Closer ist noch ernster, noch klaustrophobischer, noch einfallsreicher, noch schöner, und noch eindringlicher als sein Vorgänger. Es ist zudem Joy Divisions Anfang-bis-Ende-Meisterwerk, eine makellose Einkapselung von allem, was die Gruppe zu erreichen begehrte.
Joshua Klein
Es ist ein Irrtum zu glauben, die Musik von Joy Division sei ein Schrei. Sie ist die Tankstelle an einer Autobahn, die ins Nichts führt; hier wird kein Benzin mehr ausgegeben, sondern das reine, flüssige Destillat der industriellen Erschöpfung. Der Postpunk tankt nicht Kraft, er registriert den Moment, in dem die Motoren der Moderne versagen. Hannetts Produktion fängt diesen Stillstand ein: Jeder Trommelschlag von Stephen Morris ist das unerbittliche Ticken einer Uhr in einem verlassenen Bahnhof, an dem kein Zug mehr erwartet wird.
Wo Unknown Pleasures noch die rauen Bruchbuden des Punk streifte, duldet Closer keinen Schmutz mehr. Es ist steril wie ein Operationssaal und gerade deshalb von einer so grausamen, vollendeten Schönheit.
Das Album Unknown Pleasures kartografierte die Topografie einer verfallenden Stadt – Manchester –, ist Closer das Fundbüro des inneren Exils. Hier findet sich eine abgelegte Maske der Isolation, die kalten Saiten von Peter Hooks Bass, die wie gefrorene Telegrafendrähte im Winterwind hängen, und die Gitarre von Bernard Sumner, die nicht mehr schneidet, sondern wie Glas unter den Schritten der Fliehenden zerbricht. Ian Curtis war nicht der Besitzer dieser Gegenstände; er war der Fundgegenstand selbst, den niemand abzuholen wagte.
Während das Vorgängeralbum die Hörer noch durch die nächtlichen Straßen jagten, zwingt Closer sie zum Stillstand. Es ist die Eindringlichkeit einer Schrift, die sich unaufhaltsam in den Stein frisst – lesbar erst, wenn der Meißel längst schweigt.
Der düstere Engel ist kein Wesen mit weißen Schwingen, das über den Dingen schwebt. Es ist ein Engel, der das Futteral einer engen Weste trägt. „Heart and Soul“ – das ist die Sezierung dieses Kleidungsstücks. Curtis’ Stimme kommt nicht aus der Kehle, sie kommt aus der Nahtstelle zwischen dem lebendigen Körper und der metallischen Apparatur des Studios. Die Britannia Row Studios, einst von Pink Floyd erbaut, wurden unter Hannetts Regie zu einer anatomischen Anstalt. Der Engel fliegt nicht; er stürzt, aber er tut es mit der präzisen Verlangsamung eines fallenden Wassertropfens.
Das Paradoxon dieses Meisterwerks liegt in seiner Zeitachse: Es ist ein Anfang, der mit dem Ende identisch ist. Wie das Blitzlichtpulver des frühen Fotografen erleuchtet die Band im Moment ihres Untergangs den gesamten Raum.
Wer Closer hört, blickt durch ein umgekehrtes Fernrohr. Die Welt wird nicht kleiner, aber sie rückt in eine unendliche, unerreichbare Ferne. „Isolation“ ist kein Zustand der Einsamkeit, sondern die chemische Reinheit eines Vakuums. Der düstere Engel verkündet keine frohe Botschaft. Er steht an der Ecke einer regennassen Straße in London oder Manchester, blickt auf die Passanten und flüstert ihnen das Einzige, Wahre zu, das die Moderne hervorgebracht hat: dass der Trost ein ausverkaufter Artikel ist. Im Juli 1980, als das Album erschien, war der Bote bereits gegangen. Zurück blieb sein Schatten, der seither als feste Architektur über der Musikgeschichte liegt.
***
Closer, von Joy Division, 1980
Weiterführend → Punk erweist sich als eine Cover-Version des Rock’n‘Roll, der Style und die Haltung sind ebenso wichtig wie die Musik. Wir verorten auf KUNO die erste Punk-LP mit dem Bananenalbum. Oder war es doch eher der Garagenrock? – Lässt sich von MC Five (Motor City Five) oder den Stooges der verschwitzte Proto-Punk der New Yorker Proll-Combo ableiten? Oder hatte der testosterongesteuerte Punk gar eine Ur-Mutter? Würden das die Nerds unter den Musik-Kritikastern überhaupt zugeben? – Der Titeltrack des Albums ist der mit Abstand spektakulärste und zeitloseste Titel des Album. Bis heute ist Blank Generation der Song, der wohl größer ist, als die Band, die ihn produziert hat. Dies ist das beste Album, das die Buzzcocks nie gemacht haben. Kaum ein Song beschreibt den beginnenden britischen Punk besser als „Oh Bondage Up Yours!“. Es ist ein Zeichen von Chuzpe, wenn sich eine von Männern dominierte Szene, eine Combo von Frauen The Slits nennt. Waren die Pistols die erste Boy-Group? Johnny Rotten predigte Anarchie, The Pop Group praktizierte sie. PiL has his future in a British Steel. Bei The Clash verströmt Strummers Gebrüll geballte Wut, während Jones‘ flammendes Gitarrenspiel den Stil für unzählige Nachahmer prägte. Klingt die Trostlosigkeit des Rust Belt nach Punk oder Industrial Folk? Eine weitere Seitenbemerkung über den Industrial-Punk der Nine Inch Nails aus Cleveland, Ohio. Tuxedomoon entwickelten einen experimentellen Sound, der seltsamer war als der ihrer Zeitgenossen aus den 80ern, indem er Jazz und hypnotisierende Elektronik auf eine Art und Weise einbezog, sie spielten einen hypnotischen Synth-Punk. Die aus dem Album Liaisons Dangereuses ausgekoppelte Single Los niños del parque ist eine der meistverkauften Underground-Singles in Deutschland und später aufgrund der markanten, mit dem Korg MS-20 erstellten Basslinie vielfach gesampelt worden. Eine Würdigung der südafrikanischen Tekkno-Punks Die Antwoord. – Gegen Fresh Fruit for Rotting Vegetables hört sich alles andere wie Pop an. Retten kann uns die Schönheit der Tenorstimme des Punk. The Monochrome Set verkörpert wie kaum eine andere Combo den DIY-Ethos, indem sie kompromisslos ihrer eigenen, einzigartigen künstlerischen Vision folgen. Zu Monarchie und Alltag gibt es einen Bericht zur Lage der Detonation. – Polka trifft auf Punk und möglicherweise waren es die Violent Femmes, die den Gitarren-Schrammelpunk erfunden haben. Die Spoken Word-Poetin Anne Clark präsentiert Lyrics als dunkles Echo der Seele, sie steht darin Siouxsie Siox, dem Urtyp eines Riot Grrrls, in nichts nach. Erinnert sei auch an den Punk-Poeten John Cooper Clarke und den Lo-Fi-Poeten Dan Treacy, Weitere ungelöste Fragen: Stellen die The Ruts mit einem Album das Lebenswerk von The Clash in den Schatten? Wann hört der Substance von Punk auf? Wann beginnt der Post-Punk? Ist das bereits New Wave? Oder stellt Polyrythmik den Höhepunkt dar? Kein Punk, aber das Kronjuwel des Britpop. Die Alben von Wire stellen in beeindruckender Weise dar, was aus Punk eigentlich hätte werden können.