Zur Gegenwartslage der Literatur

A.J. Weigoni hat die Zombies von der puren Horrorfiktion in ernstzunehmende Gesellschaftskritik transferiert. Die Untoten dienen als Narrativ der Krise, sie sind in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit zu einer Metapher für die Erosion gesellschaftlicher Ordnung geworden.

Die Kunst dieser Erzählungen liegt oft im Detail. Bewegungsspielräume ergeben sich durch die Erweiterung der Realität und ihre groteske Überdehnung. Entfiktionalisierung  lautete einstmals die Losung der politischen Dichtung. Diese Erzählungen werfen Schlaglichter auf ein großes, verborgenes Gesamtbild, welches wiederum über die reine Fiktion hinauszuweist. Die wahre Kunst der Fiktion jedoch besteht darin, Dinge zu erfinden, die real sind. A.J. Weigoni hält der Pasteurisierung unserer Lebenswelt die nackte Wahrheit des Daseins entgegen.

Auswegloses Leiden erregt kein Mitleid, sondern Abscheu.

Gotthold Ephraim Lessing

Es gibt Schriftsteller, die ihren Figuren nicht nur zu nahe kommen, sie machen sich mit dem Skalpell an die Arbeit. Die Haut stelle keine Grenze dar, sie wird aufgerissen und gebohrt und gestochert und geschnitten, bis alles darunterliegende ins grelle Licht gerückt wird. Literatur ist eine Operation am offenen Herzen. Und das Gehirn wird auch sogleich mit auseinandergenommen. Das Problem einer Gesellschaft, die sich schleichend in einer Abstumpfungskultur eingerichtet hat, in der in erster Linie nur mehr die Schläge mit dem Holzhammer zählen, liegt im Verlust aller Differenzierungen. Zwischentöne und Nuancen, Feinsinn und bloß Angedeutetes gehen verloren. Es geht darum, die Nabelschau zu entlarven und der selbstgerechten Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Am Ende wird nur noch Aufsehen erregendes registriert.

Zombies erlebten ihre erste Blütezeit in den Sechzigerjahren, als der weiße Mann plötzlich Angst vor der Straße hatte, vor hungrigen schwarzen Massen, die marodierend in die sauberen Vororte eindringen. Es gibt da diese Figur in “Night of the Living Dead”, die sich aus Angst vor den Zombies total zurückzieht, erst in sein Haus, dann in seinen Keller, wo er glaubt, endlich sicher zu sein. Aber die Zombies kommen dann natürlich aus dem Dunkel seines Kellers und nehmen ihn auseinander. Das wurde nach 9/11 alles reaktiviert. Nur dass die Zombies in unseren Kellern jetzt die Araber und Mexikaner sind.

Alexander Hermon

Der Zombie ist die Horrorgestalt der Haifischkapitalismus. Er wurde jüngster Vergangenheit kulturkritisch umorgelt. Es steckt eine Menge allegorisches Potenzial in den torkelnden, gehirnfressenden, zerlumpten Untoten: als Kommentar zum Aufstand der Massen, zur Schwarmintelligenz oder natürlich als Erzählung über den Zustand des Kapitalismus, in dem sich der Mensch auf verlorenem Posten befindet und auf niedrigste Überlebensinstinkte zurückfällt. Das Phänomen des Horrors fungiert als ästhetischer Katalysator des von der Vernunftphilosophie Verdrängten. Das Unheimliche ist ein Gegenlager innerhalb des Aufklärungsdiskurses und dient nichtsdestoweniger einem aufklärerischen Zweck. Es handelt sich um virtuose Erzählweisen, von einer sprachlichen Qualität, wie sie von engagierterer Literatur nur selten erreicht wird. In Zombies wirft Weigoni die Frage auf, welche Stellung der Sprache in dieser bildmedialen Kultur noch zukommt. Die Wahrnehmung des Spektakulären, die Sensation wird zur Wahrnehmung schlechthin. Wo der Extremfall von Wahrnehmung zum Normalfall geworden ist, wird das Subtile in der Kultur ausgelöscht. Es ist nichts für Schöngeister, sich dieser hart am Rand der erzählten Wirklichkeit balancierenden Literatur auszusetzen. Es benötigt Zeit, Konzentration und Anstrengung. Genau das ist dem Schock und der Überwältigung fremd.

Bös–bissig–ironische Texte. Mich haben sie erfreut!

Dr. Edith Vukan, ORF

Entweder sind projektive Mechanismen am Werk oder identifikatorische. Eine kleine Verschiebung der Perspektiven und schon ist in diesem Buch die Wirklichkeit in eine absurde Szenerie verwandelt. Weigoni ist mit der für ihn typischen Neugier auf der Suche nach dem Banalen. Er schreibt eine harte, wie gepflasterte Prosa. Diese Poesie ist nüchtern, beobachtend, fast dokumentarisch. Kurze Sätze, atemloses Präsens; die Kapitel sind nie länger als sieben Seiten, manchmal nur eine Seite. Er spitzt in den Erzählungen Zombies auf seine Weise zu, daß Banalität zunehmend das Maß des Alltäglichen wird; er legt mit seinen Formulierungen die brutalen Implikationen des Normalen frei. Es geht  um den ganz realen Horror, der einen im Alltäglichen anspringt. Diese Prosa geht über die Imitation von Realität hinaus. Wirklichkeit ist bei dieser Art von Prosa eine Kombination von Distanz und Nähe, von Künstlichkeit und Wahrhaftigkeit, vor allem aber von Ekel und Faszination: etwas, das man sehen möchte, obwohl man eigentlich gleichzeitig lieber weglaufen möchte. Weigonis Sprache ist immer an der Grenze zum Erträglichen ist; überschreiten wird er diese Grenze nicht. Poesie und Härte, Abscheu und Einfühlsamkeit faßt er zu einer ungewohnten Einheit zusammen. Das schafft Aufmerksamkeit, ist allerdings keine Effekthascherei. Weigonis literarische Arbeit orientiert sich nicht an Kommerzialität. Das sichert ihm die innere Freiheit zu Kontinuität, die für seine Poesie einen hohen Stellenwert hat.

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Zombies, Erzählungen von A. J. Weigoni, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Coverphoto: Anja Roth

Weiterfühend → KUNO übernimmt einen Artikel von Kultura-extra aus Neue Rheinische Zeitung und fixpoetry. Enrik Lauer stellt den Band unter Kononverdacht. Betty Davis sieht darin die Gegenwartslage der Literatur, Margaretha Schnarhelt hybride Prosa und Constanze Schmidt erkennt literarische Polaroids. Holger Benkel beobachtet Kleine Dämonen auf Tour. Ein Essay über Unlust am Leben, Angst vor’m Tod. Für Jesko Hagen bleiben die Untoten lebendig.

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