30. Jahrestag des Mauerfalls

Das Zentralkomitee der SED hat durch die Maueröffnung eine echte Wiedervereinigung verhindert, also eine, die mit beiden Teilen Deutschlands was zu tun gehabt hätte und durch die sich auch in Westdeutschland mehr bewegt hätte.

Thomas Heise

Die Ermordung von Robert Blum, Abgeordneter des ersten demokratisch gewählten gesamtdeutschen Parlaments, am 9. November 1848, die Novemberrevolution 1918, der Putschversuch am 9. November 1923  in München, das Pogrom 1938 und der Mauerfall 1989, das neue Deutschland tut sich schwer mit der Ambivalenz des heutigen Gedenktags, der eigentlich ein Feiertag sein sollte. Zudem hat jeder selbstverständlich ganz eigene Erinnerungen an dieses Damals. Das Hin­ein­hor­chen in einen Echo­raum der Geschich­te, in dem die Verheerungen von Fa­schis­mus, Kommunismus, Na­tio­na­lis­mus und Kapitalismus widerhallen, wurde spätestens am 9. November 1989 zu ei­ner Pas­si­on von A.J. Weigoni. Es sollte 25 Jahre dauern, bis er 2014 seinen ersten Roman vollendet hatte, der punktgenau am Tag des Mauerbaus veröffentlicht wurde. Alle Schriftsteller verfügen nur über begrenzte Mittel, historische Wahrhaftigkeit im Roman zu erreichen. Dies hat auch damit zu tun, daß die offizielle Vergangenheitsbewältigungskultur dieses Landes sich gemütlich in betulichen Gedenkritualen eingerichtet hat.

Wie aus dem Momentum des Aufbruchs bereits im Ansatz ein Gefühl des heiteren Scheiterns wurde.

Laik Wörtschel

Erinnerung als ideologisierter Gebrauch von Vergangenheit stößt in Abgeschlossenes Sammelgebiet an eine nicht transzendierbare Grenze. Ging es vor 1989 noch um die richtige Form des Widerstandes und um die Rolle der Kunst, so stehen danach das Erzählen und das Gespräch im Mittelpunkt, in denen sich Erinnerung und damit auch Deutung des Vergangenen vollziehen. Weigoni gelingt es in seinem ersten Roman, eine Balance zwischen polyphoner Prosa und linearer Plotführung zu halten. Entstanden ist ein compilierter Roman über eine literarische Rauschzeit, für den es sich lohnt, sich Zeit zu nehmen und ihn als Sprachkunstwerk zu geniessen. Dieser Romancier unternimmt feinnervige Grabungen in den Erinnerungen, beharrlich arbeitet er sich zu den verschatteten Zonen der Geschichte vor. Es ist Geschichtsschreibung durch Sprache.

Es ist ganz falsch, so zu tun, als wäre da plötzlich der heilige Geist über die Plätze in Leipzig gekommen und hat die Welt verändert. Gorbatschow ging über die Bücher und musste erkennen, dass er am Arsch des Propheten war und das Regime nicht halten konnte.

Helmut Kohl

Fiktion und Fakten bilden keine Gegensätze, schrieb Susan Sontag in einem Essay. Das mag im 21. Jahrhundert nach weichgezeichneter Weltsicht klingen, doch für Weigoni, den Satiriker der deutschen Gegenwartsliteratur, ist es selbstverständlich Realitätsfragmente so zu montieren und zu verdichten, daß Poesie dabei herauskommt. Nachdem die moralisierenden Phrasen der Gruppe 47 überwunden sind, sollte man keine Zeit mehr mit nichts sagender postmoderner Ironie verlieren. Weigoni artikuliert nichtpropagandistisches Sprechen, eine Erinnerungs- und Beschreibungssprache, die sich abhebt von dem, was man über die sogenannte Wiedervereinigung lesen mußte. Seine Methode ist nicht die des Schocks oder der Provokation; er sucht nach der Evidenz poetischer Bilder, wenn er den Finger auf die Wunden seiner Figuren legt. In Abgeschlossenes Sammelgebiet durchdringt er die Realität vom ersten bis zum letzten Kapitel, zeigt Widersprüche auf, und weist poetisch aus, wie sich Individuen im geschichtlichen Umbruch verhalten. Freiheit und Toleranz liegen nicht allein in klassisch westlichen Vorstellungen, sie können sich auch in einem bewußten Umgang mit Traditionen offenbaren. Dieser Meister der phänomenologischen Nahbetrachtung illustriert in seinem Roman keine These, er schafft eine Wirklichkeit konsequent vom ersten bis zum letzten Bild zu durchdringen und ihre Widersprüche aufzuzeigen, zeigt auf, wie sich einzelne Menschen inmitten geschichtlicher Umbrüche verhalten. Mit einer kühl sezierenden Erzähltechnik, sparsamer Dosierung psychologischer Mittel und viel Schrpachwitz gewinnt er den zwiespältigen Charakteren viel Plausibilität ab. Die Mauer ist in diesem Roman eine Metapher für den Kollektivwahn, der in der Geschichte zum Ausbruch kommt.

Hier ist er also, der große Zeitroman für Marcel Reich-Ranicki.
Wend Kässens, NDR 3, Literatur vor Mitternacht

Es gibt noch Bücher, die ohne Umschweife den Leser direkt ansprechen. Die Sprache gehorcht Weigoni aufs Wort, sie ist bei ihm nie Rhetorik, nie Oberfläche, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Ausdruck. Jedes Wort in seinem Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet hat – und ist – Geschichte. Was bereits bei seinen Novellen auffällt, sind die sezierende Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, die Sätze bis ins Unerträgliche, kaum Auszuhaltende voranzutreiben. In seinem ersten Roman erweist sich dieser Romancier einmal mehr als der wichtigste unbekannte deutschen Schriftsteller. In diesem Roman stellt A. J. Weigoni die Welt auf die Vergänglichkeitsprobe. Die Ereignisse von November 1989 bis März 1990 fanden in Weigoni einen empathischen Chronisten. Er verdichtet die krisenhafte Lebenswirklichkeit und die ideologisch aufgeladenen Kämpfe im eingemauerten Berlin zu einem zeitdiagnostischen Bild. Diese Figuren in diesem Roman leben im Präsens, sind immer nah an der Wahrnehmung und den Gedanken. Die wichtigste Errungenschaft der 1989er-Bewegung im neuen Deutschland bleibt, daß sie massenhaft – und hoffentlich für immer – mit der Kultur des Gehorsams gebrochen hat. Für Kunst sind solche Vorgaben nicht nur eine Einschränkung, sondern vor allem eine formale Herausforderung, die übrigens in vormodernen Zeiten ästhetischer Alltag war: Wie bewege ich mich künstlerisch in einem von Regeln, Tatsachen und moralischen Empfindlichkeiten verminten Gelände?

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Walter Ulbricht

Diesen oft zitierten Satz schwurbelte der DDR-Staatsratsvorsitzende am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz daher. Am 13. August unterbrachen die Bauarbeiter ihre Arbeit am Wohnungsbau. Der SED-Parteichef wollte immer nur das Beste. Für die Genossen, für die Kinder und vor allem – uneingestanden – für sich. Aufstieg, Ansehen, Erfolg, Wohlstand, Liebe, zumeist in dieser Reihenfolge. Und es ging fehl.

Hegel bemerkte, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen sich zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.

Sollte Karl Marx mit diesem lumpigen Dialektrick Recht haben, stellt A. J. Weigoni in seinem ersten Roman die Welt auf die Vergänglichkeitsprobe. Zwischen November 1989 und März 1990 wird die deutsche Geschichte vom Druck der Ereignisse komprimiert. Weigoni ist ein aufgewechter Causeur, der in seinen exquisiten Satzbau brillanten Metaphern einstreut. Verschlankung des Ausdrucks, Verfeinerung des Stils sind seine Sache nicht; insbesondere spart er, gegen alle Empfehlungen, niemals mit Adjektiven. Das Literarische, das Paradoxe und Simulierte dieses schriftstellerischen Unternehmens ist sein Programm in diesem fragmentarischen Ideenroman, Anekdoten sind sein bevorzugtes Material, Bonmots, historische Szenen, neuralgische Momente der deutschen Geschichte. Als Analytiker der Epoche lauscht er auf deren Geplapper, notiert, sobald darin Wahrheiten aufblitzen und legt evolutionärer Asymmetrien bloß. Als meisterlicher Seismograf existenzieller Erschütterungen erzählt Weigoni diese Liebes- und Untergangsgeschichte mit leichter Hand, sprachspielerisch, ironisch und doch kunstvoll. Und nicht einmal das, was an der deutschen Geschichte so bleischwer ist, kommt in diesem Roman so daher.

Kommunismus ist Faulenzerei plus Vielweiberei

Aus der Konstruktion der Geschichte wird eine Geschichte der Rekonstruktion. Es gehört zu den Paradoxien der Gesellschaftskritik, daß sie in spürbarer Retromanie jener vorglobalisierten Bundesrepublik hinterher trauert, die sich doch selbst mit derselben Betroffenheitsrhetorik soziale Kälte, Umweltverschmutzung und kapitalistischen Wildwuchs vorwarf. Wer Geschichte zum Zwecke politischer Bildung – und das heißt: der Schärfung politischer Urteilskraft – betreiben will, muß sich klarmachen, daß konsequente Historisierung eine Vorbedingung dafür ist, die Verführungskraft von Ideologien richtig einzuschätzen. Alles ist auf eine ästhetische Wirkung angelegt, doch es besteht bei einer solchen Inszenierung immer die Gefahr, daß eintritt, was Walter Benjamin „Anästhetisierung“ genannt hat, daß vor lauter Selbstinszenierung allmählich das politische Ziel aus dem Blick gerät. In der Rückschau auf 1989 haben sich die Illusionen der postbourgeoisen Arrieregarde jener Jahre in ihre Köpfe einzementiert. Der Sozialismus, so geht die Legende, bestand hauptsächlich aus fröhlichem Jugendleben. Häßliche Hosen, aber gewagten Dissidentenpartys. Wenig Freiheit, aber viel Sex. Wo die Liebe in die Krise gerät, gerät die ganze Welt an den Rand des Abgrunds. Und umkehrt. Weigoni hat eine Sprache für etwas gefunden hat, was sprachlos macht.

„Alternative aller Systeme! Widerlegt Euch gegenseitig Eure Illusionen!“

Im Ringen um eine gesellschaftlich relevante Kunst und bei der Suche nach einer Vermittlung von ästhetischer und politischer Wahrheit deckt Weigoni die Widersprüche der 1989er-Generation auf, Widersprüche, die nicht zu vermitteln sind. Seine Form-, Struktur- und Sprachexperimente sind nie nur Spiel; sie sind der Versuch eine erzählerische Heimat zu schaffen. In Abgeschlossenes Sammelgebiet macht dieser Romancier das Verhalten von Individuen zum Staat zu einer ganz individuellen Frage macht. Nur sie selbst können entscheiden, wie viel Idealismus sie aushalten können. Erinnerungen sind dabei fantasieanfällig, und ein Großteil des Lebens ist somit ausgedacht. Diese Vorurteile müssen aufgesprengt, sie müssen einer geschärften Sensibilität der historischen Wahrnehmung weichen, wenn wir die Realität jener „Wende“ durchdringen wollen, von der wir damals fürchteten, daß sie die zweite “zwischen den Kriegen” sein könnte. Die Klischees, die seit Jahren in Umlauf sind – von einem Buch ins nächste verschleppt, von einem Feuilleton in zehn andere multipliziert, verkleben uns den Blick. Die Wirklichkeit ist komplizierter: Der neue Mensch ist der alte. Nichts bleibt von jenen anmaßenden, verblendeten Versuchen, einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft zu schaffen, wie sie dem Sozialismus vorschwebten.

Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Jean Paul

Wie funktioniert unsere Erinnerung? Welche Faktoren bestimmen, was uns im Gedächtnis bleibt und was dem Vergessen anheimfällt? Können wir unseren Interpretationen der Geschehnisse wirklich trauen? Diese Fragen führen ins Zentrum des Romans »Abgeschlossenes Sammelgebiet«. Hegel bemerkte, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen sich zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Das größte Geheimnis der Literatur ist ihr Verhältnis zur Zeit. Sie kann ein ganzes Leben, einen ganzen Krieg, eine ganze Ära in einen Roman drängen, in einen langen vielleicht, der doch aber in ein paar Wochen ausgelesen ist. Dieser Roman spielt in der Zeit zwischen dem 9. November 1989 und dem 18. März 1990. Historisches Erzählen ist nur eingeschränkt frei, bedingt durch geschichtliche Wirklichkeit, im Fall der deutschen Katastrophen vor allem aber moralisch bedrängt. Im Konsens über den Epochenbruch findet die Gegenwart ihr neues krisenfestes und stolzes Epochengefühl.

Aus der Not wird eine Tugend gemacht und der Mangel zur (ästhetischen) Norm erhoben.

Gregor Ohlerich

Die Hauptfigur Moritz ähnelt in gewisser Weise Melchior Sternfels von Fuchshaim, dem Heldem in Grimmelshausen Simplicissimus, er stolpert von einem Unheil ins nächste. Atemlos folgt man den Verwicklungen und aberwitzigen Verwinkelungen, den Verlusten und dann wieder fast zu fantastischen Glücksfällen dieses rastlosen Lebens. In Abgeschlossenes Sammelgebiet ist alles literarische Erfindung, aber eine der glaubwürdigsten, schrecklichsten und wundervollsten. Weigoni weiß genau, wie er verzögert oder beschleunigt und wovon er schweigt. Seine Moral ist die Fortführung der Erzählung mit anderen Mitteln; sein Humor ist urteilslose Vollstreckung. Mit knappen Wendungen stößt er Assoziationsketten an und erzählt fast süffig von Identität und Liebe, Vergeblichkeit und Verwandlung. Die Beziehungsmatrix zwischen Charlotte, Jane und Moritz ist gekennzeichnet durch Aggregatzustände der Flüchtigkeit. Sie können sich wie gleichnamige magnetische Pole nur kurfristige nahe kommen. Und stoßen sich sogleich wieder ab. Die Wahrheiten in diesem Buch sind unendlich viel zahlreicher als die Irrtümer, der Mut ist viel größer, als es die Dummheiten und Fehler sind. Aber die Verbindung von beidem macht es zu einem wahrhaftigen, beeindruckenden Dokument über die Kämpfe in den Jahren der so genannten Wende. Literatur wird zu einem Passierschein in eine Möglichkeitswelt.

Hierzulande oder Andernorts

“Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man allmählich zu schweigen aufhören”, schrieb Christa Wolf, eine Wittgenstein-Formulierung erweiternd, in ihrem Buch Kindheitsmuster. Die Nachwende ist noch so gedankenwarm, daß man auf literaturordnende Maßnahmen und summierende Bilanzen verzichten kann. Dieser Romancier löst das Versprechen auf Gegenwartserkenntnis ein. Weigoni schärft das ästhetisches Profil wie zugleich das zeitdiagnostische Potenzial und ist dem Bewusstseinsstand der Gegenwart gewachsen, ihm gelingt mit dieser Prosa ein lebensnahes Verfahren, das zweifellos zu den begrüßenswerteren Einflüssen seit dem New Journalism und der Popliteratur gehört. Neutrales Berichten ist eine Fiktion. Beobachter haben Meinungen, die selbstverständlich das beeinflussen, was sie wie beobachten. Reportagen machen sich diese Subjektivität zunutze, der Leser soll durch die Augen des Reporters auf das Geschehen blicken. Zum Thema aber machen sich Reportagen diese Einflüsse meist nicht: Der Berichtende bleibt entrückt und im Dunkel, das Ich ist verpönt. Weigonis Schreiben ist immer auch ein Sichreiben. Diese Literatur ist der Geschichtserkenntnis dienlich und entfernt sich aus dem sanitären Kordon des Epochalen und Fortschrittlichen mit einer überfälligen Weltzuwendung. In seinem Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet verpflichtet sich Weigoni der aufklärerischen bildungsbürgerlichen Tradition und ist gleichzeitig offen für das Neue. Er lotet die Untiefen zwischen Rollenspiel und Bekenntniszwang aus, seine Kritik stellt sich als intellektuelles Denkmodell dar und das mit dem Bewusstsein daß der ästhetische Bewertungsmaßstab mittlerweile in Misskredit geraten ist. Der Begriff Kritik stammt vom altgriechischen Wort „kritike“ ab und bedeutet „Beurteilungskunst“, die über das Aufzeigen von Schwächen und Fehlern weit hinausweist. Die Analyse der so genannten Wiedervereinigung schließt immer auch das Erkenntnisinteresse des Prüfers mit ein, das Bedingungen, Voraussetzungen und Grenzen festlegt. Weigoni verfügt über Takt- und Temposicherheit und einen Tonfall aus Schnoddrigkeit und Ironie, mit dem er, buchstäblich en passant, ein anschauliches Bild des Prenzlauer Berges und der Düsseldorfer Kunstakademie-Szene liefert. Er beschreibt eine Zeit in der Bildung in der Gesellschaft immer mehr schwindet und hedonistische Geschmacksurteile das differenzierte Bewerten ersetzen.

Archäologische Bruchstücke, sorgsam gereinigt

Den Titel Abgeschlossenes Sammelgebiet hat sich Weigoni bei den Philatelisten geborgt. Mit dem Erscheinen der ersten gesamtdeutschen Briefmarke beginnt die sorgsame Reinigung der archäologischen Bruchstücke. Aus diesen Fragmenten rekonstruiert der Romancier eine Gesellschaft in Aufbruch und Unruhe. Die konsequent durchgehaltenen Poetik der sinnlicher Unmittelbarkeit ist erkenntnisreich und diese Erkenntnis liegt indes im Anschaulichen. Seine Ironie zielt in die Richtung einer Wirklichkeit, in der man sich lächerlich leicht verblenden läßt und ein eigener Weg möglich ist, auch wenn sie die Jugend als besonders klug, das Alter als weise, der Massengeschmack als besonders bunt tarnt. Mit der Leichtigkeit des Episodischen entwirft Weigoni ein luftiges Zeitmosaik, in dem Kurioses und Kühnes neben wegweisender Modernität und ärmlicher Verschränkung erscheint. Bisweilen geraten die Dinge zu ernst, um als bloß Anekdotisches durchzugehen. Man muss seine reich komponierte Prosa wirken lassen, beiseite legen und noch einmal von vorn anfangen. Danach weiß man besser, was diese Zeit der kulturellen Blüte war und was daraus wurde. Man kann sich diese Weisheiten natürlich ersparen, dann entgeht einem aber ein virtuoses Sprachkunstwerk – und ein bitteres Gedankenexperiment. Brillanter kann Verzweiflung nicht sein. Lesen und Nichtlesen sind ebenfalls Zwillingsschrecken. Eine solche Literatur jenseits der Moden und des Spektakulären verlangt den Pakt mit dem Leser; wer ihn eingeht, begegnet einer Erzählkunst, die der Beschwörungskraft der Worte vertraut.

Rebellen brauchen immer keinen Grund

Erzählkunst stellt nichts dar und bildet nichts ab, vielmehr stellt sie, mit Niklas Luhmann, ein „unwahrscheinliches Formenarrangement“ in den Raum, ein semantisches Arsenal, karnevalesk und nahe an dem Mutwillen, aus dem die Träume ihren Schabernack mit uns treiben. An die Stelle der Staatsräson als Paradigma des Politischen ist mit der Französischen Revolution Rousseaus volonté générale getreten – und mit ihr die Idee der Volkssouveränität. Damit stellte sich die Frage, wie sich aus einer Vielzahl von Menschen eine homogene Einheit bildet oder bilden läßt, ein direkter Weg von Individuum ins Zwangskollektiv. Jurek Becker hat einmal behauptet, in der DDR sei der Mensch in seinem Widerspruch nicht zugelassen gewesen. Wer diesen moralisch und politisch tilgen will, richtet auf allen Ebenen Unheil an. Wer die Menschen nach seinem Bild zu formen versucht, bringt zwangsläufig Ungeheuer und Verderben hervor. Rousseau sagt: Man soll die Gesetze so machen, wie sie sein sollen und die Menschen so nehmen, wie sie sind. Das einzige jedoch, was die Menschen besser machen kann, ist die Schaffung gerechterer Lebensverhältnisse, in denen sie besser leben könnten. Die Erfahrung, nur noch durch Zufall am Leben zu sein, durchzieht Weigonis Werk; die Lebensentwürfe seiner Hauptfiguren werden in seiner Prosa als stets gefährdete Experimente des Lebens beschrieben. Es ist die von jeder Fiktion und Illusion entschlackte, in inkohärenten Bilderfetzen erfaßte Seele der Deutschen Nation, deren tödlichster Exzess die Inkohärenz selbst geworden ist.

Die Beweglichkeit des freien Denkens

Weigoni zählt zu den Schriftstellern, die sich über mehrere Häutungen und auch schmerzhafte Verwandlungen durchringen zum Eigenen. Es steckt ein Fatalismus in diesem Roman, den man nur zärtlich nennen kann. Seine Prosa zeichnet sie sich durch einen lakonischen Stil, eine ausgeprägte Sensibilität für Atmosphären und psychosoziale Konstellationen aus. Er erweist sich als Feinmechaniker der Gefühle und hat das Talent, ohne jede Peinlichkeit Erotik, Rausch und zarte wie abgründige Gefühle zu schildern, indem sie schonungslos und präzise hinschaut, sich phänomenologisch nähert und genau die richtigen Oberflächendetails beschreibt. Dieser Romancier sammelt Geschichten ein, arrangiert sie mit der Präzision eines Uhrwerks zueinander, bewahrt sie in der Konstruktion des Textes vor jedem Kitschverdacht und gibt ihnen doch ausreichend Raum zur emotionalen Entfaltung. Wenn man von Liebe als einem universellen Gefühl spricht, so meint jeder etwas anderes. So alt wie die Menschheit, so neu ist sie für jeden und jedes Mal wieder, denn alles, was zählt, ist ihr Augenblick. Wie wir sie kennen, als Selbstvergewisserung im Blick des anderen, ist sie eine Erfindung des 18. Jahrhunderts – und möglicherweise schon bald ein Fall fürs Museum. Im Geiste Lichtenbergs gelingt es Weigoni, Wissen, Erfahrungen und Ahnungen zu luziden Gebilden zu schürzen. Als notorisch Schweifsüchtiger berückt er durch melancholische Eleganz. Er widersteht der Versuchung im Nachhinein eine heldische Stasi-Geschichte zu erzählen und kommt den Charakterbildern und ihren Deformationen subtiler auf die Spur. Mit dem Verzicht auf das große Gesellschaftspanorama und mit der Konzentration auf die Figuren erweist sich, wie politisch das Private aufgeladen war. Das Politische wird bewußt auf eine psychologische, private Ebene gebracht. So passiert es, daß dem Leser eine entscheidende Frage gestellt wird: Was hat uns zu dem gemacht, was wir sind?

Forcierte Beziehungsdramatik

Liebe ist nicht einlösbar, der totale Anspruch, der hinter diesen Vorhaben steckt, die Bedingungslosigkeit, die Unbegrenztheit. Davon zu erzählen, ganz ohne in Gefühligkeit zu verfallen – das schafft nur ein großer Romancier. Weigoni ist ein Archäologie dessen, was zwischen zwei konkreten Menschen an einem konkreten historischen Ort einmal sagbar war und was unsagbar blieb. Und zugleich ist Abgeschlossenes Sammelgebiet ein Dokument von lichter und ansteckender Gegenwärtigkeit. Es Roman über Sprache und Kunst sein, über Liebe und Weiterleben, in ihrer Möglichkeit, in ihrer Unmöglichkeit. Begehrensstrukturen haben die Auffassung von Liebe verändert, nicht nur Liebeskonzepte, sondern auch dazugehörige Gefühle sind wesentlich durch den gesellschaftlichen Rahmen geprägt, in dem sie gelebt werden. Vom “authentischen Drama des Zusammenseins”, vom “oszillierenden Plasma der Beziehungen”, vom “Innen/Aussen-Paradoxon” ist in den Ratgeber-Büchern die Rede. Weigoni versucht dem Akt des größten menschlichen Begehrens unter erschwerten Bedingungen gerecht werden. Liebe ist unter hypermodernen Bedingungen einerseits emotional stark aufgeladen, andererseits unterliegt sie der allgemeinen Rationalisierungs- und Entzauberung durch den Diskurs der Naturwissenschaft und der Psychologie. Die westliche Kultur ist besessen vom Thema der romantischen Liebe. Es ist eine Illusion, die mit dem Hochzeitsmythos in der Populärkultur immer genährt wird. Die Braut sieht sich in einer Celebrity-Fantasie als Star, für einen Tag. In der Zeitenwende, wo alle immer hektischer nach dem großen Gefühl suchen und dabei von vornherein genaue Vorstellungen haben, scheint es immer fraglicher, ob die Liebe überhaupt noch eine Chance hat, real zu werden. Und wenn ja, würde man sie überhaupt erkennen?

Westblock – Ostblock = Weblog!

Es bedeutet nichts Gutes für die realsozialistische Gesellschaft, wenn sie nur noch mit den Parametern der Literatur zu messen ist. Im Gegenteil. Es ist unheimlich, wenn die antiken Topoi und kulturpessimistischen Geschichten – vor den Toren das drohende Verhängnis, während intra muros feiste ZK-Mitglieder weiterhin der Wollust und der Ämter-Schacherei frönen – plötzlich als aktuelle Kommentare fürs alt-neue Rom und Athen taugen. Wenn jedoch der Populisten Triumph und Scheitern samt den archaischen Abgängen ihrer Kreaturen nichts hergeben für das nuancierte Instrumentarium zeitgenössischer Politik- und Gesellschaftswissenschaft, wenn also die Wiederkehr des bereits überwunden Geglaubten alle modernen Ansätze als obsolet erscheinen läßt. Wenn Politbüromitglieder sich der hehren Vokabeln bemächtigen, um mit ihnen Notzucht zu treiben, kann sich die Literatur nicht mit lakonischer Distanz begnügen, sondern muß ein ganzes Arsenal sinnlich erfahrbarer Geschichten öffnen, auf daß die blecherne Herrscher-Rhetorik nicht das letzte Wort hat. Diese Politik ist eine Aneinanderreihung symbolischer Handlungen und die Politiker sind Symbolfiguren. Weigonis Schreibweise erinnert daran, wie wir in der Geschichte stehen, bevor sie in die späteren, reflektierten Formen gegossen ist. Seine Texte zeigen uns die Welt, in der wir leben, auf eine ganz neue Weise, er ist ein im besten Sinne unabhängiger Geist, der sich allen literarischen Konventionen stets zu entziehen wusste und an bewußt an der Schnittstelle zwischen Literatur, Musik und bildender Kunst denkt. Dieser Medienkenner navigiert  zwischen den verschiedensten Genres, Tonlagen, teilweise auch Produktionszusammenhängen. Weigoni ist ein bekennender Kinonarr: Im Gegensatz zu Quentin Tarantino jongliert er allerdings weniger offensichtlich mit Referenzen, sondern verweist eher auf sein berauschend ganzheitliches Verständnis der Kunstform bei diesem Video in Worten.

Was erzählbar ist, ist überwunden.

Anna Seghers

Weigoni dokumentiert das politische Programm eines aus dem Alltag hervorgehenden Aufstands der Ohnmächtigen gegen ein System der Lüge. Die Macht der Bürokratie wurde in der DDR ,Macht des Volkes‘ genannt. Im Namen der Arbeiterklasse wurde die Arbeiterklasse versklavt. Die Demütigung des Menschen wurde für seine Befreiung ausgegeben. Isolierung von der Information wurde als Zugang zur Information ausgegeben. Die Manipulation durch die Macht nannte sich ,öffentliche Kontrolle der Macht‘, und die Willkür nannte sich ,Rechtsordnung‘. Die Unterdrückung der Kultur wurde als ihre Entwicklung gepriesen. Die Ausbreitung des imperialen Einflusses wurde für die Unterstützung der Unterdrückten ausgegeben. die Unfreiheit des Wortes für die höchste Form der Freiheit. Das ZK fälschte die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Die Revolution von 1989 war die erste in der Geschichte, die sich um die Lebenszeit drehte, um welche die Menschen sich betrogen glaubten. Im Mittelpunkt steht die Forderung des Rechts auf unbeschädigte, unverkürzte Lebenszeit. Der Sozialismus hatte diese Ansprüche geschichtsphilosophisch vertagt, indem er sich durch das Glück künftiger Generationen legitimierte. Der realexistierende Sozialismus ist untergegangen, das System der Lüge nicht. Es geht Weigoni in Abgeschlossenes Sammelgebiet nicht allein um die angelegte Demaskierung der realsozialistischen Tragikomödie, sondern um die Überwindung des Konformismus der Konsumgesellschaft generell.

Die deutsche Seele, ein weites Land

Für Weigoni ist Architektur eine Metapher für die Literatur: Auch Prosa ist ein Gebäude, und man muß teilen können, um sie so konstruieren zu können, daß sie zugänglich sind. “Der retrospektive Charakter der Erinnerung setzt erst ein, wenn die Erfahrung, auf die sie sich bezieht, abgeschlossen im Rücken liegt”, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in einer Studie zu den Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses festgestellt hat. Geschichtsbewusstsein ist ein Wort, das nach Schule riecht. Aber die Tatsache, daß man sich der eigenen Geschichte, des Landes und der Zusammenhänge, in denen man steckt, bewusst ist, ist ein zentrales Moment für die Ausbildung eines Bewußtseins. Weigonis kultur-archäologische Spurensuche macht dem Leser Einzelteile der deutsch-deutschen Geschichte zugänglich, die unbemerkt unter den Teppich der Bewältigung gekehrt wurden. Jene, die erzählen können, die das erlebt haben, sind in der Pflicht, das zu überliefern. Dieser Prozess ist aber durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit und dadurch, daß man sich dem Alter gegenüber herablassend verhält, ins Stocken geraten. Weigonis Abgeschlossenes Sammelgebiet ist auch ein entschloßener Versuch, sich dagegen zu wehren. Der ideologische Firnis löst sich ab. Wir sehen Hoffnung, Enttäuschung, Dünkel, Verstrickung, Scheitern – und sind ernüchtert. Uaufgeregt und sprachlich pointiert vermittelt er im besten Sinne ästhetische und moralische Bildung; diesem Romancier gelingt eine Vermählung aus Romanstoff, Historie und Lebenswelt, die in Deutschland bisher undenkbar ist. Der optimistische Dialektiker würde sagen: Zum Glück. Abgeschlossenes Sammelgebiet zählt neben dem von Alexander Kluge oder Uwe Johnson, zu den großen poetischen Gestaltungen deutscher Zeitgeschichte, in lyrischer und epischer Form.

Ich kenne kein Land auf der Welt, in dem es nicht die ideologische Zensur oder die Zensur des Marktes gibt.

Christa Wolf

Der Leser wird von Weigoni als Homme de Lettres geachtet und nicht zum bloßen Buchabnehmer degradiert, dem marktschreierisch die üblichen Verdächtigen aus den Bestsellerlisten aufgeschwätzt werden. Das Wort „Verbraucher“, das von den renditefixierten Buchhandelskonzernen gerne benutzt wird, verrät mehr, als diesen Event-Vermarktern lieb sein kann: Gute Literatur verbraucht sich nicht „zu verkaufen“, der gebildete Leser schert sich um kein Verfallsdatum, daher darf man ihm auch eine Anstrengung zumuten. Es ist nicht einzusehen, daß der Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet, an dem Weigoni 25 Jahre lang gearbeitet hat, schon nach einer Buchsaison auf den Grabbeltischen des modernen Antiquariats landet. Der herabgesetzte Preis eines Werkes geht schließlich immer auch mit der Herabwürdigung seines Verfassers einher: nur die verkaufte Auflagenzahl, nicht aber die Qualität seiner Arbeit wird hier bewertet. Einen Schriftsteller wie Weigoni als ein Glied in der Wertschöpfungskette zu erachten, verfehlt das Wesen von Literatur. Wenn das intellektuelle Niveau steigt, sinkt bekanntlich der Marktwert, weil sich das Leserpotenzial verringert. Wer also gehobenen Ansprüchen gerecht werden will, muss Literatur als etwas Höheres begreifen und nicht bloß als Handelsware. Autoren, die keine Massenauflage erreichen können, müssen eben finanziell gestützt, Kleinverlage wie die Edition Das Labor, die den Mut haben, solche schwierigen Bücher zu drucken, gefördert werden. Denn sie schaffen ein ideelles Kulturgut, das sich für die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht auszahlt, wenn auch nicht zwingend in barer Münze.

Das Chaos ist aufgebraucht – es war die beste Zeit!

Bert Brecht

Der Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet nimmt von der Ideologie des Verbrauchertums Abstand. Es gibt für diesen Romancier nicht den geringsten Grund, Zugeständnisse an den Mainstream zu machen. Es ist eine schneident imtelligente wie bitter-ironische Reflexionsprosa. Großartige Bücher liest man nicht, um sie zu verstehen. Es geht nie um Verständnis. Die Bücher, die interessant sind, sind Bücher, die man auf den ersten Klick nicht versteht. Bücher, die dem Leser viel abverlangen. Bücher, die den Leser zwingen sich mit dem auseinanderzusetzen, was man nicht weiss. Bücher, die dem Leser etwas von außen Kommendes erfahren lassen. Was sich in den Vignetten sacht andeutete, über Schicksale und Handlungsstränge die Weigoni in den Zombies ausgelegt und in Cyberspasz zusammengeführt hat, wird in seinem ersten Roman zu Gewißheit, hier entsteht ein Lebenswerk, das im glattgeföhnten Literatur-Betrieb wie ein Solitär funkelt.

 

 

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Alle Exemplare des Prosa-Werks sind als Hardcover handsigniert und limitiert in einem Schuber aus schwarzer Kofferhartpappe erhältlich. Darin enthalten sind:

Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989

Vorlass, Gebrauchsprosa von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2019.

630, Doppel-CD, Rezitation von A.J. Weigoni, Edition Das Labor 2018.

Lokalhelden, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2018 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover

Abgeschlossenes Sammelgebiet, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2014

Cyberspasz, a real virtuality, Novellen, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Zombies, Erzählungen, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Vignetten, Novelle, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2009.

 

 

Weiterführend →

Zur historischen Abfolge, eine Einführung. Eine Annäherung von Angelika Janz finden Sie hier. Ein behutsame Heransgehensweise schlägt der Lektor Holger Benkel vor. Eine Rezension von Jo Weiß findet sich auf kulturaextra. Einen Essay von Regine Müller lesen Sie hier. Beim vordenker entdeckt Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf Fixpoetry arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu Jahrestage von Uwe Johnson und diesem Roman wird hier gezogen. Die Dualität des Erscheinens mit Lutz Seilers “Kruso” wird hier thematisiert. Den Klappentext, den Phillip Boa für diesen Roman schrieb lesen Sie hier.

→ Lesen Sie auch Denis Ullrichs Rezensionsessay zum zweiten Roman von A.J. Weigoni.

→ Eine Würdigung des lyrischen Gesamtwerks finden Sie hier.