Nachlassverwaltung

Es gibt keine allgemeinen Formen des Erinnerns, die Edition Das Labor hat das Vermächtsnis‘ von Jürgen Diehl, Peter Meilchen und A.J. Weigoni angenommen und macht kulturelle und biographische Zugänge zu ihren Werken recherchierbar.

Tristan Meinschäfer kann man für seine Arbeit nicht genug danken, er kuratierte die Ausstellung Die Sprache wird das Bild ausgewählte Arbeiten von Jürgen Diehl, aus den Jahren 1977 bis 1990 in der Werkstattgalerie Der Bogen. KUNO hat die unterschiedlichen Werkphasen zwischen 1989 und 2024 in die Timeline aufgenommen, damit die Erinnerung an diesen Künstler auch online in Erinnerung gehalten wird.

Ausgewählte Arbeiten von Jürgen Diehl, aus den Jahren 1977 bis 1990.

Jürgen Diehl bewegte sich an der Schnittstelle zwischen Malerei und Sprache. Für ihn bedeutete eine Ausstellung zu machen: „Im Raum zu denken“ und dabei möglichst wenig formalen Beschränkungen unterliegen. Dieser Artist lebte bewußt zwischen allen denkbaren Kategorien. Sein künstlerisches Werk überschneidet sich nicht zufällig mit dem Expressionismus, dem Konstruktivismus, dem Kubismus und dem Surrealismus, dem Synthetismus und Fauvismus – aber in Wirklichkeit versagen die Ismen hier. Er experimentierte mit Inhalten, Formen und Techniken und überbrückte dabei die Pole von abstrakter und gegenständlicher Malerei. Sowohl die Hand des Schreibenden als auch die des Künstlers vollführt eine Geste der reinen Einschreibung, losgelöst von jeder Stimme. Die Materie hat sich verflüchtigt und das Objekt ist nun das der gesprochenen, geschriebenen oder auf Leinwand aufgetragenen Bildsprache.

Welcher Modus der Kommunikation wird hier vorgeführt?

Jürgen Diehl

Der Gedanke ist fast so alt wie das Medium selbst: Die Malerei  ist vergleichbar mit einem Schreibprozess. Diese linguistische Kategorie hat in jüngerer Zeit weite Verbreitung in der Diskussion über zeitgenössische Kunst gefunden. Wir sehen bei diesem Künstler ungeometrische Faltungen in den Raum ragen und zu zellenartigen Strukturen verwachsen und dem Versuch ungegenständliche Malerei mit gegenständlichen Formen zu verbinden. Für Diehl war abstrakte Malerei eben nicht ein Ausweichen vor der drängenden Wirklichkeit, er wollte in seinen Bildern das Gefühl der Gegenwärtigkeit in einer zeitgenössischen Sprache ausdrücken. Es ging ihm darum, die engen Grenzen der Malerei zu sprengen und neue Felder zu erschließen. Bei der Wahl seiner Laufbahn schwankte immer sehr entschlossen zwischen Malerei, Literatur und Musik. Getragen wird das künstlerische Schaffen von Jürgen Diehl von einem Bewußtsein der Endlichkeit, Menschen sind bloß Klangfiguren in Moll; alles, auch der Klang ist flüchtig, der Tod immer da und nah, überall Reflexionen von Krankenhausfluren, Kanülen, Beatmungsmaschinen, hinter jedem Aufblühen blüht ein Karzinom.

 

Die Gestorbenen haben zuweilen die Angewohnheit, uns Hinterbliebenen Mut zuzusprechen. Ungleich einfacher scheint es, wenn es sich bei dem Verstorbenen um einen Künstler handelt. Sie antworten uns durch ihre Kunst.

Der „Künstler Meinen“ in seinem Atelier. – Photo: Dieter Meth

Den Roman Schimpfen von Peter Meilchen  zu veröffentlichen ist mehr als Trauerarbeit. Es ist der Versuch einer notwendigen Reparatur einer schicksalhaften Ungerechtigkeit. Schimpfen ist ein Text ohne Gedächtnis, allein von Erinnerungen an Bilder, Gerüche, Gefühle getragen und auf der Suche nach einer zu erzählenden Geschichte. Wer von seinem Leben erzählt, erzählt immer eine Erfolgsgeschichte. Wer erzählt, lebt.

Die Restauration von Schland ist eine Resynchronisation, die Bild und Ton des Films, im vorliegenden Original gegeneinander verrutscht, wieder in den richtigen Bezug zueinander bringt. Meilchen geht mit seiner Kamera so dicht an die Dinge dieser Welt heran, daß diese ihren Anspruch aufgeben, Dinge dieser Welt zu sein – und zum Bild werden können. Sein ‘Sehen’ ist kein Begaffen, sondern existenziell vollzogen.

Das Bildtagebuch Beobachtungen eines Unsichtbaren besteht aus 366 Bildern (Din-A-4-Arbeiten) und stellt das Schalt–Jahr 2003/04 mit seinen täglichen Wahrnehmungen und den entsprechenden gedanklichen Verbindungen des Künstlers. Seine Kunst setzt die andere Möglichkeit der Deutung voraus. Man braucht sich nicht auf die eine und allein gültige Botschaft festzulegen. Meilchens Bilder sprechen zum Betrachter in vielen Sprachen. Seine Arbeit einer Gattung zuzuordnen hieße, seine Kunst vom Leben zu trennen.

Peter Meilchen ist ein Frühverlorener, seine Biografie endet nicht mit dem Tod, er lebt weiter – durch sein Werk.

Dieser Schuber hat etwas Festliches, es ist ein Geschenk für die Sinne! Denn mit dem gehörten, zuweilen eindringlichen Wort Weigonis kann man sich davontragen lassen, mit dem gelesenen innehalten, nachdenken. Die Hände raschelnd wandernd durch das Papier, das Auge treibend auf den Kunstwerken und die Zeit sich verlangsamend…

Joanna Lisiak

Cover: Original-Schablonendruck von Haimo Hieronymus

Die im Alltag kaum noch wahrgenommenen Dinge vermochte A.J. Weigoni so darzustellen, als betrachte man sie wie zum ersten Mal. Mit den Vignetten definierte er eine Literaturgattung neu. Die Poetik der realen Virtualität, das als Spurenelement jeder  Erzählung der Zombies innewohnt steigt in den Novellen Cyberspasz zu beachtlicher Konzentration an. In seinem ersten Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet stellte Weigoni die Welt auf die Vergänglichkeitsprobe. Auch sein zweiter Roman Lokalhelden läßt sich als Heimatroman der glokalisierten Welt deuten. Diese Typen sind zugleich das Psychogramm der Rheinländer, einer Gesellschaft, einer Zeit. Man muss lediglich am Leben bleiben, schon ist man in der Bundesrepublik bereits ein Zeitzeuge. Das Ende der Geschichte bringt alsdann eine schmerzfreie Agonie mit sich.

Alle Exemplare des Prosa-Werks sind handsigniert und limitiert in einer opulenten Schmuckausgabe als Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich. Nur darin enthalten ist der Band Vorlass. Es hat sich in der Literaturwissenschaft eingebürgert, für kurze Texte, den Begriff „Kleine Form“ zu verwenden. Dieses ´Beiwerkchen` verweigert sich der umstandslosen Zuordnung, es ist eine Gebrauchsprosa, die sowohl biographische, werkgenetische als auch poetologische Fragen beantwortet. Der Vorlass dient der Erschliessung der werkgeschichtlichen Dimension. Dieses Werk ist ein einmaliges Zeugnis einer bestimmten individuellen Konstellation, zugleich aber eine Realisation der Literatur insgesamt, jenes größten Erkenntnissystems.

Dieses Ich ist kein anderer, es ist von Buch zu Buch und zu Hörbuch: A.J. Weigoni.

Im Lyrik-Schuber befindet sich das Frühwerk Wiederbeatmung, die Trilogie Letternmusik – ein lyrisches Polydram in fünf Akten, Dichterloh – ein Kompositum in vier Akten und Schmauchspuren – eine Todeslitanei, ergänzt durch die Langgedichte & Zyklen: Parlandos, sind erscheinen in einer limitierten und handsignierten Ausgabe von 100 Exemplaren, ergänzt durch das auf vier CDs erweiterte Hörbuch. Mit dem Holzschnitt präsentiert Haimo Hieronymus eine Drucktechnik, er hat ihn auf die jeweiligen Cover der Gedichtbände von Weigoni gestanzt. Bei dieser künstlerischen Gestaltung sind Gebrauchsspuren geradezu Voraussetzung. Man kann den Auftrag der Farbe auf dem jeweiligen Cover haptisch nachvollziehen, der Schuber selber ist genietet. Und es gibt keinen Grund diese Handarbeit zu verstecken, die Aura des Handgemachten paßt zum Genre der Lyrik wie ein Handschuh.

Der Lyrik-Schuber wurde handgefertigt von Olaf Grevels (Vorwerk Kartonagen) – Photo: Jesko Hagen

 

Weiterführend → Eine Würdigung des künstlerischen Lebenswerks von Peter Meilchen lesen Sie hier. Mit den Vignetten definierte A.J. Weigoni eine Literaturgattung neu. Die Novelle erscheint in der Umsetzung als Hörbuch und das Buch/Katalog-Projekt 630 zur Ausstellung von Peter Meilchen. Eine Hörprobe findet sich hier.