Der unendliche Leser und das endliche Leben

Der Autor schreibt, der Leser liest, und während der Leser liest, schreibt der Autor schon weiter. Der Leser fühlt sich als Hase dem Igel unterlegen, aber der Autor ist kein doppelter Igel, kein Techniker von Permutationen seiner Poesie, er schreibt wirklich immer wieder weiter, er schreibt mit den lesenden Augen des Lesers um die Wette, er ist dem Leser immer um mindestens ein Wort voraus, und der Leser, auch wenn er versucht über den Schatten des Geschriebenen zu springen, wird nie die Geschwindigkeit im Lesen erreichen, um den Autor einzuholen, auch nicht, wenn er rückwärts lesen würde, er käme nie an den Ursprung der Worte, der sich ihm entzieht wie das Jenseits des Schattens. Aber er könnte den Autor leicht einholen und dann auch überholen, wenn er nur wollte, er könnte der Schattenspringer in die Transzendenz werden, der er sein will, er könnte aus dem Diesseits der Sprache in ein Jenseits der Worte springen, wenn er nur wollte und wenn er begriffe, dass er das kann.

(Ist der Schreiber primär Leser? Ich drehe die Frage um: Der Leser ist primär Schreiber, wenn er wirklich liest, und der Schreiber ist primär Leser, wenn er wirklich schreibt.)

Er könnte den Autor, wie gesagt, überwinden, aber nie als Leser, immer nur als Autor. Der absolute Leser, der a priori der beste Leser ist, muss nur wissen, dass er als Leser der absolute Autor ist. Er wird dann auch erfahren, er ist der beste Autor, den er lesen kann.

Diesen Leser, der den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, nennen wir den aufgeklärten Leser, und wir nennen ihn den idealen Leser, wenn er beim Lesen erkennt, dass er das Buch, das er gerade liest, auch lesen könnte, wenn er es selber schriebe, und eigentlich müsste er es dann gar nicht mehr schreiben, sondern einfach nur leben. Er ist dann der Leser seines Lebens, dessen Autor er zugleich ist, der das Buch nicht braucht, der sich selbst zuklappen und wegwerfen kann wie ein Buch, das er schon kennt, dessen unbeschriebene Seiten in einem selber sind und die man nur beschreiben muss um zu leben.

So kann er am Ende zu sich sagen: Ich habe als Leser den Autor überwunden und als Autor den Leser. Ich bin das Wort.

[An HEL 29.10.2000]

Weiterführend →

Ulrich Bergmann nennt seine Kurztexte ironisch „gedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs“. Wir präsentieren auf KUNO eine lose Reihe mit dem Titel Splitter, nicht einmal Fragmente. Lesen Sie zu seinen Arthurgeschichten den Essay von Holger Benkel. Eine Einführung in seine Schlangegeschichten finden Sie hier.