Ein Buch wie ein Rausch

Dieses Leben im Osten unserer Erde mit seiner Weisheit, dieser hektische Westen mit seinem aufgerissenen, rausch-verzogenen Mund, wie sich diese Hemisphären miteinander verbinden, wie sie einander durchdringen, um sich zu einem messianischen Zeitalter zu vereinigen.“

Hadayatullah Hübsch

Ein Mitglied der legendären «Kommune 1» im schonungslosen Selbsterkundungstrip. Der zum Islam konvertierte Hadayatullah Hübsch zeichnet sein autobiografisch gefärbtes Bild der Zeit von «Love and Peace» – inspiriert und illustriert vom Soundtrack der wilden Sechziger: Stones, Beatles, Doors und Co.

Mein Plan: Ich würde mich hinsetzen und alte Briefe lesen, Tagebuchnotizen durchsehen, Telefongespräche rekapitulieren und stapelweise alte Schallplatten spielen. Ich würde mich vergraben, und mit jedem Atemzug würde die neue Sonne die abgestandenen Lachen dieses Wassers meines alten Lebens auflecken und die Wolken würden diesen Dunst aus Bier und ‘psychedelic aufsaugen und ich würde geläutert werden und glücklich sein.

Dieses Buch ist insofern von größter Aktualität, weil in ihm erstmal die deutsche Underground-Szenerie von einem unmittelbar Betroffenen und Beteiligten aus kritischer Distanz geschildert wird, so daß die vielfach verzerrt dargestellten Verhältnisse im Underground, die Motive und Sehnsüchte jener Anarchisten aus der intimen Kenntnis des Autors heraus korrigiert und ergänzt werden. Es ist zugleich Zeugnis für die großen Hoffnungen, die diese Generation mit extremer Bedingungslosigkeit ergriff. Das Hörspiel verdeutlicht darüber hinaus, daß oft weniger konkrete politische Anlässe zu Aktionen und Kollisionen mit der Gesellschaft führten, als vielmehr eine verzweifelte Ich-Suche und die Sehnsucht nach Identifizierbarem.

Genau das war es ja, was wir leben wollten; diesen kurzen, amoralischen, wilden Rausch von der geträumten absoluten Freiheit, den uns der Beat mit seinem Gefolge vorzugaukeln begann, das war es, der Beat bleibt links….

Die Revolte ist kaum zu Ende, da zieht einer ihrer schillerndsten Protagonisten Bilanz: atemlos, entwaffnend offen, detailversessen und musikdurchtränkt erzählt der 25-Jährige, wie es um 1968 auf der Strasse, in den Clubs und Kommunen zu und her ging, welche Sehnsüchte ihn umtrieben, welche Träume ihn bewegten. Doch was so hoffnungsfroh begonnen hatte, endet in der Krise: Die radikale Suche nach Sinn führt in einen Teufelskreis von Drogen, Abstürzen, Fluchten, Depressionen und Psychosen. Und als Licht am Horizont dann die Entdeckung des Islam.

 

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Keine Zeit für Trips. Autobiographischer Bericht von Hadayatullah Hübsch, Koren & Debes-Verlag, Frankfurt/M 1991

Der Urvater des Social-Beat. Hadayatullah Hübsch. Photo: Masroor-ahmad

Weiterführend →

Zu den Gründungsmythen der alten BRD gehört die Nonkonformistische Literatur, lesen Sie dazu auch ein Porträt von V.O. Stomps. Kaum jemand hat die Lückenhaftigkeit des Underground so konzequent erzählt wie Ní Gudix und ihre Kritik an der literarischen Alternative ist berechtigt. Ein Porträt von Ní Gudix findet sich hier. Lesen Sie auch die Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker von Werner Streletz und den Nachruf von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine Doppelbesprechung von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman Die schwarze Ledertasche. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge. Produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. Lesen Sie auch das Porträt der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespräch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die Ruhrgebietsromantik. Mit Kersten Flenter und Michael Schönauer gehörte Tom de Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie hier – Sowie selbstverständlich his Masters voice. Und Dr. Stahls kaltgenaue Analyse. – Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine Realsatire aus dem Jahr 1993 heraus, die er für den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. Ein würdiger Abschluß gelingt Boris Kerenski mit Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund.

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