei: Zum einen, daß das Pensum, das eine digitale Ästhetik für sich reklamiert, bereits von den avancierten Werken der Analog­epoche überboten wurde, zum andern, daß die Theoretiker einer digitalen Ästhetik die Entwicklung der Technologie notorisch einem ästhetischen Fortschritt gutschreiben. Die Stichworte dieser Fortschrittsvorstellung sind auf KUNO diskutiert worden:

Interaktivität, Synergie von Mensch und Maschine, und das Ende der Gutenberg-Galaxis.

Im multimedialen Bienenstock lanciert die Edition Das Labor auf der Plattform vordenker.de mit MetaPhon eine Reihe, in der Facetten der multimedialen Kunst und des Hörbuchs zugänglich gemacht werden, die nach den herkömmlichen Marktgesetzen unerschlossen bleiben. Der Markt wird entmystifiziert. Das aufgeklärte Publikum erwartet Künstler, Wissenschaftler, Akteure, die den Vorhang aufreißen, um in anderen Formen zu erzählen. Die Kunstakademie hatte sich in den 1970er Jahren als installativer Diskursraum auf die Ratingerstraße ausgedehnt. Als künstlerische Grenzgänger betrieben A. J. Weigoni und Frank Michaelis  mit der Literatur, in einem hocharbeitsteiligem Virtuosentum mit den Schauspielern Marion Haberstroh und Kai Mönnich, eine multimediale Hörspielerei zwischen Performance, Theater und Lesung, und setzen Elemente der Minimalmusik ebenso ein, wie die des Jazz. Es ging bei dieser Zusammenarbeit um eine Synthese, die Alchemie des Zusammenbringens, die Erweiterung der Vorstellung, was mit Literatur, Musik und Kunst möglich ist.  

Hören ist eine Tätigkeit auf Ohrenhöhe, demokratisch, offen, optional.

In den letzten Jahren hat sich eine Hörbuch-Szene etabliert, die mit dem schauspielerischen Potential der Sprecher ebenso zu experimentieren versteht, wie sie auf das Hörspiel alten Schlags innovativ zurückgreift. Gerade diese Liebhaberproduktionen sind es, die Aufmerksamkeit verdienen. Bei der Produktion Ohryeure handelt es sich um Hörspiele, die nicht von cleveren Marketingexperten für eine Zielgruppe zurechtgestutzt, sondern mit den Jugendlichen und JungautorInnen gemeinsam erarbeitet und umgesetzt wurden. Diese Arbeiten beinhalten Kriterien, die bisher kaum bei einer Beurteilung miteinbezogen wurden: Was ist der Sound der Zeit?

Globaler Resonanzraum

Seitdem Hörspiele ständig und überall herunterladbar geworden sind, schwimmt auch die zuständige Kritik öfter im Ocean Of Sound – und taucht manchmal unter. Zumal die allgemeine Herunterladbarkeit von Hörspielen, die Veränderung der Hörgewohnheiten, die mit dem großen stilistischen Durcheinander auf Festplatten einhergeht, längst auch auf die Hörspielproduktion selbst durchschlägt. Nicht nur die Grenzen zwischen verschiedenen Stilen sind durchlässig geworden, auch der Unterschied zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist längst verwischt. Dem muß man sich stellen. Das mag heißen, daß man mit den Beinen strampelt, daß man um Hilfe ruft oder daß es einem gelingt, auf den Wellen surfen und elegant über die Schaumkronen des „Ocean Of Sound“ zu reiten. Am Ende kommt es darauf an, so wenig Wasser wie möglich zu schlucken. Mit der Digitalisierung beginnt das Zeitalter des LiteraturClips.

Tonstudio an der Ruhr, historische Aufnahme – Das Urheberrecht für dieses Photo liegt Andreas Mangen.

Tom Täger und A.J. Weigoni kommt das Verdienst zu, die Lyrik nach 400 Jahren babylonischer Gefangenschaft aus dem Buch befreit zu haben.

lyrikwelt.de

Als Tom Täger 1989 im Tonstudio an der Ruhr Helge Schneiders erste Schallplatte Seine größten Erfolge produzierte, hat man ihn für verrückt gehalten. Als A.J. Weigoni 1991 mit Frank Michaelis die LiteraturClips auf CD (der Claim für Klangbücher war noch nicht abgesteckt) realisierte, hat man ihn für verrückt gehalten.

Bereits 1991 legten Weigoni und Frank Michaelis die zum Schlagwort gewordenen LiteraturClips vor. Diese LiteraturClips mögen heiße Luft sein, sind aber angereichert mit purem Sauerstoff. Sauerstoffhappen, eher Häppchen, die den Ohrganismus am Überleben halten. Das frühzeitige Erkennen, daß in der Kürze der einzelnen Beiträge der Erfolg zum langen Atem liegt – beim Produzenten vielleicht, beim Zuhörer gewiss – ist sehr hoch anzurechnen. Mit der Kürze entsteht eine Konzentration auf das Elementare.

Coverphoto: Leonard Billeke

1995 begann die Zusammenarbeit A. J. Weigoni und Tom Täger, die mit dem Hörbuch Gedichte einen sinnfälligen crossmedialen Zirkelschluß findet, zu dem Täger als Hörspielkomponist mit Señora Nada eine Musik der befreiten Melodien zelebiert oder bei dem zweiten Monodram Unbehaust eine Klang-Collage aus Papiergeräuschen anfertigt. Weigoni bewegt sich auf dem Hörbuch Gedichte in der Intermedialität von Musik und Dichtung, er sucht mit atmosphärischem Verständnis die auditive Poesie im ältesten Literaturclip, den die Menschheit kennt: dem Gedicht!

Dokumentiert wird all das, was seit den 1990ger Jahren an audio-art kulminierte, auf der Plattform vordenker.de mit der Reihe MetaPhon, in der Facetten der multimedialen Kunst und des Hörbuchs zugänglich gemacht werden. In den Download-Angeboten der Reihe MetaPhon werden bei vordenker.de Hörspielschreiber, Musiker und Komponisten aus der Rhein/Ruhr-Region vorgestellt: Mario Giordano, Helge Schneider, Jens Neumann, Marina Rother, A. J. Weigoni u.a. als Horspielschreiber, Peter Brötzmann, Eva Kurowski, Franz Halmackenreuther, Mona Lisa Overdrive, Alexander Perkin, Volker Förster, Tom Täger u.a. als Komponisten.

 

 

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Die Hörbücher, die in der Retrospektive MetaPhon vorgestellt werden, sind erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Weiterführend

Top 100-Cover: Georg von der Gathen

Die Titelgebung Literaturclips ist selbstverständlich reinste Camouflage, gleichzeitig markieren jedoch die zwischen 1991 entstandenen LiteraturClips und den bis 1995 entstandenen Top 100 den Höhepunkt und die wahre Sprengung der sogenannten Pop-Literatur. Am Ende wird Top 100 ein Ganzes, das wiederum in seine Teile zerfällt. Das Hör-Spiel kann von neuem beginnen.