Dystopische Zukunftsforschung

16. Dezember 2013
Von

Information ist entfremdete Erfahrung.

Jaron Lanier

Covermontage: Jesko Hagen

Nur einmal kurz angenommen, das Internet wäre ein reales Abbild der Geistesverfaßung, dann fehlt den Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor allem: Ein Bewußtsein für die Realität. Mit Cyberspasz, a real virtuality dekodiert A.J. Weigoni die Postmoderne: Wo sie post ist und er geschichtliche, ideologische Differenzen hinter sich läßt. Und wo sie modern ist, will sagen, mit einem Schuß Utopie ausgestattet ist. Dieser Romancier betritt die Grauzone zwischen realitätsträchtiger Fiktion und fiktional zugerüsteter Realität, seine Novellen schildern das Leben des Robo Sapiens. sind eine gleichermaßen halluzinatorische wie hellsichtige Bestandsaufnahme einer sich unaufhaltsam verändernden Realität – und unserer Hilflosigkeit bei dem Versuch, mit diesen Veränderungen Schritt zu halten.

Wie realistisch ist eigentlich unsere Wirklichkeit?

Der Heimcomputer erwies sich zu Beginn als ein Verstärker des Geistes. Die Technologien entwickeln sich so rasant, daß wir kaum zum Reflektieren kommen. Es gab immer wieder solche Phasen in der Geschichte, in denen der Fortschritt dem Denken vorausgeeilt ist. Und die Folgen waren meist katastrophal schlecht. Was die meisten Menschen technologisch für Elite halten, wirkt gegen sie. Weigoni schreibt mit Wirklichkeitsbesessenheit in einer künstlichen Welt und präsentiert ein Panoptikum digitaler Krankheitsbilder. Er betrachtet die Mutationen menschlicher Kommunikation im World Wide Web und schöpft alle Strategien des Erzählens aus, untersucht wo die Grenzen von Fiktion liegen und wann die Wirklichkeit verschwimmt. Der Leser kann sich nicht sicher, ob es um die Fiktionalisierung der Realität oder die Realisierung einer Fiktion geht. Dieser Romancier begegnet der Immaterialität zirkulierender Objekte und Zeichen mit einer ganz eigenen Sprache der Abstraktion, einer Fiktion, die nicht nur die Sprache, sondern auch die Erzählung sowie die Figuren und ihre Beziehungen untereinander betrifft.

Die Zukunft ist längst hier, sie ist nur noch nicht gleichmässig verteilt.

William Gibson

Alles was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben. Wirklichkeit ist in diesen Novellen nicht nur ein Konstrukt, auch ihre Konstruktion ist konstruiert und als solche Thema. Weigoni interessiert sich nie nur für Computer, sondern immer für den Kontext, in dem sie operieren, die Beziehungen zwischen technologischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Systemen. Zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit spinnt dieser Romancier ein Netz von Bezügen, die sich um herkömmliche Wirklichkeitsversicherung nicht kümmert. Eigentlich ist virtuelle Realität nichts anderes als der Versuch, diese alte Weisheit in Praxis umzusetzen, statt sie an die Wand zu pinnen. Die Literatur ist körperlos und dieser Schriftsteller, tut sein Möglichstes, um diesen Prozess der Ablösung von der Materie zu befördern. Diese Kältetendenz rührt vom Eindringen der Physik in die moralische Idee. Eine Psychose resultiert nicht mehr in einem, in letzter Instanz unwiderruflichen, Bruch mit dem Realitätsprinzip, sondern lediglich in einem ausgeformten Prosawerk. Auch wenn den Lesern die Inhalte vielleicht nicht immer gefallen, weil sie nicht gefällig sind, sondern die Realität hinter der Maske von Schein zeigen, das Scheinbare zum offensichtlichen Phantom degradieren, sollte man diese literarische Qualität schätzen.

Literatur sollte kritisch hinterfragen, auch wenn es manchmal unangenehm ist.

Ein Wort zu einem anderen zu fügen und dabei beide gegenseitig sich hinterfragen zu lassen, stetig zu hinterfragen, das vermögen nicht viele. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, diese Prosa zu lesen, Cyberspasz, a real virtuality ist ein besonders lohnender Gegenstand literaturkritischer Erörterung, weil das intellektuelle Material, das sich hinter all diesen dystopischen Erfindungen, futuristischen Schreckensvisionen und einleuchtenden Figuren verbirgt, ebenso diskussionswürdig ist wie ihre poetische Gestaltung. Es ist halluzinogener Surrealismus, jedoch er ist hellsichtig und hat Nebenwirkungen in der Realität. Die Ästhetik der Kunst besteht nur vordergründig in Vordergründigem, erst wer zum Hintergrund gelangt und die Beziehungen der verschiedenen Schichten und Verwerfungen zu erkennen vermag, wird zur wahren Schönheit gelangen.

Kapitalismus bleibt übrig, wenn Rituale oder elaborierte Symbolwelten kollabiert sind und nur noch der Zuschauer–Konsument durch die Ruinen und Relikte wandert.

Mark Fisher

Weigoni-Porträt: Leonard Billeke

Dieser Romancier beherrscht die Kunst, Alltagsphänomene zu lesen und Selbstverständlichkeiten als Trivialmythen zu entlarven. Untersuchte Weigoni in den Zombies die Pathologie einer ganzen Wirtschafts– und Gesellschaftsform, erkundet er in Cyberspasz wie tief geprägt die globalisierte Menschheit vom kapitalistischen Gebaren ist. Seine Novellen haben einen eigenen, herben Ton. Meist bewirkt ihn die glückliche Verbindung von kühler Sachlichkeit und Herzlichkeit, von betonter Skepsis und spröder Zärtlichkeit. Sein Interesse gilt der Erforschung des Unbewußten der Gegenwart, den unausgesprochenen Ängste und heimlichen Begierden; und der Rolle, die deren Reflexion und Analyse in diesem Unbewussten spielt. Er kommt zur Erkenntnis, das Unterbewusstsein habe als verlässliche Grösse ausgedient. So lassen sich seine Novellen auf einer Achse zwischen den Polen Gewalt und Erkenntnis verorten. Sein zentrales Thema ist die Vertechnisierung der Sinne und die Versinnlichung der Technik. Dabei betreibt er eine Aufklärung gegen die Technikgläubigkeit.

Ist aus der Demokratisierungsmaschine Internet eine Geldmachmaschine geworden?

Eines der wesentlichen Merkmale von Weigonis Prosa ist ein dekonstruktivistischer Ansatz, der im Zerlegen und neuen Zusammensetzen kultureller Erscheinungen besteht. Für ihn ist jedes Buch ein Ort, den er mit seiner Sprache durchwandert. Das Lesen seiner Prosa ist weniger ein Akt des Verstehens und Dechiffrierens als so etwas wie Versenkung und Kontemplation. Diese Prosa ist geprägt von einem erkennbaren Rhythmus und einem hohen Grad an Sprachreflexion. Im beziehungsreichen Metaphernspiel nährt Weigoni zwar den Anschein, die zwischenmenschliche Verständigung mithilfe der Sprache hätte ihren Sinn verloren, zugleich aber reduziert er den allmächtigen Wörterschwall der herrschenden Poesie auf ein Minimum. Er glaubt bei allem schwarzen Pessimismus an die Unverfügbarkeit der Seele, die kein Zwangseingriff zum Schweigen bringen kann und nähert sich den Trivialmythen aus der Perspektive des Connaisseurs, beutet den popkulturellen Rohstoff aus, beschwört den anarchistischen Geist des Rock’n’Roll und verhandelt seine Lebensthemen: Anderssein und Ausbruch, Repression und Libertinage, Rausch und Sexualität. Mythen sind der Pop von früher. Die Gleichung gilt auch umgekehrt: Die Mythen von heute sind weitgehend Hervorbringungen der Popkultur.

Ein schöner Gegenstand braucht eine Geschichte, und nichts geht über eine Geschichte, auch wenn sie nur erfunden ist, und wenig über einen, der sie mit Leidenschaft gegen jeden Verdacht verteidigt, sie sei, auch ohne Beweise liefern zu können, am Ende möglicherweise nicht wahr.

Wolf Wondratschek

In Zeiten des kulturellen Allesfressertums und dem Verschwimmen der Grenzen von High und Low Culture läßt sich über ästhetische Präferenzen kein Dinstinktionsgewinn mehr einfahren. Digitale Nähe trifft auf analoge Entfremdung. Weigoni bringt die spielerische Dramaturgie eines postmodernen Patchwork–Romans und die psychologische Tiefe eines realistischen Gesellschafts–Epos, die Entwicklung der Musikindustrie von der Hippie–Kultur der sechziger Jahre bis in eine von Gadget–versessenen Kleinkindern regierte Zukunft sowie zig verschiedene Charaktere, Generationen und Genres in einem überaus originellen und temporeich erzählten Buch zusammen. Cyberspasz, a real virtuality ist eine Comédie humaine der Gegenwart. Die Figuren von Weigoni stecken in metaphysischen Schicksalshorizonten. In der Novelle Auf ewig Dein hängen sie gleichsam an Fäden wie Kleistsche Marionetten, versuchen aber trotzdem, ihren eigenen Willen zu behaupten. Und letztlich auch durchzusetzen. Das Thema der künstlichne Intelligenz ist eines der ältesten des Science-Fiction-Genres, vom Prometheus-Mythos bis hin zu Mary Shelleys Frankenstein. Diesen kulturgeschichtlichen Echoraum erweitert Weigoni um sein philosophisches Kammerspiel. Diese Novelle wirft die großen Fragen auf:

Wie konstituieren sich Bewusstsein und Gefühl?

Auf welche Weise funktioniert unser Denken?

Sind wir selbstbestimmte oder geformte Wesen?

Wie differenzieren wir zwischen Wahrheit und Lüge?

Ist es noch erstrebenswert ein Mensch zu sein?

Läßt sich dechiffrieren und rekonstruieren, was uns zum Menschen macht?

Die Simulation von Lebensprozessen, die technische Reproduktion natürlicher Vorgänge, treibt den menschlichen Geist um. Inzwischen wendet sich dieser Geist sich selbst zu – oder vielmehr dem Gehirn, dessen Tätigkeit mittels Computertechnologie rekonstruiert werden soll.

‚Privatleben‘ ist nichts anderes als jene Sphäre von Raum, von Zeit, wo ich kein Bild, kein Objekt bin. Verteidigen muss ich mein politisches Recht, Subjekt zu sein.

Roland Barthes

Metropolis, von Fritz Lang 1927

Das Thema der künstlichen Intelligenz hat Hochkonjunktur. Der Begriff artificial intelligence wurde 1955 von John McCarthy geprägt. In seinem Sinne ist darunter ein Teilgebiet der Informatik zu verstehen, das sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens beschäftigt. Konkretisiert sich die Automatisierung in einer Maschine, so können sich Mensch und Mechanik bis an die Grenze der Verschmelzung annähern. Diese Nähe strahlt in beide Richtungen aus: Einerseits wird der Mensch als Maschine verstanden und in seinem Verhalten so analysiert. Auf der anderen Seite wird die Maschine in Analogie zum Menschen gesehen. Vera und Jack sind Computerkids. Sie suchen nach Erkenntnis, ertrinken in Information und leben in einer Welt riesiger Monopolisten, in der eine Einheitskultur den Planeten überschwemmt. User, die das Netz nutzen, sind immun gegen die Fülle der Informationen, sie nehmen die ersten 40 Worte und lassen 1.800 aus. Dieser Reduktionismus läßt sie nicht in Information ertrinken. Diese Menschen schaffen sich ihre eigene Übersichtlichkeit.

Cyberspasz stellt existenzielle Fragen nach dem Wesen der Wirklichkeit

Das Buch handelt vom Terror der Kommunikation und dem embryonalen Wohlgefühl, an ihr teilzunehmen, ihrer Tendenz zur Selbstzerstörung und den Reparaturstrategien, die Einzelne und Gruppen erfinden, um sich zu erhalten. Vera und Jack haben den Datenhandschuh fest im Griff und klinken sich in einen allumfassenden elektronisch-biologischen Geistesverbund ein. Ihre Codes haben sich auf leicht fehlerhafte Weise andauernd selbst repliziert und neu kombiniert, so lange, bis aus den Fehlern Sinn, aus den Mängeln neue Stabilität, aus den Mutationen brillante Fähigkeiten geworden sind. Eine solche völlig ungesteuerte Evolution digitaler Codes ist nicht nur real vorstellbar, sie hat in Veras Labor schon begonnen – wenn sie auch, mit Darwin gesprochen, noch im Amöbenstadium feststeckt.

Gibt es überhaupt eine Software für die Wetware unseres Gehirns?

Menschliches Bewusstsein und maschinelle Unfehlbarkeit verschmelzen. Vera und Jack stoßen auf das Projekt Artificial Life, einer Vernetzung von Biomasse und hochleistungsfähigen Chips. Die macht die A.I. nachdenklich. Zu seinem Nachdenken gehört nicht zuletzt, sich auf die Ambiguität des Wortes Simulation zu besinnen. Es bedeutet Nachahmung und Vortäuschung. Simulation von Verhalten ist nicht das Verhalten selbst. Der emotionale Hunger ist stärker als das rationale Wissen. Ein Fehler hat sich in Veras Rechner eingeschlichen, ein Systemfehler oder nur menschliches Versagen? Wie sollen Vera und Jack etwas simulieren, das sie noch gar nicht verstehen? Vertraut sie da nicht einfach auf einen neuronalen Deus ex Machina, der plötzlich aus den Simulationen springt? Hinzu kommt ein weiteres Problem: Gibt es überhaupt eine Software für die Wetware unseres Gehirns?

Steht das Kürzel WWW nicht längst auch für World Wide War?

Dematerialisierung und sinnliche Erfahrung sind keine Gegensätze mehr. Die Dystopie ist somit erschreckend nah an die Realität herangerückt. Der Firnis unserer Zivilisation ist hauchdünn in terrorisierten Großstädten vegetieren verrohte Menschen. Wir fressen einander nicht, postulierte Georg Christoph Lichtenberg, wir schlachten uns bloß. In »Der große Wurf« liegt jenseits der Kompromisse und jenseits des Spiels von Ich–Entwürfen und den Problemen damit nur die Dystopie. Während für das 20. Jahrhundert der Abschied von Utopien konstatiert wurde, gilt für das 21. Jahrhundert das gleiche für Dystopien. Eine Kontrollgesellschaft braucht keine räumlichen Arrangements. Das Subjekt mutiert zu einem Superpanoptikum. Die ersehnte Zuflucht existiert nur zum Schein; sie ist immer schon bedroht. Im 21. Jahrhundert haben wir es einerseits mit der Emanzipierung der Maschinen zu tun und andererseits mit der Neudefinition des Menschen, spätestens wenn die Maschinen nicht nur schneller und ausdauernder und intelligenter sind, sondern auch so etwas wie einen eigenen Willen und eine kybernetische Seele aufweisen können, kurzum: die Schönheit des Irrationalen begreifen.

Wir sehen, dass die Maschinerie, die mit der wundervollen Kraft begabt ist, die menschliche Arbeit zu verringern und fruchtbarer zu machen, sie verkümmern lässt und bis zur Erschöpfung auszehrt. Die neuen Quellen des Reichtums verwandeln sich durch einen seltsamen Zauberbann zu Quellen der Not.

Karl Marx

Als Seismograf der deutschen Verhältnisse rückt Weigoni mit dieser Novelle, einer Gegenwart auf den Leib, die an der eigenen Leere leidet und daher nach einem Design lechzt, das dem Sein den richtigen Schliff gibt. Weigoni erzählt Geschichten stellvertretend für die, die gerade zu beschäftigt sind, sie zu erleben. Die Novelle Der große Wurf steht in ihrer Abstraktion für die kapitalistische Durchdringung aller gesellschaftlichen Regungen in der modernen westlichen Gesellschaft. Dieser Romancier ist ein Architekt eines geräumigen Erzähl-Kosmos, dieser ist bevölkert von prägnanten, aber zwiespältigen und oft hochneurotischen Gestalten. Sie sind verbunden durch ein weitmaschiges Netz verschiedener experimentell noch kaum bestätigter Hypothesen, deren Gegenstandsbereiche sich nur zum Teil überschneiden und deren kleinste Objekte eindimensionale Entitäten von apart schwingender Natur sind. Weigonis Sprache ist auch bei Der große Wurf stilistisch eigenwillig, hier gibt Weigoni dem Kriminalgenre puren Rock’n’Roll.

Diese kurzen Novellen haben es in sich, hier setzt der Autor Figuren, die sich sperren, die hinterfragen. Statt ernsthaft zu suchen, finden sie, erfinden sich in ihrer inneren Ausgesetztheit neu, um letztlich doch immer wieder an ihren eigenen Bedürfnissen zu scheitern. In ihrem Bemühen die Welt zu verstehen und vielleicht so etwas wie Freunde zu finden. Jedes Wort ist gesetzt, jeder Satz notwendig, jede Seite wird hier zu einem ästhetischen Erlebnis und man wird das Gefühl nicht los, dass sich jede Geschichte in der Zwickmühle einer noch verstandenen Zeitenwende verstrickt.

Haimo Hieronymus

Wen kümmert’s, wer spricht?, hat der postmoderne Philosoph Michel Foucault gefragt. Hier bringt Weigoni Figuren zum Sprechen, die er, was immer er ihnen im Lauf der Handlung zumuten mag, liebevoll umsorgt. Seine Figuren agieren schnell, hart und laut. Es geht in diesem Sub-Proletariat um gescheiterte Beziehungen, schnelle Autos und Rock’n’Roll. Nichts ist bewältigt oder ausgeschöpft. Hinter den Sprachhülsen ist stets auch ein ehrliches Gefühl spürbar. Das Verhältnis, die Spannung von Distanz und Nähe bildet sich auch in dieser Novelle immer wieder neu. Durch einen Zufall gerät der Taxifahrer Fridolin Fleppe an eine millionenschwere Ladung Kokain, doch das ist nur der McGuffin der Geschichte. Gemeinsam mit seinem Kumpel Justaff, einem Automechaniker und der Hure Anouk versuchen sie die Droge dem durchgeknallten Killer Edwin „Mac“ Plenz zu verkaufen, um ein „neues Leben“ anzufangen. Die Erzählung von Anouks Tat ist Fiktion, die Geschichte erfunden. Es ist ein doppelter Triumph der Literatur. Der rebellische Geist und das Aufbegehren gegen das, was die Hippies hinterließen, und damit die Hoffnung, noch Emanzipationsschritte vor sich zu haben, stehen dieser Generation nicht mehr zur Verfügung. Diese Novelle kommt wohltuend undidaktisch und moralfrei daher und bleibt im Kern eine gelungene Satire auf den homo oeconomicus in der freien Marktwirtschaft. Als eine Form der Unterhaltung hat Der große Wurf die Wucht und Durchschlagskraft eines Bolzenschußgeräts.

Jazz is not dead, it just smells funny.

Frank Zappa

Rahsan Roland Kirk, Photo: Heinrich Klaffs

Wer annimmt, ein Klavier besitze kein Mundstück und ein Saxophon keine Stahlsaiten, wer den Klang weiterhin schwarzmalen oder weißwaschen will und darüber hinaus dem Glauben anhängt, ein Schlagzeugsolo sei unabdingbar, um die Füße mitwippen zu lassen, wer zweiunddreißig Takte braucht, um sich zu orientieren, und eine Schlusskadenz, um applaudieren zu können, der hat keine Ahnung von Jazz. Im Jazz, davon berichtet diese Novelle, muß man sich mit den Grundlagen auseinandersetzen, immer wieder und immer wieder von neuem. Wer in der Sprache dieser Musik etwas Eigenes formulieren wolle, muß sie zuerst ganz begreifen. Qualität weist in die Tiefe, zu den Grundlagen, den fundamentals. Weigoni hat sich den Ruf eines freundlichen Skeptikers erworben, der sich genau überlegt, was er macht. Er zeigt, auch wenn dies altmodisch erscheint, daß Sprachreflexion und Ethik zusammengehören. Dieser Romancier zweifelt an der Tragfähigkeit der Sprache, findet sie in exakt ausgeloteten Widersprüchen, in Konfrontationen von wörtlichem und übertragenen Sinn eines Wortes, in präzisen Bildern des Abschieds, des Verlusts und des Schmerzes.

„Rip, Rig and Panic“

Wie nicht viele in deutscher Sprache wagt sich dieser Schriftsteller weit hinaus und weit hinunter in seiner poetischen Topografie. Seine jazzthetische Novelle widmet er dem Musiker Roland Kirk. „Rahsaan“ ist ein gottgesegneter Saxophonist, der jeden Lehrer für dieses Instrument zur Verzweiflung bringen würde. So kann man nicht intonieren, so kann man nicht auf dem Rohrblatt herumkauen, so darf man nicht ins Instrument hineinblasen. Eigentlich darf man überhaupt nichts so machen wie Roland Kirk. Wenn man den Regeln folgen will! Aber was bei Kirks abenteuerlicher Spieltechnik den Schalltrichter des Instruments verlässt, hat die Welt noch nicht gehört. Kein Wissenschaftler wäre fähig, diese Klänge zu transkribieren. Diese Novelle beginnt auf einem Flohmarkt. Florin lernt die Musik von Roland Kirk und Fatima kennen, eine folgenschwere Begegnung. Folgenschwer wie jede Liebschaft. Eros mit den weiten, lächelnden Schwingen, den manche nicht zu kennen meinen. Jedes, vielleicht auch nur augenblickliche Verstehen mit ändern, jedes Gefühl von Intensität ist eine erotische und somit schöpferische Kraft, eine Quelle der Inspiration und der Phantasie, keineswegs aber ein trüber und sei es noch so sublimer Ersatz. Diese poetische Phantasien sind triebgesteuert. Literatur ist Kunst und nicht Ersatz und auch Arbeit, sofern sie intensiv und nicht entfremdet ist, ist nicht Ersatz. Was ich befürchte: auch das Liebesspiel ist für Florin und Fatima Ersatz, daher müssen sie heraus aus der Alltag und runter in den Triebabgrund. In »Rahsaan, eine jazzthetische Story« erzählt Weigoni die Geschichte eines Schallplattensammlers, der sich in New York City auf die Suche nach einem Jazz-Musiker macht. Er verknüpft darin Konzertbesuche, Taxifahrten, Beobachtungen, Lektüren mit Erinnerungen – und mit Überlegungen zum Vorgang des Erinnerns. Heimweh mischt sich mit Neugier und Verliebtsein und dem Gefühl immer zur richtigen Zeit am falschen Ort zu sein.

Germany’s Next Top Novel

Citizen Welles, 1941

„Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich als harmlos.“, stellte Robert Jungk fest. Cyberspasz, a real virtuality stellt die Frage nach einer Technik, die sich nicht mehr zwischen den Menschen und die Welt stellt, sondern zu einer in beide Richtungen durchlässigen Membran geworden ist. Weigoni lotet in der Novelle Kopfkino aus wo ist das Morgen im Heute vorhanden, und wie harmlos ist es. Der Fortschritt in der Digitalisierung von Film-Bildern verläuft exponentiell; er explodiert. Alle paar Wochen werden neue Instrumente und Gadgets präsentiert, deren Gebrauchswert zwar keineswegs in allen Fällen gesichert ist, deren Macht indessen über vieles triumphiert, was eben noch verstanden und beherrscht werden konnte. Selbst eingefleischte Freaks finden sich nicht sofort zurecht auf den Flächen und Paletten.

Verballhornungen auf die Medienwelt

„Die Zukunft war früher auch besser!“, ist ein Zitat das Karl Valentin zugeschrieben wird. Retrofuturismus spult sich bei Kopfkino ein WortVideo für eingeweihte Ohryeure ab. Im Paralleluniversum 2001 taucht eine bis dato unentdeckte Fassung von Herz der Finsternis, dem ersten Orson Welles–Film, aus den unergründlichen Tiefen eines Sammlerarchivs wieder auf. Restauriert, denn die Benutzeroberfläche des Spektakelkinos muß neuesten Standards entsprechen, damit der Markenkern ästhetisch nicht desavouiert wird. Georg Kaplan, ein Journalist wider besseres Wissen, bekommt durch Zufall den Auftrag seines Lebens. Er beginnt mit seinen Recherchen und stellt bald fest, daß etwas nicht stimmt, die wieder aufgetauchte Herz der Finsternis-Fassung ist offensichtlich eine Fälschung. Weigoni heftet sich auf die Spuren des Cineasten und entdeckt in den glatten Oberflächen eines Kapitalismus der Bilder eine paradoxe vitale Aufladung und Leblosigkeit zugleich: Ungläubigkeit, wiederholte Prüfung der Fakten, Lähmung, Verzweiflung, Befriedung des inneren Aufruhrs durch Rituale.

Selten so entspammt

Alles ist warenförmig geronnen, losgelöst von der existenziellen Erfahrung und reine Ausstellungsstaffage. Dem kulturellen Allesfresser mit seiner Souveränität eines grenzüberschreitenden Geschmacks stellt dieser Romancier ins Zentrum seiner Novellen und zeigt, warum die Vorliebe für Hochkultur ihre distinktive Überlegenheit verloren hat. In dieser Novelle zeigt sich die erstaunliche Vielfalt an Erfahrungsformen, von der Welthaltigkeit und diskursiven Offenheit zeitgenössischer Komödien bis zu den energiegeladenen cheap thrills der Thrillerliteratur. All das bettet Weigoni in eine Rekonstruktion der Denkentwicklung ein, weitestgehend befreit vom Jargon von Welles und doch von der unleugbaren Bedeutung dieses Filmemachers tief überzeugt. Weigoni schöpft aus einem neobarocken Sprachüberfluss, er ist ein echter Übertreibungskünstler, und das macht diese Novelle manchmal ausgesprochen komisch. Dieser Romancier erweist sich hier als Meister der vergnügten Bosheit und des doppelten Bodens. Verwirrend wird die Lage in dieser Novelle, als eine weitere Arbeitsfassung von Herz der Finsternis auftaucht, die wahrscheinlich echt ist und 60 Jahre vorher nicht eingestampft wurde. Der Filmmogul Dave Salzinger will unbedingt die Fälschung auf den Markt bringen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt… Weigonis Leidenschaft für die Literatur schafft etwas, von dem weit mehr bleibt als nur die Summe der einzelnen Teile. Diese Novelle über die menschliche Lethargie bietet ein Antidot, es ist ein Fehler, sie nicht zu lesen.

Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege.

Walter Benjamin

Diese Novellen sind ein Schlag gegen das Textkino. Filme altern, Literatur dagegen ist stets Vergegenwärtigung. Erzählungen, in denen Kunst vorkommt fordern das Imaginationsvermögen heraus; ein Vermögen, das in der Branche der Textfixierten ein wenig verkümmert ist. Das Buch ist so frisch und direkt, so, als bräuchte dieser „Pre-Pop-Essayismus“ noch keine Post-Post-Bemerkungen und mindestens weniger Selbstreferentialität und Attitüde. Die Qualität dieser Novellen, ihre sinnliche Kraft und ihre Verständlichkeit erweisen sich in ihrer Verschaltung. Kunstwirklichkeit hat nur Sinn, wenn sie die Wahrhaftigkeit der Welt, in der wir uns bewegen, trifft. Weigonis literarische Preziosen sind Kabinettstückchen, an denen man nicht zuletzt auch erfahren kann, was eine moderne Novelle ist: immer noch die Darstellung von unerhörten Ereignissen. Immer wieder finden sich Momente von großartiger Konsequenz, besonders dann, wenn Weigoni auf den Sieg der detektivischen Vernunft über das Durcheinander der Wirklichkeit setzt, andererseits darf diese Vernunft sich an beliebigen Wirklichkeiten abarbeiten und an ihnen auch scheitern. Seine Novellen bringen zwar Licht ins Dunkel, aber dieses Dunkel wird durch das Licht erst definiert. Ein anderes Licht hätte es mit einem anderen Dunkel zu tun. Die moralische Unübersichtlichkeit spiegelt sich in der äußeren Unübersichtlichkeit ebenso wie die äußere in der inneren. Das Ende der Welt ist auch das Ende aller Verbindlichkeiten. Die Zivilisation erfährt ihre letzte Niederlage in der Konfrontation mit der Natur. Kultur wartet auf Auslöschung. Man kann nicht sicher sagen, was die Wahrnehmung der Welt entschiedener beeinflusst: Die Sprache oder die Bilder? Sie durchdringen einander. Die Energie kommt mutmaßlich aus gleicher Quelle.

A.J. Weigoni ist einer der wenigen deutschen Schriftsteller, die die Aufgabe des kulturellen Sichtbarmachens voll und ganz beherrschen, ohne didaktisch den Finger zu heben. Seine Meisterschaft im Umgang mit Sprache und Metaphern zerrt das an die Oberfläche, was vor den meisten Menschen versteckt bleiben will.

Jessica Dahlke

Cover der 1. McGuffin-Vorstudie, anno 1989

Die Überhöhung von Kunst zur Kunstreligion ist der modernen Wohlstandsgesellschaft selbstverständlich geworden. Daher ist es kein Zufall, daß Der McGuffin die Großstadt zum Schauplatz hat. Die topografische Orientierungslosigkeit gehört zum moralischen Orientierungsverlust und zur kognitiven Verwirrung. Weigoni nutzt die sogenannte Popkultur als Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzungen, als Ort der Entgleisung und des rustikalen Begehrens, Irrsinn, Spektakels. Der Mix aus krimineller Energie und Aktionismus ist abwechslungsreich und kulminiert in der Erkenntnis: Kitsch ist gesammelte Sehnsucht. Weigoni schreibt in einer wuchtigen Überwaltigungsprosa und einem dunklen Ton, er inszeniert auf grosser Leinwand das Drohen des Todes und die Ironie des Lebens. Noir ist die Novelle in ihrer Farbgebung, aber gar nicht in der Deutung der Dinge. Der klassische Ermittler, der ein Verbrechen aufzuklären oder zu verhindern hat, entdeckt vordergründig die Identität eines Täters, aber eigentlich die moralische Korrumpiertheit der Gesellschaft. Was Weigonis ästhetischen Anspruch auszeichnet ist das Ringen um Gerechtigkeit, Komplexität, Wahrheit. Seine Sprache ist klar, sein Stil düster. Nur vordergründig beschäftigen sich seine Novellen mit einem Kriminalfall. Tatsächlich ist jedes Werk eine bohrende Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Der McGuffin ist eine ‚Melancholödie’, die in einer großstädtischen Kneipen- und Kunstszene spielt, das Akademieumfeld Düsseldorfs und die Szene der Ratingerstraße sind ahnbar. Historischer Bezug der Figuren ist der Rock’n’Roll. So denken und handeln sie auch: schnell, hart und laut. Dabei verfangen sie sich in ausgelegten Fallstricken. Schneider und Zonker sind Figuren in einem Spiel von Dr. h.c. Paul Pozozza. Pozozza ist Repräsentant eines Systems, an das er nur glaubt, weil es Profit bringt. Die Malerin Vera Strange ist nicht nur ein Inbegriff romantischer Künstlerexistenz, sondern ein spätes Aufleuchten der Moderne in einem ungleichzeitigen Kontext. Weil Romantik der letzte Versuch ist, in der Kunst etwas Ganzes zu schaffen und die Moderne das Bewusstsein ihrer notwendigen Zerrissenheit einschließt, dann ist sie ein Repräsentant von beidem. Dazwischen steht die Galeristin Grazia Terribile. Sie hat ideelle Vorstellungen, die sie materiell umsetzt. Ein klarer Fall von Artnapping? – Alles stimmt, aber es ist nicht unbedingt wahr, denn es geht um Sachverhalte, die nicht aufgeklärt sind. Was hat die Malerin Vera Strange mit Datenschmuggel zu tun? – Wir werden hier nich spoilern;-) Dierser Romancier hat alle Fäden des Dramas in der Hand, aber man kommt erst darauf, wenn man das Buch bereits aus der Hand gelegt hat.

Lektüre statt Lautstärke

Bereits vier Jahre vor „The Matrix“ im Kino!

Digitale Pfadfinder erleichtern den Menschen im 21. Jahrhundert den Weg durch das Informationsdickicht. Doch dafür zahlen sie einen Preis, sie werden durchsichtig und berechenbar. Zentral ist für Weigoni, daß es sich bei all dem nicht um den Kampf zwischen Mensch und Maschine handelt, sondern um den Kampf des Menschen mit sich selbst. Als sensibler Chronist der Gegenwart hat es dieser Romancier nicht nötig, sich mit den postmodernen Erzähltheorien aufzuhalten, er läßt den Überbau sehr lässig am Schluß aufblitzen, die einen dann aber in einem Höllentempo auf Metaebenen hochjagen, daß einem schwindlig wird, um einen dann ein paar Seiten später wieder auf dem Rummelplatz des Lebens, auszuspucken. Diese Novellen verfügen über den unbe­dingten Willen zur Gegen­wärtig­keit. Es ist eine präzise, lakonische, hyperrealistische Prosa mit vielen Dialogen und extrem zugespitzten Stimmungsbildern. Man merkt in jedem Satz, in jedem Wort, dass die Globalisierung etwas Zerstörerisches hat. Das Grauen wird auf bedrängende Weise zwischen den Zeilen evoziert. Es ist frappierend, mit welch avanciertem Formverständnis Weigoni operiert und durch Auslassung, durch Verknappung eine ungeheure Wirkung erreicht. Dabei gelingt es Weigoni das Schwere leicht und das Leichte schwer zu machen. Apokalypse paart sich mit Heiterkeit, Phantastik mit Präzision, dialogischer Witz mit Zitat und Selbstironie. In virtuos ineinander verschachtelten, zwischen historischen Ereignissen springenden Erzählpäckchen führt dieser Romancier sämtliche Schicksale und Handlungsstränge die er in den Zombies ausgelegt hat in Cyberspasz zusammen.

Prekarier aller Länder – verkabelt Euch!

Eine neue Generation von Searchbots steht an, intelligente Agenten, die Verhaltensmuster in den Aktionen der Benutzer beobachten und auswerten; sie programmieren sich selbst. Je häufiger der Anwender einen lernfähigen Bot benutzt, desto besser kann der digitale Diener auf die Gewohnheiten und Wünsche seines Herrn eingehen. Dem Leser wird eine ganze Bandbreite der Möglichkeiten geboten, die naturgemäß zahlreiche Gelegenheiten zur Interaktion zwischen Mensch und Maschine bereitstellt. Das „digitale Panoptikum“ kennt nicht nur unsere äußeren Lebensumstände, sondern kann direkt in unsere Seele blicken. Der Emanzipationsgedanke für die Maschine ist umso aktueller, als eine Position um den Hirnforscher Wolf Singer erahnen läßt, wie weit in dessen Vorstellungen der Mensch vornehmlich nach mechanischen Kriterien funktioniert und demzufolge als willensunfreie Maschine konditioniert ist. Die programmierte Maschine kann in einer solchen Sicht durchaus an einen programmierten Menschen erinnen. Das Netz ist sowohl Emanzipationsmedium als auch Herrschaftsmedium.

Früher befragten die Menschen GOtt, heute fragen sie bei Google nach.

Forscher im Bereich der künstlichen Intelligenz setzen darauf, daß Computer von den Millionen Netzsurfern endlich erfahren, wie Menschen denken, um zu lernen, wie Menschen zu denken. Das Internet ist das neueste Werkzeug, das Nerds entwickelt haben, um die Menschheit bei ihrem Verständnis des Lebens auf der Welt voranzubringen. Unglücklicherweise wird es von privaten und politischen Interessen übernommen. Deshalb bekommen die Menschen vom Internet nicht das, was sie voranbringen würde. Es ist eine kommerzialisierte und nationalisierte Infrastruktur geworden. Ihnen steht ein Kampf darum bevor, wofür sie diese Technologie benutzen wollen. Ein großer Zweig der westlichen Kultur folgt der Auffassung, dass Wissen derartig speicherbar und damit auch neuerdings als Daten in elektronischen Datenbanken speicherbar ist und leitet daraus gleichsam ein Problem und eine Hoffnung ab:

„Wie können wir in den immensen Datenvorräten das benötigte Wissen finden?“

Und wenn, dann etwa so wie es Klaus Mainzer in seinem analytischen Buch „Die Berechnung der Welt: Von der Weltformel zu Big Data“ geschrieben hat:

„Was lässt sich mithilfe der Kombination der Wissensinhalte von Datenbanken erreichen, was über den einzelnen Datensatz hinausgeht?“

Erst wenn uns die Computerprogramme das Denken abnehmen, erscheinen Zweifel angebracht. Kreativität, Innovation und künstlerische Schöpfung nur im Kontext des brillanten Individuums denkbar, das durch den „digitalen Maoismus“, wie ihn das Internet hervorbringt, gefährdet ist. Hieraus leitet sich für Jaron Lanier ein weiterer Kritikpunkt ab: Freie und OpenSource-Software habe auch versagt, weil sie einigen wenigen Firmen ermöglicht habe, große, zentralisierte Dienste und Datenbanken zu entwickeln, um im Folgenden von der Verarbeitung und Ausbeutung der Nutzerdaten zu profitieren. In Cyberspasz, spielt Weigoni die Wirksamkeit der Asimov’schen Gesetze der Robotik durch und der Leser erkennt, daß der Sprung der künstlichen Intelligenz zum Bewußtsein und damit zum Verlangen nach Selbstbestimmung unabwendbar ist. Die Behauptung Zeit, Entfremdung sei durch Flexibilität ersetzt worden und Identität durch Netzwerke, ist eine Lüge, die allein der Steigerung des Umsatzes dient. Wovon immer diese Cyborgs träumen, harmlose elektrische Schafe sind es wahrscheinlich sicher nicht. Es ist ein beständiges Rauschen von Stimmen in der Prosa von Weigoni, der mit liebenswürdigen Einfällen bezaubert und mit seinem Sprachwitz überzeugt. Ein Finder und Erfinder von Geschichten, in der großen wie der kleinen Form.

Geist ist das Programm, das im Gehirn als besonders kompliziertem Computer läuft.

Wie bereits in den Erzählungen Zombies eingeleitet, beschreibt er außerordentlich klarsichtig das mögliche Ende einer Gesellschaft, so wie wir sie kannten. Vom Nebengleis rollt die nächste Handlung an, kombiniert man die Handlungsstränge der Erzählungen und der Novellen, so wird offenbar wie sie sich in raffinierter Raum-Zeit-Verschachtelung übereinanderschichten. Motive kehren wieder, Figuren werden von einer Geschichte zur anderen von Rand- zu Hauptfiguren befördert. Dreieckskonstellationen bilden in mehreren Erzählungen das geometrische Beziehungsmuster. In seinen Erzählungen geht es immer wieder um den Wert der Freiheit des Einzelnen, um Ausbeutung, um Individualismus und Selbstbestimmung in Systemen, religiösen wie politischen, die auf Gleichschaltung ausgelegt sind. Weigonis verknüpfte Prosa ist zugleich eine Erzählung über die Niederlage des Einzelnen in seinem Aufbegehren gegen Herrschaftsverhältnisse, dabei steht das heroische und autonome Individuum im Zentrum vieler populärkultureller Selbstbeschreibungen der europäischen Gesellschaft. Im Gegensatz zu dieser Narration verweist Cyberspasz auf die Unmöglichkeit autonomer Handlungen im gesellschaftlichen Gefüge. In diesen Reflexionen findet sich einiges Vertrautes, etwa zu Walter Benjamins Prinzip des dialektischen Bildes, aber Weigoni geht besonders auf neuere medienästhetische Entwicklungen ein. Technologie erscheint als DNA des menschlichen Geistes, teils berechenbarer Algorithmus, teils epigenetischer, unvorhersehbarer Prozess. Sie materialisiert sich in konkreten, neuen, aber auch vertrauten Formen, hält der nüchternen Perspektive auf die Welt eine zweite, erweiternde Sicht vor, so etwas wie die visuelle Kehrseite der Dinge. Ob real-time-writing je funktionieren wird, wie Collaborative in die Gänge kommt und ob Hypertext wirklich die Rache der Literatur am TV ist, wird sich noch erweisen… WIR werden es nicht sehen, sondern mittels einer alten Kulturtechnik vollziehen: Lesen.

 

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Cyberspasz, a real virtuality, Novellen, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2012.

Coverphoto: Anja Roth

Zombies, Erzählungen, Edition Das La­bor, Mülheim an der Ruhr 2010.

Vignetten, Novelle, Edi­tion Das Labor, Mülheim an der Ruhr 2009.

Weiterführend Eine Reaktion auf Cyberspasz, a real virtuality kann man auf kukultura-extra nachlesen, zusätzlich kann man ein Hintergrundgespräch auf Lyrikwelt.de lesen. Ein nicht minder lesenswerter Essay findet sich auf fixpoetry. Eine Leseprobe findet sich hier und Probehören kann man eine Rezitation von A.J. Weigoni auf MetaPhon die durch Tom Täger vertont wurde.

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Erster Logo-Entwurf für die Edition Das Labor von Peter Meilchen.

In eigener Sache

Das Magazin Kulturnotizen (KUNO) reflektiert entstehende Kunst, Musik und Poesie – mit Online-Archiv. Mehr Informationen.

Das lyrische Gesamtwerk von A.J. Weigoni im "Schuber"

Jedes Buch aus dem „Schuber“ von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk! KUNO fasst die Stimmen zu dieser verlegerischen Großtat zusammen.

Künstlerbücher

Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie einen Artikel von J.C. Albers.

Ohrenzwinkern

Coverphoto: Leonard Billeke

In der Reihe MetaPhon sind Facetten der multimedialen Kunst zugänglich.

Alphabetikon

Vertiefend zu ‚Alphabetikon‘ lesen Sie bitte das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.

Trans

Twitteratur

Hier ein Essay über die neue Literaturgattung Twitteratur.

Edition Das Labor

Ausführliche Informationen finden sich hier.