Poesie als Lebensform

4. November 2014
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Der 4. November, als Markus Wolf und Christa Wolf, als Heiner Müller, Günter Schabowski und Ulrich Mühe und alle die Anderen auf dem Alexanderplatz sprachen, war ein Höhepunkt dieser Entwicklung. Vielleicht war es schon der Schlusspunkt.

Jens Reich

Ideen liegen in der Luft, manche leiten ob ihrer unterschiedlichen Ergebnisse zu einem Vergleich ein. Hatten Ingo Schulze und Uwe Tellkamp bisher die Wegmarke für den Wenderoman vorgeben, so definieren Lutz Seiler und A.J. Weigoni zum 25. Jahrestag des Mauerfalls den Maßstab neu. Es mag eine Einheitskraft wider Willen gewesen sein, die von der Literatur der DDR ausging – eine Einheitskraft war sie gleichwohl, weit über ihr Ende hinaus, nämlich bis in die unmittelbare Gegenwart und wohl noch in die absehbare Zukunft hinein. Denn seit die DDR real nicht mehr existiert, ist sie literarisch lebendiger denn je, vor allem in den Romanen, die seit der Wende über sie geschrieben werden – von Thomas Brussig und Ingo Schulze bis Lutz Seiler. Falls es eine Berechtigung für den “Deutschen Buchpreis” gibt, so ist er hier schlüssig. In der Begründung der Jury heißt es, Lutz Seiler beschreibe in einer lyrischen, sinnlichen, ins Magische spielenden Sprache den Sommer des Jahres 1989 auf der Insel Hiddensee:

Lutz Seilers erster Roman überzeugt durch seine vollkommen eigenständige poetische Sprache, seine sinnliche Intensität und Welthaltigkeit.

Mit dem zeitlichen Abstand ist die Unterteilung in Ost- oder Westroman hinfällig geworden, kein Buch verdient diese Kategorie und sollte weit darüber hinausreichen. Auffallend ist bei beiden Romanen der Wechsel zwischen einem stringenten, durchaus realistischen Erzählen und dann wieder leicht überhöhtem, leicht surrealen, leicht dunkel-mystischen Passagen. Wenn über die “BRD” oder die “DDR” geschrieben wird, dann interessiert nicht das Historisierende, sondern das Relevante für die heutigen Weltverhältnisse.

Der Wenderoman ist eine eigene Kategorie in der deutschen Literatur

Literatur bietet die Möglichkeit die Reise in ein Land anzutreten, das längst untergegangen ist. Der Rückzugraum Hiddensee lag im Norden der DDR. Schaprode auf Rügen verbindet mit Hiddensee eine Fähre, die ist nicht das einzige, was Lutz Seiler und A.J. Weigoni verbindet. Sowohl Kruso als auch Abgeschlossenes Sammelgebiet knüpft an existenzielle Erkundungen an, an Bildungs– und Entwicklungsromane, die mit der aufklärerischen Sinnsuche des 18. Jahrhunderts begannen und in der Romantik exzentrische Formen annahmen. Beide haben als Lyriker angefangen, beide haben in diesem Jahr einen 500-Seiten-Roman vorgelegt, der das Ende der “DDR” und das Ende der alten “BRD” beschreibt. Und glücklicherweise erzählen sie dies nicht im Gewand des Familienromans, sondern aus der Außenseiterperspektive von jungen DDR-Aussteigern, die vorübergehend auf der Ostseeinsel Hiddensee und auf Rügen stranden. In diesen Romanen kann man sehen, wie Lesen und Anschauen einander abwechseln. In glücklichen Augenblicken legen sie sich auch übereinander. Es geht diesen Autoren darum, den Sinn eines jeden einzelnen Wortes zu erkennen.

Veränderung ist das Einzige, für das es sich zu leben lohnt.

Bruce Chatwin

Man könnte sagen, daß Abgeschlossenes Sammelgebiet die Geschichte einer amourösen Dreiecksbeziehung erzählt, ebenso könnte man sagen, daß dieser Roman ein Gesellschaftsroman ist, der die Fragen nach Identität und Erfolg in zeitgenössischen Variationen auslotet. Vielleicht sollte man sich mit einer Etikettierung des Texts aber auch gar nicht so eindeutig festlegen, denn genau wie in den Leben der Protagonisten sind solche Zuschreibungen eher Einschränkungen als Erklärung. Weigoni dokumentiert das politische Programm eines aus dem Alltag hervorgehenden Aufstands der Ohnmächtigen gegen ein System der Lüge. Die Macht der Bürokratie wurde in der DDR ,Macht des Volkes‘ genannt. Im Namen der Arbeiterklasse wurde die Arbeiterklasse versklavt. Die Demütigung des Menschen wurde für seine Befreiung ausgegeben. Isolierung von der Information wurde als Zugang zur Information ausgegeben. Die Manipulation durch die Macht nannte sich ,öffentliche Kontrolle der Macht‘, und die Willkür nannte sich ,Rechtsordnung‘. Die Unterdrückung der Kultur wurde als ihre Entwicklung gepriesen. Die Ausbreitung des imperialen Einflusses wurde für die Unterstützung der Unterdrückten ausgegeben. Freitag und Robinson also, gleichsam Schüler und Lehrer eines Bildungsromans, vereint in Versen und traumatischen Verlusten.

Ich hatte nicht die Vorstellung, dass ich über die Wende erzähle und auch nicht über den Mauerfall. Aber ich habe diesen Zeitraum gewählt auf Hiddensee, auf dieser Insel und es ist überhaupt nicht nötig, dass der Held im Zentrum der sogenannten Wendeereignisse steht.

Lutz Seilers “Kruso” spielt kurz vor dem Ende der DDR. Wer auf Hiddensee strandete, “hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überschreiten”. Auch hier wird das Aussteigertum thematisiert. Neben dem politisch-historischen DDR-Gepäck, ruft der Romantitel sofort Abenteuerlektüren von Defoe und Robinsons Schiffbruch in Erinnerung der verschiedene Formen von Freiheit und Wege zur Selbstbestimmung verhandelt. Es ist von „verbrauchter Anwesenheit“ oder dem „Vorhof des Verschwindens“ die Rede. Edgar Bendler, Seilers Protagonist flüchtet im Frühsommer 1989 auf die Ostseeinsel. Im Gasthof „Klausner“ heuert Ed als Tellerwäscher an, er wird Saisonkraft, ein sogenannter „Esskaa“. Bei diesem Job lernt er mysteriösen Charismatiker Alexander Krusowitsch, genannt “Kruso”, kennen, ein Statthalter, König der Insel und Organisator eines „Bundes der Erleuchteten“. Kruso, der in vielem Aljoscha Rompe ähnelt, ist Abwäscher am Klausner und der heimlicher Herrscher über das Inselreich Hiddensee. Kruso organisiert die Saisonarbeiter, politische und poetische Aussenseiter, für die in der DDR–Gesellschaft kein Platz war. Den Part des Freitag und des Erzählers übernimmt bei Seiler Ed, ein Student aus Halle, der im Sommer 1989 nach Hiddensee kommt und von Kruso in die Gemeinschaft des Klausners aufgenommen wird. Heimlich werden die, die auf Hiddensee “übersommern” wollen, da sie “die Freiheit gewittert” haben, von den Klausnern mit Suppe und Schlafplätzen versorgt. Er versammelt diejenigen, die das Festland ausgespuckt hat. Er sind Gestrandete aus dem Rest des Landes, vom Ehepaar am Tresen über Koch und Kellner bis zu den Abwäschern und dem melancholischen Chef Krombach, einstmals im Berliner Palasthotel tätig und nach dem Haarwasser “Exlepäng” riechend. Abgeklärt stellt dieser Kruso den Schiffbrüchigen die Frage „Was war schon der Staat?“ Er übersieht, daß totalitäre Staaten sich gerade um diejenigen kümmern, die sich für den Staat ostentativ nicht interessieren.

Das ZK fälschte die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Die Revolution von 1989 war die erste in der Geschichte, die sich um die Lebenszeit drehte, um welche die Menschen sich betrogen glaubten. Im Mittelpunkt steht die Forderung des Rechts auf unbeschädigte, unverkürzte Lebenszeit. Der Sozialismus hatte diese Ansprüche geschichtsphilosophisch vertagt, indem er sich durch das Glück künftiger Generationen legitimierte. Der realexistierende Sozialismus ist untergegangen, das System der Lüge nicht. Es geht Weigoni in Abgeschlossenes Sammelgebiet nicht allein um die angelegte Demaskierung der realsozialistischen Tragikomödie, sondern um die Überwindung des Konformismus der Konsumgesellschaft generell. Mit bewussten Halluzinationen beschreibt A.J. Weigoni den real existierenden Surrealismus. Es bedeutet nichts Gutes für die realsozialistische Gesellschaft, wenn sie nur noch mit den Parametern der Literatur zu messen ist. Im Gegenteil. Es ist unheimlich, wenn die antiken Topoi und kulturpessimistischen Geschichten – vor den Toren das drohende Verhängnis, während intra muros feiste ZK-Mitglieder weiterhin der Wollust und der Ämter-Schacherei frönen – plötzlich als aktuelle Kommentare fürs alt-neue Rom und Athen taugen. Wenn jedoch der Populisten Triumph und Scheitern samt den archaischen Abgängen ihrer Kreaturen nichts hergeben für das nuancierte Instrumentarium zeitgenössischer Politik- und Gesellschaftswissenschaft, wenn also die Wiederkehr des bereits überwunden Geglaubten alle modernen Ansätze als obsolet erscheinen läßt. Wenn Politbüromitglieder sich der hehren Vokabeln bemächtigen, um mit ihnen Notzucht zu treiben, kann sich die Literatur nicht mit lakonischer Distanz begnügen, sondern muß ein ganzes Arsenal sinnlich erfahrbarer Geschichten öffnen, auf daß die blecherne Herrscher-Rhetorik nicht das letzte Wort hat.

Das Meer ist schon immer eine grosse Sehnsucht gewesen, seit ich denken kann. [...] Es ist so eine Art Jenseitsversprechen, eine Art Grenzerfahrung, die ich dort am Meer empfinde. Es ist dann aber auch dieses Meer, es ist eben die Ostsee. Das hängt wahrscheinlich mit der eigenen Lebensgeschichte zusammen, dass es dann nicht jedes beliebige Meer an jeder beliebigen Stelle sein kann. Genauso wie die Sehnsucht nach der Ferne immer nur dieser Blick von der Steilküste Hiddensees Richtung Møn sein kann.

Seilers Roman denunziert weder die Freiheitsidee der Sommergäste, die weiterziehen wollen in die von den Klippen sichtbare dänische Insel Møn wollen, noch diejenige der Figur des Kruso. Der freie Blick auf die Ostsee Meer wird die Antithese zum eingemauerten Land. Im Lichtkreis der Suchscheinwerfer auf Hiddensee gelingen kleine Fluchten: „Hier im Vorhof des Verschwindens, fragte keiner, wohin einer noch gehen könnte.“ Die Bedeutung, die Georg Trakl und der Fuchs in Seilers Roman spielen, weist eine Spur zu Franz Fühmann. In seinem Trakl-Essay gesteht Fühmann sein persönliches Scheitern ein. Weil er keinen Zweifel daran aufkommen lassen wollte, dass er aus seinen Fehlern während der NS-Zeit gelernt hatte, wurde Fühmann in der DDR zu einem überzeugten Antifaschisten. Doch ein weiteres Mal musste er erkennen, dass er einer falschen Ideologie gefolgt war. Der Untertitel des Trakl-Essays lautet: “Der Wahrheit nachsinnen.” Im Text finden sich Referenzen an Uwe Johnson und Wolfgang Hilbig, man fühlt sich unter der Lektüre an Christoph Heins Roman ‘Der Tangospieler’ erinnert. Auch darin spiegelt sich eine solche Abkehr, wenn ein Historiker sich nach 21 Monaten Haft auf Hiddensee in der Gaststätte „Zum Klausner“ als Kellner verdingt, während russische Truppen Prag besetzen. In “Kruso” zeigt sich diese Gaststätte als letzte Ausfahrt zur Utopie. Höhepunkt im „Klausner“ ist täglich ein gemeinsames Mahl der Zwölf, in der Früh, nicht am Abend. Der Erzähler unterläuft das Reale, bewahrt es und zieht es zugleich tiefer in einen realexistierenden Surrealismus.

In seinem Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet verpflichtet sich Weigoni der aufklärerischen bildungsbürgerlichen Tradition und ist gleichzeitig offen für das Neue. Er lotet die Untiefen zwischen Rollenspiel und Bekenntniszwang aus, seine Kritik stellt sich als intellektuelles Denkmodell dar und das mit dem Bewusstsein daß der ästhetische Bewertungsmaßstab mittlerweile in Misskredit geraten ist. Der Begriff Kritik stammt vom altgriechischen Wort „kritike“ ab und bedeutet „Beurteilungskunst“, die über das Aufzeigen von Schwächen und Fehlern weit hinausweist. Die Analyse der so genannten Wiedervereinigung schließt immer auch das Erkenntnisinteresse des Prüfers mit ein, das Bedingungen, Voraussetzungen und Grenzen festlegt. Weigoni verfügt über Takt- und Temposicherheit und einen Tonfall aus Schnoddrigkeit und Ironie, mit dem er, buchstäblich en passant, ein anschauliches Bild des Prenzlauer Berges und der Düsseldorfer Kunstakademie-Szene liefert. Er beschreibt eine Zeit in der Bildung in der Gesellschaft immer mehr schwindet und hedonistische Geschmacksurteile das differenzierte Bewerten ersetzen. Sein lakonisches Resüme 25 Jahre nach dem Mauerfall: Die Zeit an sich interessiert sich nicht für einen. Doch der Leser interessiert sich für Geschichten. Für Weigoni ist Architektur eine Metapher für die Literatur: Auch Prosa ist ein Gebäude, und man muss teilen können, um sie so konstruieren zu können, daß sie zugänglich sind. “Der retrospektive Charakter der Erinnerung setzt erst ein, wenn die Erfahrung, auf die sie sich bezieht, abgeschlossen im Rücken liegt”, wie die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann in einer Studie zu den Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses festgestellt hat.

 Gedichte sind eine Art Heimathafen. Nur beides parallel, dichten und erzählen – das ist unmöglich.

Ursprünglich hatte Seiler einen Nachwenderoman geplant, in dem diese Hiddensee-Geschichte als Rückblicks-Kapitel vorkommen sollte. Und dann kniete er sehr lange auf dem Roman und diese wollte ihm nicht so richtig gelingen. Am Ende hat ich aufgegeben. Und dann war ihm klar, daß das ein wirklich lohnenswerter Stoff ist, dass diese ganze Szene Hiddensee ein wirklich wunderbares Material ist. Wie alle Robinson–Inseln ist auch Seilers Hiddensee und Weigonis Rügen ein Labor der Existenz. Die literarische Insel war dabei stets ein Ort der Einsamkeit, in der sich der Held, auf sich selbst zurückgeworfen, so lange bewähren muss, bis er errettet wird. Die Figuren in Weigonis Roman arbeiten beim Rundfunk, auch in Seiler Roman spielt das Radio eine Rolle. Er hat den Namen “Viola”, der Drehknopf zur Senderwahl fehlte, sodaß nur der Deutschlandfunk empfangen werden konnte, der aber die Hörer im “Klausner” verlässlich mit allen wichtigen Informationen versorgte. Von „Viola” erfahren die Figuren, was sich im Sommer 89 in Ungarn und später in den Botschaften von Prag und Warschau ereignet. Seiler teilt seinen Anspruch, als Erzähler genau und zugleich wahrhaftig zu sein, mit Uwe Johnson. Wegen dieser Berührungspunkte zwischen seinem Roman “Kruso” und Johnsons Poetik ist er in diesem Jahr mit dem Uwe Johnson-Preis ausgezeichnet worden. Die ‘Jahrestage’ sind eine Referenzgröße fürs Schreiben von ‘Kruso’, wie auch von Abgeschlossenes Sammelgebiet. In Johnsons “Jahrestage” erklärt Gesine Cresspahl, ihrer Tochter Marie, warum es für sie Gemeinsamkeiten zwischen der Katze Erinnerung und dem Erzählen gibt. Wer sich erinnert, muss “unabhängig, unbestechlich und ungehorsam” wie eine Katze sein. Aber sie macht ihr anhand dieses ungewöhnlichen Vergleichs auch deutlich, was beim Erinnern so schwierig ist. Denn obwohl sie ihr die Wahrheit erzählen will, erinnert sie manches falsch oder sie hat vergessen, was sie ihr eigentlich erzählen müsste. Seiler bedient den Wunsch, die Epoche des grossen realistischen Erzählens hätte nie geendet. Oder es möge sie wieder geben, unter anderen, womöglich weiblichen Voraussetzungen. Diese Nostalgie kostet etwas: Sie ist nur um den Preis einer sentimentalen Konstruktion zu haben.

Die poetische Verflüßigung der Welt

Die Nachwende ist noch so gedankenwarm, daß man auf literaturordnende Maßnahmen und summierende Bilanzen verzichten kann. Dieser Romancier löst das Versprechen auf Gegenwartserkenntnis ein. Weigoni schärft das ästhetisches Profil wie zugleich das zeitdiagnostische Potenzial und ist dem Bewusstseinsstand der Gegenwart gewachsen, ihm gelingt mit dieser Prosa ein lebensnahes Verfahren, das zweifellos zu den begrüßenswerteren Einflüssen seit dem New Journalism und der Popliteratur gehört. Neutrales Berichten ist eine Fiktion. Beobachter haben Meinungen, die selbstverständlich das beeinflussen, was sie wie beobachten. Reportagen machen sich diese Subjektivität zunutze, der Leser soll durch die Augen des Reporters auf das Geschehen blicken. Zum Thema aber machen sich Reportagen diese Einflüsse meist nicht: Der Berichtende bleibt entrückt und im Dunkel, das Ich ist verpönt. Weigonis Schreiben ist immer auch ein Sichreiben. Diese Literatur ist der Geschichtserkenntnis dienlich und entfernt sich aus dem sanitären Kordon des Epochalen und Fortschrittlichen mit einer überfälligen Weltzuwendung.

Die Insel ist der erste Schritt, verstehst du, Ed? Die Insel ist der Ort. Hier gelingt es den meisten schon nach Stunden, die Wurzel zu berühren. Sie ist in uns hineingewachsen aus der Vorvergangenheit, nicht seit der Geburt etwa oder gerade in diesen Tagen, wie manche glauben möchten, nein, ich meine: seit Menschengedenken. Gelingt es uns die Wurzle zu berühren, spüren wir es: Die Freiheit ist da, tief in uns, sie wohnt dort, so tief wie unser innerstes Ich. Das ist die Freiheit, die ich meine. Sie ist das Denken des innersten Ichs, das Denken unseres Selbst in der Geschichte.

Mythische Deutsche Rückzugsorte. Daß Kruso die Klaustrophobie der “Schiffbrüchigen” übergangsweise durch seine Freies-Hiddensee-Spinnerei bannen kann, entspringt einer kollektiven Selbsttäuschung. Seit 1961 versuchten etwa 5000 Flüchtlinge über die Ostsee ihr Entkommen zu finden. Die meisten von ihnen wurden auf der See festgenommen. 1000 schafften es. 174 lautet die Zahl der erfassten Todesopfer. Zur rettenden Idee gesellt sich in Seiler Roman die Utopie: Die Freiheit liege nicht über dem Meer, sondern in jedem selbst. Jeder habe diese Wurzel. Das Meer und die Insel sollen diese Bestimmung stiften. Das Motiv der Freundschaft es ist in beiden Romanen wichtig. In “Kruso” ist es die Freundschaft zwischen Edgar Bendler, genannt Ed, an dessen Lebenskrise in der späten DDR entlang die Handlung erzählt wird, und Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, der die Insel Hiddensee zu seinem autonomen Reich innerhalb der DDR gemacht hat. Auch bei Weigoni ist das Motiv der Freundschaft handlungsleitend, aber eben ganz anders. Bis auf den Grund durchanalysiert wird die Freundschaft zwischen der Hauptfigur Moritz und Daniel, die auf einer Datsche auf Rügen stranden. Es ist die Darstellung von Außenseitern, die keine funktionierenden Mitglieder ihrer jeweiligen Gesellschaft sein wollen oder sein können, so wie Lutz Seiler sie geschrieben hat, etwas per se Widerständiges hat. Die Bespiegelung der Subkultur steht bei Weigoni für die Frage was Widerstand und Affirmation verbindet. Im Kern läuft dies auf ganz unterschiedliche Motive von Freiheit hinaus. Schon mit dem Bröseln der ungarischen Grenze verstreut sich die eben noch verschworene Mannschaft des Klausners in alle Winde. Zurück bleiben Kruso und Ed. Kruso will seine Utopie bewahren, vor dem anrollenden Kapitalismus erst recht. Nicht Krusos Verhaftung läßt die Utopie auf dem harten Boden der Realität aufschlagen, sondern die Öffnung der Grenzen. Niemand muss mehr vor einer Ostseeflucht bewahrt werden. Wer diese Romane zusammen liest, erfährt etwas davon, was einen im wiedervereinigten Deutschland neben der Tagesaktualität umtreibt, etwas von der Komplexität der Gegenwart.

Geschichtsbewusstsein ist ein Wort, das nach Schule riecht. Weigoni unterschiedet sich von den Typen lebenslang Nachkriegskünstler bleiben wollen oder die selbstbestimmt eine Stunde Null setzen, die Tatsache, daß man sich der eigenen Geschichte, des Landes und der Zusammenhänge, in denen man steckt, bewußt ist, ist ein zentrales Moment für die Ausbildung eines Bewußtseins. Weigonis kultur-archäologische Spurensuche macht dem Leser Einzelteile der deutsch-deutschen Geschichte zugänglich, die unbemerkt unter den Teppich der Bewältigung gekehrt wurden. Jene, die erzählen können, die das erlebt haben, sind in der Pflicht, das zu überliefern. Dieser Prozess ist aber durch die Schnelllebigkeit unserer Zeit und dadurch, daß man sich dem Alter gegenüber herablassend verhält, ins Stocken geraten. Weigonis Abgeschlossenes Sammelgebiet ist auch ein entschloßener Versuch, sich dagegen zu wehren. Der ideologische Firnis löst sich ab. Wir sehen Hoffnung, Enttäuschung, Dünkel, Verstrickung, Scheitern – und sind ernüchtert. Weigoni erzählt seine Geschichte so geschickt, daß sich eins aus dem anderen ergeben muss, dass sich der Ablauf der Ereignisse mit einer schockierenden und doch ultimativ zu akzeptierenden Unvermeidbarkeit vollzieht. Am Ausgang der Geschichte steht schliesslich keinerlei Zweifel und somit auch keinerlei Verzweiflung. Diesem Romancier gelingt eine Vermählung aus Romanstoff, Historie und Lebenswelt, die in Deutschland bisher undenkbar ist. Der optimistische Dialektiker würde sagen: Zum Glück.

***

Kruso, Roman von Lutz Seiler, Suhrkamp 2014

Abgeschlossenes Sammelgebiet, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim 2014 – Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover

Bestellungen über: info@tonstudio-an-der-ruhr.de

Weiterhin von A.J. Weigoni erhältlich:

Cyberspasz, a real virtuality, Novellen, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Zombies, Erzählungen, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Vignetten, Novelle, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2009.

 

Further reading →

Den Klappentext, den Phillip Boa für diesen Roman schrieb lesen Sie hier. Einen Essay von Regine Müller lesen Sie hier. Eine Rezension von Jo Weiß findet sich auf kulturaextra. Beim vordenker entdeckt Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf Fixpoetry arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu Jahrestage von Uwe Johnson und diesem Roman wird hier gezogen. Ein Hintergrundgespräch findet sich auf der Lyrikwelt. Einen Essay lesen Sie bei Buecher-Wicki.

Lesen Sie auch Hiddensee. Die Attraktion des Nichts von Ulrich Bergmann.

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