aus der werkstatt eines kreativen denkens

 

»Gedankenstriche« ist eine mischung aus tagebuch, selbstreflexionen, werkstattbuch und alltagsbeobachtungen. joanna lisiak denkt darin auch über techniken und strukturen, sichtweisen und blickwinkel ihrer wahrnehmens nachdenkt, das intuitionen folgt und zugleich intellektuell grundiert ist. man findet bei ihr ein beobachtendes denken und denkerisches beobachten. »Interdisziplinäres: mehr noch als um die Kreuzung geht es um den Initial-Schuss aus dem Zentrum heraus.«, »Mein Bemühen gleicht der Suche nach zwei Parallelen, die in der Unendlichkeit aufeinandertreffen. Oder der Suche nach einer Mitte in einem Universum, das keine Mitte hat.« dafür braucht man paradoxe phantasie. auf der rückseite steht zudem einer der zentralen sätze, oder der mottosatz dieses buches überhaupt, oder des lebens insgesamt: »Ziel: Werden, wie man ist.«, also die eigenen begabungen, interessen, naturelle ausprägen, entwickeln und entfalten. wie viele eltern, lehrer, dogmatiker, bürokraten haben das schon behindert und verhindert.

hinzu kommen zwei bilder, öl auf leinwand, von mariola lisiak auf vorderundrückseite des buches unterm titel »Äquivalente« und »Rosa Fluss« mit fließenden linien, die mit gedankenbewegungen der autorin korrespondieren. »Die Bewegung hin zum Gegenstand oder der Gegenstand als Bewegung.«, »Kaum einer ahnt, dass so viel Entfaltung aus gestückelten, strukturierten Fragmenten entsteht, eingebettet in Vorsatz, den Willen, in die Disziplin, in den Fokus, in den Drang.«, »Formvollendung ja, aber nur, wenn irgendwo eine winzige Ausflucht eine nicht sichtbare Bruchstelle entblößt, wohin die Urform auslaufen kann.«, »Der Impuls und dann der Sog des mühelosen Gleitens.«, »Dieses Entzücken Dinge immerzu zu arrangieren, gliedern, einzuordnen.« eben dies tue ich hier mit ihren gedanken, nicht weil ich sie ungeordnet finde, sondern da jeder mensch seine eigene innere ordnung hat und durch kombinationen neue zusammenhänge und konstellationen entstehen. und dabei kann ich mich auf roland barthes berufen: »Das einmal Kombinierte bildet Aggregate, die sich untereinander ein zweites Mal, ein drittes Mal kombinieren können.«

joanna lisiak ist eine relativiererin. individualität, geistige freiheit und relativierung gehören zusammen. ein zu eindeutiges und eingängiges denken, dem das staunen und die freude am überraschenden und ungewohnten fehlt, verhindert eher einen wachen blick. »Es gibt gar keine Eindeutigkeit.«, »Ich arbeite ohne Dogmen, ohne Regeln. Zu viele Regeln verunmöglichen die Ausnahme. Ausnahmen aber sind Quellen.«, »Ein Denken anstreben, das nicht den Weg durch Sackgassen geht.« und »In Zeiten ohne Denker geht man am besten zurück auf die Vordenker und denkt nach über deren Denken.« sie ist offenbar enttäuscht von manchen heutigen akademikern, wohl auch weil ihr eigenes denken die ursprünglichkeit eines unbefangenen empfindens hat. sie schätzt, wie viele kreative menschen, das geistige, doch weniger das allzu theoretische. »Abstrahieren heißt die Luft melken.«, meinte friedrich hebbel. je mehr man von literatur versteht, umso weniger braucht man literaturtheorie.

ihr bewegliches denken nimmt kontraste, bruchstellen, öffnungen, affinitäten, symbiosen, übergänge, spielräume, intervalle, facetten und nuancen in und zwischen ihren gegenständen wahr, in denen sie, im konkreten und oft kleinen, das besondere und bedenkenswerte findet, und zudem, oder damit verbunden, das paradoxe und absurde. theodor w. adorno schrieb: »die Fähigkeit, philosophisch zu denken, ist wesentlich die, die Differenzen ums Ganze eigentlich immer in diesen minimalen Differenzen, in den Differenzen ums Kleinste zu erfahren.«, »Wenn es wahr ist, daß das Entscheidende im Kleinsten steckt, ist Simplifizierung das Unwahre.« und »Das Licht, das in den fragmentarischen, zerfallenden, abgespaltenen Phänomenen aufgeht, ist die einzige Hoffnung, die die Philosophie überhaupt noch entzünden kann.« im kleinen, zerbrochenen, zersplitterten und verstreuten leuchtet etwas vom ganzen auf.

»Flüchtige Gedanken: man muss wirklich nach ihnen greifen, sie einen Moment lang leicht halten und wieder loslassen. Sonst fliegen sie an einem vorüber, was ihrem Naturell entspricht.« ich notierte: »wenn vögel denken könnten, wären sie gewiß keine systemdenker, denn sie können ja fliegen.« und »wer fliegen kann, wird leicht für lose gehalten.« friedrich nietzsche ging noch weiter: »Am meisten aber wird der Fliegende gehaßt.« geistesflüge beunruhigen jene, die dazu nicht fähig sind. dabei ist der flug der gedanken seit jahrtausenden bekannt. »Denn Worte machen, daß der Geist sich aufwärts schwingt, / Der Mensch sich hoch aufrichtet.«, heißts bei aristophanes, »Der Verstand ist der schnellste der Vögel.« im »Rigveda«. ein indisches sprichwort sagt: »Der Verstehende hat Flügel.« taoistische priester wurden »gefiederter Weiser« genannt. goethe sprach von »Gedankenflügeln«.

nietzsches zarathustra, »der Leichte, der mit den Flügeln winkt.«, postuliert, »daß aller Geist Vogel werde.« vögel sind symbole für gedanken und gedankenflug sowie intuitive und kreative ideen. der name des flugbegabten daidalos bedeutet der einfallsreiche. die gabe zum fliegen symbolisiert geistige kraft, die feder überwindung der erdenschwere, aufstieg zum himmel, flug und leichtigkeit. es ist kein zufall, daß vor allem vögel, die man, da sie fliegen und damit die schwerkraft überwinden können, der sphäre der götter zuordnete, orakeltiere waren.

die redewendung vom geflügelten oder gefiederten wort, die auf homer zurückgeht und bei ihm wichtige, teils göttliche, worte meint, bezog sich auf pfeile, die an ihren enden kleine federn trugen. die geflügelten worte waren somit gefiederte pfeile. auch sprichworte und redewendungen werden geflügelte worte genannt. ebenso spricht man von gedankenpfeilen eines geistesblitzes. »Die geflügelten Gedanken / fliehn des Wahnes enge Schranken.«, schrieb johann peter uz, »Die bunten Flügelzwerge des Witzes springen leichter und schneller vor das Auge.« jean paul, der »Kinder mit geflügelter Phantasie« kannte, »Ach, zu den Flügeln des Geistes wird so leicht / kein körperlicher Flügel sich gesellen.« goethe. karl kraus erklärte: »Ein Aphorismus braucht nicht wahr zu sein, aber er soll die Wahrheit überflügeln. Er muss mit einem Satz über sie hinauskommen.« der von assoziationen angeregte und gelenkte flug der gedanken wird bei joanna lisiak durch verknappung sprachlich aufgefangen und konzentriert.

zugleich denkt sie viel über sprache nach. »Nach langer Zeit wieder die Muttersprache hören und sofort in eine Welt eintauchen, bei der das Emotionale über das Kognitive siegt.«, »Lange Adjektivketten ermüden zuweilen. Manchmal ist ein trocken formales, technisches Substantiv souveräner.« ich mag mehr die verben. bei lesungen sage ich, wenn ich gefragt werde, warum ich alle worte klein schreibe und in gedichten auf interpunktion verzichte, was sie jeweils ebenfalls tut, die kleinschreibung sei eine demokratie und gleichberechtigung der worte, die sich auf augenhöhe begegnen sollen, und ergänze, die verben, die das sinnliche, konkrete, dynamische element im deutschen satz sind, seien vielleicht die frauen der worte, und die substantive, die eher statuarisch, dominierend und beharrend im raum stehen, die männer. durch den verzicht auf satzzeichen, die bedeutungen voneinander abtrennen, fließen gedanken und metaphern leichter ineinander und verschmelzen miteinander, was die mehrdeutigkeit fördert.

»Der Tag, an dem man aufgehört hat mit Spielsachen zu spielen.«, war bei mir noch weit entfernt von jenen tagen, wo ich bei philippe ariès, ernst bloch, walter benjamin oder giorgio agamben etwas über die kulturgeschichte des spielzeugs las. agamben bemerkte »Zahlreiche und gut dokumentierte Untersuchungen belegen, daß der Ursprung der meisten uns bekannten Spiele in heiligen antiken Zeremonien, in Tänzen, rituellen Kämpfen und Weissagungen liegt. So können wir im Ballspiel die Spuren der rituellen Darstellung eines Mythos erkennen, in dem die Götter um den Besitz der Sonne kämpften; der Reigen war ein antiker Hochzeitsritus; die Glücksspiele stammen von Orakelpraktiken ab; der Kreisel und das Schachbrett waren Instrumente von Wahrsagern.« auch puppen und würfel sowie hüpfsuchundratespiele haben mythische und rituelle ursprünge. die kinderrassel für kleinkinder erinnert an die abwehr böser geister und anderer bedrohungen durch rasseln.

joanna lisiak selbst denkt und schreibt spielerisch. sie verweist auf worte wie deutsch spielen, englisch to play, französisch jouer, spanisch tocar und polnisch grać. walter benjamin gab eine erklärung für die tiefere gemeinsamkeit von spielen: »Der Erwachsene entlastet sein Herz von Schreck, genießt sein Glück verdoppelt, indem er’s erzählt. Das Kind schafft sich die Sache von neuem, fängt noch einmal von vorn an. Vielleicht ist hier der tiefste Sinn für den Doppelsinn in deutschen „Spielen“. Dasselbe wiederholen wäre das eigentliche Gemeinsame. Nicht ein „So-zu-tun-als-ob“, ein „Immer-wieder-tun“, Verwandlung der erschütternsten Erfahrung in Gewohnheit, das ist das Wesen des Spielens.« bei roland barthes findet sich der satz »Spielen heißt verfremden.« und zwischen benjamin und barthes gibt es überhaupt etliche geistige korrespondenzen.

das englische unterscheidet zwischen game, dem streng geregelten spiel bei einem wettkampf oder einer jagd, und play, dem sich frei entfaltenden kreativen spiel. to play bedeutet (auf)spielen, play (schau)spiel, theater(stück), spielraum, französisch jouer spielen, aufführen, spanisch tocar (musik) spielen, (glocken) läuten, berühren, italienisch tocco das läuten, der (glocken)schlag, die berührung, toccare berühren, anfassen, polnisch grać spielen, vorspielen, erklingen, vortäuschen. lateinisch lūdus heißt spiel, schauspiel, zeitvertreib, liebesspiel, spaß, scherz, neckerei, gespött, lūdiō schauspieler, komödiant, (pantomimischer) tänzer, lūdia tänzerin auf der bühne, lūdere (schau)spielen, tanzen, darstellen, scherzen, tändeln, necken, täuschen, das sich tummeln der fische, das herumflattern der vögel, das plätschern im wasser oder des wassers. bewegungen der natur werden also gleichfalls als spielerisch empfunden.

konrad lorenz schrieb, es habe ihn immer geradezu erschüttert, daß der vogel, womit er singvögel meinte, in der gleichen situation und stimmungslage seine künstlerische höchstleistung erreicht wie der mensch, nämlich dann, »wenn er in einer gewissen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abgerückt, in rein spielerischer Weise produziert.« platon vermutete, das spiel habe einen ursprung im bedürfnis der menschenkinder und tierjungen, zu springen. ausgangsbedeutung des deutschen worts spielen war tanzen, sich lebhaft bewegen. spielmann hieß der spaßmacher, gaukler, schauspieler, musikant. elias canetti äußerte: »Der Tanz der Kraniche ‒ wie erfrechen sich Menschen noch, einen Schritt zu tun.« in der gegend um zürich hüteten sich jäger einst, kraniche zu schießen, vermutlich in der annahme, die vögel seien verwandelte menschen, genauer deren totenseelen.

mittelhochdeutsch scherzen bedeutete fröhlich springen, hüpfen, sich vergnügen. auch die worte froh und freude verweisen auf bewegung und belebtsein. zur gleichen angenommenen wortwurzel gehören altnordisch frár = schnell, flink, mittelenglisch frow = lebhaft, frisch und russisch prýgat‘ = springen, hüpfen. der freudige mensch entgegnet durch seine bewegungen der unbewegtheit des todes. verwandt sind zudem mittelhochdeutsch reben = sich bewegen, rühren, bayrisch rebisch = munter, schweizerisch rebeln = lärmen sowie irisch rebard = kinderspiel und reb = spiel, tücke.

fränkisch kugellaich meint das kegelspiel, hessisch leich ein frühlingsspiel der jungen mit tonkugeln. damit zusammen hängen althochdeutsch leih = spiel, melodie, gesang, mittelhochdeutsch leichen = hüpfen, (auf)springen, spielen, leich = liebesspiel, laichen der fische, tonstück, gesang, spätmittelhochdeutsch laichen = hüpfen, aufsteigen (der laichenden fische), altenglisch lācan = sich schnell bewegen, aufspringen, spielen, tanzen, singen, wettstreiten, fechten, züngeln (der flammen), nordenglisch laik = spiel, getändel, isländisch leika = aufführen, spielen, darstellen, leikskóli = kindergarten, wörtlich spielschule, und schwedisch leka = spielen, laichen (der fische), balzen (der vögel). indem balzen, lieben, laichen, spielen, singen und musizieren als verwandte handlungen erscheinen, sind auch hier natur und kultur verbunden.

immer erneut thematisiert joanna lisiak die muße mit büchern sowie der kreativen arbeit: »Ein üppiges Buchregal in einer schönen Wohnung. Man sieht den Besitzer mit einem der Bücher und ein ausgedehntes Zeitfenster geht auf: das Buch, der Leser, das Lesen, die Zeit. Die Zeitkapsel, in der sie alle friedvoll vereint sind: Buch, Leser, Lesen, Zeit. Die Kapsel aus  Stunden. Stunden der Transformation, Stunden der Stille, der Kontemplation, darin gebändigter Freigeist, subtilste Intimität, Buch um Buch.«, »Ein Buch so lesen, dass man immer wieder das Buch ablegt, innehält, abschweift und sich dem Band erst wieder nach ein paar Augenblicken zuwendet.«, »Bei aller Faszination für Kopfgeburten, Phantasiewelten und schöpferische Eskapaden; die Erholung davon findet am Ende in Raum und Zeit statt, wie bei einem Spaziergang durch eine weite Landschaft.«, »Perfektes Gastgeschenk: Die Gäste bringen mir Wörter (die mich inspirieren).«

»Einem Künstler am Freitag ein schönes Wochenende zu wünschen, hat etwas Erbärmliches. Denn entweder kennt der Künstler keine Wochenenden oder nur solche und macht keinen Unterschied zwischen den Wochentagen.«, »Ein Buch als Geschenk und daran die zarte Fessel, es lesen zu sollen.« ich bekam öfter bücher geschenkt, die haarscharf an meinen wirklichen interessen vorbeigehn, etwa autobiographien oder biographien von autoren, die ich tatsächlich lese, deren privatlegenden mich aber weniger interessieren. andere lesen eher solche bücher als die eigentlichen werke, womöglich weil sie sich dann vorstellen können, sie selber seien teil der lebenswelt eines bekannten schriftstellers oder philosophen. erst letztens entdeckte ich bei roland barthes den satz »eine Biographie gibt es nur von unproduktivem Leben.«, der vielleicht zu sehr verallgemeinert. viele beziehen literarische details direkt aufs reale leben eines schriftstellers. wenn sie wüßten, wie indirekt und unbewußt lebensreale erfahrungen literarisch wirken und was man alles nur erfindet. joanna lisiak denkt intellektuell über schreibtechniken nach, während manche menschen glauben, man schreibe gedichte wie man nach einem kochbuch kocht.

»Brotberuf: das Gefühl vermietet zu sein.«, »Tragisch, ja traurig, wenn einst engagierte Idealisten von der Desillusion eingeholt werden.« idealismus und desillusionierung verbinden sich paradox dialektisch. natürlich erlebt jeder idealist enttäuschungen. die größten irrtümer der gebildeten sind oft ihre hoffnungen. der engagierte mensch hofft immer auf etwas, das nicht so wirkt wie er glaubt. die entscheidende frage ist, ob man dadurch abstumpft und verhärtet oder sich neu motiviert. es gibt auch engagierte skeptiker, pessimisten, verweigerer und aussteiger. wie könnte man pessimistisch sein, wenn man nicht hoffen würde? humanismus und skepsis bedingen einander. die skepsis gehört als kehrseite zum idealistischen anspruch. zugleich braucht ein analytiker und kritiker des vorhandenen auch visionen vom anderen. der sinn von utopien besteht weniger im glauben an deren realisierbarkeit, der schnell irreleitet, als vielmehr in der notwendigkeit eines geistigen vorlaufs sowie des voraussehens künftiger chancen und gefahren. indem sie das bestehende am idealen, besseren, gerechteren messen lassen, enthalten utopien zudem ein kritikpotential jeder gegenwart gegenüber.

die möglichkeiten der wirkung von gedichten betrachtet joanna lisiak selber skeptisch. »Ich glaube nicht an die Funktion der Lyrik in der Gesellschaft. Einzig das Individuum vermag die Lyrik zu ergreifen und dieses Individuum muss zunächst von sich aus interessiert sein an der Lyrik.« weitgreifende vorstellungen von einer eingreifenden literatur haben sich, jedenfalls in europa, als illusionen erwiesen. literatur kann einzelne leser zum nachdenken anregen, das bleibt auch eine ihrer aufgaben, nicht aber, oder nur in ausnahmefällen, die gesellschaftliche wirklichkeit oder gar den menschen verändern. um tief und nachhaltig zu wirken, braucht die literatur ihre funktionslosigkeit.

überindividuelle wirkungen von lyrik haben fast immer außerliterarische gründe, etwa politische, soziale, kulturelle, religiöse, lebensratgebende, künftig vielleicht auch ökologische. ein dichter, der in größerem umfang kollektiv wirken wollte, müßte schon walt whitman oder wladimir majakowski ähneln. literatur sollte sagen, was getan werden müßte, darf jedoch nicht darauf hoffen, daß dies wirklich geschieht. bei friedrich dürrenmatt sagt der urmensch adam: »Jeder wahre Fortschritt dauert Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende. Lesen Sie Bachofen, lesen Sie Freud.«

»Von der Innovation bis zur Anwendung können Generationen vergehen.« umgekehrt werden heute neue technologien eingeführt, ohne daß man über deren folgen schon umfassend nachgedacht hat. »Das Wort Klimawandel problematisch insofern, als zwar alle davon sprechen, aber die Wirkung ausbleibt. Als wäre das Wort nicht drastisch genug. Als beschriebe es auf allzu neutrale Weise, was höchst dramatisch ist.« ich notierte: »bald wird die klimakatastrophe wetterreform heißen.«, vermute also, daß die sprachregelung beim fortschreiten der klimaveränderungen noch verharmlosender wird. das verhindern des klimawandels haben die regierungen der welt wohl inzwischen aufgegeben. denn dafür müßten sie ihren egoismus, eines der größten übel dieser zeit, überwinden. es wird letztlich bloß noch darum gehen, die folgen einzugrenzen. und dabei dürften die opfer, wieder einmal, sehr ungleich verteilt sein. muß, wer einen tiefergehenden wandel will, erneut katastrophen und verzweiflung um mithilfe bitten?

bei ihren alltagsbeobachtungen ist joanna lisiak eine sammlerin mit einem sensiblen, fotografischen, filmischen, mikroskopischen, physiognomischen, phänomenologischen, ironischen, durchschauenden und verblüffenden blick, den sie auch auf menschenwerk, also dinge, strukturen, formen und erscheinungen überträgt. mit ihren augen, die wie ein fotoapparat oder eine filmkamera wirken, nimmt sie vieles auf, das sie dann literarisch nutzt. roland barthes erkannte: »Anschauen heißt auch angeschaut werden, einen Kreislauf eröffnen, ein Zurückschnellen.« wer genügend empathie hat und über sich selbst hinausdenkt, erlebt, daß bilder einen selbst anschauen. franz hessel meinte: »Nur was uns anschaut sehen wir.« barthes stellte freilich auch fest, viele menschen würden vor lauter hinschauen vergessen, daß sie angeschaut werden.

durch ihren umzug aus polen in die schweiz hat sie vermutlich bereits als kind einen ethnologischen blick entwickelt. wer ihr auf der straße oder in einem café begegnet, darf mit dem blick einer menschenversteherin rechnen, die nicht allein worte, sondern gestik und mimik und überhaupt körpersprache zu deuten weiß, stärken und schwächen eines menschen wahrnimmt und ahnt, was woher kommt und wohin es führt. ich hatte zunächst menschenkennerin geschrieben, schrieb dann aber menschenversteherin, obwohl, oder weil, manche das wort »Versteher« heute als schimpfwort benutzen. dabei kann man etwas nur beurteilen, wenn man es versteht. nicht verstehen wollen bedeutet häufig vorurteilen folgen. frauenkenner assoziiert beutemacher, frauenversteher eigentlich einfühlung. denn das verstehen geht tiefer als das bloße kennen. dennoch werden als synonyme für frauenversteher charmeur, schwerenöter und wüstling genannt.

allerdings ist auch der teufel, der den menschen einen spiegel vorhält, ein menschenkenner. paul valéry läßt ihn in seinem drama »Mon Faust«, deutsch »Gespräch mit dem Teufel«, »Ich denke immer an alles.« sagen. »Wäre mein Leben ein ganz anderes, wenn ich arg hinkte?«, fragt joanna lisiak. sie fand andere möglichkeiten, sich herausfordern zu lassen. man braucht dafür nicht unbedingt die tragik eines körperlichen defekts. wer eine rostbratwurst beschreiben will, muß sich ja auch nicht selber braten lassen. lichtenberg wußte freilich: »Sobald einer ein Gebrechen hat, hat er eine eigene Meinung.«

sie beobachtet auch physiognomisch. »Welche Augen strahlen mehr? Fragende oder wissende?«, vielleicht ahnende. »Übung: So lange in ein Gesicht schauen, bis man den Blick eines Liebenden hat.«, »Aufgrund eines Gesichts auf die Hände schließen. Und umgekehrt.«, »Ich remple jemanden im Bus an und er scheint schlagartig wie aufgewacht, fast frohgemut mir vergewissernd, dass alles in Ordnung sei, und ich werde das Gefühl nicht los, er möchte noch einmal von mir angerempelt werden, noch einmal aufblühen, noch einmal aufleben.«  goethe schrieb: »Die Hände wollen sehen, die Augen liebkosen.« »Lust kann nicht zivilisiert sein.«, sagt joanna lisiak. hier hätte roland barthes, der auf das lustvolle kulturellen erlebens verwies und sogar behauptete, das spontane im oder am menschen sei seine kultur, wohl widersprochen. auch lust, wobei hier sicher wollust gemeint ist, hat ihre zivilisationsgeschichte.

»Der wahre Sammler geht auch beim Sortieren, bei der Sichtung, Gruppierung seiner Beute ganz auf.« männer wird nachgesagt, sie seien, indem sie auf direktestem weg zur beute wollen, eher jäger, frauen dagegen, die bergen und bewahren möchten, sammlerinnen. selbst ganz profane dinge betrachtet sie phänomenologisch: »Freitags: Manche Abfallsäcke liegen am Straßenrand wie Ausgesetzte. Dann aber ab und zu welche, prall gefüllt, aufrecht stehend, selbstbewußt harrend (als ob stolz auf die Fülle), ehrenvoll wartend auf die Abholung.«

siegfried kracauer bemerkte: »Der Flaneur ist berauscht vom Leben der Straße ‒ einem Leben, das immer wieder die Formen auflöst, die es zu bilden im Begriff ist.«, joanna lisiak: »Etwas in einer anderen Stadt erleben und zurückfahren. Mit diesem Erlebnis im Körper und Geist wacher und in einer fühlbar halben Zeit zurückfahren als bei der Hinfahrt.« und »Der Nachtzug mit den Liege- und Schlafwagen fährt morgens in den Bahnhof ein. Fast alle Fahrgäste am Fenster. Stehend.« sie erleben wahrscheinlich eine filmszene in der wirklichkeit. im moment der abfahrt verabschiedet die knappe zeit die fahrenden räume, während jede ankunft mit einem verkehrsmittel einer heimkehr gleicht, nach der man sich wieder auf eigenen füßen bewegt. bei eisenbahnfahrten kann der reisende verschiedene welten gleichzeitig erleben, den film, der draußen vorbeifährt, also die landschaften und orte, die welt im zugabteil mit den anderen fahrgästen und die welt der eigenen empfindungen und gedanken. wenn man während der fahrt liest oder texte schreibt oder überarbeitet, kommen weitere welten hinzu. und diese real erfahrene simultaneität der wahrnehmungen stimuliert das denken und die phantasie.

»Gedankenstriche« regt auch an, über episoden im eigenen Leben nachzudenken. »Der Wunsch stehend schlafen zu können.« erinnert mich an bahnundbusfahrten im stehen in meiner kindheit. mauersegler, die in bis zu 3000 metern höhe fliegen, sollen sogar im flug schlafen können. elias canetti bekannte: »An jener Nachricht über die Mauersegler, die bei Nacht in großen Höhen schlafend fliegen, hat mich ergriffen, daß Traum und Flug noch zusammenfallen.« wenn man mauersegler greift, die sich tagsüber, etwa weil sie von scheiben geöffneter fenster geblendet wurden, in räume verflogen haben, meist geschieht dies noch unerfahrenen jungen, auf den fußboden gefallen sind und sich in zimmerecken zu verstecken versuchen, ich erlebte dies mehrfach, reagieren manche ängstlich und aggressiv, andere eher ruhig und verwundert ob des seltsamen wesens, das sie einfängt, aufhebt und ins freie entläßt, was jedesmal mit einem langen gellenden schrei beantwortet wird. als ich die mauersegler jeweils kurz in der hand hielt, spürte ich, wie heftig ihr herz klopft und wie warm ihr gefieder ist. sie müssen sich im flug enorm erhitzen.

»Der Tag an dem man begonnen hat Kaffee zu trinken.« da wußte ich sicher noch nicht, daß das wort kaffee arabisches ursprungs ist und der kaffee, der durch die türken nach mitteleuropa gelangte, ursprünglich aus dem jemen kam, wo später arthur rimbaud kaffeehändler war. bei meiner oma bekam ich häufiger milchkaffee, den ich nicht besonders mochte. seit jahrzehnten trinke ich deutlich mehr tee, meist indischen, chinesischen, japanischen oder arabischen als kaffee, und letzteren immer schwarz, also etymologisch korrekt.

mit ihrem gespür für komik denkt joanna lisiak auch ironisch und humorvoll. beides, wobei die ironie ernster ist, und zumal selbstironie, kann ein ausdruck von selbstbewußtsein und geistiger souveränität sein. »Jemand betritt eine Galerie für Zeitgenössische Kunst und man wird das Gefühl nicht los, dass er eigentlich einen Jeansladen gesucht hat.« manche besucher, die zu einer vernissage demonstrativ nach dem beginn kommen, erwecken den eindruck, daß sie dies tun, damit jeder ihr erscheinen bemerkt. »Zwei Leute begegnen sich auf der Strasse. Einer hat einen Hund dabei. Noch bevor sich die beiden in die Arme fallen, setzt sich der kluge Hund, bereits ahnend, dass es länger dauern wird.« im film »Verwandtschaft« von nikita michalkow, dem verfilmer des »Oblomow« von iwan gontscharow, gibt es eine szene, wo sich zwei russische männer prügeln, bis sie sich mitten im schlagabtausch in die arme fallen und gemeinsam weinen. sergej jessenins gedicht »In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern« endet mit: »Und Rußland lebt, wie’s immer schon gelebt: / am Zaun, da tanzt es, und die Tränen rollen.« die russische melancholie ähnelt der türkischen, und umgekehrt. die polen als volk sind da wohl gleichermaßen optimistischer und subversiver, worauf man auch künftig wieder hoffen darf. oder haben zu viele kreative und innovative menschen das land verlassen?

joanna lisiak macht vorschläge für die zukunft, die in der schweiz, in polen und anderswo aufgegriffen werden könnten. »Ein Land, in dem in den Städten Straßenbahnen fahren, in die bald Sterbende einsteigen können. Sie fahren dann gemeinsam in der Bahn herum bis sie einnicken und nicht mehr aufwachen.« die straßenbahn wäre so mit dem totenkahn vergleichbar, der tote ins jenseits fuhr. ob todkranke menschen wirklich straßenbahn fahren wollen, scheint mir freilich zweifelhaft. und sie hat neue gedenkformen vor augen: »Ein Land, in dem man die Verstorbenen samt ihrem Kulturgutkatalog beisetzt. In diesem Kulturgutkatalog sind alle Kulturgüter enthalten, die man später einlesen kann: Bücherliste mit Büchern, die der Verstorbene besessen hat, Gemäldeliste, Musikplatten, Rezepte, seine Maximen und Weisheiten etc.« vermutlich verändern sich die formen der totenehrung tatsächlich. zum einen werden immer mehr menschen anonym begraben. andererseits wärs denkbar, daß man an künftigen grabstätten fotografien oder filme aus dem leben der verstorbenen sehen kann, also sprechende bilder. aus dem stummfilm ging der tonfilm hervor. das hörspiel entstand erst nach dem film. also könnten auch aus stummfotos tonfotos werden, die an die toten erinnern.

ebenso hat sie ideen für »Entscheidungshäuser«: »Man geht, wenn man eine Entscheidung zu treffen hat, schweigend durch zen-artige Bauten; um einen nichts als schützenden Raum, Licht, Schatten, die pure Architektur, dazu Fensterrahmen und Nischen, in die man Gedanken rahmen/platzieren kann. In den Räumen gelegentliche Sitz-Inseln, ausgestattet mit Stift/Papier, für den, der schreiben will.« mitunter sind flure in schulen annähernd so eingerichtet. die entscheidenden impulse müssen freilich immer aus den menschen selber kommen. »Ein Land, wo man Kleinkindern in Kindergärten philosophische Zitate, Weltweisheiten und kluge Formeln beibringt. Zu Hause am Abend sagen sie die Kinder auf, die Erwachsenen hören ihnen zu.«

 

 

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Gedankenstriche von Joanna Lisiak, 2018, 200 Seiten, ISBN 978-3-75287-645-1

Umschlag: Äquivalente; Rosa Fluss, beide 2017, von Mariola Lisiak

Weiterführend →

Lesen Sie auch das Porträt der Autorin und das Kollegengespräch zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. Der „sinn der wendungen“ regte Holger Benkel zu einem Rezensionsessay an. KUNO verleiht der Autorin für das Projekt Gedankenstriche den Twitteraturpreis 2016. Über die Literaturgattung Twitteratur finden Sie hier einen Essay.