Mein Klassiker, das 2:1 gegen den EffCeh

18. August 2014
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Abseits ist, wenn dat lange Arschloch zu spät abspielt.

Hennes Weisweiler über Günter Netzer

Mein Sandkastenkollege Björn zeigt mir im Vorfeld die Eintrittskarte für das Pokalendspiel im Rheinstadion voller Vorfreude. Sein Vater hatte sie ihm als Prämie für ein gutes Zeugnis versprochen. Mehr Motivation brauchte der Strassenfussballer nicht. Kurz vor Anpfiff verletzte sich sein Vater, sodass seine Eintrittkarte für mich frei wurde und ich damit quasi von der Ersatzbank nominiert wurde.

Unsere Anreise ins Stadion gestaltete sich stets als Ritual. Obzwar der Linienbus über Hubbelrath (Nomen est Omen) die normale Strecke in die Landeshauptstadt war, nahmen wir den Schienenbus über das Neanderthal. Sozialisiert von Lukas, dem Lokomotivführer hatten wir ein Faible den dieselbetriebenen Triebwagen, mit dem wir in die Gegenrichtung zu den Spielen des WSV anreisten. Nach Düsseldorf führt die Strecke an der Glashütte in Gerresheim und dem Flingerbroich vorbei, wo wir eine Gedenkminute für die Fortuna einlegten.

Den Weg zum Stadion legten wir am Rhein zu Fuss zurück und fanden uns bei bestem Fussballwetter mit der obligatorischen Stadionbratwurst in der Hand rechtzeitig zum Anpfiff auf unserem Stehplatz ein. Das Pokalendspiel vom 23. Juni 1973 hochklassig zu nennen wäre eine Untertreibung, nicht zuletzt der Gegner aus der Domstadt trug nicht unwesentlich dazu bei. Die wahre B’russia ging in der 24. Minute durch ‚Hacki‘ Wimmer in Führung. Der EffCeh schlug bereits vor der Pause durch Herbert Neumann zurück.

Die zweite Hälfte verlief unfassbar intensiv, aber torlos, was nicht zuletzt den überragenden Torwächtern Wolfgang Kleff und Gerhard Wels geschuldet war. In cooler Manier hielt der Keeper des EffCeh in der 58. Minuten einen Elfer von ‚Jupp‘ Heynckes. Nicht nur Björn und ich fragten uns, warum uns Jünter immer noch auf der Auswechselbank harrt. „Du spielst dann jetzt.“, soll Hennes Weisweiler in der Pause zu seinem Spiemacher gesagt haben. Dieser verweigerte, weil er in einer Demut, die nur wirklich grossen Spielern zu eigen ist, einem hervoragenden Spiel nichts besseres hinzusetzen vermochte.

Keine Theater­aufführung verhilft auch nur einem Zuschauer zu ebensolcher Freude wie den 10 000 Anhängern ein Siegestor in der 89. Minute, keine Chopin– oder Hölderlin–Matinee versetzt in so ehrliche Trauer wie der Ver­lusttreffer. Wie bei allen inter­essanten Lebenslagen zahlt man auch im Fußball den Spaß mit dem Risiko eines großen Verlusts.

Eugen „Bert“Brecht

Deus ex machina. Das Spiel ging in die Verlängerung, Netzer suchte den ausgepumpten Christian Kulik auf und fragte ihn, ob er sich noch fit fühle. Dieser verneinte. „Ich spiel denn jetzt.“, wechselte sich Günter Netzer in seinem letzten Spiel (mit der Nummer 12) selbst ein umd kam somit aus der Tiefe des Raums. Niemand sonst hätte den dramatischen Effekt zu Beginn der Verlängerung besser setzen können, als die wahre Lichtgestalt des bundesdeutschen Fussballs. In diesem Moment wurde der Traum eines jeden Fussballanhängers in die Realität transferiert, es reicht selbstverständlich nicht Erfolg zu haben (sonst wären wir Fans von Scheissbayernmünchen), man muss ihn auch ästhetisch grundieren.

PS Unlängst gab es einen Moment, der ästhetisch betrachtet nah an den Geschilderten herankommt, aber dieser Augenblick im Rheinstadion am 23. Juni 1973 wird für immer eine Raute in meinem Herzen blieben.

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Lesen Sie auch A.J. Weigonis Beitrag aus der Reihe Meine erste Schallplatte.

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