Mit der Schneckenpost setzte sich der Briefroman durch.
Mit dem Photokopierer konnte jeder Nonkonformist zum Verleger werden.
Mit dem Microbloggingdienst kam die 140-Zeichen-Twitteratur.
Literarisch befasst sich KUNO seit 1989 mit der Unerforschlichkeit des Subjekts, mit der Abgründigkeit des Ichs, mit der Nichtfestlegbarkeit des Individuums. Das Lesen macht uns seither klüger und dümmer zugleich. Je mehr wir lesen, desto mehr Fragen stellen wir uns in der Redaktion. Und je intensiver wir lesen und die nonkonformistische Literatur in diesem Inlinemagazin dokumentieren, desto deutlicher wird uns, dass es darum nicht geht, sondern um den Zugewinn an Leben, den wir uns durch das Lesen, das Reflektieren und das Erzählen von Geschichten verschaffen. Die Fiktion ist im Zeitalter des www genau der Ort, wo Dinge – sowohl so als auch – nicht so sind wie sie scheinen, wo Welten existieren, an die wir fest glauben können, während wir zugleich wissen, dass sie nicht existieren, möglicherweise nicht existiert haben und wahrscheinlich niemals existieren werden. Und diese schöne Komplikation war nie bedeutsamer als in unserem Zeitalter der übermäßigen Vereinfachung.
Aphoristiker bekennen sich zu allem und jedem, jedoch auch nicht gegen alles oder jedes.
In diesem Jahr erschien die Textsammlung: Twitterature. The World’s Greatest Books Retold Through Twitter von Alexander Aciman und Emmet Rensin. Die Sammlung enthält Palimpseste einiger Werke der Weltliteratur in netzaffiner Jugendsprache. Dies beschränkt auf 140 Zeichen. Twitteratur ist eine Poesie, die man von den japanischen Haiku kennt, sie scheint auf besondere Weise verfügbar und dienstbar zu sein. Bestand die Modernität dieser Mikrogramme bisher in ihrer Operativität, so entspricht diese literarische Form im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Denkgenauigkeit der Spätmoderne. Inwieweit diese neue Literaturgattung die Nonkonformistische Literatur fortführen kann, wird sich in den kommenden Jahren erst noch erweisen.
Was die Schriftsteller A.J. Weigoni, Joanna Lisiak, und Holger Benkel eint ist die Prägung durch einen nonkonformistischen Eigensinn.
Wie bei jeder neuen Literaturgattung gibt es Vorläufer. Weigoni, Lisiak und Benkel zeigen in ihren Werken eine Ablehnung traditioneller literarischer Konventionen. Sie experimentieren mit Sprache, Form und Inhalt. Dies ist ein gemeinsames Element in den Arbeiten der genannten Autoren, die das Feedback und die Reaktionen ihres Publikums in ihren kreativen Prozessen berücksichtigen. Die genannten Schriftsteller bieten unterschiedlichste Perspektiven auf diese neue Form der Literatur und benehmen sich oft subversiv gegenüber den Erwartungen des Publikums. Mit ihrem Eigensinn tragen Weigoni, Lisiak und Benkel, die Grenzen der Poesie zu erweitern und neue Wege des literarischen Ausdrucks zu erkunden. Ihre Werke sind nicht nur Texte, sondern auch Kommentare zu den sich wandelnden Kommunikationsformen in der modernen Welt. Benkels Gedanken, die um Ecken biegen gehen weiter als der geschriebene Text; sie sind kein Ende, sondern ein Anfang. Sie versuchen, diesen kleinen Rest an Sprache etwas aufzuhellen, und wagen es seine Ränder verstehbar zu machen. Benkels Aphorismen folgen keinem linearen und systemischen Denken, sie entfalten sich vielmehr assoziativ und labyrinthisch.
joanna lisiak, die sonst lyrik, kurzprosa, dramatik, hörspiele und essays schreibt, verknüpft in ihren »Wederendungen« redewendungen zu miniaturen, die aphorismen, sentenzen, maximen oder epigrammen ähneln.
Holger Benkel
Gedankenstriche lautete der Titel einer Abfolge von Prosaminiaturen, die ab 2006 auf KUNO regelmäßig präsentiert wird. Gäbe es eine Geographie lyrischer Formen, dann läge sie wahrscheinlich zwischen Haiku, Tanka und Monostichon, neudeutsch Twitteratur. Aufgrund seiner extremen Kürze werden diese Gattungen vor allem für Formen verwendet, die aus Verknappung und Verdichtung ihren ästhetischen Reiz ziehen, also literarische Kleinstformen wie Gnome, Epigramm, Sinnspruch, Sprichwort, Sentenz und Ähnliches. Joanna Lisiaks Gedankenstriche zeigen, wie das Leben so spielt, sie spiegeln einen Jahrmarkt der Eitelkeiten, eine fortgeschriebene Comédie Humaine, die durch den inszenierten Zufall wirklich Leben bekommt. Ihre Prosaminiaturen sind ein Akt des Widerstands gegen das Vergessen und Verschwinden, gegen Entfremdung und das langsame Sterben an allgemeiner Ratlosigkeit. Mitunter fließen auch Typologien zur Literatur als poetologische Selbstreflexion ein. Die Autorin unterwirft sich mit ihrer Twitteratur keinen strengen Regeln, ihre Kürzestprosa besteht oft aus wenigen Worten, es sind Momentaufnahmen, eine per Wörterzoom herangeholte Einzelheit oder Beobachtung. Diese Einfachheit, die zum Kern der Sache vordringt, eine Idee komprimiert, verdichtet Lisiak zu einer Poesie des Alltags, sie mischt sich ein, kommentiert, stellt Fragen, unaufdringlich und schlicht, aber durchaus scharfzüngig. Mit der Kürze entsteht eine Konzentration auf das Elementare. Es sind Texte, denen jede Klage über die Vergangenheit fremd sind, sie zeigen das gerade dort, wo es am wichtigsten ist: im Alltag. Und sie zeigen das, was dabei herauskommt, in aller Schönheit und Faszination.
Wenn es Videoclips gibt, muss auch die Literatur auf die veränderten medialen Verhältnisse reagieren.
A.J. Weigoni
Die Mikrogramme von A.J. Weigoni stellen einen spannenden Übergang zwischen zwei bedeutenden Epochen der Literatur dar: der klassischen literarischen Moderne und der digitalen Echtzeit-Ästhetik. Diese kurze und prägnante Form der Literaturexpression spiegelt nicht nur den Zeitgeist wider, sondern öffnet auch das Tor zu neuen Formen des Schreibens und Lesens, die wir heute in sozialen Medien wie Twitter erleben.
Die Notate von Weigoni sind tief in der Tradition der klassischen Moderne verwurzelt und antizipieren zugleich die fragmentierte, flüchtige Ästhetik des digitalen Zeitalters. Lange bevor soziale Medien die literarische Verknappung zum Standard erhoben, experimentierte Weigoni mit der radikalen Verdichtung von Sinn.
Weigonis Mikrogramme stehen in einer ehrwürdigen Ahnenreihe. Wer den Begriff hört, denkt unweigerlich an Robert Walser, dessen winzige Bleistift-Manuskripte eine Intimität und Zerbrechlichkeit ausstrahlten, die sich gegen das „Große“ und „Pompöse“ sperrten.
Doch während Robert Walsers Mikrogramme durch die physische Kleinheit der Schrift definiert waren, setzt Weigoni auf eine strukturelle Mikrologie. Er greift die Tradition des Aphorismus (Lichtenberg, Nietzsche) und des lyrischen Fragments auf. Es geht um die Emanzipation des Einzelwortes: Jedes Zeichen muss eine enorme semantische Last tragen.
In der heutigen Zeit ist Literatur nicht mehr nur auf gedruckte Buchformen beschränkt. Twitterliteratur erlaubt es, Gedanken in Echtzeit zu teilen und Diskussionen in einem öffentlichen Raum anzustoßen. Dies erfordert eine Form der Kreativität, die Weigonis Mikrogramme bereits vorwegnahmen. Seine Mikrogramme fungieren als kulturelles Scharnier zwischen der klassischen Moderne, die oft durch komplexe, verschlungene Erzählweisen und tiefgehende Charakterstudien gekennzeichnet ist, und einer neuen, digitalen Form des Sprechens und Schreibens. Die Verbindung zu Twitter und anderen schnelllebigen Plattformen ist unverkennbar.
Jedes „Mikrogramm“ kann als Miniaturwerk betrachtet werden, das zur Reflexion anregt und komplexe Gedanken in knapper Form vermittelt. In beiden Formen – den Mikrogrammen und der Twitteratur – wird die Rolle des Lesers neu definiert. Der Leser wird aktiv in den Schaffensprozess einbezogen, wird Teil des Dialogs. Diese Interaktivität ist eine der fundamentalen Veränderungseigenschaften der digitalen Kommunikation. Leser reagieren auf Tweets, interpretieren. Mikrogramme und tragen so zur Entstehung eines vielstimmigen Diskurses bei. Diese Variante ist mehr als nur eine literarische Form; sie sind ein Indikator für den Wandel in der internationalen Literatur. Sie markieren den Übergang von einer Zeit, in der auf tiefgründige Erzählungen Wert gelegt wurde, zu einer Ära, in der Schnelligkeit, Spreizbarkeit und Kommunikation im Vordergrund stehen. In der heutigen digitalen Welt, in der jede Sekunde zählt, stellt die Twitteratur eine Gradwanderung dar, die tief in den Wurzeln der Mikrogramme verankert ist. Weigonis Werk bietet uns einen faszinierenden Blick auf die Synergien zwischen der traditionellen Literatur und der elektrisierenden Energie der digitalen Welt.
Die „Mikrogramme“ von A.J. Weigoni markieren den Moment, in dem die Literatur lernt, mit der Geschwindigkeit der Moderne zu atmen, ohne ihre Seele an die Oberflächlichkeit zu verlieren. Sie sind das notwendige Bindeglied zwischen der Melancholie des 20. Jahrhunderts und der rasanten Dynamik des 21. Jahrhunderts.
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Mikrogramme von A.J. Weigoni, KUNO 2006 – 2011
Gedankenstriche von Joanna Lisiak, KUNO 2006 – 2016
Gedanken, die um Ecken biegen, Aphorismen von Holger Benkel 2006 – 2019

Das erste Twitter-Logo ist ein Design-Klassiker: Der blaue Vogel „Larry“.
Weiterführend → Die Redaktion bat Holger Benkel um einen Rezensionsessay zum Aphorismus gebeten. Ein Porträt von Holger Benkel lesen Sie hier.
→ Die Gedankenstriche von Joanna Lisiak sind eine mischung aus tagebuch, selbstreflexionen, werkstattbuch und alltagsbeobachtungen“, schreibt Holger Benkel in einem Rezensionsessay. Lesen Sie auch das Porträt der Autorin und das Kollegengespräch zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak.
→ Die „Mikrogramme“ von A.J. Weigoni sind eine Serie von Miszellen – kurzen, essayistischen oder aphoristischen Texten – die zwischen 2006 und 2011 auf der Plattform KUNO veröffentlicht wurden.