Erinnerungsfilm

Geschichte zerfällt in Bilder, nicht in Geschichten.

Walter Benjamin

Obschon Ungarn den „Eisernen Vorhang“ bereits am 2. Mai 1989 öffnete, brauchte es ein kraftvolles Symbol, der friedvollen Besetzung des Brandenburger Tors. Dieses Tor ist das bekannteste Berliner Wahrzeichen und ein deutsches Nationalsymbol, mit dem viele wichtige geschichtliche Ereignisse des 19. und 20. Jahrhunderts verbunden sind. So wurde bis zum Zweiten Weltkrieg vor allem das Ende der napoleonischen Herrschaft 1813–1815 mit dem Bauwerk verbunden. In der Weimarer Republik wurde hier alljährlich am 11. August der Verfassungstag begangen. Bis zur Maueröffnung stand es unmittelbar an der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin und symbolisierte so während des Kaltern Krieges das Aufeinandertreffen von Warschauer Pakt und Nato an der weltpolitisch heikelsten Stelle ihres gemeinsamen Grenzverlaufes. Entsprechend wird das Brandenburger Tor seit 1990 auch als Symbol der Überwindung der Teilung Deutschlands und Europas angesehen.

Der Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet nimmt von der Ideologie des Verbrauchertums Abstand. Es gibt für diesen Romancier nicht den geringsten Grund, Zugeständnisse an den Mainstream zu machen. Es ist eine schneident imtelligente wie bitter-ironische Reflexionsprosa. Großartige Bücher liest man nicht, um sie zu verstehen. Es geht nie um Verständnis. Die Bücher, die interessant sind, sind Bücher, die man auf den ersten Klick nicht versteht. Bücher, die dem Leser viel abverlangen. Bücher, die den Leser zwingen sich mit dem auseinanderzusetzen, was man nicht weiss. Bücher, die dem Leser etwas von außen Kommendes erfahren lassen. Was sich in den Vignetten sacht andeutete, über Schicksale und Handlungsstränge die Weigoni in den Zombies ausgelegt und in Cyberspasz zusammengeführt hat, wird in seinem ersten Roman zu Gewißheit, hier entsteht ein Lebenswerk, das im glattgeföhnten Literatur-Betrieb wie ein Solitär funkelt.

 

 

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Abgeschlossenes Sammelgebiet, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2014 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover

Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989

Weiterführend →

Zur historischen Abfolge, eine Einführung. Eine Rezension von Jo Weiß findet sich hier. Einen Essay von Regine Müller lesen Sie hier. Beim vordenker entdeckt Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf der vom Netz gegangenen Fixpoetry arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu Jahrestage von Uwe Johnson wird hier gezogen. Die Dualität des Erscheinens mit Lutz Seilers “Kruso” wird hier thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung würdigt Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verführt.