Literatur der Arbeitswelt

 

Literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt der Gegenwart und ihren sozialen Problemen – unter diesem thematischen Schwerpunkt ist die vorliegende Publikation dem 50. Jahrestag der Zusammenkunft einer Gruppe von (Arbeiter-)schriftstellern gewidmet. Sie traf sich auf Initiative von Fritz Hüser, dem damaligen Leiter der Dortmunder Stadtbücherei, im Frühjahr 1961, um die sich Anfang der 1960er Jahre abzeichnenden flexiblen Veränderungen in der kapitalistischen Gesellschaft mit literarischen Mitteln zu erfassen. Vor die Aufgabe gestellt, den Ereignischarakter der Gründung einer lockeren Schriftstellerassoziation aus der zeitlichen Distanz von über fünfzig Jahren so zu reflektieren, dass aus der heutigen Perspektive die Beschreibung der damaligen verstaubten Arbeitswelt nicht obsolet wirkt, bedienen sich die beiden Spezialistinnen für soziale Probleme der Arbeiterliteratur eines Begriffs, der die vielfältigen ästhetischen und literarischen Formen der Gruppe verdeutlicht. „Schreibarbeiten“ – in Anführungszeichen gesetzt, bezeichnet nicht nur literarische Versuche, sich mit der Welt der Arbeit auseinandersetzen, sondern auch die Orte der literarischen Produktion zu beschreiben. Dieser Prozess, der an den Rändern des sich etablierenden Literaturbetriebs ablief, erlebte eine überraschende Ausdifferenzierung, die Bestandteil der vorliegenden Analysen ist. Die ästhetische Einordnung der Gruppe 61 als „Literatur von unten“ (Gundel Mattenklott) brachte nicht nur soziale Phänomene zum Vorschein, sie trug zur Pluralisierung von Kultur ebenso bei wie auch die Entstehung neuer literarischer Stimmen. Solche Ausdifferenzierungen vollzogen sich nach Gerhard/Palm auch in der Gruppe selbst. Die Pluralisierung ihrer Stile schlug sich vor allem in drei Typologisierung nieder: Max von der Grüns realistisch-orientierter Arbeitswelt, der politische Schelmenroman aus der Feder von Peter Paul Zahl und der popliterarische Roman Nowack von Wolfgang Körner.

Bei der Auslotung der Aktualität der Dortmunder Gruppe 61 stehen, so Gerhard/Palm „Fragen nach der Besonderheit der Texte und Autoren der Gruppe“ im Vordergrund, wobei „auch die Unterschiede und die Pluralität der Stile und Töne gewürdigt werden sollen.“ (S. 13) Außerdem sind in dem Sammelband (Sektion 2) polemische Beiträge zum Stellenwert der „randständigen“ Literatur, den historischen Kontexten, der Rezeption und möglichen Trend in der Gegenwart enthalten. Einen ersten wesentlichen Akzent setzt Walter Grünzweig, Professor für Amerikanistik und Prorektor der TU Dortmund, mit seinem Appell an die jungen deutschen Schriftsteller, „die alte, egozentrische Denkungsart unserer ausbeuterischen Welt aufzugeben. Wer sich damit begnügt, bestimmte Kreise und Klassen zu unterhalten, verdammt sich selbst zu Beschränktheit, Unfruchtbarkeit und Untergang. Die Künstler, die heute unseren Luxusklassen dienen, erscheinen mir wie Affen in einem Käfig,, die nichts anderes zu tun haben, als sich gegenseitig nach Läusen abzusuchen …“ (S. 20).

Dass weder die Gruppe noch ihre Texte archivierbar sind, sondern vielmehr angesichts der sich verschärfenden Widersprüche in der ökonomischen Demokratie Deutschland wieder an Aktualität und subversivem Potenzial gewinnen, zeigen die theoriegeleiteten und praxisorientierten Beiträge in dem Sammelband. Tobias Lachmann analysiert am Beispiel von Peter Paul Zahls Schelmenroman „Die Glücklichen“ (Berlin 1979) Schreibweisen als Interventionen in die sinnliche Welt. Dabei entwickelt er unter Verweis auf die theoretischen Grundlagen der Karnevalisierung der Literatur und die Jahrhunderte lange Tradition einer umgestülpten Welt, abgesichert durch Autor-Interviews, einen spannenden Zugang zur politisierten Form von Arbeiterliteratur. Dabei knüpft er an die in den 70er Jahren entstehenden Formen einer Gemeinschaft an, in der anstelle des Autors sich potenzielle kollektive Denk- und Handlungsweisen herausbildeten. Überraschend taucht mit Wolfgang Körners popliterarisch angehauchtem Roman „Nowack“ (Düsseldorf 1969) ein Text auf, dessen Autor nach Steffen Stadthaus „nicht nur inhaltlich, sondern auch formal mit den Traditionslinien der Arbeiterliteratur brach“ (S. 90). Er kommt zu der Einsicht, dass Körners Kapitalismusgroteske „Nowack“ den Übergang zu einer nachindustriellen Gesellschaft reflektiere. Eine These, die er hinlänglich unter Verweis auf die umfassende Rezeption des Romans und seiner  literarischen Positionierung innerhalb der Gruppe 61 belegt. Was er als „Befreiung von der Fron unter Tage bezeichnet“, gilt im Hinblick auf die frühen Industrieromane aus der Feder von Max von der Grün als Flucht vor der Fron der Bergwerksmaloche. „Männer in zweifacher Nacht“ – 1962 erschienen, sorgte, wie Dirk Hallenberger in seinem Beitrag über Verortungen in den frühen Industrieromanen von Max von der Grün betonte, zunächst für Irritationen, weil das Thema Bergbau in einem Arbeiterroman zum ersten Mal seit den frühen 1930er Jahren wieder in der westdeutschen Literatur auftauchte. Im Gegensatz zu den tradierten Bergbau-Romanen der Nachkriegszeit ging es in Max von der Grüns Roman um eine radikale Kritik an den Arbeitsbedingungen in einem Kohleschacht und die nüchterne Schilderung eines Grubenunglücks mit tödlichen Folgen. Hallenbergs vielschichtige Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass in den „unmittelbaren Gegenwartsromanen“ des Autors auch die Verschiebung der Handlungsorte von „unter Tage ins Übertage-Revier und endlich zum ‚exemplarischen Ruhrgebiet’ sichtbar werde.

Die zweite Sektion des Bandes thematisiert die „subversiven Stimmen im Almanach der Gruppe 61 und ihrer Gäste“ im Hinblick auf eine „Politik der kleinen Arbeiterliteratur“ (Julian Osthues), setzt sich am Beispiel des erzählerischen Werkes von Gisela Elsner unter dem Stichwort ‚Fluch der Herkunft’ mit der Beschreibung der Arbeitswelt auseinander (Christine Künzel) und beleuchtet Fragen des Authentischen an den Rändern des Literaturbetriebs (Ute Gerhard).

In der Sektion ‚Kontexte’ werden am Beispiel der Arbeitssicherheit im Bergbau die Positionen der Gewerkschaften und deren Reaktionen auf die Literatur der Gruppe 61 ausgearbeitet (Karl Lauschke), Holger Heith analysiert die Kulturarbeit der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie und Anne M.N. Sokol wagt den Vergleich am Beispiel eines brieflichen Gedankenaustauschs über Arbeiterliteratur in Deutschland-Ost und Deutschland-West in den spätern 60er Jahren.

Zwei Beiträge in der Sektion ‚Rezeption und Anschlüsse’ rufen besonderes Interesse hervor, weil es a) um Dieter Wellerhofs Konzeption eines ‚Neuen Realismus’ und seine Kritik an den Schreibweisen der Gruppe 61 geht, und b) um die Erläuterung der Ausstellung „Schreibwelten – Erschriebene Welten – Zum 50. Geburtstag der Dortmunder Gruppe 61“, die parallel zum Kolloquium im Fritz-Hüser-Institut lief. Wellershof ging es in seiner an Adorno geschulten literatursoziologischen Kritik an der Literatur der Arbeitswelt um die Dechiffrierung der verstümmelten Sprache der Arbeiter, einer Aufgabe, der sich die Autoren des ‚neuen Realismus’ stellen müssten. Die Kuratorinnen der Ausstellung Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande reflektieren Selbstbild, Außenwahrnehmung und Wirkung der Gruppe 61, wobei sie ein eindrucksvolles, von synästhetischen Aspekten und vielschichtigen Rezeptionsabläufen getragenes Modell unter Einbeziehung zahlreicher Museumsausstellungen entwickeln. Mit diesem unbedingt lesenswerten Beitrag schließt der Band, der aus der Feder von Martin Rooney auch einen emphatischen  Aufsatz über den Initiator der Dortmunder Gruppe, den 1979 verstorbenen Fritz Hüser, enthält. Er holte in den Nachkriegsjahren Armin T. Wegener, den Dichter und engagierten Aufklärer des Völkermords an den Armeniern, wieder in das kritische Bewusstsein der Deutschen zurück.

Schreibarbeiten an den Rändern der Literatur? Angesichts der sich gegenwärtig verschärfenden sozialen Konflikte, des steigenden Arbeitstempos und der sich häufenden Erschöpfungssyndrome als Auswirkung der unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den turbokapitalistischen Produktions- und Verwaltungsstätten rücken manche Beschreibungsfelder in den Texten der Gruppe 61 wieder in unser kritisch geschultes Bewusstsein. Sie bewegen sich in Richtung der Zentren unserer brüchigen postmodernen, entfremdeten Welt und fordern damit einen neuen Rezeptionsschub einer bei weitem nicht randständigen Literatur heraus.

 

 

 

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Schreibarbeiten an den Rändern der Literatur, von Ute Gerhard / Hanneliese Palm (Hg.). Die Dortmunder Gruppe 61. Essen (Klartext) 2012.

Weiterführend →

Zu den Gründungsmythen der alten BRD gehört die Nonkonformistische Literatur, lesen Sie dazu auch ein Porträt von V.O. Stomps, dem Klassiker des Andersseins. Kaum jemand hat die Lückenhaftigkeit des Underground so konzequent erzählt wie Ní Gudix und ihre Kritik an der literarischen Alternative ist berechtigt. Ein Porträt von Ní Gudix findet sich hier (und als Leseprobe ihren Hausaffentango). Lesen Sie auch die Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker von Werner Streletz und den Nachruf von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine Doppelbesprechung von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman Die schwarze Ledertasche. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge, produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. Lesen Sie auch das Porträt der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespräch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die Ruhrgebietsromantik. Mit Kersten Flenter und Michael Schönauer gehörte Tom de Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie hier – Sowie selbstverständlich his Masters voice. Und Dr. Stahls kaltgenaue Analyse. – Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. Inzwischen hat sich Trash andere Kunstformen erobert, dazu die Aufmerksamkeit einer geneigten Kulturkritik. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsmöglichkeiten von populärkulturellen Tugenden nahe genug kommen, der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine Realsatire aus dem Jahr 1993 heraus, die er für den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. Jürgen Kipp über die Aufgaben des Mainzer Minipressen-Archives. Ein würdiger Abschluß gelingt Boris Kerenski mit Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund.

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