Die Mitte und kein Ende

14. Dezember 2015
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In Dichterkreisen wird gestritten, und es kursieren Positionen um die Frage: Wie hat ein Gedicht zu sein? Sie bewegen sich zwischen Verrätselung und Hermetik auf der einen Seite und zugänglichen Formen und Inhalten auf der anderen. Während die einen die vermeintliche Randständigkeit als Lebensprinzip der Poesie hinterfragen, lehnen die anderen eine vermutete Marktkonformität ab.

Vorbemerkung der Redaktion: Der folgende Text ist die leicht aktualisierte Fassung eines Artikels, den Bertram Reinecke  Ende Juni schrieb und verschiedenen Tageszeitungen anbot. Er hätte dort nur in zu verallgemeinerter Form untergebracht werden können, ohne dass noch beim Namen genannt werden könnte, welchen der ja nicht nur bei Bossong genannten Argumenten endlich deutlicher widersprochen werden sollte, auch wenn sie meistens eher unterschwellig als aggressiv verfochten werden. Mindestens wäre eine Umarbeitung unter Wahrung seiner Substanz zu aufwändig gewesen.¹ So bringt Bertram Reinecke ihn nun hier  ein wenig erweitert. Man mag ihm die eine oder andere Wiederholung – von in Lyrikerkreisen längst Selbstverständlichem – als Signaturen seines Entstehungszweckes nachsehen.

Wer gehofft hatte, dass die Auszeichnung Jan Wagners mit dem deutschen Buchpreis endlich wieder dem Gedicht breitere Öffentlichkeit verleiht, sah sich getäuscht. Zwar wurde über Wagner geschrieben, aber das Thema Lyrik wurde oft schnell durch die abgedroschene Story vom Erfolg und seinen Neidern ersetzt. Wenn sich mit Nora Bossong auch eine Lyrikerin, die es besser wissen sollte, an diesem Spiel beteiligt, gibt das zu denken.

Oberflächlich betrachtet, macht ihr Text bescheidene Vorschläge, in Wahrheit sät sie Misstrauen gegen jedes andere Kriterium als das des Erfolgs. Sie unterhöhlt damit die Glaubwürdigkeit jener, denen es bei der Lyrik stattdessen um Inhalte geht.

Sie behauptet etwa, der Erfolg Wagners habe die Solidarisierung der Lyriker untereinander als der per se Erfolglosen durchbrochen. So mag sich mancher Lyriker-Kreise vorstellen. Wer nur einmal ein mittelgroßes Poesiefestival besucht, wird eines Besseren belehrt. Nicht nur wird er sofort erleben, dass Lyriker nach wie vor oft solidarisch miteinander umgehen, sondern ebenfalls, dass die Lyrik keine verschworene Gemeinschaft auf ein gemeinsames Ziel hin ist. Hartnäckig, wenn auch freundlich wird dort um Positionen gerungen. Kurz: Eben weil es in der Lyrik um Kriterien geht, um Normen und Menschen, die gegenseitige Positionen kritisch ernst nehmen, steht die reine Verkäuflichkeit hier hintan und solche Festivals sind keineswegs die Rückzugsoase mit Wohlfühlfaktor für bedrohte Tierarten, zu der Nora Bossong sie stilisiert. Die Solidarität, die sie wie einen Klüngel beschreibt, kommt nicht von der Abwesenheit des Erfolgs sondern aus der zusätzlichen Anwesenheit von etwas anderem: dem Ringen um gute Literatur. Eher ist es anders herum: Nora Bossong geht mit einem Publikum, das die Heterogenität der Gegenwartslyrik als zu schwierig ignoriert, eine Wohlfühlallianz ein, indem sie ihm zuruft: „Ihr braucht Euch darum nicht zu kümmern, lest lieber etwas Wagner, da habt ihr alles“. Nur solch einem Publikum kann man ja weismachen, dass es irgendetwas für die Lyrik als Ganzes heißt, wenn einer einen Preis bekommt. Für wie schläfrig hält Nora Bossong denn die Lyrikszene? Hätte dieses Zerbrechen des Konsenses der Erfolglosen nicht spätestens seit Günter Grass‘ „Eintagsfliegen“ eintreten müssen? Was ist diesmal anders? Dass sich eine Jury, die sich bisher durch die Bevorzugung von Romanen profiliert hat, zur Lyrik „herabbeugt“? Warum sollte jemand gerade diesen Preis, bloß weil er Nora Bossongs Geschmack entgegenkommt, begrüßen wie das Manna vom Himmel? Ist das nicht eher eine der Artenschutzmaßnamen, an denen Nora Bossong auf der Bühne offenbar so leidet? Natürlich sind Literaturbeamte, die sich für Lyrik nur noch dienstlich interessieren und deswegen nur Indifferentes zu ihrem Gegenstand zu sagen wissen, ein Problem. Ich weiß nur nicht, warum Nora Bossong deren Meinung wichtig ist und warum sie darin ein Problem der Lyrik sieht, die ja in anderen Foren gut ohne diese Beamten auskommt. Und gerade auf der Bühne könnte man ja zeigen, dass der Lyriker weniger schützenswert als vielmehr durchaus bissig sein kann. Das muss man sich natürlich auch trauen.

Mit Nora Bossong kann man offenbar über Wagners Lyrik nicht diskutieren, wenn man sich nicht sofort von ihr anhängen lassen will, man führe eine Neiddebatte: „Prompt gibt es denn auch Distanzierungen. Wagners Texte seien so konventionell, dass sie zeitgenössische Dichtung überhaupt nicht widerspiegelten.“  „Prompt“ – als hätten sich die Lyriker das eigens ausgedacht, um ihm zu schaden. Es ist aber so: Wagner gilt vielen schon seit jeher als konventionell, und jeder der es wissen wollte, wusste es. Es hat vor dem Preis bloß kaum einen interessiert. Kurz lässt sie drei LyrikerInnen zu Wort kommen: Sabine Scho nennt ihn restaurativ, Yevgeniy Breyger wirft ihm einen metaphysischen Essentialismus vor, Mara Genschel findet ihn konventionell … Und wischt dann alle Argumente mit der Autorität ausgerechnet Jan Wagners vom Tisch. (Natürlich muss es den bösen Zauberer geben, wenn doch der gestiefelte Kater seine Existenz so fest behauptet!) Der meint über seine Kritiker: „Zu glauben, dass eine auf den ersten Blick zugänglichere Oberflächenstruktur bedeutet, es sei keinerlei Abgründigkeit vorhanden, ist ein Missverständnis.“ Nicht nur bleibt Bossong einen Beweis für seine Behauptung schuldig, das Zitat redet gar nicht zur Sache. Denn auch einem Nietzsche wird man Abgründigkeit zubilligen. Jemand, der sich dieser Schreibweise bediente, schriebe heute dennoch recht konservativ. Das Beispiel stellt bereits eines klar. Natürlich kann auch ein Dichter der wie Wagner mit konventionell verständlichen Mitteln arbeitet, ein guter Dichter sein.² Erst Nora Bossong unterstellt, dass alle, die Wagner konventionell finden, ihm damit gleichzeitig die Qualität absprechen. Das ist schlicht falsch. Weil sie Lyriker so wenig ernst nimmt, sei hier zum Beweis Medienfrau Wiebke Porombka zitiert, die in ihrer Eloge, ebenfalls in der ZEIT, an den Gedichten „klassische Formen“ bemerkte und betont: „Wagner ist kein Avantgardist“. Für sie ist also Verständlichkeit eher mit dem Althergebrachten im Bunde. Man kann ja sogar Jan Wagner als einen bis zum Abwinken würdigen Preisträger empfinden, sein Werk schätzen, und dennoch ist der Gedanke schwer von der Hand zu weisen, er würde im Moment der Glorie etwas überschätzt. Rechtfertigung hingegen bedarf Nora Bossong, die es anders sieht. Sie müsste an Jan Wagners Texten zeigen können, woran es liegt, dass er momentan so viel mehr Gedichtbände verkauft als Lyriker mit verwandtem Ansatz, sagen wir x mal mehr als Norbert Hummelt oder y mal mehr Bücher als Lutz Seiler. Das Ressentiment, welches ihre Rhetorik ausbeutet und perpetuiert, trifft also nicht nur Avantgardisten oder unbekannte Dichter, sondern alle Richtungen.

Um Argumente geht es Nora Bosong freilich nicht, sondern um verhohlenes Bashing derjenigen, die sich dem Angesagten nicht unterwerfen. Dazu stellt sie als nächstes eine schwache Kolumne von Diez in eine Reihe mit den klügeren Rezensenten Wagners. Warum macht sie sich hier plötzlich die Mühe zu argumentieren, zumindest Michael Brauns richtige Beobachtung zu wiederholen, Diez hätte über die Weidenkätzchen die düstere Thematik des von ihm kritisierten Gedichtes vergessen? (Dass Jan Wagner eine Kontrastfigur verwendet, wie man sie schon im evangelischen Gesangbuch findet, weist ihn aber nicht automatisch als besonders unkonventionellen Dichter aus.) Warum hat sie nicht vorher bei den interessanten Stimmen genauer zugehört? Sie tut implizit so, als hätten alle Wagnerkritiker nicht mehr auf der Pfanne als Diez. Der Rückgriff auf Brauns Argument ist deswegen bemerkenswert, weil der Kontext seines Beitrags zu Wagners „Im Brunnen“ eher das Gegenteil des von Bossong Angezielten nachweisen soll. Braun zeigt eher, dass Wagner ein durchaus schwierigerer Dichter ist, als mancher annimmt, indem er darlegt, welche Anspielungen auf antike Bildungsgüter Wagner lesenswert machen.³ Nora Bossong möchte gar keine Klarheit in diesen Fragen, sondern vor allem ihr missliebige Meinungen an der Dummheit eines Einzelnen haftbar machen. Da ist Nora Bossong nicht die einzige. Auch bei Braun hatte Diezens Gerede schon die Ehre, exemplarisch für die Wagnerkritik einzustehen. Ein Argument, etwa so schlagkräftig wie die Behauptung, Wagner müsse schlecht sein, wenn er eine so schwache Verteidigerin hat wie Bossong. (Immerhin redet Braun ansonsten wirklich über Poesie. Oh, dass man es loben muss!)

Pappkameraden erschlagen ist freilich leichter, als mit klugen Leuten zu streiten. Diese Art der Verunglimpfung ist in deutschen Feuilleton eher schon die Regel als die Ausnahme. Walter Delabar, auch er könnte es als Literaturprofessor besser wissen, mag zwar Wagner ebenfalls nicht, macht aber wiederum gerade dafür gleich die ganze Szene haftbar. Auch sein Argument erinnert an die Täter-Opfer-Umkehr: Man liest so viel über schlechte Lyrik in der Zeitung, also muss die Lyrik schlecht sein und nicht etwa die Berichterstattung. Man stelle sich vor, so würde über Bürger mit Migrationshintergrund geschrieben: „In der Zeitung steht viel über kriminelle Ausländer, Ausländer sind also schlecht.“ Als Lyriker muss man derlei Verunglimpfungen offenbar hinnehmen, ja sie sind so üblich, dass viele sie kaum mehr bemerken und sie als Selbstzweifel internalisieren.

Auch warum Nora Bossong annimmt, dass zwischen Verständlichkeit und Qualität ein Zusammenhang besteht, bleibt unklar, weil sie dafür jedes Kriterium für Verständlichkeit schuldig bleibt und Verständlichkeit schlankweg mit Marktgängigkeit gleichsetzt. Die Kenntnis wesentlicher antiker Quellen jedenfalls, die Wagners Texte offenbar munter voraussetzen, ist aber ein Lehrgegenstand der guten Gymnasien, wie Nora Bossong eines besucht hat, oder eines geisteswissenschaftlichen Studiums. Menschen mit anderen Herkünften und Bildungsgängen verstehen etwas anderes (nicht). Sie verwechselt hier also mindestens ihren eigenen Horizont bzw. den der Zeitungen mit dem Raum der Verständlichkeit überhaupt und grenzt mit diesem Reflex auf das zufällige Sammelsurium an Bildungsgütern, das die Diskurse vor der eigenen Haustür eben so angeschwemmt haben, Erfahrungen von Menschen mit anderen Anliegen, Erfahrungen, Herkünften und Bildungsgängen aus ihren Überlegungen aus. Nora Bossong glaubt man deshalb die Träne im Knopfloch nicht, wenn sie darüber klagt, wie wenig Wissen über Poesie in der breiten Öffentlichkeit noch vorhanden sei. (Gewiss, das Abendland wird untergehen!) Sie denkt elitär: Sie weiß etwas, die anderen wissen nicht, Aufklärung ist offenbar keine Option, ihr bleibt die Klage. Andere Dichter hingegen schaffen in dem Bewusstsein, dass eine Misere, die ihnen selbst handgreiflich ist, wohl auch von anderen Menschen verspürt wird, dass es da draußen also Menschen geben muss, die selbst darangehen die Lücken zu füllen, die Schule und Universitäten gelassen haben. Sie wenden sich an eine zwar nicht ungebildete aber mit extrem heterogenen Kenntnissen ausgestattete Öffentlichkeit. Erst die Schnittmenge des Wissens ist extrem klein, sodass es schädlich wäre, wenn sich der Dichter zum kleinsten gemeinsamen Nenner herabbeugt. Überhaupt ist es ein elitäres Vorurteil, dass für die „einfachen“ Leute das sprachliche Schwarzbrot allemal ausreichend sei. Der heute weithin als schwer zugänglich kritisierte Bert Papenfuß tingelte einst durch die Jugendklubs der zerfallenden DDR. Sollte der Bildungsverfall so schnell von statten gehen, dass ein junger FDJler vor 25 Jahren gebildeter war als der Oberstudienrat, vor dem Nora Bossong ihre Texte vorträgt? Oder haben sich vor allem die Mechanismen unserer Aufmerksamkeit und Wertschätzung angepasst an ein marktliberales Vorurteil?

Marginalisierte Minderheiten sollen nicht nerven. Der kulturvolle Liberale entschädigt sie für seine Ignoranz mit pauschaler Lobhudelei. Wie bedeutend der kleine Buchhandel fürs Abendland ist, hört man ja auch erst überall, seit kaum einer noch hingeht. Geradezu obszön, wie Bossong einen Topos solch hohlen Lyriklobs, den Dichtertribun, der eher aus Deutschbüchern und Dichterbiografien stammt als aus der heutigen Wirklichkeit, dazu ausnutzt, Pappkameraden zu errichten, um Misstrauen gegen anspruchsvolle Positionen zu erzeugen. Wer sich ihren Forderungen nach marktförmigen Gedichten entzieht, den stilisiert sie zum Revoluzzer, der an wirklichkeitsfern hohen Ansprüchen zu scheitern droht; wer etwas anders machen will als bisher, wird vor ihr zum Avantgardisten gepusht, der arrogant darauf harrt, dass ihm die Meute folgt. Aber der Leser ihres Artikels, erinnert an vage Bilder aus der Schule, wird das alles höchst plausibel finden. Über Gegenwartslyrik hat er nichts gelernt. Vielleicht sollte man die Dichter eher mit Müllmännern vergleichen. Auch dem einzelnen Müllmann wirft man kaum vor, dass er zur Utopie einer sauberen Welt wenig beitrüge. Oder mit Oboisten: Dem wird man auch nicht raten, zur Geige zu greifen, nur weil Violinkonzerte eben populärer sind. Und man würde ihm kaum vorwerfen, dass nicht jeder sich für seine Kunst interessiert.

Schon der Titel von Nora Bossongs Artikel ist eine Frechheit: „Dichter traut Euch ins Zentrum“. Als wären schwer zugängliche Dichter allesamt feige. Aber gerade in dieser Szene sind doch Beispiele zu finden für jene renitenten Autoren, Verleger und Buchhändler, die sich mit hohem persönlichen Risiko und einem Interesse an Werten und Inhalten der marktliberalen Ideologie entziehen, wie es Norbert Niemann in seiner Preisrede zum Carl-Amery-Literaturpreis mit wünschenswerter Dringlichkeit eingefordert hat. Insgesamt schlägt sich Nora Bossong auf die Seite derer, denen das zu mühevoll ist, sichert sich jedoch nach allen Seiten ab. Ihr Text wirkt geradezu feige, wenn er die großen Namen Elke Erb und Mayröcker aufruft; aber statt ihre eigenen Ansichten in ein Verhältnis zu deren Arbeit zu stellen, kolportiert sie lieber die Meinung anderer Leute: „hoch geachteter Bezugspunkt“, denn wer weiß, was der Leser zu diesen Frauen denkt? Stattdessen wird über Modeaccessoirs und Jutebeutel schwadroniert.

Wo ist überhaupt das Zentrum der Literatur? Doch nicht in der Spiegel-Bestsellerliste, wie Bossong vermutet. Deren Raster bleibt auch nach Wagner zu grob. Nachdem die Buchhandlungen oftmals ihre Loyalität gegen die kleinen Verlage aufgekündigt haben, verkaufen diese oft schon jetzt mehr als die Hälfte ihrer Bücher im Direktmarketing, und zentrale Verkaufsstatistiken bilden solche Erfolge also gar nicht erst adäquat ab. Zweitens ist die Lyrik doch mehr als Buchstabenfolgen auf Papier, sie spielt sich im Internet ab, dringt vorgetragen in die Öffentlichkeit, da wirkt der Fokus auf das gedruckte Buch regressiv. Pflichtschuldig erwähnt sie zwar z.B. Festivals, aber so misslaunig, dass ihr Leser diesem Phänomen gern als literaturferne Eventisierung misstrauen darf. Man sollte diese Mitte aber genauso wenig hinter dem Schriftzug „Literaturzentrum“ über dem Kulturhaus suchen. Schon die Vorstellung von einer Mitte der Literatur ist zu hierarchisch. Sie hat keine, sondern ist mehr wie Facebook, jeder sieht etwas anderes, mancher Post verbreitet sich in Windeseile, dennoch sind die beliebtesten Posts nicht die interessantesten, sondern handeln von Katzen. Wenn man sich statt in Diskussionen auf Festivals plötzlich auf einer Tierschutzveranstaltung mit Volksschulcharakter wiederfindet, mag das der Preis gelungener Anpassung sein.

Nora Bossongs Text pfeift, was die Spatzen seit jeher pfeifen, und tut als wäre es neu. Die Schnapsidee, dass schwierige Lyrik die Verbreitung der Gattung hemme, begleitet ja nicht erst die Jan Wagner-Debatte von Anfang an. (Wenn auch zögerlicher klingt das schon in den ersten Artikeln an, z.B. taz vom 12.3.). Die Forderung bildet schon seit Jahrzehnten ein Ostinato der Zeitungsberichte über Lyrik, Gernhardt war endlich verständlich, die Lyrik-von-Jetzt-Generation war endlich wieder verständlich, die Verständlichkeit der umstrittenen Gedichte von Günter Grass bezweifelt niemand: Man kann es sich sofort in der nächsten Buchhandlung anschauen, wie diese Kur angeschlagen hat. Und ist es nicht im Gegenzug auch schon vorgekommen, dass auch ein Band des schwierigen Stolterfoht, der schwer zugänglichen Mayröcker sich weit öfter verkauft, als es die uralte Enzensbergersche Konstante vorhersagt? (Sie schenkt es sich nicht einmal, diese Zahl für ihre Zwecke um ein gutes Viertel abzurunden.) Spannender wäre die Frage, was denn einen Kleinverleger sonst dazu treiben könnte, immer wieder Bücher zu machen, deren ökonomischer Nutzen so fraglich ist. Der mag ja auch seine Gründe haben.

Nora Bossongs Text ist das alles egal. Die ewig junge hässliche Geschichte vom Neid, die sie nun auch in der ZEIT wiederkäut, erschwert schon jetzt jede Internetdiskussion über Lyriker oder die Urteile von Jurys. Jeder, der Inhalte diskutieren wollte, ist dort schon einmal mit dieser Story an die Wand gespielt worden. Nora Bossong ist dagegen in der schönen neuen marktförmigen Welt angekommen. Die Träne in ihrem Knopfloch erweist sich als Krokodilsträne, ein modisches Accessoire.

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Randständigkeit bleibt das Lebensprinzip der Poesie

Vom Rand aus arbeiten wir auf dem Online-Magazin Kulturnotizen (KUNO) daran, den  Kanon zu erweitern. Die Idee zum Projekt Das Labor ist ein viertel Jahrhundert alt. Wer über hinreichend Neugierde, Geduld, Optimismus und langen Atem verfügte, konnte in den letzten 25 Jahren die Entstehung einer Edition beobachten, die weder mit Pathos noch mit Welterlösungsphatasien daherkam. Die zeitliche Abfolge der projektorientierten Arbeit ist nachzuvollziehen in der Chronik der Edition Das Labor. Weitere Porträts finden Sie in unserem Online-Archiv, z.B. eine Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland. Auf KUNO porträtierte Holger Benkel außerdem Ulrich Bergmann, Uwe Albert, André Schinkel, Birgitt Lieberwirth und Sabine Kunz. Lesen Sie auch den Essay über die Arbeit von Francisca Ricinski und eine Würdigung von Theo Breuer. Und nicht zuletzt den Nachruf auf Peter Meilchen.

Further reading →

Lesen Sie ein Porträt über die interdisziplinäre Tätigkeit von Angelika Janz, sowie einen Essay der Fragmenttexterin.

Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. In ihrem preisgekrönten Essay Referenzuniversum geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lektüre empfohlen, das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.

Die Reihe MetaPhon

Probehören kann man die Gedichte von A.J. Weigoni in der Reihe Metaphon die Schmauchspuren und das Monodram Señora Nada. Ebenda der Remix der Letternmusik. Das Original kann zum Vergleich hier gegenhören. Und außerdem die Live-Aufnahme der Prægnarien. Bilder der Prægnarien-Performanmce von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind hier zu sehen. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni aus der Schwebebahn findet sich neben dem Schland aus Herdringen.

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Erster Logo-Entwurf für die Edition Das Labor von Peter Meilchen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie – mit Online-Archiv. Mehr Informationen.

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jedes Buch aus dem „Schuber“ von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Alphabetikon

Vertiefend zu ‚Alphabetikon‘ lesen Sie bitte das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

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Hier ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

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