zikaden und häher

29. Oktober 2014
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sophie reyer und a.j. weigoni, deren gedichte sich hier in österreichisch niederrheinischer korrespondenz abwechseln, ihre unterm zeichen »:«, seine unter »=«, arbeiten gleichermaßen sprachspielerisch und sprachkritisch. ihre texte sind literaturclips, entsprechen also dem videoclip:

Ein durch Bildschnitt und Rhythmus bestimmtes Medium.

beide, demontierer und neumontierer, beziehen sich auf schlagworte des oder der jeweils andern, etwa »Biomacht« oder »Twitteratur«. mitunter klingen hugo ball, kurt schwitters, hans arp, ernst jandl oder h.c. artmann an. »Krähenfüße kringeln sich /  im Hirn zu Krallen aus« heißts bei reyer. daneben findet man sprachklänge der us-amerikanischen subkultur. bei alldem ist das verhältnis zur sprache skeptisch. »Die Worte ruinieren, was man denkt.« meinte thomas bernhard.

österreich besitzt seine eigenen formen des sprachspiels.

heraklit verglich die weltbildende kraft mit einem kind, das spielend steine hin und her setzt und sandhaufen errichtet und wieder zerstört. vielleicht könnte man sagen, die texte der reyer seien um nuancen spielerischer, die weigonis analytischer. bei ihr hört man österreichische tonfälle heraus, während sein vokabular intellektueller wirkt. österreich besitzt seine eigenen formen des sprachspiels. wohl denen, die auf eine dekadente hochkultur zurückgreifen können. die heutige österreichische sprachkritik bezieht sich immer noch auch auf sprachliche ritualisierungen, die aus der zeit der monarchie stammen. und wer rituale nutzen kann, hat material zur verfügung, das sich unterwandern, zertrümmern und neu montieren läßt.

hochkultur, subkultur und popkultur

der klappentext nennt die gedichte »Miniaturen, die in dieser Sprechpartitur ein feines, manchmal weitmaschiges Netz von Relais durchzieht: Schnittstellen, an denen zwischen Gegenständen, Wahrnehmungsperspektiven, zwischen Räumen und Zeiten hin und her gewuselt wird, und gleichzeitig zwischen verschiedenen Distanzen zum Beschriebenen.« beide autoren, kinder einer zeit, in der hochkultur, subkultur und popkultur keine getrennten sphären und ebenen mehr waren, bis hin zur sphärenvertauschung und ebenenverflachung, montieren, neben zitaten, vor allem eindrücke des augenblicks und der lebensoberflächen, die sprachlich verfremdet werden, was sie vertieft, oder auch nicht. »Das Profane wird zum Erhabenen.« postuliert weigoni. vielleicht besteht darin das programm. schließlich ist vieles einst erhabene längst zum profanen geworden. sie spielen, nicht selten ironisch, mit uneigenem, kopiertem, nachgeahmtem, etwa »doppel bande mit plüsch ohren« (reyer), und führen techniken des digitalen und sonstigen menschlichen verkehrs vor, die der leser dann fasziniert, erstaunt oder kritisch betrachten kann. »Der Re-Mix ist perfekt; wie alle Arbeiten von Epigonen. Geistiges Eigentum = ein Relikt der Industriegesellschaft.« schreibt weigoni, »wir sind Stilkopien einer / Dialektik der / Aufzehrung« reyer.

Hommage an Gertrud Stein

»Auch eine Neurose = ist nur eine Rose = ist eine Rose« dekliniert weigoni durch, und ergänzt das spielerische mit der analyse verbindend: »Die Vorstellung von Freiheit erschöpft sich nurmehr in Konsumfreiheit. Die Ideologie der Wahl scheint für die hypermodernen Menschen die Grundlage ihres Freiheitsverständnisses zu sein. Das Subjekt wird zum Konsumenten, in den Genuss dieser Freiheit kommen jene, die es sich leisten können.« lateinisch subiectus bedeutete untergeben, ausgesetzt, preisgegeben, unterwürfig, demütig. viele der ich-marionetten der gegenwart sind neurotisch ihren eigenen egoistischen interessen ausgeliefert, denen sie folgen.

schnitzen, fädeln, vernetzen oder stöpseln.

ein kollegengespräch von sophie reyer mit a.j. weigoni unterm titel : 2 = Verweisungszeichen zur Twitteratur, macht deutlich, in welcher weise beide autoren literatur als kunst betrachten. ihre literarischen techniken umschreiben sie mit worten wie schnitzen, fädeln, vernetzen oder stöpseln. friederike mayröcker, die von reyer aufgerufen wird, während weigoni mehr elfriede jelinek nahesteht, denkt gerade in ihrem spätwerk viel über schreibarten und schreibantriebe nach. die texte werden ergänzt durch entsprechende bildnerische arbeiten von peter meilchen sowie »Anstelle eines Vorworts, ein Mäander von Klaus Krumscheid«, die mit strukturellen eigenheiten der gedichte, besonders den techniken der montage und collage, korrespondieren. »Ein Bild interessiert ihn nur, wenn es anders wird als das, was man sich vorgestellt hat.« schrieb matthias hagedorn über peter meilchen.

Prophet der Musen

konstituierend für die gedichte beider autoren ist der sprachklang. sophie reyer verweist darauf, daß das wort lyrik mit leier zusammenhängt, siehe griechisch lýra=leier, und vergleicht das schreiben mit dem zirpen der zikaden. im antiken griechenland war die zikade, etwa auf einer harfe sitzend, sinnbild der musik, teils auch der dichtung, philosophie und rednerischen gabe. zikaden galten als intelligente wesen. bei alkaios begleitet eine zikade das leierspiel des kulturgotts apollon. platon nannte die zikade »Prophet der Musen«. in sagen sind die musen so ins singen vertieft, daß sie darüber essen und trinken vergessen und zu zikaden werden, die vom tau leben. die renaissance übernahm das bild der zikade als symbol der musik. johann gottfried herder schrieb vom »Zikadengezwitscher«. »Zitate sind Zikaden.« meinte ossip mandelstam. im hörspiel >Zikaden< von ingeborg bachmann werden die stimmen der zikaden, die ihr leben für ihren gesang opfern, unmenschlich.

Zitate sind Zikaden

vielleicht ähneln manche der hier versammelten texte aber auch den rufen eines hähers. in tirol sagte man, der häher könne sieben sprachen sprechen. vor allem wegen seiner auffallenden schreie war er ein prophetischer vogel. schon oppian schrieb, der eichelhäher sei im nachahmen fremder töne äußerst geschickt. er selbst habe einmal einen auf einem baum sitzen sehen, der wie ein böckchen meckerte, dann wie ein kalb und wie ein schaf blökte und schließlich wie ein schäfer pfiff, der die herde zur tränke ruft. häher ahmen umweltgeräusche nach, etwa stimmen anderer tiere und insbesondere vieler vögel. mit leichtigkeit imitieren sie hahnenkrähen, hühnergackern, das miauen einer katze, das wiehern eines pferdes oder die laute beim schärfen einer säge.

aufgrund seiner nachahmungsfähigkeit galt der häher als spaßmacher und spötter unter den vögeln und wurde seit dem 13. jahrhundert markolf oder bruder markolf genannt, abgeleitet vom namen des spaßmachers von könig salomo. in mittelalterlichen deutschen, englischen, französischen und italienischen sagen ist markolf widersacher von salomo, dessen weisheitssprüche er zynisch und parodistisch zu übertreffen versucht. theodor lessing nannte häher die hofnarren des waldes und schrieb:

Wenn man eine Schar beisammen sieht, schwatzend, nickkoppend, tratschend, ratschend, querrend, plärrend, schnurrend, burrend, hampelnd, strampelnd, quickend und schnalzend, so glaubt man in ein Tollhaus zu schauen.

soviel nachahmung macht auch unheimlich. nach französischem glauben war der häher eine schöpfung des teufels. die flügel der eichelhäher waren hexenschmuck. narren wie teufel unterwandern die herrschende ordnung, was sie trickstern naherückt. im deutschen hieß der teufel schelm. ironie gehört zum reflexiven denken.

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Wortspielhalle, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer & A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Mülheim 2014

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Das Projekt Wortspielhalle ist in der Edition Das Labor erschienen. Die Sprechpartitur wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. Ein Porträt von A.J. Weigoni findet sich hier. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können nach und nach hier abgerufen werden. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.

 

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Erster Logo-Entwurf für die Edition Das Labor von Peter Meilchen.

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