Wiedergänger 1&2

Woran liegt es, dass manche Bücher einen Platz im literarischen Kanon erlangen und andere einfach vergessen werden?

 

Photo. Anja Roth

Auch wenn sich KUNO wiederholen sollte: Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Satiriker. Und die Zeiten der globalen Krisen sind nicht gerade rosig. Der große literarische Satiriker der Gegenwart ist noch zu entdecken. Sein Name, dieser Verdacht mehrt sich zumindest im deutschen Sprachraum, ist wahrscheinlich A.J. Weigoni. Er hält in seinem Werk der Gesellschaft das entgegen, was sie in ihrem alltäglichen Wortgebrauch unterschlägt. Ein guter Einstieg in sein Werk ist Zombies, das unter Weigoni-Aficionados als zugänglichstes Buch gilt: „Diese Erzählungen sind voller Humor und streckenweise so schwarz, daß sie unter der Kohlenkiste noch einen Schatten werfen würden.“, schrieb Margaretha Schnarhelt. Die Stories in dem vergriffenen Band Monster waren die ersten Entwurfsskizzen, aus denen dieser Romancier die Erzählungen für den Band Zombies entwickelt hat. Diese skizzierten Grundideen verdichten sich zu einem Konzentrat dessen, was erst in späteren Werken zur erzählerischen Virtuosität gesteigert wird. Zwischen den Erzählungen und dem zweiten Roman von Weigoni gibt es eine Gerade, die an vielen Punkten in gleichem Abstand zum anderen Buch verläuft.

Eigentlich sind Zombies lebende Tote. Vertieft sich der Leser in Weigonis Kurzgeschichtenband, glaubt er sich von toten Lebenden umgeben.

Karl Feldkamp

Ordnung ist das halbe Leben, der Rest ist Aufbegehren. In den Zombies verknüpft Weigoni poetische und philosophische Gesellschaftskritik mit Medienanalyse zu einem Textgewebe, das der Korrelation zwischen Sinn und Sein nachspürt. Es geht ihm nicht darum literarische Schemata aus der Wirklichkeit herauszulösen, sondern Realitätspartikel in die Literatur hineinzuschmuggeln. Es haftet Wörtern wie Globalisierung, Individualstaat und Fürsorgegesellschaft etwas Häßliches an, es sind stumme Wörter ohne Klang, zugleich jedoch Wörter, die nicht alt klingen, denn das, was sie ausdrücken, was ihre Semantik ausmacht, existiert (wenngleich nicht in gleichem Ausmaß) nach wie vor, es schlummert in der Mitte der entindividualisierten Gesellschaften. Weigonis Kunst besteht nicht in einem literarisch aufgemöbelten Journalismus, sondern in der atemberaubenden Fähigkeit, sich in diese beschädigten Seelen einzufühlen, aus ihnen heraus zu erzählen. Die Schwärze seiner Arbeit beschreibt eine tief verdorbene Menschheit, sie ist die Schutzschicht zwischen ihm und allem, was ihn abstößt.

Als  Trivialmythen-Erforscher verbindet Weigoni souverän Hoch- und Populärkultur

Die Hervorhebung der Lust an Literatur verbindet sich bei Weigoni mit dem Interesse, die Kluft zwischen ästhetisch moderner Elite– und konventionsgebundener Massenkultur aufzuheben. Die Gründlichkeit, die er bei seinen Recherchen an den Tag legt, spiegelt sich in einer fast schon anthropologischen Genauigkeit, mit der er die von ihm so benannte Hypermoderne beschreibt. Den Glauben an ein wahres, inszenierungsfreies Selbst nennen sie im Rheinland ein gut florierendes Gerücht. Die globalisierten Menschen wickeln ihr untotes Leben ohne viel Hoffnung in Wohnsitzlosigkeit ab. Es geht um Verlierer, um das Dasein an den Rändern sowohl der Gesellschaft als auch der eigenen emotionalen Landschaften, um ein Einsamsein, das sich nicht alleine auf eine persönliche Befindlichkeitskrise zurückführen läßt. Kommunikation ist das, was helfen könnte, aber nicht funktioniert. Zu stark sind die Einschreibungen in die Lebensläufe. Einen Text zu verstehen heißt, die Welt zu verstehen, und umgekehrt, es geht Weigoni nicht nur um Bücher, es geht ihm um die Lesbarkeit der Welt.

Für die Rheinländer bedeutet Heimat nicht gleich Zuhause.

Die Erzählungen in den Zombies sind so schlüssig kombiniert, dass man sie mit ein wenig Ergänzungsleistung auch als Roman lesen kann. Die Episoden der Lokalhelden lassen sich durchaus als verschachtelte Abfolge von Kurzgeschichten lesen. Was beide Prosastrecken eint, ist das Unausgesprochene der Fehlstellen, die Übertretungen anzeigen, ohne sie auszuformulieren, und dies markiert dabei bei beiden Prosastrecken die Schwelle. Das Erzählen fließt, analog zum Rhein, dahin, im Vorbeiziehen werden immer wieder gewichtige Themen berührt, um sie wie in der Endlosigkeit des zombifizierten zu verlieren. Mit dieser Prosa hält Weigoni die Erinnerung wach, er legt Rechenschaft über die Unzulänglichkeit des Einzelnen ab und offenbart, wie schwierig es ist, angesichts der Globalisierung seine Würde zu wahren, geschweige denn menschliche Größe zu zeigen.

Die Penetranz der Waren macht den Flaneur zum Streuner und ist der Grund für die Fluchtförmigkeit seines Umherstreifens. In Umgebungen ohne Diskretion kann es Flaneure nicht mehr geben.

Wilhelm Genazino

Photo: Jo Lurk

Im falschen Ganzen der Bonner Republik kann es keine richtigen Teile geben. Als Psychohistoriker der alten BRD beschreibt Weigoni das Leben im Rheinland, als eine einzige Misere. Es ist ein Durchwursteln unter Lebensumständen, die für die Rheinländer eine einzige große Überforderung darstellen. Und doch gilt, sich nur nichts anmerken zu lassen. Diese Lebensvermeider, egal ob es sich mit Prolls, Kreative oder Intellektuellen, mogeln sich regelrecht um über die Zumutungen des Alltags herum. Weigoni schafft es sich mit mit dieser Prosa mit dem Undurchdringlichen in eine Verbindung zu setzen, die eine vage Hoffnung auf den unzerstörbaren Eigensinn des Rheinländers übrig läßt. Der Lebensdurst ensteht in der „Alkstadt“ aus dem Scheitern am Verstehen der Welt, tröstet die Rheinländer trösten sich mit einem „lekker Obergärig“ über ihr eigenes Unverständnis hinweg. Literatur kann die Widersprüche nicht auflösen, die Spannung zwischen Realität und Wunsch bleibt nach der Überwindung des Rausches unüberwindlich vorhanden.

Humorlosigkeit bedeutet im Rheinland einen Mangel an Intelligenz.

Fakten bilden nie die gesamte Geschichte ab. Es geht um Verknüpfungskompetenz. Weigonis präzise Sprache schafft eine Eindringlichkeit und unmissverständliche Direktheit, die zu berühren vermag. Nicht einmal die konsequent verfolgte Dialektschreibung in der wörtlichen Rede, die zur Verstärkung gewollter Authentizität eingesetzt wird stört den Lesefluss. Nicht nur die Rheinländer sehen mehr als die Figuren, womöglich auch hinein in die eigene Seelenlandschaft. In den besten Passagen wird man zum Leser seiner selbst.

 

 

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Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Lokalhelden, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2018 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.

Weiterführend →

KUNO übernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus Neue Rheinische Zeitung und von Jo Weiß von fixpoetry. Enrik Lauer stellt den Band unter Kanonverdacht. Betty Davis sieht darin die Gegenwartslage der Literatur, Margaretha Schnarhelt kennt den Ausgangspunkt und Constanze Schmidt erkennt literarische Polaroids. Holger Benkel beobachtet Kleine Dämonen auf Tour. Ein Essay über Unlust am Leben, Angst vor’m Tod. Für Jesko Hagen bleiben die Untoten lebendig.

Lesenswert auch das Nachwort von Peter Meilchen sowie eine bundesdeutsche Sondierung von Enrik Lauer. Ein Lektoratsgutachten von Holger Benkel und ein Blick in das Pre-Master von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert Hintergrundmaterial. Ein Kollegengespräch mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein Recherchematerial ausbreitet. Constanze Schmidt über die Ethnographie des Rheinlands. René Desor mit einer Außensicht auf die untergegangene Bonner Republik. Jo Weiß über den Nachschlüsselroman. Margaretha Schnarhelt über die kulturelle Polyphonie des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen Heimatroman der tiefsinnigeren Art. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs Rezensionsessay.