Das zehnte „Versnetz“

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Gegenwart, dass die Dichter nicht mehr als Rätsel gelten.

Peter von Matt

Vorbemerkung der Redaktion: Eine der wichtigsten Lyrik-Anthologien feiert eine runde Zahl. KUNO bat den Herausgeber Axel Kutsch um einen Rück-, Nah-  und Ausblick.

Mit der Veröffentlichung jährlich erscheinender Anthologien aktueller deutschsprachiger Poesie begibt man sich als Herausgeber auf dünnes Eis. Die Gedichte sind meistens taufrisch, manchmal erst verfasst worden, nachdem die Einladungen des Verlags zur Mitarbeit bei den Autorinnen und Autoren eingetroffen sind. Es ist also kein mehr oder weniger gesichertes Terrain wie bei Sammelbänden mit Lyrik eines Jahrzehnts, Jahrhunderts oder gar von den Anfängen bis zur Gegenwart, aus dem man schöpfen kann.

Aber gerade der heiße Atem des Neuen ist für mich der besondere Reiz, editorisch über dünnes Eis zu gehen und mir dabei eventuell auch mal nasse Füße zu holen. Nicht jedes Gedicht, das ich aufnehme, muss ein kleines Meisterwerk sein. Manchmal sind es einige Zeilen oder eine originelle Metapher, die mich faszinieren, auch wenn der Rest des Textes nicht diese Höhe erreicht. Allerdings sollte er sprachlich nicht zu hausbacken oder abgegriffen sein. Dann rettet auch eine kurz aufblitzende Passage das Gedicht nicht mehr.

Obwohl die Resonanz der bisherigen „Versnetze“-Ausgaben bei Lesern und Medien größtenteils positiv war, wird mir vor allem von Autoren konventionellerer Schreibweisen mitunter vorgeworfen, dass ich bei unorthodoxen Texten ein zu großes Herz habe. Die heutige Lyrik ist ein sehr weites Feld, und meine Absicht als Herausgeber ist es, möglichst alle Richtungen der gegenwärtigen deutschsprachigen Poesie in ihrer quirligen Vielfalt zu vernetzen, wobei ich den Werkstattcharakter, den diese Anthologien auch haben, betonen möchte. Freilich – Dilettantismus, wie er oft im Internet anzutreffen ist, hat keine Chance.

Bereits in den Anthologien, die ich vor Beginn der „Versnetze“-Reihe seit 1983 herausgegeben hatte, tauchten immer wieder bis dahin weitgehend unbekannte Autoren auf, die dann ihren beeindruckenden Weg in der deutschen Literatur gemacht haben, so Marcel Beyer, Dieter M. Gräf und Norbert Hummelt. Und auch in den „Versnetzen“ lassen sich neben längst arrivierten Poeten neue Talente entdecken, denen man ohne prophetische Gaben eine verheißungsvolle literarische Zukunft vorhersagen kann.

Als 2008 der erste Band dieser Reihe erschien, war noch nicht abzusehen, wie lange sie sich halten würde. Da Verleger Ralf Liebe und ich mit „Versnetze_zehn“ ein kleines Jubiläum feiern können, darf man durchaus von einer beträchtlichen Strecke sprechen. Und wahrscheinlich ist das Ziel noch nicht erreicht. Das Interesse zahlreicher Lyrikerinnen und Lyriker aller Altersstufen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, in diesen Anthologien veröffentlicht zu werden, ist nach wie vor ungebrochen. Das zeigte sich auch bei der aktuellen Ausgabe, für die wieder mehrere tausend Gedichte eingereicht worden sind.

Die Entdeckungsreisen durch die Regionen gehen in „Versnetze_zehn“ weiter. Allerdings ist es nicht weniger reizvoll, sich der Lektüre der darin enthaltenen Gedichte bereits renommierter Verfasser zu widmen und inhaltliche bzw. stilistische Vergleiche anzustellen. Dabei dürfte man feststellen, dass auch in den älteren Generationen „junge Lyrik“ geschrieben wird. Eine größere einheitliche Diktion wie noch in den Zeiten der vom Alltagsparlando geprägten „Neuen Subjektivität“ der siebziger Jahre ist weder im neuen „Versnetze“-Band noch in seinen Vorgängern zu finden. Es gibt zwar gelegentlich Berührungspunkte (zum Beispiel prosanahe Texte), aber es überwiegt die Polyphonie lyrischer Schreibweisen vom klaren, leicht zugänglichen bis zum schwierigen Gedicht am Rande des Verstehens.

Die „Versnetze“ sind auch ein Seismograph gesellschaftlicher Befindlichkeiten, etwa mit von ostdeutschen Schriftstellern verfassten Gedichten über die Nachwehen der Wiedervereinigung oder Erinnerungen an das Leben in der DDR. Und auch die unheilvolle Vergangenheit des Dritten Reiches mit seinem unmenschlichen Vernichtungsapparat beschäftigt die Autoren nach wie vor. Kein Wunder bei den rechtspopulistischen Entwicklungen in Deutschland und anderen Ländern Europas. In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart wird verstärkt die Situation der Flüchtlinge thematisiert. Zum weiteren inhaltlichen Spektrum gehören unter anderem die schöne neue Technik- und Medienwelt, Heimat ohne Heimattümelei, Natur, Kunst, Musik, Literatur und Zeit.

In einem Poetenladen-Essay über meine Herausgebertätigkeit bemerkte Theo Breuer, dass ich stets großen Wert darauf lege, in den „abseits gelegenen Dörfern und Städtchen, Tälern und Hochlagen zu forschen, um auch den zurückgezogen lebenden originellen Autoren aus dem Hinterland eine Chance zu geben“. Die regional strukturierten „Versnetze“ machen deutlich, dass lesenswerte und innovative Lyrik nicht nur in den Metropolen geschrieben wird, ebensowenig vorrangig von angesagten Poeten, deren Werk mit angesehenen Auszeichnungen bedacht worden ist. So finden sich in diesen Anthologien viele interessante Schriftsteller, die bisher kaum von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen worden sind. Der heiße Atem unserer nennenswerten  Lyrik, die selten so pulsierend war wie in diesen Jahren, weht mit ihrer spannenden Vielfalt in alle Himmelsrichtungen und durch alle Generationen, unabhängig vom Renommee der Verfasser.

Nichtsdestoweniger wurden in jüngster Zeit in verschiedenen Medien eine weit verbreitete Stillosigkeit, ein Trend zu einer Art Plauderton und Belanglosigkeiten aus den Literaturinstituten in unserer zeitgenössischen Dichtung beklagt. Wenn solche Vorwürfe auch hier und da berechtigt sein mögen, sind Verallgemeinerungen doch fehl am Platz. Die Phasen grundsätzlicher innovativer Neuerungen sind zwar mit dem Ausklingen der Moderne weitgehend abgeebbt, aber in den „Versnetzen“ kann man sich davon überzeugen, dass zahlreiche Lyrikerinnen und Lyriker der Gegenwart sich erfolgreich darum bemühen, ihre Diktion durch „kleine Verschiebungen“ (Ernst Jandl) aus der Klammer literarischer Einflüsse zu lösen und individuelle poetische Akzente zu  setzen, so dass es eher angebracht ist, von einem neuen Pluralismus statt von Stillosigkeit zu sprechen. Doch auch Kritiker bewegen sich manchmal auf dünnem Eis. Und nicht nur als Herausgeber kann man sich nasse Füße holen.

 

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Versnetze_zehn – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, Herausgegeben von Axel Kutsch, 340 Seiten, 24,- Euro, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2017)

Weiterführend →

Der Lyriker Axel Kutsch erweist sich als Meister der Twitteratur. Aus dem Band Versflug, präsentierte KUNO in 2016 ausgewählte Kurz-Gedichte aus den Jahren 1974 bis 2015, keines länger als 140 Zeichen! Über die Literaturgattung Twitteratur finden Sie hier einen Essay.

Lesen Sie auch die Gratulation von Markus Peters zum 70. Geburtstag auf KUNO. Eine  Würdigung des Herausgebers und Lyrikers Axel Kutsch im Kreise von Autoren aus Metropole und Hinterland hier. Lesen Sie außerdem:  Die Farben der Bücher und des japanischen Himmels.