Sprechgesänge

20. Januar 2013
Von

Wer ein langes Gedicht schreibt, schafft sich die Perspektive, die Welt freizügiger zu sehen, opponiert gegen vorhandene Festgelegtheit und Kurzatmigkeit.

Walter Höllerer

Photo: Jesko Hagen

Falls der Komponist Robert Schumann recht hat und Musik die höhere Potenz der Poesie ist, dann sind die Parlandos Musik. A.J. Weigoni setzte der Vergänglichkeit der Sprache den Gesang entgegen. Es versammeln sich in diesem bewußt heterogen zusammengestellten Gedichtband philosophische Maximen, Gedankensplitter, mystische Reflexionen und rhapsodische Eindrücke. So vielgestaltig die Anlässe, die den VerDichter zum Schreiben anregten, so vielschichtig gestalten sich diese Arbeiten, die für das Westfälische Landestheater, das Mecklenburgische Künstlerhaus Schloss Plüschow, die Kunstsammlung NRW und den Klangturm St. Pölten binnen 25 Jahren entstanden sind. Dieser Band bietet einen konzisen Überblick über Weigonis dichterisches Schaffen.

Urschriften der Dichtung

Es gibt in der neueren Literatur nicht viele überzeugende Langgedichte. Das Geheul von Ginsberg, Der Untergang der Titanic von Enzensberger – und es ist nicht übertrieben, wenn man in diesem Zusammenhang auch das lyrische Monodram Señora Nada von A.J. Weigoni erwähnt, vielleicht das faszinierendste deutschsprachige Langgedicht der letzten Jahre.
Axel Kutsch

A.J. Weigoni · Porträtiert von Jesko Hagen

Es gehört zu den Auffälligkeiten dieser Langgedichte und Zyklen, daß Weigoni die Sprachräume, die er ausschreitet, bevor er sie manchmal in geradezu schwindelerregende Höhen treibt. Nach dem Sturz ins Abgründige werden akribisch Bodenproben genommen, werden Bedeutungsablagerungen untersucht, wird genau analysiert, was da als Bodensatz vorhanden ist. In dieser Lyrik verdichten sich Zeit- und Raumdimensionen; Realität und Traum verschränken sich, die Laut- und Klangbilder werden an ihre Ursprünge zurückgeführt, bis ein archaischer Rhythmus zu vernehmen ist. Seine Fähigkeit besteht darin, allein aus Haltungen und Gesten zu erkennen, was den Menschen widerfahren ist. Er baut seinen Stoff aus Beobachtungen. Als Flaneur lockt Weigoni den Hörer in Fallen und Verstecke quer durch die Weltliteratur, durch die er sich, bildungssatt und erkenntnishungrig, als Cicerone bewegt, um auf immer wieder überraschende Weise Arglist und Täuschung zum Arsenal der Kunst auszurufen.

Entfesselte Sprachalchemie

Radierung von Haimo Hieronymus

In hochkonzentrierter Form macht das Monodram Señora Nada etwas, was nur die Literatur kann, aber auch sie nur sehr selten: Es macht Dinge vorstellbar, die man sich nicht vorstellen kann, weil es nicht auszuhalten wäre, wenn man es täte. Doch wenn sie wie hier verwandelt erscheinen, verdichtet, in jedem Wortsinn, zu Literatur, werden sie, wenn schon nicht erträglich, so doch erlebbar in einer Mischung aus Grauen und ästhetischem Genuß. Dieses Monodram handelt von der Konstitution einer Gegenwirklichkeit der psychischen Prozesse. Was scheinbar geschieht, ist nur die Oberfläche eines ganz anderen Abenteuers. Dem Titel liegt die Auffassung zugrunde, daß sich jeder Mensch in seinem Bewußtsein eine Welt nach seinem Maß erschafft – ein Vorgang, den das Werk gleichsam in der Schrift wiederholt. Die erzählerischen Strukturen des Monodrams geraten ins Wackeln, die semantischen und morphologischen Valeurs der Wörter rücken ins Zentrum. Die entfesselte Sprachalchemie triumphiert über den Traditionalismus. Die Redensarten haben versagt, so bleibt nur der Weg in die innere Demontage und Sprengung aller konditionierten Sprechhaltungen: heraus aus den Festlegungen, hinein in die Polysemie, das turbulente Spiel der Mehrdeutigkeiten. Seine Poesie ist kein Prozeß, in dem man eine Erkenntnis verschlüsselt oder treffender formuliert, sondern eine Sphäre menschlichen Tuns, die so autonom ist wie die Musik, die bildende Kunst, der Tanz. Will man beschreiben, warum diese lyrischen Monodramen eine so betörende Wirkung entfalten, könnte man sagen: Da ist ein Klang von Stille.

Musik des Denkens

Weigoni und  Täger spüren der Sprache vor allem als akustischem Phänomen nach.

Dr. Christiane Schlüter, Buecher-Wiki

Tom Täger, Komponist der Hörspielmusik zu Señora Nada · Photo: Dieter Meth

Mit den ersten Zeilen wird dieser Ton angeschlagen, wie in der Eröffnung einer Cellosonate, drängender Abstieg in gefaßte Melancholie. Vorsichtig, zurückhaltend setzen sie ein, die Langgedichte, aber sie alle variieren ein einziges überwältigendes Thema – was der Mensch ist in seiner Ungeschütztheit, wie er sich darin bewähren kann, vor allem vor sich selbst. Bei Señora Nada provoziert Weigoni mit einem stream–of–consciousness durch Inhalte, und nicht durch Dolby–Surround. Darin wird er von Tom Täger begleitet mit einer Musik der befreiten Melodien. Seine Komposition ist durchsetzt mit minimalistischen und improvisatorischen Erfahrungen, das Klangbild wird von experimentellen Klängen zu Trivialklängen in Bezug gesetzt. Es entsteht in der Zusammenarbeit mit der Regisseurin Ioona Rauschan und der Darstellerin Marina Rother ein Weltuntergangsdrama in Form einer fein ausziselierten, virtuos durchkomponierten Wortsymphonie.

Untersuchungen zum Verhältnis von Mythos und Sprache

Seit Jahren beobachte ich die bemerkenswerte Entwicklung des Multimediakünstlers A.J. Weigoni. Zu seinen besonderen Kennzeichen gehört die Wachheit für die Entwicklung zeitgenössischer Kommunikationstechnologie, deren Nutzung und der spielerisch–experimentelle Umgang mit allen erdenklichen Ausdrucks– und Kommunikations– und Vertriebsformen. A.J. Weigoni akzeptiert keine vorgegebenen Kategorien medialer Produktionen, sondern sprengt unbekümmert deren Grenzen.
Prof. Almuth Keusen–Hickl

Schwarz ist die Farbe der Stille, Weiß jene des Rauschens auf diesen menschenleeren Bildern, die Meer und Riff, Bucht und Hafen ins wechselnde Licht rücken. Die grammatische Implosion im letzten Wort, das Herausbrechen unbetonter Vokale, versinnlicht sprachlich das Motiv des Schiffbruchs. Über den spärlichen Werken der Zivilisation liegt die Aura schrecklicher Schönheit, Spuren verlieren sich am Strand. Den Kampf um die Dauer hat der Mensch hier immer schon verloren. Die Schönheit von Weigonis Sprache liegt in der lakonischen Präzision des Wortes, der Genauigkeit jeder Beobachtung: in der Poesie des bewußt erlebten Augenblicks. So als habe die Todesnähe, in der die Protagonistin sich befindet, auch das Bewußtsein des Lyrikers beim Schreiben aufs Äußerste geschärft. Wo das Schreiben die Notwehr der Seele gegen den Ansturm des Nichts darstellt, wird alles möglich. Weigoni ist ein Vertreter stilistischer Polyphonie, er schert sich nicht um die klassische Schriftsprache und Forderungen der sprachlichen Reinheit, sondern mischt gehobene mit niederen Ausdrucksweisen und wartet mit einer Fülle von Soziolekten, dialektalen Eigenarten und syntaktischen Fügungen aus der gesprochenen Sprache auf. Er verwendet wissenschaftliche Begriffe wie Ausdrücke der Alltagssprache, nimmt tradierte Metaphern auf und prägt neue. Wiederholungen, motivische Wiederaufnahmen und Inversionen, rhetorische Fragen, aphoristische und apodiktische Formulierungen setzt er stilistisch wirkungsvoll ein und spickt seine Poesie mit Zitaten anderer und Anspielungen auf eigene Werke. Das kaleidoskopische Zitieren verschafft seinen Schriften eine intertextuelle Ebene, die sich als eine Form kultureller Erinnerungsarbeit deuten läßt. In diesen Satzgirlanden, die zuweilen von schelmischem Gelächter durchdrungen sind, geht es um unterschiedliche Anteile von Tradition und Traditionsbruch. Seine Sprache bringt das Geheimnis der Dinge zum Leuchten.

Metaphysik des Schwebens

Señora Nada ist ein lyrisches Monodram über das Überwinden von Trauma und Schmerz durch Erkenntnis dank des Eindringens in die unoffenbarte Zwischenwelt. Die Welt zwischen Haben und Sein, zwischen Bestimmung und Freiheit, zwischen Jetzt und Immer.
Ioona Rauschan

Señora Nada. In der Hörspielfassung wird sie dargestellt von Marina Rother.

Señora Nada präsentiert ein schwankendes Daseinsgefühl. Hier geht es um die Krankheiten der Epoche, um Entfremdung, Auraverlust der Kunst und die metaphysischen Konsequenzen, die für den transzendental Obdachlosen aus der Entzauberung der Welt entstanden sind. Dieses Monodram zeigt sich lyrisch hermetisch und auf engstem Raum labyrinthisch, die dahinsurrenden Zeilen sind raffiniert und lapidar zugleich, Stimmungsbilder aus dem Innersten einer äußerst ungesicherten Existenz. Wie im Mondlicht die Dinge eine quecksilbrig harte und zugleich diffus changierende Kontur annehmen, von der einen in die andere Gestalt wechseln, somit der Einbildungskraft doppelt ausgeliefert scheinen, erweist sich Señora Nada als somnambul und luzide zugleich. Eine nächtlich phosphoreszierende Welt, Wachtraum und Traumerwachen, die sich nur in ganz wenigen Augenblicken versöhnlich entspannt. Dieses Monodram bietet Momentaufnahmen einer beängstigend sinnlichen Metaphysik des Schwebens, einer gegenständlichen Bodenlosigkeit gleitender, entgleitender Bezugspunkte, einer sich verschränkenden inneren und äußeren Welt. Es ist beides enthalten und gleichfalls bestimmend: Form und Formsprengung, bezogen auf die allgemeine Geschichte der Gattung Langgedicht, und besonders auf die individuelle.

Parerga und Paralipomena

So schreibt kein anderer im deutschen Sprachraum.

Theo Breuer

Der “Künstler Meinen” in seinem Atelier. – Photo: Dieter Meth

Zwischen die großen Blöcke seiner Mondramen sind unterschiedliche Zyklen, die sich sprachlich auf den konkreten Ort, bzw. das gesetzte Thema einlassen. Sie sind intellektuell, konzentriert, aber auch witzig und ironisch. Die Erprobung neuer Sprach- und Spielformen und Verfremdungen besteht in einem poetischen De-Konstruktivismus. Diese Gedichte wollen gesprochen werden, die haben einen Resonanzkörper, der mit einer Stimme zum Klingen gebracht werden soll. Hier zeigt sich, wie sich Weigoni zwischen Musik, akustischer und bildender Kunst bewegt, unterstützt von Künstlern wie Anna Jacquemard, Haimo Hieronymus und Peter Meilchen oder auch Komponisten wie Frank Michaelis und Tom Täger. Im Bermuda-Dreieck zwischen Arnsberg, Düsseldorf und Bad Mülheim entstand jene ästhetische Kreativität und schöpferische Irrationa­lität in Bild, Wort und Ton. Man liest diese Mikrozyklen auch so, als würde man einer geistreichen Konversation unter alten Weggefährten lauschen, die sich nichts mehr beweisen müssen und nur daran interessiert sind, einander neue Einsichten mitzuteilen. Die größte Wirkung erreicht Weigoni, wenn er Leerstellen und Verschwiegenes einfügt, die das offene Geheimnis preisgeben, und das Verschwiegene ist höchst beredt, diese Zyklen murmeln vor sich hin, deutlich und hörbar für die Leser. Man sollte sie lesen und hören zugleich.

Digitale Grobpixelung

Nur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde.

Exemplarisch läßt sich Meilchens und Weigonis Arbeit an einem Multimediaprojekt verdeutlichen. Schland ist der Versuch, den Blick gleichsam zu konservieren und mit der Kraft der Vergewisserung die Seele des Augenblicks festzuhalten. Diese multimediale Arbeit beschreibt einen akustischen Raum in einem räumlichen Behältnis, dem neuen DeutSchland, einem fiktiven Staat, tiefste Provinz. Schland folgt dem poetischen Kernsatz: Nur die Fiktion ist noch wirklich, weil die Wirklichkeit durch mannigfaltige Wahrheiten verunstaltet wurde. Schland ist nicht nur ein Acker in Herdringen, auf dem Milchproduzenten umherlaufen, Schland ist überall. Es geht (ganz im Sinne Poes: Man sieht es und sieht doch hindurch) um den Blick, das Sehen, die Kurzsichtigkeit. In seinem Spiel mit den unterschiedlichen Oberflächen und Texturen, in der Kontrastierung der scheinbar unvermittelten Landschaft bei Herdringen, den mehrfach gebrochenen Ausblicken auf das Sauerland sind diese Fotos – nicht nur im ironischen Kommentar des zusammengekniffenen Photografenauges, immer auch Reflexionen über das Medium Photografie. Die Artisten präsentiert mit Schland ein durchaus ernsthaftes Projekt über ein Tier, dessen Faszinationspotenzial gering scheint, dem aber ein entscheidender Anteil an der Sesshaftwerdung des Menschen, also der wesentlichen zivilisationsgeschichtlichen Wegmarke überhaupt zugesprochen werden kann. Das Kühe, die gütigen Ammen der Menschheit sind, wissen wir seit dem alten Testament, die Gründe dafür, daß der Kuh eher das Image von Behäbig– und Mittelmäßigkeit anhaftet, vollzieht Meilchen und Weigoni in ihrem Projekt nach, indem sie zeigen, wie ursprünglich biologische Konstitutionsmerkmale oder historische Notwendigkeiten mit symbolischem Gehalt gefüllt werden.

Poetische Osmose zwischen dem lyrischen Ich und der Welt

A text that alludes to Eliot’s Waste Land, was set to music by Tom Täger,using minimalist techniques and sound effects like the rustle of paper.
Judith Ryan · The Long German Poem in the Long Twentieth Century

Folgt man den Gedanken Weigonis, ist Unbehaust ein Stück über die (mögliche) Freiheit des Einzelnen innerhalb der Unfreiheit der Bedingungen. Jeder träumt den autonom-autistischen Traum vom Leben als Held. Jo Chang, die Heldin, mißtraut diesem Traum. Sie führt ihn vor, destabilisiert, zerreißt ihn. Das Leben bietet andere Realitäten. Und mehr noch – andere Traumata. Erfahrung einatmen, Gedichte ausatmen. Leben und Dichtung sind nicht getrennte Bereiche, sie entwickeln sich miteinander in Verantwortung und Zeugenschaft. Dieses Langgedicht schraubt sich wie Tunnelbohrer durch zeitgenössische Erfahrungsräume. Ob diese Monodramen etwas bedeuten sollen, ist zweitrangig. Entscheidend ist, daß sie sich ereignen. Diese Lyrik ist ein Sprachgeschehen, das die Leser synchron miterleben können, vorausgesetzt, er ist bereit, den sprunghaften Wechsel zwischen symbolistischen und gegenständlichen Weltbeschreibungen mitzuvollziehen. Jo Chang laboriert mit Methoden zum Einfangen irrationaler Verbindungen mittels der „écriture automatique, sie erkennt die seelischen Verkrüppelungen, Restriktionen und kommunikativen Verarmungen, das Orientierungsdefizit der Mitmenschen, ihre autistischen Tendenzen, Doppelmoral, Neurosen und den Lebensverzicht. Diese Perspektive birgt reizvolle Chancen für kleine Grausamkeiten und unerwartete Wahrheiten.

Tiefenbohrungen in die Überlagerungen

A. J. Weigoni erkennt die Schwellen und Brüche der sich rapide verändernden Gesellschaft und bearbeitet ihre Ambivalenzen in seinem Werk.

Sein Stil ist ein Tanz, ein Spiel der Symmetrien aller Art und ein Überspringen und Verspotten dieser Symmetrien. Das geht bis in die Wahl der Vokale. Der Mensch ist ein eigentümliches Wesen, das durch die Sprache von sich getrennt ist. Erst diese Trennung von sich macht es möglich, daß er einen Bezug zu sich selbst hat. Weigonis Schreiben kreist beständig um die Verstrickung in diesen sprachlichen Diskurs. Dieses Lebensthema bildet das Gravitationszentrum seines Denkens. Er will das Leben nicht ersetzen, sondern verdichten, Erfahrungen nicht übertuschen, sondern erforschen. Auch die Form, die ein Künstler seinem Kunstwerk gibt, ist für ihn nur ein Täuschungsmanöver, das Wahrheit und Stabilität lediglich suggeriert. Er beschreibt die Konstruktion von Wirklichkeit als einen offenen Prozeß, den abzuschließen immer schon eine Verfälschung bedeutet, da daß die Behauptung von Eindeutigkeit fordert. An dieser Eindeutigkeit scheitert auch Jo Chang in dem Monodram Unbehaust. Eine Empfindung von Vielfachheit, Gewesenheit und Wiederholtheit reist mit, hält sie gefangen. Ihr nomadisches Dasein ist eine linguistische Odyssee. Jo Chang springt hin und her, verknüpft die entlegendsten Erscheinungen und fesselt durch ihre Kunst der gekonnten Abschweifung. Jede Form von Dogmatismus ist ihr zuwider, stattdessen propagiert sie eine Art kreativer Zweideutigkeit. Offenbar geht die Selbstbesinnung und das Bewußtsein von einer globalen Ordnung weiter, als je vorher, und damit auch das Verlangen, dem einzelnen Wort jenen ganz bestimmten Sinn zu geben, der über die momentane Saturierung und den bloßen Spieltrieb des Organisierens und Kombinierens hinaus reicht; den Sinn nämlich, Poesie jeweils als Vorstellung jener umfaßendsten globalen Struktur zu verstehen, in die alles einbezogen ist. Das hat nichts mit weltfernem Mystizismus und Dogmatismus zu tun, sondern ist ein Zeichen dafür, daß einen in ganz besonderem Masse das Staunen überkommen kann, wenn man heute die einfachsten Überlegungen und Untersuchungen über ein einziges Wort anstellt und Zusammenhänge entdeckt, die zwangsläufig zu neuen Ordnungsvorstellungen führt, zu einer neuen Anschauung der Materie und damit des Handwerks überhaupt. Als unentwegter Passagier der Gegenwart kann sie nicht endlos in der Warteschleife des aufgeschobenen Sinns verweilen.

Geröllhalden des Gedächtnisses

Was uns verbindet ist das Papier. Zwischen Mensch und Papier gibt es eine Intimität, eine geradezu körperliche Affinität. Papier ist dem Menschen in vielem ähnlich. Es ist schwach und altert. Der kleinste Unfall, und es reisst.

A.J. Weigoni tariert den Widerspruch aus, zwischen epischem Anspruch und lyrischer Subjektivität, zwischen dem Ehrgeiz, die Virtuosen einzuholen, und der Sehnsucht nach einer ganz anderen, nicht verdinglichten, weltversöhnenden Poesie. Mitunter gebiert das Leben höchstselbst die Kunst. Wenn es anders nicht zu ertragen ist. Als menschlicher Überlebensausweg aus den Bedrängnissen der Welt. Sie findet aber oft auch dann noch zu einer meisterhaften Form, wenn sie sich aus sich selbst gebiert, ihr Lebenslicht nur weiterreicht. Weigonis Monodram scheint unter der Wortoberfläche eine latente Musikalität mitgegeben zu sein. Jo Chang bewegt sich in den Gärten des Lauschens. Doch anders als bei »Señora Nada«, deren Sprache gleichsam silberhell klingt, arbeitet Täger mit dem Geräusch des Papiers, das er aus der Konnotation des Nebensächlichen, ja des Störenden zu befreien sucht. Tom Täger hat ein waches Ohr für die Naturtöne in der großen Stille. Seine Klangcollage zeugt von großer Disziplin, kommt schlackenlos daher, hart und kristallin manchmal, aber immer wieder auch mit Glanz und innerer Wärme. Diese Komposition ist eine kunstvolle Etüde über die Frage: Wie weit kann man Musik elementar machen, ohne ins Leere zu fallen?

Auf der Suche nach der Unvollkommenheit

Das Monodram Unbehaust ist der Versuch, ganz nahe an der Leere, am Unpersönlichen vorbeizugehen.

Höflich dringt Weigoni mit einer Strategie des Erlöschens in die geistige Wärmestube des Bürgertums ein und räumt sie aus. Das Sprechen hat hier seine Selbstverständlichkeit verloren, es hat wenig mit Zwerchfell, Stimmband oder Resonanzraum zu tun. Jo Chang hat ihre Rede nicht. So geht viel, fast alles, verloren. Ihre Verweigerung ist konfrontativ, sie spielt auf mit enttäuschter Erwartung und liefert sich der fremden Sphäre komplexer Geistigkeit aus. Ein delirantes Bewußtseinsprotokoll wird zum Soziogramm einer gefesselten Gesellschaft. Das Dunkle im doppelten Wortsinn, als Unergründlichkeit und Düsternis, ist für Weigoni eine zentrale poetische Qualität, und nicht nur aus persönlicher Vorliebe, sondern aus ontologischem Grund. Beides gehört für ihn unablösbar zum Menschen selbst. Weigoni versucht, die chaotische Vielfalt der Wirklichkeit streng zu literarisieren und dabei eine eigene poetische Wirklichkeit herzustellen. Es ist ein richtiggehender Wahrnehmungsfetischismus, der seine Monodramen auszeichnet, verbunden mit einem unbedingten Willen zur künstlerischen Form, aber wie immer bei Weigoni darf man so etwas nie an der Oberfläche suchen, sondern tief in der Syntax. Das Genre Hörspiel ist für ihn nie primär eine Mitteilungsform. Dies gehört für diesen Schriftsteller, neben dem ästhetischen Anspruch, zum Wesenskern seines Schaffens: Seine lyrischen Monodramen sind Hörspiele gegen den kulturellen Gedächtnisverlust. Erst dieser Verlust, als existenzielle, erkenntnistheoretische oder ästhetische Erfahrung, macht Präsenzen spürbar. Seine Monodramen, die man auch naiv lesen kann, stehen wie Rätsel in der Landschaft.

Metaphysisches Staunen

Die Asiaten verehren das Papier für diese Schwäche, die der unsrigen nahe kommt. Das Papier hat sich auf die Seite unserer Verwundbarkeit und Sinnlichkeit gestellt. Papier fühlt sich angenehm an und riecht gut. Papierseiten entsprechen dem menschlichen Lesetempo, unserem Rhythmus.

Bibiana Heimes, Darstellerin der Jo Chang

Jo Chang umweht in Unbehaust eine existenzielle Fremdheit. Dieses Monodram ist ein Irrgarten des konjunktivischen Prinzips. Noch herrscht das Allbekannte, bald könnte alles anders sein. Das Grundvertrauen in die Sagbarkeit der Dinge und in die Möglichkeit poetischer Wahrheit haben ihr das Überleben ermöglicht und sie auf den Königsweg ihrer Selbsterrettung durch Poesie geführt. Für Jo Chang markieren die Erfahrungen von Expatriierung und Sprachverlust die elementaren Schicksalsdaten ihrer Existenz, sie reklamiert das lyrische Wort als das Eigenste, das selbst im Stadium tiefer Verzweiflung als lebendiges Wort angerufen werden kann. Eine unterschwellige Distanz läßt sich dieser Figur gegenüber nur dann ausräumen, wenn man dieses Langgedicht nicht als bloße Intelligenzleistung versteht. Weigoni ist nicht anmaßend genug, Antworten auf alles zu geben. Er hat sein eigenes Maß einer Gegensätzlichkeit im Sittlichen, und das bietet er mit diesem Monodram an: Ein Denkspiel und das Ausrufen unserer Fragilität in einem. Die Sprache beginnt dabei zu oszillieren, einerseits wird sie ganz besonders innerlich, gesprochen von einem leidenden, traurigen, erschöpften Menschen, andererseits wirkt sie unvorhersehbar, wiederholbar, fremdbestimmt. Dazwischen steckt das, worum es Weigoni geht: die Entleerung des Gefühls in der Welt, das Ersterben des Menschen im Glamour, die Leere, von der wir uns nähren. In ihrer Fokussierung auf das Hören, mithin das Zuhören, spricht Jo Chang eine Art der sinnlichen Wahrnehmung wie der geistigen Verarbeitung an, die mehr und mehr ins Abseits zu geraten droht – insofern ist durch diese Kunst auch eine gesellschaftspolitische Aussage getan. Unbehaust ist ein Monodram, das nachwirkt.

Zeitebenen zu Metamorphosen zusammengespannt

Der vordere Buchdeckel ist mit einem original Holzschnitt bedruckt. Vielleicht liegt ja in solcher Art Gestaltung eine Zukunft des Buches angesichts der digitalen Möglichkeiten. Das Buch als Objekt.

Jan Kuhlbrodt

Deutungsmöglichkeiten sind grundsätzlich vielseitig, so vielfältig man diese Gedichte interpretieren kann und intertextuellen Bezügen nachgeht, mit jedem Aspekt verdichten und vervielschichtigen sich diese Monodramen und Zyklen. Publikumsüberforderung ist im Zweifel besser als jedes Wohlfühlangebot. So vielschichtig diese Monodramen und Zyklen sind, am Schluß empfindet man ein Gefühl von zufriedener Erschöpfung. Der erste Schritt zur Herausgabe des lyrischen Werks ist getan, dieser Band bildet dazu die Portalfigur.

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Original Holzschnitt auf das Cover gedruckt von Haimo Hieronymus

A. J. Weigoni, Parlondos, Langgedichte und Zyklen, Edition Das Labor, Bad Mülheim 2013.

Probehören kann man ab Januar 2013 das Monodram Señora Nada in der Reihe MetaPhon. Und auch die Hörspielfassung von Unbehaust ist in der Reihe MetaPhon auf vordenker.de zu hören.

»Gedichte«, Hörbuch von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2011 – Eine Hörprobe findet sich seit Juli 2011 hier.

»Letternmusik«, Edition Das Labor, Mülheim 2009 – Der Remix ist hier als mp3 zu hören. – Das Original kann zum Vergleich hier gegenhören.

Eine limitierte Auflage des Hörbuchs Prægnarien von 50 Exemplaren ist versehen mit einer Originalgraphik von Haimo Hieronymus. Edition Das Labor, Mühleim an der Ruhr 2013 – Bestellung des Hörbuchs über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Bilder der Prægnarien-Performance von Philipp Bracht und A.J. Weigoni sind hier zu sehen. Probehören kann man die Life-Aufnahme auf MetaPhon. Ein Video von Frank Michaelis und A.J. Weigoni hier. Bewegte Bilder unter und eben: HIER.

Die Aufnahmen sind in HiFi-Stereo-Qualität erhältlich über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

 

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