requiem für preas eyn

 

der stärkste typ in der ganzen bibel

war judas ischariot

so nehme ich jedenfalls an

 

jenny auf dem ersten und letzten trip

die nadel geschaffen um segen zu bringen

bringt nicht nur ihr den tod

 

die ameisen fressen und wühlen

sind längst nicht mehr aufzuhalten

in der monumentalen herrlichkeit ihres schaffens

 

unterdrückte werden zu unterdrückern

revolutionstribunale an jeder straßenecke

wo fliegende händler noch immer pfeffernüsse verdealen

 

und ich sitze da an einem kalten oktoberabend

mit kaputtem magen und kaputtem hirn

aber sonst noch ganz gut erhalten

und schreibe mit einem straight club kugelschreiber

alle diese sinnlosen sachen auf

 

und du sitzt ganz woanders

in einer anderen atmosphäre und weidest dich

an der morbiden faszination einer sterbenden welt

 

mächtige und grausame kulturen kamen und gingen

im gewimmel von töten und gebären

die weltgeschichte ein mittelmäßiger comic strip

 

das rad war die größte erfindung

das rad das alles ins rollen brachte

und alles rollt in einen gähnenden schlund

 

und southside johnny rockt vergeblich dagegen an

und alles ist längst besprochen

und alles ist längst abgeschrieben …

 

 

 

***

Der Stuttgarter Autor Ossi Eichhorn dürfte heute nur noch einem kleinen Kreis von Literaturkennern ein Begriff sein – vielleicht eher als Gründer der Zeitschrift „Flugasche“ denn als Lyriker. 1958 in Sivac/Jugoslawien geboren, verbrachte er die letzten Jahre seines kurzen Lebens in Stuttgart, bis er, an den Folgen eines schweren Autounfalls leidend, 1982 selbstbestimmt aus dem Leben schied.
Ossi Eichhorn veröffentlichte Gedichte in Literaturzeitschriften und den Lyrikband „DIE ZEIT STEHT STILL IN DER LUFT LIEGT EIN LEICHTER DUFT VON VERMOUTH DOCH DU FEHLST …“ (mit Graphiken von Eva Wünsch). 1988 erschienen in der von Axel Kutsch und Michael Rupprecht herausgegebenen Anthologie „Wortnetze“, die Erich Fried und Ossi Eichhorn gewidmet war, vier seiner Gedichte mit der sein lyrisches Werk prägenden kraftvollen Verwendung von Alltagsparlando.
Axel Kutsch machte KUNO auf diesen (fast) vergessenen Lyriker aufmerksam. Mit der freundlichen Genehmigung seiner Schwester Emy Eichhorn veröffentlichen wir drei Gedichte von Ossi Eichhorn und erinnern damit an einen Autor, den es wieder zu entdecken gilt.

Weiterführend zur Theorie des Sozialen

Eine Theorie des Sozialen lautet, es gebe in der Politik keine Lücken. Immer wo sich eine auftue, werde sie sofort von anderen Akteuren besetzt. Kaum jemand hat die Lückenhaftigkeit des Underground so konzequent erzählt wie Ní Gudix und ihre Kritik an der literarischen Alternative ist berechtigt. Ein Porträt von Ní Gudix findet sich hier. Lesen Sie auch die Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker von Werner Streletz und den Nachruf von Bruno Runzheimer. In einem Kollegengespräch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die Ruhrgebietsromantik. Mit Kersten Flenter und Michael Schönauer gehörte Tom de Toys zum Dreigestirn des deutschen Poetry Slam. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie hier – Sowie selbstverständlich his Masters voice. Und Dr. Stahls kaltgenaue Analyse. – 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte Seine größten Erfolge. Produziert von Helge Schneider und Tom Täger im Tonstudio/Ruhr. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von Proust zu Pulp. Ebenso eindrücklich empfohlen sei Heiner Links Vorwort zum Band Trash-Piloten. – Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine Realsatire aus dem Jahr 1993 heraus, die er für den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat.