Trivialmythen · Revisited

Das Gossenheft ist eine neue Richtung in der Literatur.

Dr. Ulrich Janetzki / LCB, Berlin

Vor 25 Jahren erschien im Krash-Verlag das erste Gossenheft mit dem Titel Jaguar, der Verlag aus der Domstadt griff auf eine Tradition zurück. Die ersten Groschenhefte erschienen um 1920 in den USA, das bekannteste hieß Black Mask. In diesem Schundheft publizierten Hammett, Chandler, Woolrich u.a. ihre ersten Short-Storys. A.J. Weigoni regte den Verleger Dietmar Pokoyski 1989 dazu an, das von ihm entwickelte Konzept Gossenhefte ins Verlagsprogramm aufzunehmen. Die BRD-typische Teilung in seriöse und triviale Literatur reizte den VerDichter und den Buchkünstler dazu, sich elegant und mit einem ironischen Augenzwinkern zwischen diese Stühle zu setzen. Auch wenn der WDR das erste Gossenheft unter dem Titel Auf der Suche nach McGuffin als Hörspiel produzierte wurde die Reihe nach einem rasanten Start ein Flop, weil Satire, Ironie und tiefere Bedeutung im wiedervereinigten Deutschland kaum eine Chance haben. Aber wie postulierte der bayrische Anarchist Herbert Achternbusch lakonisch: „Du hast keine Chance, aber nutze sie.“

Die Leute denken, es ist Jerry Cotton und merken dann, daß man ihnen Literatur angedreht hat.

(Aktuelle Stunde / WDR)

Die Überhöhung von Kunst zur Kunstreligion ist in der modernen Wohlstandsgesellschaft selbstverständlich geworden. Daher ist es kein Zufall, daß Jaguar die Großstadt zum Schauplatz hat. Die topografische Orientierungslosigkeit gehört zum moralischen Orientierungsverlust und zur kognitiven Verwirrung. Weigoni nutzt die sogenannte Popkultur als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, hier geht es um das abgründig Komische, das virtuose Spiel mit den Giftschränken unserer Identität, die latent explosive Mischung trivialer Mythen mit kulturkritischem Gedankengut. Dieser Mix aus krimineller Energie und Aktionismus ist abwechslungsreich und kulminiert in der Erkenntnis: Kitsch ist gesammelte Sehnsucht.

Dieses Gossenheft präsentiert eine Ästhetik der Nichtpriviligierten

Jaguar ist eine ‚Melancholödie’, die in einer großstädtischen Kneipen- und Kunstszene spielt, das Akademieumfeld der Landeshauptstadt NRWs und die Szene der Ratingerstraße sind ahnbar. Historischer Bezug der Figuren ist der Rock’n’Roll. So denken und handeln sie auch: schnell, hart und laut. Dabei verfangen sie sich in ausgelegten Fallstricken. Schneider und Zonker sind Figuren in einem Spiel von Dr. h.c. Paul Pozozza. Pozozza ist Repräsentant eines Systems, an das er nur glaubt, weil es Profit bringt. Die Malerin Vera Strange ist nicht nur ein Inbegriff romantischer Künstlerexistenz, sondern ein spätes Aufleuchten der Moderne in einem ungleichzeitigen Kontext. Weil Romantik der letzte Versuch ist, in der Kunst etwas Ganzes zu schaffen und die Moderne das Bewusstsein ihrer notwendigen Zerrissenheit einschließt, dann ist sie ein Repräsentant von beidem. Dazwischen steht die Galeristin Grazia Terribile. Sie hat ideelle Vorstellungen, die sie materiell umsetzt. Die eiskalte Hand des Neoliberalismus wurde mit dem hirschledernen Handschuh der Kunstfreiheit überzogen, damit der auspressende Griff um den Hals der künstlerischen Arbeiter keine Fingerabdrücke hinterläßt. Ein klarer Fall von Artnapping? – Alles stimmt, aber es ist nicht unbedingt wahr, denn es geht um Sachverhalte, die nicht aufgeklärt sind. Was hat die Malerin Vera Strange mit Datenschmuggel zu tun?

Montiert wie ein Film. Die Szenen wechseln rasend schnell, die Figuren berühren sich wie Kugeln auf dem Billardtisch.

Süddeutsche Zeitung

Im Gossenheft Monster finden sich die Entwurfsskizzen, aus denen Weigoni die Erzählungen für den Band Zombies entwickelt hat. Ein guter Einstieg in ein Werk, das unter Weigoni-Kennern als sein bislang zugänglichstes gilt. Diese Erzählungen sind haarsträubend, abstoßend, rührend und  witzig, man  liest von Dystopien und Alltagskrisen, Tragödien und Peinlichkeiten, bis man das eine kaum noch vom anderen unterscheiden kann. Das Verrückte ist in diesen Erzählungen das Normale und umgekehrt. Literatur kann ein Medium der Selbstbestimmung sein. Und diese bringt der Literatur neue Werte. Die Suche nach Identität und Ausdruck zieht sich durch Weigonis Werk. Sie exerziert den Schmerz der Sprachlosigkeit, den Verlust körperlicher und seelischer Integrität in Lyrik, Prosa und Drama bis an den Rand des Erträglichen. Der Schock soll die repressiven Muster zertrümmern. Weigoni sucht das Monströse im Normalen und das Normale im Monströsen, seine Verdichtungen schließen sich in ihrem Gehalt an die Wirklichkeit der Menschen im 21. Jahrhundert an. Die Eindringlichkeit seines Schreibens hängt mit dem tiefen Referenzraum seiner Poethologie zusammen. Die Erzählungen haben einen formal innovativen Ansatz, man erkennt die Figuren unmittelbar an ihrer unverwechselbaren Sprache, die so brennscharf die Realität abbildet und den Lesern neue Wahrnehmungsmöglichkeiten verschafft. Diese Prosa verfügt über den unbe­dingten Willen zur Gegen­wärtig­keit. Dabei gelingt es Weigoni das Schwere leicht und das Leichte schwer zu machen. Apokalypse paart sich mit Heiterkeit, Phantastik mit Präzision, dialogischer Witz mit Zitat und Selbstironie. In virtuos ineinander verschachtelten, zwischen historischen Ereignissen springenden Erzählpäckchen führt dieser Romancier sämtliche Schicksale und Handlungsstränge die er in den Zombies ausgelegt hat in Cyberspasz zusammen.

 

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Lesenswert → Das Kollegengespräch von A.J. Weigoni mit dem echten Bastei Lübbe-Autor Dieter Walter, der unter Viktor Glass die Dokufiction Diesel geschrieben hat.

Die Geschichte lebt von Poesie und Trostlosigkeit, von ihren Figuren und Orten. Trotz Heftchenformat: Mit »Massaker« hält der Leser provokative Literatur in der Hand. Ein bewusster Akt sprachlicher Grenzerprobung.

Prinz

Als vorerst letztes Gossenheft wurde mit Unterstützung von Dietmar Pokoyski Massaker produziert.  Geziert von manch semantischem Husarenstück… Klischees werden clever arrangiert, Stereotypen gekonnt gegeneinander ausgespielt und vorm inneren Auge des Lesers generiert sich einen kurzweiligen Nachmittag lang ein leicht nekromantischer, spannender B–Movie. Die Präsentation des Bandes war für den 11. September 2001 geplant.

Einen vertiefenden Artikel von Betty Davis zum vorläufig letzten Gossenheft Massaker finden Sie hier. Die Hörfassung unter dem Titel Blutrausch hören Sie in der Reihe MetaPhon. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp.