Vom Radioempfänger zum Digital Audio Broadcasting

„… you’re gonna hear me on your radio“

Joe Jackson

Das Medium Radio war für das Werk von A.J. Weigoni von zentraler, identitätsstiftender Bedeutung und prägte sowohl seinen ästhetischen Ansatz als auch seine künstlerische Produktion maßgeblich. Der Äther fungierte für Weigoni nicht nur als bloßer Übertragungskanal, sondern als ästhetisches Modell, das sein Werk zur „akustischen Kunst“ transformierte.

Die Prägung erfolgte in der Kindheit. Weigoni schätzte das Radio als Zauberinstrument des Wortes sowie als akustische Probebühne der Poesie. Diese frühe Faszination für das rein Akustische legte den Grundstein für sein späteres Selbstverständnis als „Sprechsteller“ – ein Begriff, der die untrennbare Verbindung von geschriebenem Text und gesprochenem Wort als poetische Performance betont.

Der Einfluss des Mediums Radio auf das Werk von A.J. Weigoni ist bedeutend und facettenreich. Weigoni, der für seine innovative Rhetorik und seinen einzigartigen Stil bekannt ist, hat das Radio als Medium genutzt, um seine Inhalte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Das Radio diente ihm als direktes Experimentierfeld. Er entwickelte innovative Formate wie die „LiteraturClips“ (kurze, prägnante Audiostücke), die er bereits 1911 auf CD veröffentlichte, bevor der Begriff „Hörbuch“ zum Standard wurde. Zu seinen bedeutenden Radioarbeiten zählen:

„RedenRedenReden“: Ein Live-Hörspiel, das als Boxkampf-Parodie konzipiert war.

„Reality Radio“: Ein medienpädagogisches Projekt.

„Zur Sprache bringen…“, eine O-Ton-Collage die einen Einblick in den Alltag behinderter Menschen zeigt.

„Señora Nada“, auch hier entzog sich A.J. Weigoni den Gattungszuschreibungen. Einerseits ist Señora Nada ein lyrisches Monodram, andererseits kommt es in der Regie von Ioona Rauschan in der Form eines Hörspiel daher. Es lebt vor allem durch die Komposition von Tom Täger und der Rezitation von Marina Rother.

„Wortspielhalle“, ein ein transmediales Projekt (mit Sophie Reyer).

 

Tonstudio an der Ruhr, historische Aufnahme – Das Urheberrecht für dieses Photo liegt Andreas Mangen.

 

Der Einfluss des Radios führte dazu, dass Weigoni die Grenzen zwischen Literatur und Musik auflöste. In seiner langjährigen Zusammenarbeit mit dem Komponisten Tom Täger entstanden in Tonstudio an der Ruhr Werke, die atmosphärische Klangwelten mit lyrischen Texten verschmolzen, oft in Cooperartion dem Label der Edition Das Labor.

Das Radio ermöglicht eine stimmliche Praxis, die bei Weigoni zentral ist. Seine Fähigkeit, Emotionen und Stimmungen ausschließlich durch Stimme und Sprache zu vermitteln, hat sich tiefgreifend auf seine künstlerische Gestaltung ausgewirkt. Der Äther erlaubte es ihm, ohne die physische Präsenz eines Publikums zu kommunizieren. Dadurch gewann er zahlreiche Zuhörer, die seine Ansichten und Kunst schätzten, aber möglicherweise nie seine Live-Auftritte besucht hätten.

Die Themen, die Weigoni behandelt, sind oft direkt von gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten beeinflusst, die im Radio leicht adressiert werden können. Themen wie Gesellschaftskritik, Identität und Wandlungen der Sprache finden im Radio einen optimalen Raum, da dieses Medium oft aktuell und zeitnah ist. Das Radio hat Weigoni auch die Möglichkeit gegeben, experimentelle Formen der Kunst und Rhetorik zu nutzen. Durch die Kombination von Sprache, Musik und Geräuschen konnte er neue narrative Wege erkunden und seine Inhalte dynamischer gestalten.

Der Einfluss des Mediums Radio auf sein Werk war erheblich und durchdringend – es bildete einen zentralen Bestandteil seiner künstlerischen und pädagogischen Aktivitäten über Jahrzehnte hinweg. Radio diente ihm nicht nur als Verbreitungsplattform, sondern als integraler Bestandteil seiner literarischen Experimente, bei denen er Sprache akustisch erkundete, Genres vermischte und medienkritische Reflexionen einfließen ließ.

Für das transmediale Projekt Wortspielhalle erhielt er gemeinsam mit Sophie Reyer den lime_lab. Dieses Labor ist ein temporäres transdisziplinäres Labor zur Entwicklung experimenteller, medienüberschreitender Hörspiele und versteht sich als Experimentierraum für Sprache, Technik und Sound – mit dem Ziel, künstlerische Möglichkeiten für die auditive Kunstproduktion auszuloten. Es unterstützt Projekte, die neue Erzählformen im Sog des beschleunigten Medienwandels im Dialog mit anderen künstlerischen Genres suchen. Das Medium Radio war für A.J. Weigoni nicht nur ein Werkzeug zur Verbreitung seiner Texte, es hatte einen zentralen Einfluss auf seine künstlerische Entwicklung und thematische Ausrichtung. Es bot ihm die Plattform, um seine Stimme und Gedanken mit einer breiten Zuhörerschaft zu teilen und seinen einzigartigen Stil weiterzuentwickeln.

 

 

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Vor zehn Jahren erschien: Wortspielhalle, eine Sprechpartitur von Sophie Reyer & A.J. Weigoni, mit Inventionen von Peter Meilchen, Edition Das Labor, Mülheim 2014

Cover: Ein Frühlingel von Peter Meilchen

Weiterführend → Die Sprechpartitur wurde mit dem lime_lab ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von Sophie Reyer und A.J. Weigoni lesen Sie hier. Vertiefend zur Lektüre empfohlen sei auch das Kollegengespräch :2= Verweisungszeichen zur Twitteratur von Reyer und Weigoni zum Projekt Wortspielhalle. Eine höherwertige Konfiguration entdeckt Constanze Schmidt in dieser Collaboration. Holger Benkel lauscht Zikaden und Hähern nach. Ein weiterer Blick beleuchtet die Inventionen von Peter Meilchen. Ein Essay fasst das transmediale Projekt Wortspielhalle zusammen. Ein Porträt von Sophie Reyer findet sich hier. Eine Würdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich hier. Alle LiteraturClips dieses Projekts können hier abgerufen werden. Hören kann man einen Auszug aus der Wortspielhalle in der Reihe MetaPhon.