Autor: Annemarie Schwarzenbach

Nekropole

  Erschöpft von den Reisen, innerlich halt- und heimatlos, krank durch Morphiumsucht, Entziehungskuren und Depressionen, fuhr Annemarie Schwarzenbach im Sommer 1942 in die Schweiz, um sich zu erholen. Nach einem Fahrradunfall und einer vermutlich falschen Behandlung durch die Ärzte, starb…

Lyrische Novelle 21

  Gestern sind die Jäger weggefahren. Jetzt schliesst man den Speisesaal, und ich esse in der Wirtsstube, wo die Leute aus dem Ort abends Karten spielen. Ich schreibe auch da, ich habe einen Tisch neben dem Fenster und kann auf…

Lyrische Novelle 20

  Aber ich werde jetzt weitererzählen und damit zu Ende kommen. Ich bin nicht mehr müde. Ich gewöhne mich daran, allein zu sein. Alles ist unwirklich und verändert und sehr weit von den gewohnten Dingen entfernt. Ich möchte von etwas…

Lyrische Novelle 19

  Es ist Zeit aufzuhören. Ich habe einen langen Weg nach Hause. Ich habe vier Stunden geschrieben, jetzt will ich die Blätter ordnen und nach Hause gehen. Ich bin ein wenig verwirrt. Man sollte nicht schreiben . . . Man ist so…

Lyrische Novelle 18

  Nachher wurde ich krank. Eigentlich hatte ich das Schlimmste schon überstanden, als ich bei Irmgard schlief. Ich schlief zwölf Stunden hintereinander, dann kam ein Mädchen und brachte mir zu essen, und ich dachte, es sei Frühstück, aber es war…

Lyrische Novelle 17

  Als ich am besten mit Erik stand, reiste er ab. Er sagte, er habe geschäftlich zu tun und wolle in acht Tagen zurück sein. Am ersten Tag ging ich sehr spät in das Theater und nahm mir vor, nicht…

Lyrische Novelle 16

  Ich sah dann Erik jeden Tag, und wir wurden gute Freunde. Wir assen zusammen, er holte mich zu Hause ab, manchmal weckte er mich, und es war schon zwei Uhr nachmittags, und wenn ich aufstand, wurde mir übel. Er…

Lyrische Novelle 15

  Der Widerhall der Schüsse dringt aus den Wäldern bis in das Städtchen und erfüllt die Luft mit Unruhe. Ich bin am frühen Morgen im Schlossgarten gewesen, die alten Mauern des Schlosses tropften vor Feuchtigkeit. Das Schloss ist schön, obwohl…

Lyrische Novelle 14

  Am nächsten Tag schlief ich bis mittags. Einmal kam das Mädchen herein, es war gegen elf Uhr, und stellte Kaffee auf einen niedrigen Tisch neben mein Bett. Sie fragte auch, ob sie mir etwas zu essen bringen dürfe, aber…

Lyrische Novelle 13

  Dann lernte ich Erik kennen. Er kam aus Schweden und war mit Magnus verwandt, aber das wusste ich gar nicht, ich traf ihn in der Bar des Walltheaters, und Sibylle machte uns miteinander bekannt. Er fragte mich, ob ich…

Lyrische Novelle 12

  Heute beginnt die Jagd. Ich komme die Treppe herunter, es ist kurz vor ein Uhr, der Wirt steht im Flur, begrüsst mich und sagt: »Die Jagd ist offen.« Ich verstehe zuerst nicht, was er meint. Es klingt wie: »Das…

Lyrische Novelle 11

  Heute bin ich ungeduldig und beeile mich auf dem Heimweg, als könnte mich jemand erwarten. Und das ist doch nicht möglich, niemand kennt meinen Aufenthalt, nicht einmal ein Brief kann mich erreichen. Ich werde mich zwingen, langsam zu gehen.…

Lyrische Novelle 10

  Es ist noch nicht spät, aber die Dunkelheit ist wie ein Vorhang über das Land gesunken. Wenn ich an die Stadt denke, ist es mir, als habe ich dort ohne Ahnung von der Welt gelebt, ich weiss nicht, wie…

Lyrische Novelle 9

  Denke ich sehr viel an Sibylle? Ich würde sagen, dass ich es nicht weiss, ich denke nicht nach, aber ich habe sie noch keine Minute vergessen. Es ist, als hätte ich nie ohne sie gelebt. Nichts verbindet uns, aber…

Lyrische Novelle 8

  Aber damit war es bald vorbei. Und dann verbrachte ich den ganzen Tag in einer beinahe unerträglichen Ungeduld. Erst wenn der Abend begann, tröstete ich mich, die Lichter flammten auf, und jetzt erwachte Sibylle. Ihren Namen zu denken, erfüllte…

Lyrische Novelle 7

  Ich arbeitete sehr regelmässig, bevor ich Sibylle kannte. Ich stand um sieben Uhr auf, und wenn ich kein Kolleg zu hören hatte, ging ich um halb neun Uhr in die grosse Bibliothek. Am Morgen waren viele Plätze leer, ich…

Lyrische Novelle 6

  In Marseille kannte ich ein Mädchen, man nannte sie Angelface. Eigentlich kannte ich sie kaum, denn ich sah sie nur in der Nacht, ein einziges Mal, und da stand sie in ihrem Zimmer und dachte, dass wir Einbrecher sein…

Lyrische Novelle 5

  Ich bin den ganzen Nachmittag im Wald gewesen. Zuerst lief ich gegen den Wind über ein grosses Feld, es war anstrengend, ich fror, und der Waldrand war wie ein Obdach. Nirgends war ein Mensch, ich blieb einmal stehen und…

Lyrische Novelle 4

  Es ist schade um die Menschen, sagt Strindberg. Vor einigen Monaten sass ich mit einem Dichter zusammen in einem Berliner Kaffeehaus, wir redeten begeistert und begeisterten uns immer mehr an unserem gegenseitigen Einverständnis. Er war viele Jahre älter als…

Lyrische Novelle 3

  Früher hatte ich immer das Bedürfnis, mich allen Menschen zu erklären, um mit allen im Einverständnis leben zu können. Und ich hasste doch alle Geschwätzigkeit. Ich weiss aber nicht, ob ich sie hasste, weil ich ihr immer wieder verfiel,…

Lyrische Novelle 2

  Am schmerzlichsten ist es mir, dass ich weggefahren bin, ohne von meinem Freund Magnus Abschied genommen zu haben. Er ist krank, jetzt liegt er schon seit drei Wochen, und ich habe ihn sehr vernachlässigt. Ich sah ihn vor einigen…

Lyrische Novelle 1

  Diese Stadt ist so klein, man kennt nach einem einzigen Spaziergang jeden Winkel. Auch einen alten, sehr hübschen Hof hinter der Kirche habe ich schon entdeckt und den besten Friseur des Ortes, der in einer gepflasterten Nebenstrasse wohnt. Als…

Briefkästen für die diversen Zeitungen am Strassenrand

Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Zum 75. Todestag hat die Schweizerische Nationalbibliothek über 3000 Fotografien aus dem Bestand des Schweizerischen Literaturarchivs digitalisiert und online gestellt. Es handelt sich um Reisebilder, die Annemarie Schwarzenbach in den…

Selfie mit einer zweiäugigen Rolleiflex

  Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Zum 75. Todestag hat die Schweizerische Nationalbibliothek über 3000 Fotografien aus dem Bestand des Schweizerischen Literaturarchivs digitalisiert und online gestellt. Es handelt sich um Reisebilder, die Annemarie Schwarzenbach in…

Zwei Mädchen sitzend vor einem Haus

Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Zum 75. Todestag hat die Schweizerische Nationalbibliothek über 3000 Fotografien aus dem Bestand des Schweizerischen Literaturarchivs digitalisiert und online gestellt. Es handelt sich um Reisebilder, die Annemarie Schwarzenbach in den…

Holzgestelle mit Heu zum Trocknen

  Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Zum 75. Todestag hat die Schweizerische Nationalbibliothek über 3000 Fotografien aus dem Bestand des Schweizerischen Literaturarchivs digitalisiert und online gestellt. Es handelt sich um Reisebilder, die Annemarie Schwarzenbach in…

Erika Mann

Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Zum 75. Todestag hat die Schweizerische Nationalbibliothek über 3000 Fotografien aus dem Bestand des Schweizerischen Literaturarchivs digitalisiert und online gestellt. Es handelt sich um Reisebilder, die Annemarie Schwarzenbach in den…

Blick in Gebäudehalle

Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Zum 75. Todestag hat die Schweizerische Nationalbibliothek über 3000 Fotografien aus dem Bestand des Schweizerischen Literaturarchivs digitalisiert und online gestellt. Es handelt sich um Reisebilder, die Annemarie Schwarzenbach in den…

Barbara Hamilton-Wright

    Annemarie Schwarzenbachs Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. Zum 75. Todestag hat die Schweizerische Nationalbibliothek über 3000 Fotografien aus dem Bestand des Schweizerischen Literaturarchivs digitalisiert und online gestellt. Es handelt sich um Reisebilder, die Annemarie Schwarzenbach…

Kongo-Ufer

  … Die Stunden verrinnen, ich wollte klagen, sie haben mich seit vielen Tagen umhergetrieben, und ich habe nur ein Leben. Vergeben will ich es, hinbringen in die Schnelle eines Herzschlags, ich habe doch Flammen gesehen, und Opfer, habe doch…